nach den Leitlinien des ICD 10 (Internationale Klassifikation psychischer Störungen). Hiernach kann allerdings eine Diagnose „Abgängigkeitssyndrom“ nur gestellt werden, wenn innerhalb der letzten drei Jahre mindestens 3 oder mehr der folgenden Merkmale gleichzeitig aufgetreten sind:
- „Ein starker Wunsch oder eine Art Zwang, ein Suchtmittel zu konsumieren,
- Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Konsums des Suchtmittels,
- Ein körperliches Entzugssyndrom bei Beendigung oder Reduktion des Konsums
- Nachweis einer Toleranz: Um die ursprünglich durch niedrigere Mengen des Suchtmittels erreichten Wirkungen hervorzurufen, sind zunehmend höhere Mengen erforderlich,
- Fortschreitende Vernachlässigung anderer Interessen und Vergnügen zugunsten des Suchtmittelkonsums und/oder erhöhter Zeitaufwand, um die Substanz zu beschaffen, zu konsumieren oder sich von den Folgen zu erholen
- Anhaltender Substanzgebrauch trotz des Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen (körperlicher, psychischer oder sozialer Art)“ 3
2. Entstehung und Entwicklung von Abhängigkeit
Eine Abhängigkeit entsteht nicht von einem auf den anderen Tag, sondern durch das Zusammenwirken verschiedener Faktoren. Eine bedeutende Rolle spielen die Art und die Verfügbarkeit einer Substanz. Zudem kann das soziale Umfeld wie verschiedene Beziehungsnetzwerke (z.B. Familie oder der Freundeskreis) die Entstehung und Entwicklung einer Abhängigkeit begünstigen und fördern. Ein weiterer wichtiger Faktor ist sicherlich auch das Abhängigkeitspotential einer Substanz. Das bedeutet, wie leicht und schnell diese zu psychischer oder körperlicher Abhängigkeit führen. Des Weiteren spielt die individuelle Persönlichkeit und Toleranzgrenze des Konsumenten eine wichtige Rolle. Die Entstehung eines abhängigen Verhaltens entwickelt sich häufig nur langsam und schleichend, oftmals über mehrere Jahre hinweg. Kommt es erst einmal zur Einnahme von Substanzen, erfolgt ein weiteres Mal, es kommt öfters vor, bis es schließlich zur Gewohnheit wird. Das Bedürfnis der Konsumeinnahme wird immer stärker, um Entzugserscheinungen zu vermeiden und die gewünschte Wirkung zu erzeugen. Dieser Übergang in die Abhängigkeit wird von den Betroffenen - gerade anfänglich - nicht wahrgenommen. Schließlich kommt es nicht nur zum Kontrollverlust des Verhaltens des Betroffenen, sondern der Alltag und der Lebensstil werden immer mehr durch den Konsum und die Wirkung der Substanz beeinflusst. Merkmale für eine Abhängigkeit sind unter anderem starkes Verlangen nach einer Substanz, Auftreten von Entzugserscheinungen, geringe Kontrollfähigkeit, Toleranzbildung, Konsum trotz schädlicher Wirkungen, die Substanz bildet immer weiter den Lebensinhalt und andere Interessen werden vernachlässigt.
Konsum Genuß Gewöhnung Missbrauch Abhängigkeit 4
Die Entwicklung vom normalen Verhalten zur Anhängigkeit kann in drei Phasen gegliedert werden:
Die Probierphase: Die Probierphase ist kaum vom normalen Verhalten zu unterscheiden. Dabei findet der Konsum häufig im Freundeskreis und der Gleichaltrigengruppe statt. Ein Bier, um die Probleme in der Familie oder Schule zu vergessen oder auch eine Zigarette oder ein Joint zur Entspannung, der Spaß, das Ausprobieren und Genuss stehen im Vordergrund.
3 Vgl. http://www.suchtmr.de/index.php?id=140
4 Vgl. Scheerer, Sebastian (1995); S.47
Auf diesem Weg lassen sich schnell Konflikte und schlechte Empfindungen verdrängen. Das kann manchmal sinnvoll sein, um dem Problem aus dem Weg zu gehen und einen Moment Abstand zu gewinnen. In der Probierphase gelten die Konsumenten nicht als „Abhängige“. Es bedeutet also nicht, dass Menschen gleich abhängig werden. Kommt allerdings dieses Verhalten immer häufiger, regelmäßiger und zwanghafter vor, spricht man von Missbrauch. Die Missbrauchsphase: Konsumenten, die über die Wirkungen der Substanzen Bescheid wissen, gehen von der Probierphase in die Missbrauchsphase über. Der Missbrauch der Substanzen steht in Zusammenhang mit ausweichendem Verhalten und kennzeichnet sich durch Regelmäßigkeiten und häufige Wiederholungen bis somit eine Gewohnheit eintritt. Dabei werden belastende und schädigende Wirkungen in Kauf genommen. Der Konsument rutscht immer weiter in einen abhängigen Gefahrenbereich ab.
Die Abhängigkeitsphase: Der wiederholte Konsum dient nun nicht mehr, um belastende Probleme zu vergessen und eine Entspannung herbeizuführen, sondern erfolgt bereits automatisch. Der Konsument leidet unter dem Zwang und Bedürfnis, die Dosis der Substanz immer weiter zu steigen. Dabei steigt der Grad der physischen und psychischen Abhängigkeit immer mehr, so dass er auf die Substanz nicht mehr verzichten kann. Er verliert die Kontrolle über sein Verhalten, wird der Substanz immer weiter ausgeliefert und der gesamte Alltag richtet sich ausschließlich nach der Substanz aus bis diese den Lebensinhalt bildet. 5 Menschen, die abhängig geworden sind, weisen ähnliche Gemeinsamkeiten auf: Abhängige Menschen wollen vorerst ihren Bewusstseinszustand und ihre Gefühlsempfindungen verändern, um vom Alltag abzuschalten und die Probleme im Leben bewältigen zu können. Zudem spielt sicherlich auch die Vermeidung von unangenehmen Auswirkungen (Unruhe, Angstzustände, Entzugserscheinungen und Schlafstörungen) eine entscheidende Rolle. Eine Vielzahl von psychischen Verletzungen, belastende Probleme oder Defizite, die sich angesammelt haben, können zu einem immer erneutem Aufsuchen dieser Zustände führen. Auch ein geringes Selbstwertgefühl, wenig Anerkennung und Wertschätzung von Familie und Freunden, wenn Bedürfnisse wie Liebe, Vertrauen und Gesundheit nicht erfüllt werden, kann zum Griff zu Substanzen wie Alkohol und Drogen führen, um das Leben erträglicher zu machen und die Sorgen zu lindern. Durch den wiederholten Konsum geraten die Betroffenen in einen Teufelskreis, aus dem sie nur schwer wieder herauskommen, da durch die zunehmende Gewöhnung eine Abstumpfung eintritt und die Dosis immer weiter gesteigert wird. 6
Die größte Gruppe der Abhängigen bilden in Deutschland die Alkoholabhängigen. Dies ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass man einfach an Alkohol herankommt. Zudem spielt sicherlich für Kinder und Jugendliche der Reiz, etwas Verbotenes zu tun, eine große Rolle. In der heutigen Zeit trägt sicherlich auch die Rolle der Gleichaltrigengruppe ihren Teil dazu bei. 7 Daher ist also das Zusammenwirken verschiedener Risikofaktoren entscheidend, welche die Entstehung und Entwicklung einer Abhängigkeit begünstigen. 3. Risikofaktoren
In der heutigen Zeit kommen viele Menschen mit den komplexen, veränderten und neuen Anforderungen im Alltag nicht zurecht. Durch diese Anforderungen und die Pluralisierung der Lebensentwürfe kommt es zu einem Gefühl von Angst, Orientierungslosigkeit und Unsicherheit. Oft hängen mehrere Risikofaktoren zusammen, sind miteinander verflochten und
5 http://www.medizinfo.de/sucht/sucht/phasen.shtml
6 Vgl. Lamfried, Doris (2004); S.21
7 Siehe http://www.suchtmittel.de/info/sucht/000228.php
Arbeit zitieren:
Katharina Hilberg, 2010, Entstehung und Entwicklung von Abhängigkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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