Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG 3
2. DER ERZÄHLER IM KÖNIG ROTHER. 3
2.1 QUELLE UND WAHRHEIT. 3
2.2 ORALITÄT 4
2.3 NORM UND MORAL 6
3. DISKUSSION. 7
4. FAZIT 10
5. LITERATUR. 11
ANHANG: BERÜCKSICHTIGTE TEXTSTELLEN 12
2
1. Einleitung
Der Autor des König Rother (KR) ist uns nicht bekannt. Auch wenn über das Leben eines Wolfram von Eschenbach nur gemutmaßt werden kann, so liegt uns in diesem Fall nicht einmal der Name des Schriftstellers vor. Trotz allem bleibt er uns nicht vollständig verborgen, da es im KR zahlreiche Textstellen gibt, in denen der Epiker aus der Erzählung hervortritt. Die Analyse dieser Ausschnitte, der die Textausgabe von Peter Stein zugrundeliegt, 1 ist Gegens-tand der vorliegenden Arbeit. Dabei ist die zentrale Frage, ob Informationen über die Erzählerpersönlichkeit gewonnen werden können, wobei die Diskussion, ob es sich beim Erzähler um einen Spielmann handelte, nicht aufgegriffen werden soll. Hierzu werden die entsprechenden Belege aus dem Text in Kategorien zusammengefasst und interpretiert. Zunächst werden die Textstellen näher betrachtet, bei denen der Autor auf eine zugrundeliegende Quelle verweist und die Wahrheit seiner Erzählung beteuert. Desweiteren ist die Verwendung des Gedankenstrichs und exklamatorischer Formeln auffällig, mit denen sich, zusammen mit den direkten Publikumsanreden, eingehender beschäftigt wird. Zuletzt richtet sich der Fokus der Analyse auf Aussagen, in denen der Erzähler als moralische Instanz oder Normgeber fungiert. Daran anschließend folgt eine Diskussion, die die gewonnenen Ergebnisse in den Kontext der bisherigen Forschung setzt. In einem letzten Schritt sollen die Resultate der vorherigen Arbeitsschritte prägnant zusammengefasst werden. Sofern keine Handschrift explizit genannt wird, beziehen sich die Versangaben auf die Heidelberger Handschrift (H). Metasprachliche Ausdrücke werden kursiv gesetzt.
2. Der Erzähler im König Rother
2.1 Quelle und Wahrheit
Der Autor des KR tritt an verschiedenen Punkten des Werks hervor, wenn es darum geht, sein Wissen zu belegen oder dem Leser die Wahrhaftigkeit seiner Erzählung zu versichern. Bei den Belegen wird er nicht konkret, sondern weist auf eine abstrakte Quelle, wie ein „buch“ 2 , ein liet“ 3 , oder ein „scophp*ch“ 4 hin. Diese Verweise finden sich auch in Formulierungen wie „Nu saget man uns von scazze unde van golde“ 5 oder „nu ne weiz ich […]“ 6 ,
1 König Rother, Mittelhochdeutscher Text und neuhochdeutsche Übersetzung von Peter Stein, Stuttgart 2000. Zur Kritik an älteren Texteditionen siehe ebd., S. 9-14.
2 Ebd., V. 3479.
3 Ebd., V. 1503 und BE2 1503. Vgl. auch ebd., S. 447 f.
4 Ebd., V. M 4592.
5 Ebd., V. 414.
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wobei er zwar auf die explizite Nennung einer zugrundeliegenden Schrift verzichtet, aber mit den Formeln Ich weiß nicht und Man sagt angedeutet werden soll, dass die Geschichte nicht von ihm selbst, sondern von jemand anderem stammt. Dabei handelt es sich um eine weit verbreitete Technik in mittelhochdeutschen Versepen, 7 mit der die Erzählung legitimiert werden soll.
Die Wahrheitsbeteuerungen lassen sich an den Versen 219 und 641 festmachen. Bei der ersten Textstelle macht der Autor eine Einschränkung. „als ech kann virstan mich“ 8 zeigt zum einen an, dass die Informationen nicht in der zugrundeliegenden Quelle vorhanden waren. Zum anderen ergibt sich daraus, dass er deswegen nicht für die Wahrhaftigkeit seiner Aussage garantieren kann, da er sich selber unsicher ist. Die zweite Wahrheitsbeteuerung, in der Parenthese „- daz sagech u zware -“ 9 , ist eindeutiger als solche zu identifizieren. Dahingegen ist die Wirkung des „dar mugit ir gel"ben“ 10 in Vers 2881 zu schwach und wird daher nicht als Wahrheitsbeteuerung gewertet.
Desweiteren zeigt sich, dass es sich bei den meisten Quellenberufungen auch um Wahrheitsbeteuerungen handelt, da sie sich ebenfalls einer Wahrheitssemantik bedienen. So tauchen die Ausdrücke gelogen und missesagen in Zusammenhang mit „wenn die Bücher nicht gelogen haben“ in den Versen 16, 413, 4173, 4592 und M 4592 auf. Besonders an der Aussage „des beherdint die buch die warheit!“ 11 wird eine Verknüpfung von Quellenberufung und Wahrheitsbeteuerung deutlich.
2.2 Oralität
Im Folgenden werden die Textstellen analysiert, bei denen der Erzähler am offensichtlichsten aus der Geschichte herausbricht. Die geschieht im Wesentlichen durch drei Mechanismen: Erstens durch die Parenthese, zweitens durch exklamatorische Wendungen und schließlich durch Formeln, die das Publikum direkt ansprechen.
Dabei finden jedoch nur die Einschübe Berücksichtigung, die eindeutig dem Erzähler zugerechnet werden können. So werden die Gedankenstriche in der wörtlichen Rede der Figuren, wie sie beispielsweise in den Versen 1010, 2239, 2675, 3689, 3853, 4465 und 4491 zu finden sind, nicht näher betrachtet.
6 Ebd., V. 1710. der Vgl. auch ebd., V. BE 1710.
7 Vgl. Pörksen, Uwe, Der Erzähler im mittelhochdeutschen Epos. Formen seines Hervortretens bei Lamprecht, Konrad, Hartmann, in Wolframs Willehalm und in den ‚Spielmannsepen‘, Berlin 1971,
S.61.
8 Rother, V. 219.
9 Ebd., V. 614.
10 Ebd., V. 2881.
11 Ebd., V. 4710.
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Die analysierten Parenthesen dienen überwiegend dazu, den Text um zusätzliche Informationen zu ergänzen. 12 So erfährt der Leser oder Zuhörer in Vers 473 beispielsweise, dass Berchter der Graf von Meran war: „- er was ein grave von Meran -“ 13 oder in Vers 2290, dass Rother seine Worte sehr genau bedacht hatte „- sin gemote was harte listich -“ 14 . Die Frage, warum der Autor diese zusätzlichen Bemerkungen in Gedankenstriche setzt, ist schwierig zu beantworten. Eine mögliche Erklärung wäre, dass diese Anmerkungen nicht in der Vorlage, sofern es überhaupt eine gab, enthalten waren. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass dadurch die ursprüngliche Oralität der Erzählung in den Text eingeflossen ist. Außerdem führt der Erzähler an einigen Stellen seine eigene Meinung an und setzt diese Kommentare auch in Gedankenstriche 15 . Besonders deutlich wird dieser Eingriff in die Erzählung in Vers 4732, in dem der Erzähler bemerkt, dass es einem Vasallen auch heute noch Lob einbrächte, wenn er treue Dienste leistet: „ - iz ne stunde ime nicht ovele an! - “ 16 . Auffällig ist, dass der Autor hier als normgebende Instanz fungiert, was in Kapitel 2.3 noch ausführlicher behandelt wird.
Ein weiteres Merkmal, das den Ursprung des Textes aus der Mündlichkeit unterstreicht, sind die Ausrufe „o“ 17 , „eia“ 18 , „heia“ 19 , „hei“ 20 und „ey“ 21 , die sporadisch zu finden sind. Vornehmlich werden sie verwendet, um Besonderheiten hervorzuheben. So wird mit „ey, wie vermezzeliche her reit!“ 22 beispielsweise überdurchschnittliche Kühnheit, mit „eia, we die segele duzzen“ 23 außergewöhnliche Geschwindigkeit oder mit „heia, waz der kaffere was,“ 24 die besonders große Menge an Schaulustigen betont.
Zudem gibt es Stellen im Text, an denen der Erzähler das Publikum oder den Leser direkt anspricht. Dies geschieht überwiegend durch den formelhaften Gebrauch von „nu mugit ir horen“ 25 oder „nu siet“ 26 . 27 Dadurch wird der Zuhörer direkt aufgefordert, entweder besonders den akustischen oder visuellen Kanal auf das Erzählte zu konzentrieren.
12 Ebd., V. 225, 449, 460, 473, 729, 2002, 2026, 2290, 4927, 5002, BE 2 1608.
13 Ebd., V. 460.
14 Ebd., V. 2290
15 Ebd., V. 2549, 4106, 4600, 4732, M 4600.
16 Ebd., V. 4732.
17 Ebd., V. 135.
18 Ebd., V. 182.
19 Ebd., V. 247.
20 Ebd., V. 349 und 5041.
21 Ebd., V. 4962.
22 Ebd.
23 Ebd., V. 182.
24 Ebd., V. 247.
25 Ebd., V. 661.
26 Ebd., V. 3114.
27 Vgl. ebd., V. 364, 661, 3114, 3235, 3887, 4110, 5094, M 4110.
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Arbeit zitieren:
Bachelor Daniel Hitzing, 2010, Der Erzähler im "König Rother", München, GRIN Verlag GmbH
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