Inhaltsverzeichnis
VORWORT................................................................................................................. 1
SACHANALYSE 1
Natur versus Kultur 1
Antikes Naturverständnis - Sophokles’ Antigone. 2
Klassischer Geniegedanke - Goethes Faust. Der Tragödie zweiter Teil 3
Romantisches Naturverständnis - Naturlyrik der Romantik 4
Der „homo mensura Satz“ des Protagaros. 5
Modernes Naturverständnis - Genforschung und Ökologie. 6
DIDAKTISCHE ANALYSE 7
Bedingungsanalyse. 7
Bezug zum Bildungsplan. 8
Relevanz der Thematik 8
Hauptlernziele und Kompetenzerwerb 9
METHODISCHE ANALYSE. 9
Zum Einsatz von literarischen Texten im Ethikunterricht. 9
Philosophische Methoden nach Ekkehard Martens 11
Kreative , stundenübergreifende Hausaufgabe. 12
DOKUMENTATION DER UNTERRICHTSEINHEIT. 12
Stoffverteilungsplan (Übersicht) 12
Kurzbeschreibung aller Doppelstunden 12
1. Doppelstunde: Natur versus Kultur 12
2. Doppelstunde: Mensch, Mensch, Mensch 13
3. Doppelstunde: Der Mensch als Genius seiner selbst. 14
4. Doppelstunde: Im Rausch der Natur. 14
5. Doppelstunde: Alles „Bio“ der was? 15
6. Doppelstunde: Präsentation der kreativen Hausaufgabe. 15
Dokumentation ausgewählter Doppelstunden. 15
Die dritte Doppelstunde: Der Mensch als Genius seiner selbst 15
Die fünfte Doppelstunde: Alles „Bio“ oder was? 20
SCHLUSSWORT. 26
Literaturverzeichnis. 28
Abk ürzungsverzeichnis. 29
ANHANG 30
VORWORT
In einem Interview für das Magazin „Cicero“ gefragt, welchen Begriff von Natur die moderne Gesellschaft habe, antwortete der Philosoph und Schriftsteller Rüdiger Safranski: „Für die Moderne ist Natur etwas, das Risiko und Rendite bringt“ 1 . Ich stimme Safranski zu. Die Natur ist einerseits ein Risiko für uns, man denke an den Klimawandel, Naturkatastrophen oder Krankheiten und andererseits wirft sie Rendite ab, seien es Lebensräume, Nahrungsmittel oder medizinische Erkenntnisse. Natürliche Medizin, das ist zwar heute sehr gefragt, aber eine Medizin, die noch intelligenter ist als die Natur selbst, die ist noch mehr gefragt. Wenn die erste Ausgabe des Spiegels von 2010 titelt: „Die Schöpfung im Labor. Forscher auf der Suche nach der Formel des Lebens.“ 2 ist dies keine Replik auf einen neuen Kinofilm. Es ist Ausdruck eines neuen Naturverständnis’. Was bislang der Natur und ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten überlassen war, nämlich Leben zu stiften, das soll künftig künstlich, in Unabhängigkeit von der Natur vonstatten gehen. Wie die Forschung bereits das Genom entschlüsselt hat, könnte bald die Formel für das Leben insgesamt gefunden sein.
Die Möglichkeiten der modernen Genforschung werden die Zukunft sicherlich verändern. Leben wir zukünftig in einer synthetischen, weil künstlich geschaffenen Welt? Was ist ein sinnvoller Umgang mit der Natur? Ökologischer Landbau als Ausweg aus der Genfalle? Diese und viele andere Fragen beherrschen die aktuellen Meinungsdiskurse.
Wenn die Schule ein Ort sein soll, der sich als Teil der Gesellschaft versteht und nicht isoliert von dieser betrachtet, darf vor allem der Ethikunterricht nicht hinweggehen über diese Fragen. Es liegt vielmehr eine große Chance darin, diese Fragen mit den Schülern 3 auseinanderzusetzen. Sie leben in einer stark technisierten Welt und erleben Natur meistens nur dann, wenn sie nicht den uns gewohnten, sinnhaften Gesetzen gehorcht, wie es in diesen Tagen das dramatische Erdbeben von Haiti deutlich gemacht hat.
Indem sich die Schüler beschäftigen mit dem, wie andere Kulturen zu anderen Zeiten das Verhältnis zwischen Mensch und Natur bestimmt haben, werden sie nicht nur intensiv über Natur nachdenken, sondern vor allem Grundzüge eines historisch gewachsenen Menschenbildes entdecken und kritisch hinterfragen können, ganz im Sinne der Worte Goethes:
SACHANALYSE
Natur versus Kultur
1 SAFRANSKI, RÜDIGER: Die Natur bringt uns um. In: http://www.cicero.de/839.php?ausgabe=09/2009
2 DER SPIEGEL. Die Schöpfung im Labor. Forscher auf der Suche nach der Formel des Lebens Heft
1, 2010 (Titel)
3 Anm.: Der Plural maskulin des Wortes Schüler umfasst auch die weiblichen Schülerinnen.
1
Bereits die Wortherkunft der Begriffe Natur und Kultur macht ihren semantischen Gegensatz deutlich. Der Begriff Natur leitet sich vom lateinischen Verb nasci - entstehen, geboren werden ab und der Begriff Kultur vom lateinischen Verb colerebauen, gründen. Während die Natur aktiv aus sich heraus entsteht, ist Kultur ein Bauwerk des Menschen.
„Kultur umfaßt im Unterschied zur gewachsenen Natur den vom Menschen geschaffenen Lebensraum.“
„Natur [hingegen] wird [verstanden] als die Gesamtheit aller beobachtbaren, nicht von Menschen hergestellten, sondern gewachsenen, anorganischen und organischen, pflanzlichen und tierischen Gegebenheiten.“ 4
Wichtig ist jedoch zu betonen, dass jede Kultur wiederum einen eigenen Naturbegriff prägt, wenn dieser auch innerhalb einer Kultur kontrovers sein kann. Ebenso verhält es sich mit dem Kulturbegriff, der, wenn er die „Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Lebensäußerungen einer Gemeinschaft, eines Volkes“ (DUDEN - Fremdwörterbuch) bezeichnet, intrakulturell verschieden sein muss. Hinzu kommt die historische Dimension der Begriffe, so haben Natur und Kultur in unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Konnotationen.
Im Folgenden soll daher ein Überblick gegeben werden, welches Naturverständnis die europäische Kultur in der Zeit der Antike, der Klassik, der Romantik und der Moderne geprägt hat und prägt. Es versteht sich von selbst, dass im gegebenen Rahmen nur die groben Entwicklungen im Allgemeinen nachgezeichnet werden können. Ebenso können die Quelltexte, die im Unterricht herangezogen werden, um das jeweilige Naturverständnis deutlich zu machen, nur unter ausgewählten Gesichtspunkten betrachtet werden.
Antikes Naturverständnis - Sophokles’ Antigone
Í.Y (Hen kai pan) zu Deutsch „Alleinheit“ oder „Ein und Alles“ - drei Worte, die das Welt- und damit verbunden auch das Naturverständnis der griechischen Antike gut zum Ausdruck bringen. Im Denken der antiken Griechen galt der Kosmos (Weltordnung) als eine die Natur und den Menschen umfassende Einheit. Der Mensch galt daher als Teil des Kosmos ebenso wie die Physis (Natur). Die so genannten Naturphilosophen leiteten aus diesem Weltverständnis ihre Urstofftheorien ab, mit denen sie versuchten das Eine in Allem zu bestimmen, sprich den einen Urstoff als das bestimmende Prinzip des einen Kosmos. Für Thales von Milet (um 625 bis 545 v. Chr.) war dieser Urstoff das Wasser, für Anaximenes (585 - 525 v. Chr.) die Luft, für Demokrit (ca. 460 bis 370 v. Chr.) war es das Atom. Demokrit nahm an, dass der Kosmos aus unendlich vielen Atomen, unteilbaren Teilchen, bestünde, die in ihren Wechselwirkungen die Veränderungen des Kosmos verursachen würden. Die ionische Naturphilosophie wird nicht umsonst als die Wiege der griechischen Philosophie bezeichnet. Was hier mit der Suche nach einer Erklärung für die Alleinheit des Kosmos beginnt, entspricht dem, was sehr viel später als Metaphysik bezeichnet wird. Wenn Thales, Anaximenes etc. den einen Urstoff bestimmen, bestimmen sie nicht nur einen physikalischen Stoff, sondern auch metaphysische Größen wie den Geist oder das Sein. Ebenso wie das griechische Welt- und Naturverständnis war auch die erste philosophische Bewegung der Griechen ganzheitlich: Alles sei eins uns stamme aus einem Urgrund. 5
4 HÖFFE, OTFRIED u.a. (Hrsg.).Lexikon der Ethik. -München: 1992, S.152, S.194
5 Vgl. HIRSCHBERGER, JOHANNES. Geschichte der Philosophie Band I. Altertum und Mittelalter. Frankfurt am Main 1980, S.17-38
2
Zu diesem Welt- und Naturverständnis passt das Gottesverständnis der antiken Griechen. Ebenso wie die Menschen sind auch die Götter nach griechischer Auffassung Teil des Kosmos und dürfen nicht, wie aus moderner, monotheistisch geprägter Sicht als übernatürliche, zeitlose Wesen angesehen werden. Wenn nun aber in der Optik der Griechen keine Trennung zwischen dem Kosmischen einerseits und dem Göttlichen andererseits zu ziehen ist, bedeutet dies, dass letztlich der ganze Kosmos wie ein Pantheon (Tempel für die Gesamtheit aller Götter) verstanden muss und dass in allem Physischen auch Göttliches verehrt wird. Die Aufwertung der Physis im Pantheismus der Griechen gegenüber dem Naturverständnis der säkularen Moderne liegt auf der Hand. Wenn die Götter als Unsterbliche (athanoi), Glückselige (makares), Mächtige (kreittous) verstanden werden, die in und an allem wirken, ergibt sich daraus ganz selbstverständlich ein ehrfuchtsvoller Umgang mit dem Kosmos und damit mit der Physis. 6 Die Götter als für den sterblichen, mangelhaften Menschen als unerreichbare Autoritäten verstanden, gilt es zu ehren, zu achten und in keiner Weise zu provozieren. Doch der Mensch wäre nicht Mensch, wenn er diese Provokation nicht wagen würde, um seine Macht gegenüber der der Götter zu behaupten. Das antike Drama „Antigone“ des Dichters Sophokles stellt diesen Urkonflikt zwischen göttlicher und menschlicher Macht ins Zentrum einer Geschichte um Pflicht und Ehre. Antigone, die Tochter des Ödipus und der Iokaste widersetzt sich dem Willen des Königs Kreon, der eine Bestattung ihres Bruders Polyneikes wegen Vater-landverrats verwehrt hatte, und verliert dadurch ihr Leben. Indem Antigone den Bruder aus Pflicht gegenüber den Göttern bestattet, bricht sie mit Kreons Gesetz und verletzt dessen Ehre. Bestattet sie ihren Bruder nicht, bricht sie mit dem Gebot der Götter und verletzt deren Ehre. Dieses Dilemma kann nicht rational gelöst werden und so nimmt Antigone ihr Todesurteil an und wählt den Tod als Ausweg. Mit ihr gehen auch Haimon, Kreons Sohn und Antigones Verlobter sowie Kreons Frau Eurydike den Weg des Todes.
Der Chor, auf dessen Funktion insgesamt an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden kann, ahnt diese Konsequenzen und mahnt davor, die Götter zu provozieren. Das erste Standlied des Chores gilt nicht nur aufgrund seiner feinen sprachlichen Tektonik als ein Meisterwerk der Weltliteratur. Wie kaum ein anderer zeigt dieser Text, wie eng Macht und Ohnmacht des Menschen beieinander liegen.
Klassischer Geniegedanke - Goethes Faust. Der Tragödie zweiter Teil
Der Begriff Genie leitet sich ab vom lateinischen Substantiv genius - der „Erzeuger als Symbol des männl. Samens, dann die Verkörperung männl. Kraft.“ 7 oder vom lateinischen Substantiv ingenium - Scharfsinn, Begabung.
Genialität, Männlichkeit, Potenz, Talent. Diese vier Begriffe stehen in einem engen Zusammenhang. Das Genie der Klassik vereinte diese Attribute und nahm die Gestalt eines gottähnlichen Wesens, Goethes Prometheus Entwurf oder die eines Universalgelehrten, Humboldts Wissenschaftsideal, an. Auch Goethes Faust II greift den Geniekult auf, wobei er hier weniger radikal inszeniert wird. Während Faust I das „Individuum Faust“ als Menschen mit Gefühl und Verstand in den Mittelpunkt rückt, entwirft Faust II das Bild einer „Gesellschaft Faust“. Während
6 Vgl. VERNANT, JEAN-PIERRE: Der Mensch der griechischen Antike. -Frankfurt/M 1996 ohne Seitenangabe. Zit. n. DIEKHANS, JOHANNES: EinFach Deutsch. Sophokles, Anouillh, Brecht u.A. Antigone in Vergangenheit und Gegenwart. -Braunschweig, Paderborn, Darmstadt 2005 S. 55ff
7 PONS Wörterbuch für Schule und Studium: Globalwörterbuch: Lateinisch-Deutsch .-Stuttgart; Düs-seldorf; Leipzig: Klett 1998, S.424
3
Faust im ersten Teil noch als „armer Tor“ gezeigt wird, der an den Grenzen des Menschenmöglichen zu zerbrechen scheint, tritt Faust im zweiten Teil ganz im Sinne des klassischen Genies als vielseitiger Künstler auf.
„Im Unterschied zu Faust I, dessen Geschehen im Bürgerlich-Beschränkten und im Subjektiv-Individuellen angesiedelt ist, erhält der Faust II sein Gepräge durch die große Welt und das Gesellschaftlich-Allgemeine.“ 8
Der zweite Teil der Tragödie liest sich daher mehr wie ein Text über den Typus Mensch, denn wie ein Text über den Menschen in Gestalt des Individuums Faust.
„Der umfassenden geschichtlichen Reflexion des modernen Zivilisationsprozesses entsprechend, repräsentiert Faust selbstbestimmte moderne Grundhaltungen. Er ist weniger Individuum als Rolle.“ 9
In der Laboratoriumsszene schlüpft Wagner ebenfalls in eine solche, allgemeingültige Rolle. Nicht das Individuum Wagner erschafft den Homunculus, sondern der Typus des modernen Menschen in Gestalt des Wagner. Dass jener Homunculus, geschaffen, um ein Abbild des perfekten Menschen zu sein, schließlich seinen menschlichen Schöpfer als „Väterchen“ tituliert und in seine Schranken zurückweist („Was künstlich ist, verlangt geschlossnen Raum“ V. 6683f), macht einmal mehr deutlich, welches ironische Potential der Text birgt. Bei aller genialischen Kunstfertigkeit des Menschen, so kunstfertig wie der wahre Künstler wird er nie sein.
Romantisches Naturverständnis - Naturlyrik der Romantik
Verfolgt man die Etymologie des Begriffs Romantik, stellen sich zunächst keine Verbindungen zur Gattung der Lyrik her. Romantik geht zurück auf das altfranzösische Wort „romanz“, das die romanische Volkssprache im Gegensatz zur Gelehrtensprache Latein bezeichnet. Literarische Texte, die in jener romanischen Volkssprache geschrieben wurden, nannten sich „romance“. Aus „romance“ entwickelte sich später der Begriff Roman. Etymologisch verbindet sich daher der Begriff Romantik mit der Epik und nicht mit der Lyrik.
Semantisch ist das Adjektiv „romantisch“, was erstmals 1650 von Thomas Bailey („romantick“) im Sinne von romanhaft, erdichtet, abenteuerlich, phantasievoll, unrealistisch gebraucht wird, bereits von Anbeginn mit der Vorstellung einer erhabenen Natur verknüpft. 10
„Schon im 17. Jahrhundert verwendet man den Ausdruck „romantisch“ zur Charakteristik von Landschaftsgemälden […], um deren Wirkung auf die Gefühle der Betrachter zu bezeichnen. Teilweise werden im folgenden das „Romantische“ und das „Malerische“ sogar zu Synonymen.“ 11
In der Romantik kommen somit die Poesie, das Romanhafte, Erdichtete sowie die Kunst, das Malerische, Künstlerische in einzigartiger Weise zusammen. Die Rolle der Natur in diesem Zusammenspiel könnte man beschreiben als die Ideengeberin, als den inspirierenden Geist.
8 SCHMIDT, JOCHEN: Goethes Faust. Erster und Zweiter Teil. Grundlagen - Werk - Wirkung. -München 1999, S 213
9 Ebd. S.218
10 Vgl. SCHMITZ, EMANS, MONIKA: Einführung in die Literatur der Romantik. In: GRIMM, GUNTER E., BOGDAL, KLAUS-MICHAEL (Hrsg.):Einführungen Germanistik. -Darmstadt 2004 S.8
11 Ebd. S. 8
4
Für die Romantiker war die Natur ein Buch und ihre Sprache eine chiffrenhafte Geheimsprache. Für sie war die Natur mehr als ein nutzbarer Lebensraum, sie war ein geheimnisvoller Ort, den es zu entziffern galt.
„Die Natur präsentiere sich dem Leser als ein Gedicht in „Bruchstücke(n) eines großen untergegangen Dichters“ […], so Friedrich Schlegel […]. 12 Romantische Naturlyrik darf daher nicht missverstanden werden als deskriptive Dichtung über Natur, sondern als experimentelle Dichtung, die der Überzeugung Rechnung trägt, dass die Natur selbst als poetisches Kunstwerk verstanden werden muss. Nur so sind auch die von den Romantikern geprägten Topoi von der Weltschriftmeta-phorik oder dem Weltbuch zu verstehen.
Dieses ganzheitliche Naturverständnis’ der Romantik, als literarische Epoche grob eingegrenzt zwischen 1790 und 1840, spiegelt auch die Philosophie der Zeit im Besonderen die Philosophie des deutschen Idealismus wieder. In der Nachfolge Kants entwickelt beispielsweise Schelling seine Theorie des Absoluten und Fichte die Vorstellung eines weltsetzenden Ichs. Während Schelling versucht, das Weltganze als eine Einheit von Einheit und Differenz zu bestimmen, vergleichbar der cusanischen Vorstellung einer „coincidentia oppositorum“, einem Ineinsfallen aller Gegensätze, definiert Fichte das Ich als die maßgebende Größe des Weltganzen. Literaturgeschichtlich gilt die Romantik als Gegenbewegung zur Klassik. Die Formideale der Klassik transformieren in eine, wie Friedrich Schlegel es nannte, „progressive Universalpoesie.“ Universal ist die romantische Poesie nicht zuletzt, weil sie die verschiedenen literarischen Gattungen zu synthetisieren versucht, progressiv wird sie aufgrund des Anspruchs, die Gesellschaft poetisieren zu wollen. Die Lyrik der Romantiker, insbesondere die Naturlyrik, beispielsweise von Eichen-dorff oder Brentano, kann daher als Zeugnis dieser Universalpoesie gelesen werden.
Der „homo mensura Satz“ des Protagaros
Protagoras (490 - 411 v. Chr.) zählt philosophiegeschichtlich zu den Sophisten. Die Lehre des Protagoras ist uns nur über Berichte in verschiedenen antiken Quellen überliefert, so zum Beispiel in einem Bericht des Sextus Empiricus oder in Platons Dialogen Theätet bzw. Protagoras.
Protagoras’ Auffassung nach gibt es keine allgemeingültigen, objektiven Wahrheiten, sondern die Wahrheit hängt einzig vom Subjekt ab. Die Konsequenz einer solchen These ist ein radikaler Relativismus, demnach der Mensch als Maß aller Dinge entscheidet, was seiend ist und was nicht. Dieser nur in einem Fragment überlieferte so genannte „homo-mensura Satz“: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der seienden, dass sie sind, der nicht seienden, dass sie nicht sind.“ hat von je her für Provokationen gesorgt. Auch Sokrates macht sich dieses Potential zu Nutze, indem er Theaitetos im gleichnamigen Dialog mit der protagoreischen These konfrontiert, damit dieser davon ausgehend prüfe, inwiefern Wissen mit Wahrnehmung gleichzusetzen sei. Rasch erkennt Theaitetos, dass der homo-mensura-Satz seine These nicht stützen kann. Denn, wenn der Mensch das Maß aller Dinge sei und damit auch das Maß dessen, was Wissen genannt werden könne, so müssten auch jene wahr sprechen, die den homo-mensura-Satz leugneten (vgl. Platon.Theaitetos 171b). Die protagoreische Überzeugung heranzuziehen, mit dem Ziel, Wahrheit zu bestimmen, scheint somit zumindest auf logischer Ebene nicht möglich.
12 Ebd. S. 60
5
Modernes Naturverständnis - Genforschung und Ökologie
„Homo Faber“ - Der Mensch als Handwerker, so hat Max Frisch seinen als „Bericht“ ausgewiesenen Roman von 1957 betitelt. Wie ließe sich der moderne Mensch besser charakterisieren als ein Handwerker. Er ist, wie seit Beginn der Menschheit, auf seinen Körper zwar angewiesen, muss seine Hände ins Werk setzen, doch was er mit seinen Händen alles wirken kann, das scheint vor allem in der heutigen Zeit ins Unermessliche zu gehen. Der Homo Faber des 20. und des 21. Jahrhunderts baut sich seine eigene Wirklichkeit; die von ihm erfundene Technik ist sein Baumaterial, die Natur seine Baustelle. Ein anschauliches Beispiel dafür, wie weit moderne Fabrikation gehen kann, gibt die moderne Gentechnik. 13 Sei es die Pränatal- sowie die Präimplantationsdiagnostik, die Stammzellenforschung sowohl adulter als auch embryonaler Stammzellen, das Klonen oder die so genannte synthetische Biologie 14 , die es sich zum Ziel gemacht hat, biologische Systeme (Moleküle, Zellen, Organismen) künstlich zu „designen“, wie es in der Fachsprache heißt. 15 Gemeinsam ist all diesen Formen moderner Gentechnik der Anspruch, mindestens genauso gut, wenn nicht noch besser, effizienter und zuverlässiger als die Natur zu sein. Doch dies ist nur ein Blick auf das moderne Naturverständnis. Eine andere Perspektive eröffnet sich, wenn man die vom modernen Menschen gewünschten Lebensbedingungen in den Blick nimmt: Mobilität, Flexibilität, Globalisierung, Konsum- und Profitgesellschaft. Zwar sind dies nur Schlaglichter, die, wenn überhaupt, nur einen groben Überblick aufzeigen können, dennoch lässt sich die These vertreten, dass unter all den Bedingungen, die die moderne Welt erfüllen muss, der Raum einer intakten Natur immer kleiner wird. Der so genannte Klimawandel könnte eine Reaktion der Natur auf das sein, was die modernen Handwerker aus und mit ihr gemacht haben. Wenn der letzte Weltklimagipfel in Kopenhagen auch nur bedingt sein Ziel erreicht hat, zeichnet sich dennoch ab, dass der moderne Mensch, wenn er sich denn überhaupt so typisieren lässt, trotz aller Machbarkeitsvorstellungen immer mehr ein Bedürfnis nach einer intakten Natur entwickelt. Ob der gesteigerte Absatz von Bioprodukten oder die freiwillige „Co2 -Spende“ 16 bei Flugreisen Ausdruck einer solchen Rückbesinnung sind, wage ich nicht zu behaupten. Nicht zu leugnen ist jedoch, dass Natur und der Umgang mit ihr, auch als Lebensraum des modernen Menschen, wieder intensiv diskutiert wird.
13 Anm.: Eine breitgefächerte Übersicht der Möglichkeiten moderner Genforschung im Hinblick auf Kontroversen, die diesbezüglich geführt werden, liefert: DROSTE, EDITH; BEER, WOLFGANG: Biopolitik im Diskurs. Argumente, Fragen, Perspektiven. -Bonn 2006
14 „Synthetische Biologie - Leben aus dem Lego-Baukasten
15 Vgl. http://www.geneart.com - In Regensburg ansässige Firma die künstlich Gene produziert, die zu Forschungs- und Versuchszwecken bestellt werden können; vgl. auch
16 Vgl. http://www.myclimate.org - Auf dieser Internetseite können gegen Geldbeträge CO2 Emissionen kompensiert werden, dadurch dass diese Gelder in regenerative Projekte zurückfließen.
6
DIDAKTISCHE ANALYSE
Bedingungsanalyse
Der Ethikkurs der Jahrgangsstufe 11 setzt sich aus insgesamt 19 Schülern zusammen, acht Jungen und elf Mädchen. Nur fünf Schüler führen Ethik als Ersatzfach nach Klasse 10 fort, die restlichen vierzehn Schüler haben sich in diesem Schuljahr erstmalig entschieden Ethik als Ersatz für Religion zu wählen. Für diese Schüler sind daher der Ansatz des Ethikunterrichts sowie die darin eingesetzten Methoden noch unbekannt, was von mir, so gut es ging, berücksichtigt wurde. Neun Schüler haben den an unserer Schule angebotenen so genannten „naturwissenschaftlichen Zug“ gewählt, das heißt, sie genießen seit Klasse acht einen verstärkten Unterricht in den naturwissenschaftlichen Fächern. Das Wissen und die Interessen der Schüler für die Fächer Biologie, Chemie, Physik sowie NWT hat meinen Unterricht, so denke ich, immer wieder positiv beeinflusst, da die Schüler mit einigen Themen, z.B. den Problemen der Genforschung bereits vertraut waren. Seit diesem Schuljahr wird in unserer Schule nach dem Doppelstundensystem unterrichtet, das heißt, bis auf wenige Ausnahmen sieht der Stundenplan keine Einzel-stunden mehr vor, stattdessen erfolgt der Unterricht nun im 90-Minutentakt, wobei zumindest im Vormittag nach jeder Doppelstunde eine 20-minütige Pause erfolgt. Der Unterrichtszeit des Ethikkurses der Jahrgangsstufe 11 findet donnerstags nachmittags im Zeitraum von 15:15 bis 16:45 statt. Über die Hälfte der Schüler hat zuvor bereits Nachmittagsunterricht. Noch ist der Nachmittagsunterricht nicht optimal auf die gegebenen Buspläne der örtlichen Busunternehmen abgestimmt, daher mussten die Pausen im Nachmittag deutlich verkürzt werden. Für einige der Schüler bedeutet dies, dass sie vor dem Ethikunterricht bereits 90 Minuten Unterricht haben und nach einer fünfminütigen Pause ihren Nachmittagsunterricht fortsetzen. Die Tatsache, dass der Unterricht am Nachmittag und unter den gegebenen Bedingungen stattfindet, wirkt sich selbstverständlich auch auf die Qualität des Unterrichts aus. Einige Schüler sind sehr erholt, da sie im Vorfeld eine längere Pause genießen konnten, andere, vor allem diejenigen, die unmittelbar aus einem anderen Fachunterricht in den Ethikunterricht kommen, zeigen zum Teil Müdigkeit oder ein gesteigertes Redebedürfnis.
Zum Verhalten der Schüler insgesamt ist zu sagen, dass sie ein großes Interesse an den Fragen und Themen des Ethikunterrichts zeigen, wobei es ihnen mitunter noch schwer fällt, sich offen untereinander auszutauschen. Aus diesem Grund ist die Beteiligung an Diskussionen zum Teil noch etwas zaghaft, was jedoch durch die hohe Produktivität bei schriftlichen Arbeiten ausgeglichen wird. Ich denke, da die Schüler aus unterschiedlichen Kursen kommen und sich zum Teil nur wenig oder sogar gar nicht kennen, ist ihr zurückhaltendes Verhalten ganz natürlich und wird sich hoffentlich im Laufe des Schuljahres positiv weiterentwickeln. Problematisch waren zu Beginn vier Schülerinnen, die durch anhaltendes Schwätzen den Unterricht störten. Daher habe ich seit der zweiten Doppelstunde das Ritual eingeführt, dass die Schüler, sobald sie im Klassenraum sind, die Arbeitstische in eine Hufeisenform stellen. So können sich nun alle Schüler besser sehen und vor allem die „Schwätzerinnen“ sind im Visier ihrer Kollegen. Bislang hat sich diese Maßnahme als positiv erwiesen. Der Leistungsstand der Schüler liegt im befriedigenden bis guten Bereich. Die Schüler sind den Aufgaben stets gewachsen und zeigen, dass sie kritisch an problematische Fragestellungen herangehen können. Oftmals erreichen sie jedoch noch nicht das gewünschte Abstraktionsniveau und argumentieren mehr mit Allgemeinplätzen,
7
Arbeit zitieren:
Vera Fischer, 2010, Vom "homo-mensura-Satz" bis zu "Bionade", München, GRIN Verlag GmbH
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