Wie die vorstehenden Ausführungen zeigen, ist Sprechen und Zuhören - Entwicklung der kommunikativen Kompetenz weites und interessantes Wissensfeld, dessen Erschließung man sich von verschiedensten Seiten her nähern kann. Diese Hausarbeit ist in drei Teile gegliedert.
Das Anliegen des ersten Teils ist es, einen Überblick über die seit den 70er-Jahren des 20.Jahrhunderts vollzogene kommunikative Wende im Bildungsbereich zu geben. Im zweiten Teil soll ein Einblick in die Formen der Vermittlung und Entwicklung der Sprachkompetenz an deutschen Schulen im 21.Jahrhundert ermöglicht werden. Der dritte Teil wird einen Ausblick auf mögliche Weiterentwicklungen wagen.
1. Die kommunikative Wende
Im schulischen Alltag vor den 70er-Jahren des 20.Jahrhunderts nahm die Entwicklung der individuellen Sprachkompetenz eine untergeordnete Rolle ein. Zwar gab es Diskussionen, Unterrichtsgespräche, Referate, allerdings dienten diese Arten der Kommunikation in erster Linie der Organisation des Unterrichts und der Klärung eines Sachverhalts, der Meinungsbildung und Entscheidungsfindung, nicht aber dem Einüben in das Führen von Gesprächen. 2
„Erst die sogenannten kommunikativen Wende führte in den 70er-Jahren und 80er-Jahren dazu, dass kommunikatives Handeln zum zentralen Bezugsfeld der Sprachdidaktik wurde.“ 3 Der Erwerb der sprachlichen und auf Interaktion bezogenen Kommunikationskompetenz wurden zum wichtigsten Ziel des Sprachunterrichtes. Die kommunikative Wende wurde angestoßen von den Ergebnissen soziolinguistischer Forschung zum schichtspezifischen Sprachgebrauch. Ein sich daran orientierender Deutschunterricht ging von der Einsicht aus, dass Sprachverwendung an soziale Faktoren gebunden ist, zu sozialer Ungleichheit beitragen und ein Mittel zur Ausübung von Herrschaft sein kann. In der Konsequenz bedeutete dies, dass auch der Sprachunterricht einen Beitrag zur Demokratisierung der Gesellschaft leisten sollte, „ (…) entweder indem er zur Herstellung von Chancengleichheit im Bildungsbereich beitrug (kompensatorische Spracherziehung für Benachteiligte) oder indem er
2 Vgl. Ulrich, Winfried; Didaktik der deutschen Sprache (Band 1); S.140; Z.1 ff.
3 Steinig, Wolfgang / Huneke, Hans-Werner; Sprachdidaktik Deutsch; S. 54, Z.20-23.
ideologiekritisch aufdeckte, wie Sprache zur Manipulation und zur Ausübung von Herrschaft, z.B. in der Sprache der Werbung oder der Politik, benutzt wurde.“ 4 Sprachunterricht möglichst schon in der Vorschulerziehung sollte somit Chancengleichheit bringen. Kommunikativer Sprachunterricht sollte dazu beitragen außerschulische Sprechsituation des Alltags erfolgreich bewältigen zu können. Dabei wurden die Unterschiede zwischen schriftlichen und mündlichen Sprachhandeln stärker Gewichtung verliehen als im vorherigen Deutschunterricht. Es wurde auch dem Umstand Rechnung getragen, dass man in der Gesellschaft für seine Interessen häufiger mündlich als schriftlich eintreten muss. Flexibilität im Umgang mit Kommunikationsprozessen im Bezug auf den Gesprächpartner war ein weiteres Anliegen. Das Wissen um den „ (…) schichtspezifischen Sprachgebrauch („elaborierter Code“ und „restringierter Code“)“ 5 Pragmalinguistische Untersuchgsergebnisse wurden in den Unterricht aufgenommen. So wurde die theoretische Beschäftigung mit der Sprache zum Unterrichtsinhalt. Der neu geschaffene und eigenständige Arbeitsbereich der mündlichen Kommunikation brachte auch methodische Schwierigkeiten mit sich. „Wie sollte man im Unterricht das Sprachverhalten in außerschulischen Situationen untersuchen und einüben? Wie sollte man ein so komplexes Geschehen wie ein Gespräch überhaupt strukturieren? Und in lehrbare Elemente zerlegen?“ 6 Der theoretische Lernbetrieb der Schule, sollte praxisnahe Anwendungsmöglichkeiten der Kommunikation lehren, eine „Ernstfalldidaktik“ 7 , also vom Lehrer erkannte Konflikte sollten aufgegriffen und zum Gegenstand im Unterricht gemacht werden. Langsam setzte sich die Erkenntnis in den Schulen durch, dass nicht nur projektbezogener Unterricht gegeben werden kann. Weiterhin erkannte man, dass auch gestellte Gespräche, die jeglicher Wahrhaftigkeit entbehren einen wertvollen Beitrag zum theoretischen Diskurs über Sprache leisten können, weil die Schülerinnen und Schüler sich im „Schonraum Schule“ 8 in verschiedenen Handlungsmustern erproben können ohne ernsthaft Rechenschaft ablegen zu müssen.
4 Ebd. S. 54; Z.15-19.
5 Ulrich, Winfried; Didaktik der deutschen Sprache (Band 1); S. 140; Z.14-15.
6 Ebd. S. 141; Z. 16-19.
7 Ebd. S. 141; Z. 26
8 Ebd. S. 141; Z. 36
1.1 Zusammenfassung und Problemstellung
Vor der kommunikativen Wende, die maßgeblich durch Hans-Eberhard Piphos Buch „Kommunikative Kompetenz“ 9 eingeleiten worden war, hatte man versucht über Simulation, Imitation, Repetition Sprachhandlungsmuster zu bilden. Dies führte jedoch zur Eintönigkeit und Begrenzung des Lernvorgangs. Piepho betonte die Bedeutung von Authentizität der Kommunikation. Schülerinnen und Schüler sollten die Möglichkeit bekommen, reale Sprechsituationen zu verwirklichen, um somit die Bewältigung von Lebenssituationen leisten zu können.. Später erkannte man dann jedoch, dass auch die eindimensionale Ausführung dieses Ansatzes einer gewissen Gefahr in sich barg; nämlich dass die kognitive Ebene, also die Qualität der Inhalte und Sprache aus dem Blick geraten könnte. Nach der kommunikativen Wende eröffnete sich der Diskurs über „Integration von Habitualisierung 9 (Reflexbildung), Kognitivierung (Qualität der Inhalte) und Kommunikation (Authentizität der Sprechintention)“. 10 Das Konzept der kommunikativen Kompetenz erfährt aufgrund der konkreten schulischen Belange eine Wandlung dergestalt, das Wissen für Handeln verfügbar macht. Die neuen sprachlichen Aufgaben kommunikativer Organisation von praktischer Kooperation und Sprechen und Zuhören zur Optimierung des lebensweltorientierten Handelns.
2. Entwicklung der Sprachhandlungskompetenz im aktuellen schulischen Kontext 2.1 Lernen durch Lehren
Wie sollte man das Problem der Authentifizierung von Sprachsituation im schulischen Alltag aber lösen und die Bereiche Reflexion, Qualität der Inhalte als Gesamtheit zu betrachten und ausreichend zu berücksichtigen? Eine erste Lösung dieses Dilemmas scheint das Konzept „Lernen durch Lehren“ zu bieten. Schülerinnen und Schüler sollen dabei den Unterrichtsstoff ihren Mitschülern vermitteln, Dabei richtet sich die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler intensiv auf die Lehrinhalte und ihre Darstellung (Kognitivierung), während der Vermittlung der Stoffvermittlung wird Zielsprache verwendet (Habitualisierung) und die Schüler sprechen authentisch, denn sie wollen wirkliche Sprechintentionen realisieren (authentische Kommunikation). Als
9 Piepho, Hans-Eberhard: Kommunikative Kompetenz als übergeordnetes Lernziel im Englischunterricht,
1974
9 Habitualisierung beschreibt nach Pierre-Felix Bordieu (1930-2002), den Sozialisationsprozess, die
durch diejenige Klasse vermittelt wird, in der ein Kind aufwächst. Dadurch werde der Heranwachsende
mit der klassenspezifischen Art wahrzunehmen, zu denken, zu handeln ausgestattet.
10 Vgl. Piepho, Hans-Eberhard: Kommunikative Kompetenz als Lernziel im Englischunterricht, 1974
Arbeit zitieren:
Dennis Scholze, 2007, Sprechen und Zuhören - Entwicklung der kommunikativen Kompetenz, München, GRIN Verlag GmbH
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