Grundstimmung des vorherigen Ansatzes wenig. Es tritt lediglich noch der Moment des Grauens hinzu, besonders wenn man die gleichnamige Kurzgeschichte Edgar Allan Poes kennt und in die Betrachtung des Titels einfließen lässt.
In dem Gedicht wird die Begegnung zwischen den Blicken der schwarzen Katze mit den Augen des Betrachters, nämlich uns als Leser, geschildert. Dabei geht es nach Müller insbesondere um die magische Anziehungskraft der Katzenaugen. 3 Aus meiner Sicht geht es jedoch auch um die begrenzten Bewegungs- und "Denk"- Möglichkeiten eines eingesperrten Tieres.
In der ersten Strophe wird der Leser mit einem bildhaften Vergleich konfrontiert, der zum Widerspruch und Nachdenken herausfordert, denn die schwarze Katze wird hier nicht als niedliches Tier wahrgenommen, sondern mit einem Gespenst verglichen und damit in den Bereich des Metaphysischen gerückt. An dem vom lyrischen Ich apostrophierten Gespenst kann zumindest der Blick des Rezipienten hängen bleiben, wenn auch nur durch einen "Klang". Rilke nutzt hier das Mittel der Synästhesie. Dadurch wird der visuelle Reiz durch einen akustischen verstärkt. Verblüffend ist die Tatsache, dass das Gespenst dinglicher dargestellt zu sein scheint als die Katze. Gleichzeitig machen diese beiden ersten Verse deutlich, dass der Leser durch das Gedicht geleitet wird; er wird durch "Dein" (Zeile 2) direkt angesprochen. Sowohl der vergegenständlichte Gespenstervergleich als auch die positive Färbung des Wortes "Klang" durch den Vokal "a" werden in den Zeilen drei und vier aufgehoben. Durch die adversative Konjunktion "aber"gleichwohl, wie ein Ausrufezeichen für den Leser -, die kombiniert mit dem Adverb "da" verstärkt wird, beginnt das lyrische Ich mit seiner ersten Schlussfolgerung im Hinblick auf die Wahrnehmung des Äußeren der schwarzen Katze. Sie begegnet dem Leser in der Figur des pars pro toto als "schwarzes Fell". Auch hier wird dem Rezipienten nicht die Möglichkeit gegeben, ein weiches, schönes Katzenfell zu assoziieren, sondern entsprechend der Einleitung wird seine Aufmerksamkeit, die im optischen Bereich durch "stärkstes Schauen" (Superlativ von stark trägt zur besonderen Betonung der Anstrengung des Lesers bei) verdeutlicht wird, ins Leere gelenkt. Dies passiert durch das Verb "aufgelöst". Letztlich bedeutet das, dass der Leser sich selbst im Fell der Katze verliert. Bezeichnend für das Ende der ersten Strophe ist, dass der Doppelpunkt den
3 Ebd., S.78.
2
direkten Übergang zur zweiten weißt. Damit wird dem Leser zunächst kein Innehalten ermöglicht.
Wie schon die erste Strophe beginnt auch die zweite mit einem bildhaften Vergleich durch das Wort ""Tobender". Damit ist die Ruhe der ersten Strophe aufgehoben und die Darstellung geht vom Optischen hin zum Motorischen. Auch diese Strophe folgt wieder einer Zweiteilung, wobei die ersten beiden Verse ein Höchstmaß an Bewegung verdeutlichen durch das Wort "Tobender" (beinhaltet den Verlust der bewussten Steuerung über sich selbst), was verstärkt wird durch die als Möglichkeit formulierte Steigerung "vollster Raserei ins schwarze stampft": "Rasender" als Synonym zu "Tobender", "stampft" mit den Bedeutungsmerkmalen des Brutalen, Rücksichtslosen und Zerstörerischen. Das "Schwarze" wird wieder aufgenommen aus der ersten Strophe, hier aber nicht mehr als Teil der Katze, sondern als unbestimmbare nicht begrenzte Materie. Die Verse drei und vier beginnen wieder mit einer Wende, die die vollste Bewegung in ihr Gegenteil verkehrt, nämlich durch das Wort "jählings". Für die Wortgruppe "benehmendes Gepolster" fällt eine Entschlüsselung zunächst schwer. Ich nehme zunächst den Begriff "benehmen" auseinander und interpretiere das Verb "nehmen" im Sinne von "etwas wegnehmen", "reduzieren", hier als das Reduzieren der Bewegung. Verstärkt wird dieses Eingrenzen durch das Präfix be-, das man parallel in solchen Wörtern wie begrenzen und beklemmen findet. Daher ist davon auszugehen, dass es sich um eine Begrenzung handelt. Das "Gepolster" steht hier für die Wände der in Zeile vier genannten Zelle, wobei sofort die Assoziation zur "Gummizelle" im Gefängnis oder in einer psychiatrischen Anstalt geweckt wird und damit mit dem Verlust des eigenen Willens des Rasenden und Tobenden aus den Zeilen eins und zwei von Strophe zwei korrespondiert. "In syntaktischer Hinsicht stimmt die Fügung hinwiederum mit Vers 3 überein, >>an diesem schwarzen Felle>>, und unterstreicht daher die Korrespondenz von ergebnislos verbrauchtem Kraft- und Sehkraftaufwand." 4 Das heißt, dass wir es hier mit einem seinem Willen beraubten, bzw. seinem Willen verlustig gegangenen, eingesperrten Tier zu tun haben. Dies wird besonders unterstrichen durch das Verb "verdampfen", was aus der Chemie entlehnt ist und das restlose Auflösen von Materie in Gas bedeutet.
4 Bradley: Rainer Maria Rilkes Gedichte anderer Teil (Anm.1), S.116.
3
Betrachtet man nun Strophe eins und zwei, so findet sich in der ersten das Auflösen des Blickes des Betrachters, während sich in der zweiten Strophe die Bewegung des eingesperrten Tieres auflöst.
In Strophe drei, die ich, wie bereits anfangs geschildert, in vier und sechs Zeilen aufteile, werden die Aussagen aus den Strophen eins und zwei zusammengefasst und für uns als Leser verdeutlicht. Das lyrische Ich spricht den Leser nicht direkt an, sondern verallgemeinert; es ist nicht mehr ein Blick, sondern es sind "alle Blicke", die die schwarze Katze, die im Mittelpunkt des Gedichtes steht, jemals trafen- meint die Generalisierung in der Zeit -. Die Blicke treffen die Katze nicht, sondern werden von ihr "verhehlt" im Sinne von verleugnet oder ignoriert. Mit "scheint sie" zieht das lyrische Ich seine eigene Generalisierung sofort wieder in Zweifel, denn sie scheint sie eben nur zu "verhehlen", dass heißt sie verhehlt sie nicht wirklich, sondern speichert sie in ihren Blicken und in ihrem Schlaf/ Traum/ Gedächtnis. "Zuzuschauern" scheint hier ein Wortspiel zu sein, was das Schauen als relativ wertfreies Sehen und Wahrnehmen noch einmal mit einem Schauer versieht, nämlich das Schauen durch einen ängstlichen Aspekt ergänzt, dem Erschauern. Die Alliteration in "drohen und verdrossen" ("dr") verstärkt den drohenden Aspekt erheblich. Zum dritten Mal nutzt das lyrische Ich das Mittel der Adversion zur Gliederung des Textes zu Beginn der vierten bzw. in der Mitte der dritten Strophe mit der Konjunktion "doch". Verstärkt wird dieser Gegensatz durch die zeitliche Fokussierung auf den Moment durch die Wörter "auf einmal". Damit wird ein Augenblick geschaffen, mit dem der Betrachter nicht gerechnet hat und die Bedrohung aus den Versen drei und vier der dritten Strophe wird wieder aufgenommen. Diese Bedrohung wird durch den Begriff des "Gesichts" verstärkt, der ausschließlich dem Menschen zuzuordnen ist, hier aber offensichtlich das Gesicht der Katze meint. Das steht im Gegensatz zu oben behaupteter Willenlosigkeit und verlorener Bewusstheit und verstärkt damit das Überraschungsmoment. Dieser Gedanke wird unterstrichen durch die Einfügung in Vers eins vierte Strophe "wie geweckt". Unterstützen "Schlaf" und "Traum" Bewusstlosigkeit, so werden dem jetzigen Verhalten der Katze Plan und Berechnung, eben Bewusstsein unterstellt. Die Angriffssituation für den Leser wird zugespitzt durch die Unmittelbarkeit des Zusammentreffens vom Gesicht der Katze in das eigene. Das lyrische Ich nimmt die direkte Ansprache wieder auf und formuliert diese Begegnung "mitten in das deine". Nun entwickelt sich der
4
Arbeit zitieren:
Anica Petrovic-Wriedt, 2006, Gedichtsinterpretation zu Rainer Maria Rilkes Gedicht "Schwarze Katze", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Anica Petrovic-Wriedt hat einen neuen Text hochgeladen
Rainer Maria Rilke and Lou Andreas-Salome: The Correspondence
Rainer Maria Rilke, Lou Andreas-Salome, Edward Snow
The Beginning of Terror: A Psychological Study of Rainer Maria Rilke's...
David Kleinbard, Julie Manga
The Beginning of Terror: A Psychological Study of Rainer Maria Rilke's...
David Kleinbard, Jennifer Manlowe
0 Kommentare