1 Einleitung
Häufig wird der internationale Handel mit Gütern als ein Phänomen der jüngeren Vergangenheit angesehen. Es handelt sich dabei jedoch um eine bereits seit circa 2000 v.Chr. bestehende Form des grenzüberschreitenden Austauschs von Waren und Dienstleistungen. Man denke nur an Begriffe und Namen wie Seidenstraße, Marco Polo, Hanse, Fugger, Medici und Überseegesellschaften der Kolonialmächte. Zutreffend ist jedoch, dass der internationale Handel mit Gütern besonders in den letzten 25 Jahren durch die zunehmende Globalisierung an Bedeutung gewonnen hat. 1 Gründe hierfür sind der Zusammenbruch der Planwirtschaften, die Öffnung der asiatischen Länder, die Liberalisierung und der Abbau von Handelsbeschränkungen, technologische Entwicklungen, sinkende Transaktions- und Transportkosten, politische Reformprozesse, kürzere Produktlebenszyklen und ein erhöhter Wettbewerbsdruck. 2 Im internationalen Handel besitzt die Bundesrepublik Deutschland vor allem komparative Vorteile bei der Produktion qualitativ hochwertiger Güter. Ursächlich für die internationale Wettbewerbsfähigkeit in diesem Bereich sind weniger preisliche Faktoren, als vielmehr nicht-preisliche Faktoren wie technologische Vorsprünge, Kundenbetreuung (Service) und Zuverlässigkeit in den Geschäftsbeziehungen. 3 Die Nutzung dieser Vorsprünge hat Deutschland in den letzten Jahren den Titel des Exportweltmeisters eingebracht. Dieser Titel ergibt sich durch den weltweiten Vergleich der exportierten Güterwerte aller Länder. In Deutschland werden die Daten über den Außenhandel monatlich in der durch die Deutsche Bundesbank veröffentlichten Handelsbilanz dargestellt.
Ziel dieser Ausarbeitung ist es, herauszustellen, was die Handelsbilanz grundsätzlich ist und welche Bedeutung sie hat. Nach einer kurzen Begriffsdefinition wird dazu eine Ein-ordnung der Handelsbilanz innerhalb der Zahlungsbilanz vorgenommen. Im Anschluss daran werden die besonderen Merkmale sowie mögliche Formen der Handelsbilanz vorgestellt. In einem weiteren Schritt werden die Einflussgrößen und deren Effekte auf die Handelsbilanz betrachtet. In diesem Zusammenhang wird insbesondere auf die Wirkung von Wechselkursänderungen und die Bedeutung globaler und regionaler Wirtschaftsabkommen eingegangen. In einem weiteren Schritt wird die historische und aktuelle Bedeutung der Handelsbilanz für die Bundesrepublik Deutschland aufgezeigt. Abschließend folgt ein Fazit, in dem wesentliche Aspekte der Ausarbeitung zusammengefasst dargestellt werden.
1 Vgl. Meier, Harald und Roehr, Sigmar (2004), S. 91
2 Vgl. Meier, Harald und Roehr, Sigmar (2004), S. 40ff.
3 Vgl. Clement, Reiner, Terlau, Wiltrud und Kiy, Manfred (2006), S. 99f.
2
2 Begriffsdefinition
Der Begriff der Handelsbilanz wurde wissenschaftlich erstmals im Zusammenhang mit der Lehre des Merkantilismus im 17. Jahrhundert verwendet. 4 Bei dieser wirtschaftspolitischen Idee wurde der Handel als der Ursprung des Volkswohlstands angesehen und somit das Ziel vorgegeben, eine positive Handelsbilanz anzustreben. 5 Vor allem Thomas Mun (1571-1641), ein englischer Ökonom, befasste sich in dieser Zeit mit der These einer positiven Handelsbilanz als Indikator für Wohlstand. 6 Heute dient die Handelsbilanz nicht nur als Indikator für den Volkswohlstand, sondern vielmehr als Schlüsselindikator für die Wirtschaftsentwicklung eines Landes und somit als wichtige Beurteilungsgrundlage für die Vorbereitung von Entscheidungen in Politik und Wirtschaft. Definitorisch ist die Handelsbilanz „eine rechnerische Gegenüberstellung aller Warenimporte (Einfuhren) und Warenexporte (Ausfuhren) einer Volkswirtschaft innerhalb eines bestimmten Zeitraums.“ 7
3 Aufbau und Formen der Handelsbilanz
3.1 Die Handelsbilanz als Teil der Zahlungsbilanz
Bei der Zahlungsbilanz eines Landes handelt es sich um die systematische Aufzeichnung aller ökonomischen Transaktionen (Waren- und Dienstleistungsexporte/-importe, Vermögensübertragungen und Kapitalexporte/-importe) zwischen Inländern (Wirtschaftseinheiten mit ständigem Wohnsitz im Inland 8 ) und Ausländern während eines bestimmten Zeitraums, in der Regel eines Jahres. 9 Die Zahlungsbilanz zeigt somit, ob z.B. im Außenhandel ein wertmäßiges Gleichgewicht besteht oder ob das Inland mehr oder weniger exportiert als es aus dem Ausland bezieht. Im Gegensatz zu einer unternehmerischen Bilanz setzt sich die Zahlungsbilanz aus Stromgrößen und nicht aus Bestandsgrößen eines festgelegten Stichtags zusammen. 10 Innerhalb der Zahlungsbilanz werden alle Transaktionen doppelt gebucht, sodass die Summe aller Teilbilanzen den Wert null ergibt. Lediglich Unterbilanzen können von null abweichende Salden aufweisen. Der undeutliche Begriff des Ungleichgewichts der Zahlungsbilanz bezieht sich somit immer nur auf einzelne Teilbilanzen. 11 Die Leistungsbilanz - als Teil der Zahlungsbilanz - erfasst alle Transaktionen von Waren (Handelsbilanz) und Dienstleistungen (Dienstleistungsbilanz), die in das Ausland geliefert und die von dort bezogen werden. Dazu kommen noch die Erwerbs- und Vermögensein-
4 Vgl. Gabler Wirtschaftslexikon (2009)
5 Vgl. Samuelson, Paul und Nordhaus, William (2007), S. 441
6 In seinem Buch England's Treasure By Foreign Trade verfasste er folgende These: „Das gewöhnliche Mittel
unsern Staatsschatz zu vermehren, ist der Außenhandel, wobei wir folgende Regel beachten müssen: jährlich an
Ausländer mehr verkaufen, als wir von ihnen verbrauchen.“ (Vgl. Economic (2009))
7 Clement, Reiner, Terlau, Wiltrud und Kiy, Manfred (2006), S. 92
8 Dazu gehören statistisch gesehen auch ausländische Gastarbeiter und Unternehmen in ausländischem Eigen-
tum mit Sitz im Inland.
9 Eine graphische Darstellung sowie eine genaue Erläuterung zu allen Teilbilanzen befinden sich in Anhang Nr. 1
und 2
10 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (2006), S. 258
11 Vgl. Kutschker, Micheal und Schmid, Stefan (2008), S. 147
3
kommen und die laufenden Übertragungen. Im Falle eines Gleichgewichts der Leistungsbilanz spricht man von einem außenwirtschaftlichen Gleichgewicht. 12 Es ist jedoch zu beachten, dass eine ausgeglichene Leistungsbilanz ihrerseits auch mit Überschüssen oder Defiziten in der Handels-, Dienstleistungs- und Devisenbilanz verbunden sein kann. 13 Daher ist es wirtschaftspolitisch grundsätzlich zweckmäßig, sich nicht nur an einer Teilbilanz der Zahlungsbilanz zu orientieren, sondern deren außenwirtschaftlichen Informationswert durch eine kombinierte Analyse mehrerer Aspekte zu erhöhen. 14 Ein Überschuss in der Leistungsbilanz bedeutet grundsätzlich, dass das Inland mehr Leistungen an das Ausland erbringt, als es von dort bezieht. Dies hat eine Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Ersparnisse des Inlandes zur Folge. Hingegen nimmt im Falle eines Leistungsbilanzdefizits die Verschuldung gegenüber dem Ausland zu, wodurch Finanzierungsprobleme entstehen können. Ein weiteres Problem eines Leistungsbilanzdefizits besteht darin, dass die binnenwirtschaftliche Entwicklung und die nationale Wirtschaftspolitik unter Umständen unerwünschten Auslandseinflüssen ausgesetzt werden. Einige Länder, wie z.B. Japan erwirtschaften (fast) immer einen Überschuss in der Leistungsbilanz, während z.B. die Leistungsbilanz der USA zumeist hoch defizitär ist. 15
3.2 Besondere Merkmale der Handelsbilanz
Die Handelsbilanz wird in der Literatur als die wichtigste Unterbilanz der Leistungsbilanz angesehen. 16 Grundsätzlich gibt die Handelsbilanz sowohl detailierte Auskünfte hinsichtlich der Art der ein- und ausgeführten Güter (Sortimentseffekt) als auch über die Absatz- und Herkunftsländer der gehandelten Güter (Regionaleffekt). 17
In der Handelsbilanz werden nur Warenströme erfasst, die nach Ausschaltung des Transit-handels 18 die Grenzen überschreiten. Es werden somit nur die grenzüberschreitenden Warentransaktionen erfasst, die mit einer Eigentumsübertragung zwischen In- und Ausländern verbunden sind. 19 In der Handelsbilanz werden auch Warenströme erfasst, die der aktiven und passiven Veredelung dienen. Unter der aktiven Veredelung wird die zollbegünstigte Veredelung von ausländischen Waren im Zollgebiet sowie die besonders zugelassene Be- oder Verarbeitung von ausländischen Waren, z.B. die Instandsetzung von Spezialmaschinen, verstanden. Die passive Veredelung stellt hingegen eine zollbegünstigte Veredelung von inländischen Waren im Ausland dar. Die zur Veredelung die Grenze überschreitenden Wa-
12 Seit1967 ist in Deutschland das Ziel des Außenwirtschaftlichen Gleichgewichts im Gesetz zur Förderung der
Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft, dem Stabilitätsgesetz, festgelegt. (Vgl. Bartling, Hartwig und Luzius,
Franz (2008), S. 295f.)
13 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (2006), S. 260
14 Vgl. Bartling, Hartwig und Luzius, Franz (2008), S. 295f.
15 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (2006), S. 258
16 Vgl. Clement, Reiner, Terlau, Wiltrud und Kiy, Manfred (2006), S. 104
17 Vgl. Clement, Reiner, Terlau, Wiltrud und Kiy, Manfred (2006), S. 97
18 Unter Transithandel wird der Handel verstanden, dessen Anfangs- und Endpunkte außerhalb des Staatsgebie-
tes liegen. Daher sind beim Transithandel immer mindestens drei Staaten beteiligt.
19 Vgl. Clement, Reiner, Terlau, Wiltrud und Kiy, Manfred (2006), S. 93
4
ren werden dabei wertmäßig mit ihrem Ein- bzw. Ausfuhrwert erfasst, obwohl sie nicht in das Eigentum des „Veredelers“ übergehen. 20
Zur Bewertung der Im- und Exporte innerhalb der Handelsbilanz werden Incoterms (International Commercial Terms) verwendet. Die Bewertung der Exporte erfolgt dabei nach dem Prinzip des free on board (fob). Dies entspricht dem Wert der Ware an der Zollgrenze des ausführenden Landes einschließlich der bis dahin angefallenen Fracht- und Versicherungskosten. Importe werden zu cost insurance freight (cif), dem Wert der Leistungen an der Zollgrenze des importierenden Landes, bewertet. 21 Cif beinhaltet daher zusätzlich zu fob die Transport- und Versicherungskosten zwischen den Zollgrenzen des Export- und Importlandes. 22 Zum Teil werden Importe auch zu fob des exportierenden Landes ausgewiesen. In diesem Fall muss jedoch der Differenzwert der Transport- und Versicherungsleistungen in der Dienstleistungsbilanz des importierenden Landes berücksichtigt werden. So wird eine Veränderung des Gesamtsaldos der Leistungsbilanz ausgeschlossen. Ein grundsätzliches Problem ist, dass aufgrund unterschiedlicher Erfassungsmethoden und Bewertungsarten die Werte von Waren beim Vergleich von Handelsbilanzen verschiedener Länder stark von ein-ander abweichen können. So entsprechen in manchen Fällen die Exporte von Land A nicht den Importen von Land B. Eine Tendenz, die mit zunehmender Entfernung zweier Länder ansteigt. 23 Um jedoch eine internationale Vergleichbarkeit der Handelsbilanzen zu ermöglichen, werden gemäß den Regeln des Internationalen Währungsfonds (IWF) die jährlichen Ein- und Ausfuhrwerte zu fob bewertet. 24
Ein Problem, durch das die Aussagefähigkeit der Handelsbilanz beeinträchtigt wird, ist, dass in der Praxis viele international agierenden Unternehmen dazu übergehen, ihre Waren aus steuer- und zollrechtlichen Gründen bei internationalen Transaktionen unterzubewerten. Dies hat zur Folge, dass Intercompany-Verrechnungspreise nicht den realen Warenwert repräsentieren und somit der eigentliche Warenaustausch zwischen zwei Ländern nicht korrekt erfasst wird. 25
In der in Deutschland durch die Deutsche Bundesbank veröffentlichten Zahlen über den Au-ßenhandel, wird bei der Erfassung zwischen den Begriffen Spezialhandel und Generalhandel unterschieden. Diese Unterteilung hat den Zweck, den Außenhandel bei gleichzeitiger Berücksichtigung des Lagerverkehrs zu ermitteln. Unter dem Begriff Lager werden in diesem Zusammenhang Freihafenlager und Zolllager zusammengefasst. In diese können ausländische Unternehmen ihre Waren unverzollt einführen, soweit diese für den Auslandsabsatz bestimmt sind oder noch nicht feststeht, wohin sie endgültig geliefert werden sollen. Mit Hilfe
20 Vgl. Clement, Reiner, Terlau, Wiltrud und Kiy, Manfred (2006), S. 93
21 Vgl. Brümmerhoff, Dieter (2007), S. 200
22 Vgl. Clement, Reiner, Terlau, Wiltrud und Kiy, Manfred (2006), S. 93f.
23 Vgl. Statistisches Bundesamt (2007)
24 Vgl. Stobbe, Alfred (1994), S. 262
25 Auf den besonderen Einfluss von Wechselkursänderungen auf die Handelsbilanz wird unter Punkt 4.1 näher
eingegangen.
5
dieser Unterscheidung wird das Ziel erreicht, dass in der Handelsbilanz jene Waren, die aus dem Ausland stammen, sich in einem Lager befinden und auch wieder für den Auslandsabsatz bestimmt sind, gesondert dargestellt werden. 26
3.3 Formen der Handelsbilanz
Grundsätzlich lässt sich bei der Handelsbilanz zwischen drei Formen unterscheiden. Eine ausgeglichene Handelsbilanz liegt genau dann vor, wenn die Exporte den Importen entsprechen und die Nettoexporte 27 somit gleich null sind. Ein Handelsbilanzüberschuss ist dadurch gekennzeichnet, dass der Wert der Exporte den Wert der Importe übersteigt. Die Nettoexporte sind bei einem Handelsbilanzüberschuss größer als null. 28 In der Literatur werden die Vorteile eines Handelsbilanzüberschusses vor allem darin gesehen, dass dieser zur Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze in Exportindustrien, zur Ausnutzung von Massenproduktions- und Spezialisierungsvorteilen, zum Aufbau von finanziellen Rücklagen und letztendlich zur Finanzierung der Importe (z.B. Rohstoffe, Endprodukte, Techniken) beiträgt. 29 Als Nachteil zu hoher Handelsbilanzüberschüsse wird in der Literatur hingegen die große Abhängigkeit von der wirtschaftlichen Situation in den Abnehmerländern, die Gefahr der Überdeckung bestehender Strukturschwächen sowie - bei dauerhaften Überschüssen - die Gefahr der Aufwertung der heimischen Währung aufgrund von hohen Devisenzuflüssen genannt. 30 Bei einem Handelsbilanzdefizit liegt der Wert der exportierten Waren und Dienstleistungen unter dem Wert der importierten Waren und Dienstleistungen. Die Nettoexporte sind demzufolge negativ. Grundsätzlich ist die Aussagefähigkeit eines Handelsbilanzdefizits stark eingeschränkt. Es können zum Beispiel keine Rückschlüsse auf den Arbeitsmarkt eines Landes gezogen werden, da trotz eines hohen Handelsbilanzdefizits ein positiver Arbeitsmarkteffekt möglich ist, wenn arbeitsintensive Güter exportiert und kapitalintensive Güter importiert werden. 31
4 Einflussgrößen und deren Effekte auf die Handelsbilanz
In der Praxis beeinflussen verschiedene Faktoren den Außenhandel und damit die Handelsbilanz. Die jeweiligen Einflussfaktoren treten dabei jedoch weniger isoliert, als vielmehr in der Form auf, dass sie sich gegenseitig beeinflussen. Als Einflussfaktoren auf das Im- und Ex-portvolumen eines Landes gelten die allgemeine konjunkturelle Lage eines Landes, Realeinkommensänderungen, Veränderungen von Güterpreisen, die allgemeine Wettbewerbsfähigkeit des In- oder Auslands, die Im- und Exportelastizität eines Landes, makroökonomische
26 Vgl. Clement, Reiner, Terlau, Wiltrud und Kiy, Manfred (2006), S. 94; Eine weiterführende Grafik sowie Erklä-
rungen befinden sich in Anhang Nr. 3
27 Nettoexporte = Exporte - Importe
28 Vgl. Mankiw, Gregory (2004), S. 738f.
29 Vgl. Clement, Reiner, Terlau, Wiltrud und Kiy, Manfred (2006), S. 92
30 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (2006), S. 260ff.
31 Vgl. Deutscher Bundestag (2009)
6
Arbeit zitieren:
Christian Bach, 2010, Die Bedeutung der Handelsbilanz, München, GRIN Verlag GmbH
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