Inhalt
1. Einleitung 1
2. Die Genese des Theseus-Mythos 2
3. Theseus im Machtkampf Ende des 6. Jh. 5
4. Heros der aufsteigenden Demokratie 9
4.1 Identifikationsfigur für die Athener 10
4.2 Der „andere Herakles“ 12
5. Perserkriege und Ausblick ins 5. Jh. 14
6. Fazit 16
Literatur 18
1. Einleitung
Theseus ist wohl der bekannteste Held des antiken Griechenlands nach Herakles. Wie dieser vollbrachte er gewaltige Taten, tötete menschliche Bösewichte und Ungeheuer und kämpfte gegen barbarische Feinde der Griechen wie Amazonen und Kentauren; seine berühmteste Heldentat ist wohl die Tötung des Minotauros im kretischen Labyrinth. Aber im Gegensatz zu Herakles bewährt sich Theseus noch auf einem anderen Gebiet - dem der Politik. Obwohl Theseus durchaus eine panhellenische Reputation mitbringt, ist das Zentrum seines Wirkens stets eine Stadt, nämlich Athen. Hier wird er der Nachfolger seines Vaters Aigeus, indem er sich gegen seine Thronrivalen durchsetzt. Als nunmehriger König entfalten sich seine politischen Aktivitäten: Er wird zum eigentlichen Gründervater Athens, indem er die Zusammensiedlung der attischen Gemeinwesen zu einem zentral von der Polis verwalteten Staat, den so genannten Synoikismos, herbeiführt. Ihm werden die Einrichtung verschiedener wichtiger Staats-Feste wie die Panathenäen oder die Synoikien ebenso zugeschrieben wie die Herstellung der frühesten attischen Geldstücke. Und schließlich wird er sogar als Urheber der Einrichtung gefeiert, mit der Athen im 5. Jh. v. Chr. zur glanzvollen Vormacht Griechenlands aufsteigt: Der Demokratie. Konsequenterweise hängt auch seine Verehrung mit dieser zusammen: ihre Hochzeit ist die Periode zwischen 510 und 410 v. Chr.. Seit jeher wurde er als ein wichtiger athenischer Held betrachtet, doch am Ende des 6. Jh. steigt er zu einem höheren Rang auf - er wird der Nationalheld der Athener, die sich fortan in seinem Bild repräsentiert sehen.
Dieser Aufstieg in der Popularität des Theseus ist das Thema dieser Arbeit, die sich damit zeitlich auf die Jahrzehnte um die Wende vom 6. zum 5. Jh. v. Chr. konzentriert. In drei Kapiteln wird der Aufschwung des Theseus-Mythos in dieser Periode nachgezeichnet, und zwar unter dem Fokus des Zusammenhangs mit den politischen Ereignissen jener Zeit: Können politische Bedingungen für die Promotion des Theseus verantwortlich gemacht werden? Und wenn ja, welche sind dies und auf welche Weise wirken sie auf die Entwicklung des Heroen zum Nationalhelden der Athener?
Zur Bearbeitung dieser Ansätze wird zunächst die Genese des Theseus-Mythos nachgezeichnet, um die Ursprünge und Bedingungen zu klären, die Ende des 6. Jh. bezüglich des Theseus vorlagen. Verschiedene Autoren setzen die entscheidenden Schritte zum Aufbau des Theseus in der Zeit der Peisistratiden an, daher wird im Anschluss daran eine eventuelle Rolle des Helden im Machtkampf zwischen den Athen beherrschenden Tyrannen und deren Gegnern untersucht. Es folgt die Behandlung des Theseus als dem Heros der Demokratie, die sich nach der Vertreibung der Tyrannen in Athen etabliert. Diese ist in zwei wesentliche Punkte unterteilt: Den Charakter des Theseus zum einen als Identifikationsfi-
1
gur für die Athener und zum anderen als ein Gegenbild zu Herakles. Da der Beginn der Hochzeit der Theseus-Verehrung, insbesondere in der Kunst, zeitlich mit der Etablierung der Demokratie zusammenfällt, erscheint diese Thematik als das Herzstück der Arbeit. Anschließend erfolgt ein kurzer Ausblick über die weitere Popularitätssteigerung des nunmehrigen Nationalhelden, und seine Rolle in der aufsteigenden Großmacht Athen bis zu deren Niedergang im Peloponnesischen Krieg. Den Abschluss bildet ein kurzes Fazit, das die Ergebnisse zusammenfasst und versucht, die gestellten Fragen zu beantworten.
2. Die Genese des Theseus-Mythos
Wie in der griechischen Mythologie allgemein üblich existieren von den dem Theseus zugeschriebenen Taten eine Fülle unterschiedlicher Versionen und Reihenfolgen. Die gängigste Zusammenfassung stammt wohl von Plutarch, dem wir einen Großteil unseres Wissens über den Helden verdanken. 1 Neben den verschiedenen literarischen Überlieferungen bilden Vasenmalereien und Baudenkmäler die Hauptquellen unserer Kenntnisse. Die Genese des Mythos geschieht insgesamt über einen langen Zeitraum, so dass sich vielerlei Einflüsse in ihm spiegeln. Viele Bestandteile sind beispielsweise aus ursprünglich unabhängigen Mythen übernommen worden: so war z.B. Hippolytos ursprünglich eine troizenische Dämonengestalt 2 , der Kampf mit Pallas eine lokale Sonderform der Gigantomachie, bei der Athena den gleichnamigen Giganten besiegte 3 . Die Ursprünge des Theseus verlieren sich im Dunkeln des gleichnamigen Zeitalters und sind bis heute umstritten. Nach einer maßgeblich von Herter beeinflussten Richtung war er ein alter pan-ionischer Heros, der sowohl in Thessalien, als auch in Troizen und Attika heimisch war, was sich in den Orten seiner Taten bzw. seinem Geburtsort reflektiert. 4 Möglicherweise ist er sogar aus mehreren alten ionischen Heldengestalten hervorgegangen. 5 Andere, wie Walker und Nilsson, sehen Theseus als „of local Attic origin“ 6 , und die Gegend um das im nordöstlichen Attika gelegene Aphidna als die eigentliche Heimat des Theseus an. 7 Die ältesten literarischen Zeugnisse über Theseus stammen aus den Homer-Epen Illias und Odyssee: Vier Stellen verraten die Bekanntschaft mit dem Kentaurenkampf (Il. I 265), der Ariadne-Geschichte (Od. XI 321ff), der Helena-Entführung (Il. III 144) und der Un-
1 Plutarch:Life of Theseus, http://ancienthistory.about.com/library/bl/bl_text_plutarch_theseus.htm;
vgl. Brommer 1982, S.143; für ausführliche Darstellungen der Mythen mit Quellenangaben siehe u.a. Ran-
ke-Graves 1955, S.293-337; Herter 1973, S.1052-1201
2 Herter 1973, S.1187f
3 Herter 1973, S.1092f
4 Herter 1973, S.1052f; Walker 1995, S.9f
5 Ranke-Graves 1955, S.296
6 Nilsson, zit. nach Walker 1995, S.14
7 Walker 1995, S.13ff
2
terwelt-Expedition (Od. XI 631). 8 Die Echtheit der entsprechenden Zeilen wurde von verschiedenen Forschern angezweifelt, und als athenische Interpolationen späterer Zeit bezeichnet. Doch selbst wenn dies der Wahrheit entspräche zeigen verschiedene andere Quellen, dass Theseus in jener Zeit schon wohlbekannt war. 9 Die ältesten bekannten bildlichen Darstellungen des Theseus beginnen im frühen 7. Jh. v. Chr. und zeigen den Helena-Raub, sowie etwas später die Minotauros-Sage. 10 Die ältesten Zeugnisse stammen dabei interessanterweise nicht aus Athen, dem eigentlichen Stammsitz des Heros. Dennoch wurde Theseus wohl schon zu homerischer Zeit als athenischer Held gesehen, denn sämtliche seiner Schreine, die als Orte der Heldenverehrung im 8. Jh. aufkamen, befinden sich in Athen, keines im attischen Umland. 11 Dieser Widerspruch zu seinen im Mythos erhalten gebliebenen attischen Wurzeln empfanden auch die Athener, die diese jedoch nicht ausradierten, sondern den Mythos in der Weise anpassten, dass Theseus seine ländlichen Schreine, aus Dankbarkeit für seine Rettung aus dem Hades, Herakles überlassen hätte. 12 Zudem betrachtet schon die Illias Attika als unter Athen vereinigten Staat, so dass der Theseus zugeschriebene Synoikismos schon im 7. Jh. Bestandteil des athenischen Mythenschatzes gewesen sein muss. 13 Im Gegensatz zum alten Mythos, „as far as hero cult is concerned, Theseus is purely Athenian“. 14 In der Literatur wurde Theseus wohl seit dem 7. Jh. in Heldenballaden und Kulten berücksichtigt 15 , der Großteil der geschilderten Taten ist jedoch erst aus dem 6. Jh. in der Kunst und Literatur bekannt. 16 „In its early form [...] the myth of Theseus consists of five main episodes: the abductions of Helen, Ariadne, and Persephone, and the fights against the Minotaur and the Centaurs. They seem to be known as early as the eight century”. 17
Das 6. Jh. hindurch taucht Theseus regelmäßig, aber nicht übermäßig häufig, auf etwa fünf Prozent der attischen Vasenmalereien auf. 18 Im Laufe dieser Zeit traten neue Mythen zu den althergebrachten hinzu, Stesichorus (ca. 630-555 v. Chr.) berichtet etwa über neue Liebesaffären und Nachkommen, und auf Vasen tauchen der marathonische Bulle (um 555 v. Chr.) und die Amazonomachie (ab ca. 520 v. Chr.) auf. Einen sprunghaften Anstieg von Theseus-Darstellungen auf attischen Vasen findet sich dann im letzten Jahrzehnt des 6. Jh. und erst zu diesem Zeitpunkt kommen auch die Jugendtaten des Theseus überhaupt auf. Es
8 Herter 1973, S.1045f
9 Walker 1995, S.16
10 Brommer 1982, S.149
11 Walker 1995, S.14
12 Herter 1973, S.1223; Parker 1996, S.169; Walker 1995, S.20
13 Walker 1995, S.15, Herter 1973, S.1213
14 Walker 1995, S.21
15 Herter 1973, S.1046
16 Brommer 1982, S.74f
17 Walker 1995, S.20
3
wird allgemein angenommen, dass in den Jahren zuvor eine Theseis-Dichtung entstanden ist, die die bekannten Abenteuer zusammenfassend schilderte bzw. erst hervorbrachte. 19 Walker bezweifelt die Existenz dieser Dichtung unter Hinweis auf die nur vagen Indizien für sie und schreibt die unbestrittene Neuorganisation der Taten den Vasenmalern und ihrer „rich, oral tradition“ selbst zu. 20 In jedem Fall wurden die Reisetaten des jungen Theseus mit dem Stier-Abenteuer und der Minotauros-Sage zu einem Zyklus verbunden, der insbesondere in den Vasendarstellungen reichliche Rezeption gefunden hat. 21 Dabei ergeben sich zwar häufig Differenzen bei der genauen Auswahl der Zyklus-Taten, die Kennzeichen und Periphetes sind gar erst Mitte des 5. Jh. aufgekommen 22 , dennoch scheint mit der konstatierten Theseis ein „agreement between the monumental and literary tradition about a definite form of the sagas“ 23 einhergegangen zu sein. Auffallend ist, dass die neuen Taten des Zyklus den alten „wild man“ kontrastieren, und „den jungen Athener als einen Vorkämpfer des Rechtes Kulturaufgaben vollbringen“ 24 ließen, in deren Folge der alte athenische Held zu dem Helden Athens aufsteigt. 25 Es liegt nahe, hinter diesem plötzlichen Popularitätsschub eine politische Entscheidung zu vermuten. Im Laufe des 5. Jh. kamen weitere Sagenstränge auf, zudem wurden die älteren Mythen teilweise umfangreichen Modifikationen unterzogen. 26 Die archaischen Überlieferungen, die den Theseus vornehmlich als Frauenräuber und wilden Kämpfer, als „something of a wild bandit“ 27 zeichneten, wurden überstrahlt vom Ruhm des die ’ mit und verbindenden hervorragenden Helden. 28
Ein Großteil der bekannten Heldentaten des Theseus ist also verhältnismäßig jung. Die Zeitspanne von ca. 510 - 410 v. Chr. bildet die Hochzeit der Theseus-Verehrung und -Darstellung, sowohl in Literatur und Theater, als auch in Kunst und Bauskulptur 29 . Die entscheidende Zeitspanne des Aufstiegs des Helden bildet die Zeit vor der Jahrhundertwende vom 6. ins 5. Jh. - in Athen eine Zeit der politischen Unruhen, in der Tyrannen und Aristokraten um die Macht kämpfen.
18 Boardman, zit. nach Walker 1995, S.50
19 vgl. u.a. Brommer 1982, S.74; Herter 1973, S.1046; Schindler 1988, S.62; Walker 1995,S.38, 46
20 Walker 1995, S.38f
21 Brommer 1982, S.65ff
22 Brommer 1982, S.66
23 Herter, zit. nach Walker 1995, S.38
24 Herter: “Theseus”, S.1063; vgl. auch Walker 1995, S.53
25 Walker 1995, S.53
26 Walker 1995, S.65f
27 Walker 1995, S.15
28 vgl. Herter 1973, S.1219f
29 Brommer 1982, S.148; Walker 1995, S.66; Herter: “Theseus”, S.1047
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Arbeit zitieren:
Michael Fürstenberg, 2003, Theseus als Nationalheld der Athener, München, GRIN Verlag GmbH
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