Gliederung
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1 I. Einleitung
3 II. Alamode-Sprache und Alamode-Kritik als Probleme der Zeit
3 II. 1. Alamode-Sprache
4 II. 2. Sprachpuristen und Sprachgesellschaften
6 II. 3. Grimmelshausen und die gelehrten Diskurse seiner Zeit
7 III. Grimmelshausen Traktat vom Teutschen Michel (1673)
7 III. 1. Entstehung und Komposition
8 III. 2. „Lustig zu lesen, aber ernst gemeint.“ Gehalt und Anliegen
11 III. 3. Quellenbezüge
12 IV. Aspekte der Purismuskritik im Teutschen Michel
12 IV. 1. Caput IV: „Noch von einer anderen Art Sprach-Verbesserer/ oder
wahrhaffter zu reden/ Teutsch-Verderber“
15 IV. 2. Interpretation: Sprache als Instrument des Heils
17 IV. 3. Caput V: „Daß es ( ) sehr unbequem und beschwerlich ja gleichsamb
unm üglich sey/ allen frembden Dingen teutsche Namen zu geben.“
19 IV. 4. Interpretation: Neue Dinge, neue Wörter
21 V. Schlussbetrachtung
23 VI Bibliographie
Vorliegende Arbeit widmet sich der Kritik Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausens (um 1622-1676) an den Sprachpuristen des 17. Jahrhunderts. Kernaspekte seiner Argumentation sollen anhand seines Traktats vom Teutschen Michel (1673) veranschaulicht und vor dem Hintergrund der sprachpraktischen und sprachphilosophischen Überlegungen der Zeit diskutiert werden. Natürlich kann auf dem hier zur Verfügung stehenden Platz weder Grimmelshausens Werk, noch das Spektrum des Sprachpurismus erschöpfend behandelt werden, weshalb sich die folgende Untersuchung auf die Capites IV. und V. des Traktats konzentriert. Diese Einschränkung ist aus zwei Gründen sinnvoll: Zum einen zeigen sie exemplarisch die sittlich-ethische, gleichzeitig aber pragmatische Sprachkritik, die Grimmelshausen auszeichnet. Zum anderen entwickelt er seine Argumentation hauptsächlich aus der Auseinandersetzung mit einem berühmt-berüchtigten Sprachpuristen, nämlich Philipp von Zesen (1619-1689), der hier somit als „Hauptgegner“ des Autors gelten kann. Zwar nimmt Zesen wegen seines rigides Purismus eine Sonderstellung unter den Sprachpuristen ein, aber gerade weil deren Ziele bei ihm ins Extreme gesteigert sind, bietet er dem Satiriker Grimmelshausen die größte Angriffsfläche. An ihm kann er sein purismuskritisches Raisonnement in anschaulicher Bearbeitung voll entfalten.
Das 17. Jahrhundert brachte für die deutsche Geschichte schwerwiegende Eingriffe: Im Verlauf der Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges bildete sich in den deutschen Staaten ein Nationalgefühl aus, das sich auch auf die Sprache an sich ausweitete. Sprachgebrauch und Sprachkritik des 17. Jahrhunderts können daher nicht isoliert betrachtet werden. Vielmehr sind sie in einem Koordinatensystem zu sehen, das von der Ausbildung des modernen Staates, erwachendem Nationalbewusstsein, höfischer- und Volkskultur, sowie religiöser Auseinandersetzung geprägt ist. Sprachliche Domänen sind der Hof als „melting pot“ der frühen Neuzeit, das Militär,
1 Die Zitate aus Grimmelshausens Traktat vom Teutschen Michel, sind mit der Sigle TM
gekennzeichnet. Es folgen Seitenzahl und Zeilennummer. Der Arbeit zugrunde liegt die Tübinger
Ausgabe von Rolf Tarot aus dem Jahr 1976: Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, Dess
weltberuffenen Simplicissimi Pralerey und Gepraeng mit seinem Teutschen Michel (1673), hrsg. von
Rolf Tarot, Tübingen 1976.
1
die Bereiche der Finanz und der Justiz, sowie die Konversations- und Komplimentiersprache. In eben diese Domänen sahen einige Zeitgenossen fremdsprachliche Einflüsse in gefährlichem Maße eindringen, gegen die es „sprachreinigend“ einzugreifen gelte.
Sprachpurismus liegt somit an einer Schnittstelle zwischen Sprach-, Literatur und Geistesgeschichte. Seine typischerweise stark ideologische Komponente hat zur Folge, dass die Diskussion oft im Zeichen von Nationalkultur und Nationalethos geführt werden musste.
Von rationalen wie irrationalen Kräften vorangetrieben, erscheint der Purismus in wechselnden, oft widersprüchlichen Formen als individuelle oder kollektive, elitäre oder populäre Tätigkeit. 2
Aufgabe dieser Arbeit ist daher auch zu zeigen, wie Grimmelshausen sich in diesem Koordinatensystem einordnet und aus diesem ihm eigenen Standpunkt heraus seine Kritik entwickelt. Mit den Sprachpuristen eint ihn das Vorgehen gegen die leichtfertige Mischung des Deutschen mit fremden Einflüssen, indes belässt er es nicht dabei: Zu den „Teutsch-Verderbern“ (TM 21, 21) zählen für ihn nämlich nicht nur die Sprachmischer, sondern auch die weltfremden Sprachtheoretiker und fanatischen Puristen, die anders als die „alten Teutschen“ (TM 28, 2) sogar längst eingebürgerte Fremdwörter rücksichtslos verdeutschen und eine archaistisch reformierte Orthographie einführen wollen. 3
Es wird zu zeigen sein, wie Grimmelshausen eine Kompromissstellung zwischen den Extremen bezieht und im Interesse eines Sprachgebrauches zur Feder greift, der sich weder ausländischen Modeerscheinungen, noch versponnenen
Intellektualismen unterwirft. Nach dem eingangs zitierten Motto „je gelehrter je verkehrter“ (TM 12, 7) bezieht er so nicht nur gegen die Sprachmischer, sondern auch gegen die Puristen Stellung.
Der Teutsche Michel hat zu Lebzeiten Grimmelshausens nur eine Auflage erfahren. 4 Auch sein Echo in der Forschung ist, verglichen mit der wahren Flut an Publikationen zu den simplicianischen Schriften, begrenzt. Ebensowenig gibt es eine kritische und
2 Jones, William Jervis, Sprachhelden und Sprachverderber. Dokumente zur Erforschung des
Fremdwortpurismus im Deutschen (1478-1750) (Studia linguistica Germanica 38), Berlin, New York
1995, S. 1.
3 Kühlmann, Wilhelm, Grimmelshausen. An- und Absichten eines vormodernen Modernen,
Heidelberg 2008, S. 91.
4 Breuer, Dieter, Grimmelshausen-Handbuch, München 1999, S. 235.
2
ausführlich kommentierte Edition. Die gründlichste und zugleich einzige eigenständige Untersuchung zum Teutschen Michel ist Gisbert Bierbüsses Dissertation von 1958. 5 Daneben existieren einige Aufsätze, mehr oder minder knappe Erwähnungen in Darstellungen allgemeinerer Natur, oder mit anderem Schwerpunkt und ein Kapitel im Breuers Grimmelshausen-Handbuch. 6
II. Alamode-Sprache und Alamode-Kritik als Probleme der Zeit
II. 1. Alamode-Sprache
Das „Alamodische“, also das sich an einer gewissen vorherrschenden Mode Orientierende, ist ein Phänomen der Sprachmischung des 17. Jahrhunderts und meint die Orientierung an Ausländischem in Sprache, Mode, Benehmen und Kultur. Als Vorbild diente vor allem das Französische, das im 16. Jahrhundert Latein als wichtigste Fremdsprache Europas ablöste und aufgrund der ökonomischen wie politischen Bedeutung Frankreichs alle Bereiche des kulturellen, gesellschaftlichen und militärischen Lebens durchdrang.
Im Reich schlug sich diese Entwicklung in der Einbürgerung und Nutzung von Fremd- und Lehnwörtern ab, die in vielfältiger Weise grammatisch verwandt wurden. 7 Diese „Fremdwortwelle“ führte in der Folge hauptsächlich unter gelehrten Personenkreisen zu einem Gefühl der kulturellen Überfremdung und dem damit einhergehenden Gefühl einer Bedrohung der nationalen Eigenart. Besonders seit den 1640ern Jahren regte sich Kritik gegen dieses Phänomen, die sich in Sprachpurismus und Sprachpatriotismus niederschlug.
Basis dieser „Alamode-Kritik“ ist die Identifizierung der deutschen Sprache mit ihren Sprechern und die Verbindung des Sprachgebrauchs mit bestimmten, dem Deutschen zugerechneten ethischen Qualitäten. 8
5 Bierbüsse, Gisbert, Grimmelshausens „Teutscher Michel“. Untersuchungen seiner Benutzung der
Quellen und seine Stellung zu den Sprachproblemen des 17. Jahrhunderts, Diss. Bonn 1958.
6 Breuer, Grimmelshausen-Handbuch.
7 Helfrich, Uta, „Sprachliche Galanterie?!“ Französisch-deutsche Sprachmischung als Kennzeichen
der Alamodesprache im 17. Jahrhundert, in: Das Galloromanische in Deutschland, hrsg. von
Johannes Kramer und Otto Winkelmann, Wilhelmsfeld 1990, S. 77-89, S. 78.
3
Eben diese Qualitäten erscheinen durch die vielgesichtige Verfälschung der Sprache bedroht und ein als spezifisch deutsch empfundenes Kongruenzverhältnis von Wirklichkeit, Sprache und Naturell der Sprecher ins gefährliche Ungleichgewicht gebracht. 9
II. 2. Sprachpuristen und Sprachgesellschaften
Der Dreißigjährige Krieg, der sich in vielerlei Hinsicht als Katastrophe für die deutschen Länder erwiesen hatte, brachte in seiner Konsequenz jedoch auch die Entwicklung eines Nationalgefühls und damit verbunden eine intensive Beschäftigung mit der deutschen Sprache mit sich. 10 Um 1640 wurde die linguistische Diskussion von ideologischen und politischen Zügen geprägt. Der sprachliche Nationalismus, der seine Wurzeln in der Reformation und im Humanismus hatte, erlebte mit der Verbreitung deutschsprachiger Literatur eine Blüte. Dabei spielte die Gründung der Sprachgesellschaften eine bedeutende Rolle, da sich in ihnen der organisierte Widerstand gegen die Erscheinungen des Alamode-Wesens bündelte. Bei ihnen handelte es sich um private Societäten, die in der Zeit von 1617 bis 1658 in deutschsprachigen Territorien gegründet wurden und meist noch im 17. Jahrhundert wieder zu bestehen aufhörten. 11 Hauptaufgabe dieser Gesellschaften war die „Spracharbeit“, worunter nicht nur das Bemühen um die Reinheit der mit Fremdwörtern vielerlei Herkunft durchsetzten deutschen Sprache zu verstehen ist, sondern auch die in gemeinsamem Bemühen angestrebte Erforschung und Förderung der eigenen Sprache und Literatur mit dem Ziel, sie innerhalb der europäischen Literatur zur Geltung zu bringen und neu zu beleben.
8 Gardt, Andreas, Sprachreflexion in Barock und Frühaufklärung. Entwürfe von Böhme bis Leibnitz
(Quellen und Forschungen zur Sprach- und Kulturgeschichte der germanischen Völker N.F. 108=232),
Berlin, New York 1994, S. 166.
9 Gardt, Sprachreflexion in Barock und Frühaufklärung, S. 169.
10 Polenz, Peter von, Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart, Bd. 2: 17.
und 18. Jahrhundert, Berlin, New York 1994, S. 108.
11 Polenz, Peter von, Die Sprachgesellschaften und die Entstehung eines literarischen Standards in
Deutschland, in: History of the Language Sciences. Geschichte der Sprachwissenschaften. Histoire
des sciences du langage. An International Handbook on the Evolution of the Study of Language from
the Beginnings to the Present / Ein internationales Handbuch zur Entwicklung der Sprachforschung
von den Anfängen bis zur Gegenwart (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 18),
hrsg. von Sylvain Auroux, et al., Bd. 1, Berlin und New York 2000, S. 827-840.
4
Diese Ambitionen der Sprachgesellschaften sprechen am deutlichsten aus dem 2. Abschnitt der Satzungen der 1617 gegründeten „Fruchtbringenden Gesellschaft“, in dem verlangt wurde, dass
„man die Hochdeutsche Sprache in ihrem rechten Wesen und Stande, ohne einmischung
frembder und ausländischer Wort aufs möglichste und thunlichste enthalte, und sich so wol
der besten Aussprache im reden als der reinsten Art im schreiben und Reime-dichten
befleißigen.“ 12
Hierüber geht Philipp von Zesens 1643 13 gegründete „Deutschgesinnte Genossenschaft“ hinaus, indem sie die Sprache nicht nur lediglich rein erhalten, sondern sogar durch die Entfernung bereits gebräuchlich gewordener Fremdwörter verbessern will. In den Satzungen heißt es:
„Daß gemelter Hochdeutschen Sprache eigene angebohrene grundzierde nicht allein erhalten
und vor allem fremden unwesen und gemische bewahret: sondern auch (...) alles
eingeschlichene unreine (...) abgeschaffet und in ein besseres, wo immer thunlich, verändert
werde.“ 14
Zesen verkörperte für seine Zeitgenossen die sprachliche Reinheits-Ideologie in extremer Form und nahm unter den Sprachpuristen eine durchaus isolierte Sonderstellung ein. Seine Person bewegte über seine Lebenszeit hinaus zur Beschäftigung mit seinen Thesen und polarisierenden Äußerungen. 15 Er trat in seinen Schriften nicht nur für einen stark eingeschränkten Fremdwortgebrauch ein, sondern wandte sich auch nachhaltig gegen den Gebrauch „fremder“, das heißt lateinischer und griechischer Buchstaben. Hierzu leistete er eine immense Übersetzungsarbeit, indem er etwa die Fachsprache der Metrik und die Begrifflichkeiten der Grammatik verdeutschte und versuchte, in der deutschen Sprache Äquivalente für Fremdwörter des Kriegswesens zu finden. 16
12 Satzungen der Fruchtbringenden Gesellschaft, in: Otto, Karl Frederick Jr., Die Sprachgesellschaften
des 17. Jahrhunderts (Sammlung Metzler Band 109), Stuttgart 1972, S. 28.
13 Das Datum der Gründung ist in der Forschung jedoch nicht zweifelsfrei geklärt. Vgl.: Ingen, Zesen,
S. 91.
14 Satzungen der Deutschgesinnten Genossenschaft, zit. nach: Scholz, Sprachgesellschaften, S. 88.
15 Vgl.: Ingen, Ferdinand van, Philipp von Zesen (Sammlung Metzler Nr. 96), Stuttgart 1970, S. 1-25
16 Vgl.: Blume, Herbert, Zur Beurteilung von Zesens Wortneubildungen, in: Philipp von Zesen 1619-
1969. Beiträge zu seinem Leben und Werk, hrsg. von Ferdinand van Ingen, Band I, Wiesbaden 1972,
S. 253-273.
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Arbeit zitieren:
Christian Lannert, 2009, „je gelehrter je verkehrter“, München, GRIN Verlag GmbH
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