Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
1.1 Die Abstraktheit begrifflichen Denkens 3
1.2 Zielsetzung und Herangehensweise 4
2. Der Status von Allgemeinbegriffen 5
2.1 Der Universalienstreit 5
2.2 Universalien und Individuen 7
3. Verallgemeinerung und Konkretisierung in der Philosophie 9
3.1 Das Subjekt aus philosophischer Sicht 9
3.2 Deduktion und Induktion 10
3.3 „Individuum est ineffabile“ 11
4. Schlussbemerkungen 13
4.1 Resümee und Stellungnahme 13
4 2 A u s b l i c k 1 4
5. Literaturverzeichnis 16
2
1. Einleitung
1.1 Die Abstraktheit begrifflichen Denkens
Eines der Grundprobleme der Philosophie stellt seit je her das Verhältnis zum konkreten Leben dar. Die Schwierigkeit besteht zunächst im Bestreben der philosophischen Disziplin, die menschliche Existenz zu erfassen. Um dies zu ermöglichen, müsste sich der Philosoph allerdings gemäß Fichte aus der „Befangenheit des Lebens“ lösen 1 . Die subjektive Befangenheit verhindert eine wirkliche, objektive Erkenntnis. Die einzige annehmbare Möglichkeit für dieses Problem ist demnach, sich durch Reflexion ein Stück weit aus dieser naturgemäßen Befangenheit zu lösen, um Abstand zum Gegenstand der Erkenntnis zu gewinnen. Da man sich jedoch niemals völlig distanzierten kann und auch als Philosoph selbst in der eigenen Existenz verhaften bleibt, ist das Resultat solcher Bemühungen im besten Falle Spekulation.
Im Anschluss daran stellt sich die Frage, wie die Philosophie überhaupt das Leben und die menschliche Existenz erfassen kann. Der Bezug zwischen Philosophie und Leben gilt als eines der bedeutendsten Themen philosophischer Diskurse im 19. und 20. Jahrhundert. Im Zuge dessen gewann die subjektive Existenz an Bedeutung und wurde zum wichtigsten Gegenstand der Philosophie. Im Gegensatz zum „Wesen“ der Menschen ging es vermehrt um den praktischen Lebensvollzug als Quelle der Erkenntnis, da sich nur darin seine Existenz äußere. So legte bereits Martin Heidegger den Fokus auf das konkrete „In der Welt-Sein“ der Menschen 2 .
Die subjektive Wende in den Wissenschaften verstärkte allerdings das bereits bestehende basale Problem der Philosophie. Denken ist grundsätzlich immer abstrakt und kann niemals einen konkreten Gegenstand gänzlich erfassen. Auch Begriffe und theoretische Überlegungen sind notwendigerweise vom Ausgangspunkt abstrahiert. So gesehen kann die Philosophie nicht erfassen, worum es ihr eigentlich geht: Die konkrete menschliche Existenz. Da das Subjekt ständigen Veränderungen unterworfen ist, kann auf der gedanklichen Ebene eine Abstraktion nur unter Berücksichtigung der unveränderlichen Parameter erfolgen. Die konkrete Einzelexistenz kann eben nicht „gedacht“ werden, nur das dieser Existenz Zugrundeliegende kann gedanklich erfasst werden.
Ein theoretisches Mittel zur Bewältigung dieses Problems stellt die Induktion dar, mit welcher vom Individuum ausgehend allgemeine Schlüsse gezogen werden.
Die Verallgemeinerung ist nicht schlechthin ein Mittel der Philosophie, sondern ein generell wissenschaftliches Verfahren, das nötig ist, um Gegenstände und Sachverhalte theoretisch reflektieren zu können.
Aristoteles nimmt in seiner Kategorienschrift eine sprachtheoretische Einteilung vor, in der er die verschiedenen Aussagemöglichkeiten über die Welt in eine Ordnung bringt.
1 G. Gamm (2009), 22.
2 G. Gamm (2009), 29ff.
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Die ontologische Hierarchie verdeutlicht, dass eine Wissenschaft der Individuen perse nicht möglich ist. Die ersten Wesen in der aristotelischen Kategorienlehre als unteilbare Basis des gesamten Seins und Aussagens können wissenschaftlich als solche nicht zum Gegenstand der Betrachtung gemacht werden. Aussagen über das Seiende sind demzufolge nur durch das Mittel der Abstraktion möglich.
„Individuum est ineffabile“ im aristotelischen Sinne bedeutet, dass das Individuum in seiner konkreten Existenz nicht (wissenschaftlich) zu erfassen ist.
1.2 Zielsetzung und Herangehensweise
Das angedeutete problematische Verhältnis zwischen Philosophie und Leben, beziehungsweise zwischen Begriff und Existenz spiegelt sich unter anderem auch in der Kategorienschrift von Aristoteles wider, der den einzelnen Menschen als unteilbare Basis an das Ende der ontologischen Hierarchie setzt.
Anhand der verschiedener philosophischer Texte soll im Folgenden exemplarisch aufgezeigt werden, auf welche Weise dieses Problem in einer Einteilung der Aussagemöglichkeiten über Mensch und Welt, und damit korrelierend die Beziehung zwischen Allgemeinem und Einzelnem philosophisch diskutiert wurde.
Im Zuge dessen möchte ich verschiedene Positionen des vor allem im Mittelalter entstandenen „Universalienstreites“ erläutern und das problematische Verhältnis von Begriff und Wirklichkeit herausstellen. Hierbei soll zunächst untersucht werden, welcher Status Allgemeinbegriffen in einer theoretischen Reflexion zukommt und wie dessen Bezug zum Individuellen einzustufen ist.
Ich möchte darüber hinaus hinterfragen, welche Stellung dem Subjekt in der antiken und modernen Philosophie zukommt und welche Rolle dieses Verständnis vom Einzelnen in erkenntnistheoretischen Zusammenhängen spielt.
Im Kontext dieser Überlegungen möchte ich des Weiteren der in der Philosophie kontrovers diskutierten Frage nachgehen, ob es überhaupt „Universalien“ geben kann, die eine Verallgemeinerung der individuellen Erscheinungsformen darstellen, oder ob es sich bei Allgemeinbegriffen lediglich um gedankliche Einteilungskriterien handelt. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Argumente für und gegen diese Aspekte abzuwägen und abschließend einen Versuch zur Beantwortung der Frage zu unternehmen, ob das Individuum in der Philosophie zu „fassen“ ist und wenn ja, unter welchen Bedingungen und mit welchen Mitteln dies zu erreichen ist.
Zunächst folgt eine kurze Darstellung des „Universalienproblems“ als Grundlage verschiedener philosophischer Entwicklungen. Daran anknüpfend soll der Status von Universalien und Individuen betrachtet werden, um dem wissenschaftlichen Problem der unzureichenden Erfassung des Subjektes durch theoretische Aussagen und Rückschlüsse näher zu kommen.
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2. Der Status von Allgemeinbegriffen
2.1 Der Universalienstreit
Die Frage nach dem Status von Allgemeinbegriffen hat kontroverse Diskussionen ausgelöst, die sich in der mittelalterlichen Philosophie zuspitzten. Der „Universalienstreit“ oder das „U- niversalienproblem“ drehtesich zunächst um die Frage, ob Allgemeinbegriffe unabhängig existieren, oder sich nur im jeweiligen Kontext des menschlichen Denkens und Aussagens äußern. Dass Allgemeinbegriffe im Sprachgebrauch Verwendung finden, steht dabei außer Frage, es ist jedoch umstritten, ob es sich dabei um eigenständig vorkommende Bezeichnungen mit einem realen Bezug zur Wirklichkeit handelt, oder ob Universalien als rein menschliche Konstruktionen zu betrachten sind, die nur in den jeweiligen Einzeldingen begrifflich existieren. Es stellt sich im Zuge dessen demnach die basale Frage, ob Universalien ein „eigenes Dasein“ haben 3 .
Der Hauptimpuls dieser Diskussion stammt von der breiten Rezeption der philosophischen Werke von Aristoteles. Im Zuge dessen erlebte die philosophische und allgemein geisteswissenschaftliche Disziplin eine Art Paradigmenwechsel, welcher durch eine Aufwertung von Singularität und Individualität gekennzeichnet war 4 . So liefert Porphyrius in seinem Vorwort zur Isagoge einen entscheidenden Impuls für den später folgenden Universalienstreit. In diesem kurzen Abschnitt werden die relevanten Fragen für die spätere Diskussion formuliert, wie etwa die Frage, ob Gattungen und Arten im Sein bestehen oder nur im Gedanken, ob diese als Körper oder körperlose Wesen zu betrachten wird und sie getrennt vom sinnlich Erfahrbaren existieren 5 .
Im Zusammenhang der Beantwortung dieser Fragen sind zwei Richtungen in der Diskussion zu nennen. Einerseits die Annahme, dass eine grundlegende Unterscheidung zwischen Einzeldingen und Universalien zu unterstellen ist, andererseits wird von Universalien als „Bündel von Einzeldingen“ beziehungsweise von Einzeldingen als „Bündel ihrer Eigenschaften“ ausgegangen 6 .
Anhand der philosophischen Kontroverse im Mittelalter lassen sich vier Standpunkte zu dieser Frage unterscheiden, die sich im weiteren Verlauf der Philosophiegeschichte zu eigenständigen Schulen entwickelten. Eine Position stellt die der Realisten dar. Dabei kann man zwischen dem sogenannten platonischen und dem aristotelischen Realismus differenzieren. Für platonische Realisten stehen Allgemeinbegriffe vor der Erfahrung, sie existieren in Anlehnung an Platons Ideenlehre unabhängig von den Einzeldingen im Universum und sind als eine Art ursprüngliche Form der Vorkommnisse in der Welt zu betrachten. Einzeldinge sind demzufolge lediglich Abbilder dieser ideellen, göttlichen Form 7 .
3 W .Burley (o.J.), 116.
4 H. Wöhler (1994) Nachwort, 263ff.
5 A. Woyke (o.J.), 1.
6 F. P. Ramsey (1925), 41.
7 E. v. Glasersfeld (o.J.), 68.
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Arbeit zitieren:
Nicole Borchert, 2010, „Individuum est ineffabile“, München, GRIN Verlag GmbH
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