Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 4
2 Definition(en) von Familie 7
3 Definition von Bildung 9
4 Die Familie im Wandel. 15
4.1 Die Familie im historischen Wandel 16
4.2 Familie(nformen) im sozialen Wandel - Die Individualisierungsthese 18
4.2.1 Weitere theoretische Erklärungsansätze für den sozialen Wandel der Familie 21
4.2.2 Die Rollenverteilung innerhalb der Familie - Karrierefrauen und Hausmänner 24
5 Zur Bedeutung verschiedener Familienformen 28
5.1 Die traditionelle Kleinfamilie 28
5.2 Die Ein-Eltern-Familie 29
5.3 Patchwork- und Stief-Familien. 35
5.4 Die Benachteiligung verschiedener Familienformen. 37
6 Funktionsverlust oder Funktionsverlagerung? 40
6.1 Die Funktionen der Familie 41
6.2 Alltägliche Lebensführung 45
7 Sozialisation in der Familie. 47
7.1 Verschiedene Aspekte der Sozialisation. 51
7.1.1 Erziehungsstile. 51
7.1.2 Zum Leseverhalten von Kindern und Jugendlichen 54
7.1.3 Geschlechterrollen 56
7.1.4 Die besondere Bedeutung der Geschwister 57
7.2 Gesellschaftliche Sozialisation: der Habitus. 59
2
7.3 Sozialisation in Schule und Gleichaltrigengruppe. 62
8 Familie und soziale Ungleichheit. 66
8.1 Der soziale Raum nach Pierre Bourdieu. 67
8.2 Ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital 70
8.2.1 Kulturelles Kapital in der Familie 73
8.2.2 Soziales Kapital in der Familie. 75
8.2.3 Das Konzept der intergenerativen Transferbeziehung. 78
9 Bildungsverantwortung. 81
9.1 Trennung von lebensweltlicher und institutioneller Bildung. 82
9.1.1 Lebensweltliche Bildung von Kindern und Jugendlichen 86
9.1.2 Zum Zusammenhang von Lebenslage und Bildungserfolg 90
9.2 Überwindung der Differenz zwischen Elternhaus und Schule 94
9.2.1 Familienbildung - Elternbildung. 97
9.2.2 Eine Schule für alle Kinder? 102
10 Schlussbetrachtung. 105
Literaturverzeichnis 107
Abk ürzungen. 120
Anhang. 121
3
Selbstentfaltung und die Einmaligkeit jedes Einzelnen und ist darauf gerichtet,
die Würde des Menschen gegen die Vereinnahmung fremdgesetzter Zwecke zu
betonen.“ 1
1 Einleitung
In der gesellschaftlichen Öffentlichkeit sowie der (bspw.
erziehungswissenschaftlichen bzw. soziologischen) Fachwelt wird immer wieder die Frage diskutiert, von welchen Faktoren der Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen abhängig sei und wie die Chancen von Heranwachsenden auf eine erfolgreiche Bildung verbessert und optimiert werden können sowie welchen Stellenwert die Familie dabei hat. Im Rahmen meiner Diplomarbeit möchte ich mich nun diesem Thema widmen und mich kritisch mit folgender Fragestellung auseinandersetzen: Inwieweit beeinflusst die Herkunftsfamilie den Bildungserwerb von Kindern und Jugendlichen?
Da Kinder bereits vor Eintritt in die Schule Bildung und Erziehung erfahren und die primäre Sozialisation innerhalb der Kernfamilie stattfindet, möchte ich klären, welche Faktoren sich besonders auf den Bildungserwerb auswirken. Sobald es um Bildung geht, muss diese gemessen werden. Hier soll dies einerseits u.a. anhand von Schulformen und -abschlüssen erfolgen. Andererseits möchte ich berücksichtigen, welche weiteren Kompetenzen und Fähigkeiten, auch bezüglich der Persönlichkeitsentwicklung, durch die Familie vermittelt werden.
Um über Familie sprechen zu können, muss zunächst eine Definition erfolgen, die keinesfalls so einheitlich und klar ausfallen kann, wie man zunächst vermutet werden könnte. Die Institution Familie und die Bedeutung der Familie haben im Laufe der Zeit einen Wandel erlebt, den ich kurz beschreiben möchte, um die aktuelle Situation der Familie bzw. der Familienformen zu verdeutlichen.
1 Vgl. Tippelt, Rudolf; Bildung als pädagogisches Anliegen; In: Lindner, Werner / Thole, Werner /
Weber, Jochen (Hrsg.); Kinder- und Jugendarbeit als Bildungsprojekt. S. 33-45 Leske + Budrich,
Opladen. 2003. S. 34
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Ein Faktor, der den Bildungserwerb von Kindern beeinflussen kann, ist die Familienform, in der sie aufwachsen. Durch die Pluralisierung der Lebensformen und der zunehmenden Individualisierung haben sich verschiedene Familienformen (z.B. Ein-Eltern-Familien, Patchwork- oder Stief-Familien, Familien mit gleichgeschlechtlichen Paaren) entwickelt, denen heute eine stärkere Beachtung geschenkt wird als in der vorindustriellen Zeit, als sie nur als defizitäre „Notlösung“ galten. Neben den Familienformen hat sich auch die Rollenverteilung der Eltern verändert, hier besonders stark die Rolle der Frau.
Ich möchte nun zunächst exemplarisch untersuchen, ob die Sozialisation in den verschiedenen Familienformen mit Kindern unterschiedlich verläuft und ob sich daraus Vorteile oder Nachteile für die Kinder, die in diesen Familienformen aufwachsen, ergeben. Zur Bedeutung der Geschwister werde ich später noch ausführlicher kommen, wenn es um die Vermittlung bestimmter Fähigkeiten durch die Kernfamilie geht.
Um zu erkennen, ob die Sozialisation in der Familie optimal für das Kind abläuft, muss man festlegen, welche Funktionen eine Familie erfüllen und welche grundlegenden Fähigkeiten sie den Kindern vermitteln sollte. Zuerst werde ich allgemein die Funktionen der Familie beschreiben und in einem weiteren Kapitel ausführlicher auf einige Fähigkeiten (z.B. Lesekompetenz) eingehen, welche die Familie ebenfalls grundlegend fördern sollte.
Bildung ist immer noch an soziale Herkunft gekoppelt, also an die Zugehörigkeit zu einem bestimmten sozialen Milieu. Kann eine Familie ihr Kind abhängig vom sozialen Milieu in seinem Bildungserwerb unterstützen? Bestehen die sozialen Ungleichheiten bezüglich der Bildung, die eine Familie „vererben“ kann? Um diesen Fragen nachzugehen, möchte ich zunächst das Konzept der sozialen Ungleichheit anhand der Theorie des „Sozialen Raums“ und der Kapitalarten nach BOURDIEU verdeutlichen. So wird klar, dass Familien ihren Kindern unterschiedliches „Startkapital“ zur Verfügung stellen können. Evtl. ist dieses Startkapital ausschlaggebend für den Bildungserwerb der Kinder. Neben dem Startkapital vermitteln Eltern ihren Kindern Werte und Orientierungsmuster auf unterschiedliche Art und Weise, z.B. durch unterschiedliche
5
Erziehungsstile. Diese Erziehungsstile begünstigen bestimmte
Persönlichkeitsmerkmale, die wiederum durch eine Zugehörigkeit zu einem sozialen Milieu bedingt sein können. Ein Erziehungsziel kann z.B. die Lesekompetenz sein, die äußerst wichtig ist, um in der Schule erfolgreich zu sein. Neben der Sozialisation durch die Familie spielen auch die Gleichaltrigen oder die Institution Schule eine Rolle. Auf diese beiden Aspekte werde ich nur kurz eingehen, da das Hauptaugenmerk auf der Herkunftsfamilie liegt.
Um zu verdeutlichen, dass Kinder durch die Familie nicht nach Belieben und völlig frei von gesellschaftlichen Zwängen bzw. Forderungen sozialisiert werden, werde ich das Konzept des Habitus vorstellen, das die gesellschaftlichen Aspekte und die Problematik des Zusammentreffens unterschiedlicher sozialer Milieus erklären kann. Diese Problematik der unterschiedlichen Passung von familialen
Orientierungsmustern oder Verhaltensweisen und anderen, institutionellen Systemen (Schule, Arbeitsplatz) wird auch in der Trennung von lebensweltlicher und institutioneller Bildung deutlich. Hier können sich für manche Kinder Konflikte ergeben, die sie nicht durch ihre gewohnten Kommunikations- oder Handlungsweisen lösen können. So entsteht das Problem, dass diese Kinder nicht die geforderten Leistungen erbringen können, da sie „nicht die gleiche Sprache sprechen“ wie LehrerInnen oder MitschülerInnen. Da stellt sich die Frage, ob das Prinzip der Meritokratie, also „Chancen durch Leistung“ so umgesetzt Sinn ergibt, oder ob ein anderes Prinzip, mit anderen Maßstäben oder eine andere Definition von Leistung (die sich momentan an der Mittelschicht und an Erwerbstätigkeit orientiert) notwendig ist. Wenn davon ausgegangen wird, dass dieses Prinzip in unserer Gesellschaft umgesetzt wird, jedoch nicht alle Kinder die gleichen Chancen haben, stellt sich die Frage, an welchen Stellen die Pädagogik ansetzen kann, um der angestrebten Chancengleichheit näher zu kommen. So kann auf der einen Seite mit der Familie und ihren einzelnen Mitgliedern gearbeitet werden, indem Konzepte zur Familienbildung entwickelt und umgesetzt werden.
Schule versucht eine kompensatorische Erziehung, da sie einerseits von Defiziten der „Unterschichtkinder“ ausgeht. Andererseits kann (oder muss) auch die Institution Schule eine Veränderung durchlaufen, um die vielzitierten Defizite mancher Kinder abzubauen und allen Kinder die gleichen Bildungschancen zu ermöglichen,
6
unabhängig davon, welche Kompetenzen und Fähigkeiten ihnen ihre Herkunftsfamilie vermittelt (hat). Sobald die Defizite erkannt sind, kann man die Schuld nicht mehr allein den Eltern zuschreiben. Auch Lehrerinnen und Lehrer (und auch pädagogische Fachkräfte) müssen aktiv werden und den Kindern eine Lernumwelt anbieten, die sie anregt, ihre Fähigkeiten einzusetzen um sich weiter zu entwickeln und so ihren Platz in der Gesellschaft finden zu können.
2 Definition(en) von Familie
Im Allgemeinen bezeichnet der Begriff Familie eine biologische, wirtschaftliche und geistig-seelische Lebensgemeinschaft von Menschen unterschiedlicher Generationen, die aber nicht unbedingt miteinander verwandt sein müssen. Die Soziologin NAVE-HERZ sieht Familie als eine Eltern-Kind-Beziehung und unterscheidet zwischen Drei-Generationen-Familie, Eltern-Familie sowie Ein-Eltern-Familie (Mutter- oder Vater-Familie).
Die Definition des Statistischen Bundesamtes fasst den Begriff Familie sehr weit: „ „Als Familie im Sinne der amtlichen Statistik zählen- in Anlehnung an
Empfehlungen der vereinten Nationen- Ehepaare ohne und mit Kind(ern)
sowie alleinerziehende ledige, verheiratet getrennt lebende, geschiedene
und verwitwete Väter und Mütter, die mit ihren ledigen Kindern im
gleichen Haushalt zusammenleben“ (Statistisches Bundesamt 1999,
Zeitreihenservice im Internet) 2 “
In den bisher aufgeführten Definitionen wird der subjektive Aspekt ebenso außer acht gelassen wie die Emotionen, die im Familienleben eine große Rolle spielen. Ergänzend schreibt BERTRAM:
„Familienmitglieder sind meist Verwandte, müssen es aber nicht sein.
Aus der Sicht der Befragten sind jedoch nicht alle, die zur Familie
gehören könnten, auch tatsächlich Mitglieder ihrer Familie. Andererseits
werden Personen zur eigenen Familie gerechnet, die nach dem
allgemeinen Verständnis nicht dazu gehören 3 “
Hier wird klar, dass Familie sehr individuell definiert werden kann. Selbst innerhalb einer Familie (nach der Definition z.B. des Statistischen Bundesamtes) können
2 Vgl. Zimmermann, Peter; Grundwissen Sozialisation- Einführung zur Sozialisation im Kindes- und
Jugendalter; VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden. 2006 S. 85
3 Vgl. ebd. S.85
7
unterschiedliche Auffassungen vorherrschen, wer genau zur Familie gehört, und wer nicht. Diese subjektiven Entscheidungen sind von Gefühlen geleitet und wiegen für das Individuum meist mehr als objektive Faktoren, wie z.B. der Familienname. In dieser Arbeit wird hauptsächlich die Herkunftsfamilie im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Mit dieser Bezeichnung sind die Menschen gemeint, die zusammen in einem Haushalt leben, verschiedenen Generationen angehören und starke emotionale Bindungen zu einander haben. I. d. R. werden dies Mutter und / oder Vater (oder ein(e) Erziehungsberechtigte(r)) und ein oder mehrere Kind(er) sein. Ob es sich bei diesen Kindern um die leiblichen Kinder der Erwachsenen oder um Adoptiv-Kinder, Pflege-Kinder und um Geschwister oder um nicht verwandte Kinder handelt spielt zunächst eine untergeordnete Rolle, da sie ihr Leben gemeinsam gestalten. Lebt ein oder mehrere Großelternteil(e) ebenfalls im gleichen Haushalt, werden diese Personen mit zur Familie gezählt. Allgemein gilt
„als zentrales Kennzeichen von Familie die Zusammengehörigkeit von
zwei oder mehr aufeinander bezogenen Generationen, die zueinander in
einer Eltern-Kind-Beziehung stehen, verstanden werden. […]
Gleichzeitig lässt sich Familie als gesellschaftliche Institution begreifen
und das Familienleben mit sich verändernden Leitbildern, Regeln,
Handlungsmustern und Aufgaben(-erfüllung) in Verbindung bringen, so
dass z.B. das Familienleben als das private Zusammenleben der
Generationen nach außen abgrenzbar wird und auf diese Weise die
Qualität von Familienbeziehungen untersucht werden kann 4 “.
Um Familien zu unterscheiden, können nicht nur die Familienstruktur bzw. die Familienform herangezogen werden, sondern auch die Verortung der Familie im sozialen Milieu betrachtet werden. Bei der Konstruktion von sozialen Milieus geht es nicht darum, eine Gruppe von Menschen zu beschreiben, die auch in der realen Welt auf irgendeine Weise miteinander verbunden ist, sondern vielmehr darum, die äußeren Lebensbedingungen und inneren Haltungen von Menschen im Zusammenwirken zu begreifen.
„So fassen „soziale Milieus“ Gruppen Gleichgesinnter zusammen, die
gemeinsame Werthaltungen und Mentalitäten aufweisen und auch die Art
gemeinsam haben, ihre Beziehungen zu Mitmenschen einzurichten und
ihre Umwelt in ähnlicher Weise zu sehen und zu gestalten“ 5
4 Vgl. Büchner, Peter; Kindheit und Familie. In: Krüger, Heinz Hermann / Grunert, Cathleen (Hrsg.)
Handbuch der Kindheits- und Jugendforschung. S. 475 - 496 Leske + Budrich, Opladen . 2002 S.
484
5 Vgl. Hradil, Stefan; Soziale Ungleichheit in Deutschland. 8. Auflage. VS Verlag für
Sozialwissenschaften, Wiesbaden. 2005. S. 45
8
HRADIL unterscheidet folgende Milieus, die sich durch Lebensziel, Lebensweise und soziale Lage unterscheiden: Konservativ-technokratisches Milieu, Kleinbürgerliches Milieu, Traditionelles ArbeiterInnenmilieu, Traditionsloses ArbeiterInnenmilieu, Aufstiegsorientiertes Milieu, Modernes bürgerliches Milieu, Liberal-intellektuelles Milieu, Modernes ArbeitnehmerInnenmilieu, Hedonistisches Milieu, Postmodernes Milieu 6 (siehe Anhang Tabelle 7). Innerhalb dieser sozialen Milieus sind die Verhaltensweisen dennoch nicht von vornherein bestimmbar, jeder Mensch verfolgt seinen eigenen Lebensstil, den er gestalten kann, der aber immer geprägt ist von diversen Faktoren wie z.B. Alter, Lebensform, Bildung, Geschlecht, Wohnort, Berufsstand, Einkommen und somit nicht völlig frei gewählt ist, auch wenn es dem / der Betreffenden so scheint.
3 Definition von Bildung
Die vielfältige und weitreichende Diskussion um eine genaue und aktuelle Definition des Begriffs „Bildung“ (z.B. in der Wissensgesellschaft) kann und muss hier weder vertieft noch fortgeführt werden. Es ist lediglich wichtig festzustellen, dass Bildung weder ausschließlich reines Wissen noch eine gewisse Anzahl von Zertifikaten und Zeugnissen oder ein bestimmtes Maß an sozialen Kompetenzen bedeutet. Vielmehr ist Bildung eine Verbindung dieser gesamten Aspekte, einer allein würde nicht ausreichen. Durch Bildung im Sinne von Persönlichkeitsbildung werden Fähigkeiten erlangt, „die es dem Menschen erlauben, mit neuen und / oder problematischen Situationen umzugehen“ 7 , und die „Teilhabechancen am kulturellen und sozialen Leben eröffnen soll[en]“ 8 Eine klare Trennung von Bildung und Erziehung ist nicht
6 Vgl. Hradil, 2005. S. 427ff
7 Vgl. Grunert, Cathleen; Kompetenzerwerb von Kindern und Jugendlichen in außerunterrichtlichen
Sozialisationsfeldern. S. 9-94 In: Sachverständigenkommission Zwölfter Kinder- und Jugendbericht
(Hrsg.) Band 3: Kompetenzerwerb von Kindern und Jugendlichen im Schulalter. Verlag Deutsches
Jugendinstitut, München. 2005. S. 11
8 Vgl. Büchner, Peter; Der Bildungsort Familie. Grundlagen und Theoriebezüge. S. 21-48 In:
Büchner, Peter / Brake, Anna (Hrsg.) Bildungsort Familie. Transmission von Bildung und Kultur im
Alltag von Mehrgenerationenfamilien; VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden. 1. Auflage
2006. S. 23
9
mehr möglich, oft werden die beiden Begriffe heute synonym verwendet 9 , da nicht eindeutig ist, wo Erziehung aufhört, wo Bildung anfängt und wo genau die Unterschiede gemacht werden können.
„…Bildung als Bedingung für innere und äußere Freiheit durch geistige
Selbständigkeit. Das ist ihr Zweck, dieser Zweck ist überzeitlich. Bildung
ist daher der Weg zur ganzheitlichen Entfaltung der Persönlichkeit, den
Dimensionen eines Verständnisses vom Menschen, das ihn tiefer begreift
und würdigt denn nur als ein ökonomisches Wesen: Jeder Mensch hat
seine Fähigkeiten, sein „Kapital“, aber er ist kein „Humankapital“;
Bildung bietet die Möglichkeit, durch Wissen und Gewissen, durch
Aneignung von „Welt“, Tradition und kultureller Herkunft und die
Verinnerlichung von Moralität sein Leben selbständig zu gestalten und
sich „in der Welt“ zu verstehen.“ 10
So wird auch klar, warum eine Festlegung von sog. Bildungsstandards kaum möglich sein kann. Dennoch lassen sich einige Kompetenzfelder definieren. Die Fähigkeiten , welche für eine nachhaltige Entwicklung in der Wissensgesellschaft unumgänglich sind, werden von TIPPELT folgendermaßen aufgeführt: Fachkompetenzen, methodische und instrumentelle Kompetenzen (u.a. allg. Kulturtechniken, Fremdsprachen), personale Kompetenzen (u.a. Selbstbewusstsein,
Strukturierungsfähigkeiten), soziale und kommunikative Kompetenzen (u.a. Gesprächsführung und Empathie) sowie Lernkompetenzen und inhaltliches Basiswissen. 11
Da ich mich in dieser Arbeit mit Bildungserfolgen und erfolgreicher Bildung von Kindern und Jugendlichen beschäftige, stellt sich natürlich die Frage, was unter Bildungserfolg zu verstehen ist. Primär geht es um den erfolgreichen Schulabschluss sowie das Ausüben einer Erwerbstätigkeit, die aber nicht unbedingt eine abgeschlossene Berufsausbildung voraussetzt und im Idealfall einen sozialen Aufstieg bedeutet. Grundlegend für eine erfolgreiche Schullaufbahn und das
9 Die Bedeutung der Begriffe Bildung und Erziehung nähern sich immer weiter an, während früher
durchaus genau zwischen Erziehung (als Einfluss der Erwachsenen, bes. der Mutter, auf das kleine
Kind) und Bildung (Unterricht, meist durch männliche Lehrer, und selbständige Aneignung von
Wissen mit Veränderung der Persönlichkeit verbundene Tätigkeit) unterschieden wurde. Die
Annäherung und Überschneidung der beiden Begriffe wird deutlich in der Diskussion um den
Bildungsauftrag des Kindergartens, indem auch schon Kinder im Vorschulalter nicht mehr
ausschließlich erzogen werden sollen, sondern auch die Möglichkeit erhalten sollen sich Wissen und
Kompetenzen anzueignen.
10 Vgl. Gauger, Jörg-Dieter; Über „Bildung“ und „Schulbildung“. In: Gauger, Jörg-Dieter (Hrsg.)
Bildung der Persönlichkeit. S. 48-84 Herder, Freiburg, Basel, Wien. 2006. S. 58
11 Vgl. Tippelt, Rudolf; Bldung als pädagogisches Anliegen; In: Lindner, Werner / Thole, Werner /
Weber, Jochen (Hrsg.); Kinder- und Jugendarbeit als Bildungsprojekt. S. 33-45 Leske + Budrich,
Opladen. 2003. S. 35
10
Erreichen von Bildungsabschlüssen ist die Fähigkeit am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, den eigenen Tagesablauf zu strukturieren und seine eigene Position in der Gesellschaft zu verankern. Diese Lebensführungskompetenzen werden nicht hauptsächlich in Bildungsinstitutionen vermittelt, sondern hier trägt die Familie der Kinder und Jugendlichen den größten Anteil. Familien müssen ihre Kinder auf ein Leben in der Gesellschaft vorbereiten können und sollten ihnen die bestmöglichen „Startchancen“ bieten. Zu einer erfolgreichen Bildung gehört wohl der soziale Aufstieg (oder auch das Beibehalten der angestammten sozialen Position) einer Person im Vergleich zu den Eltern bzw. der Herkunftsfamilie. Durch Sozialisation wird die Persönlichkeit der Kinder geprägt und es werden ihnen bestimmte Fähigkeiten vermittelt, die in ihrer Herkunftsfamilie als bedeutsam anerkannt werden. Sobald aber diese Fähigkeiten (und Verhaltensweisen oder Kommunikationsformen) mit anderen Bereichen der Gesellschaft (Schule, Arbeitsplatz) nicht übereinstimmen, können Konflikte auftreten.
Ich möchte nun näher untersuchen, inwieweit die Familie ihren Kindern Bildungschancen eröffnet oder verwehrt und wie die Bildungserfolge (v. a. in der Schule) beeinflusst werden.
Um aber einen Schulabschluss erreichen zu können und auch später im Berufsleben erfolgreich sein zu können, müssen Heranwachsende noch viele weitere, nicht durch Zeugnisse und Zertifikate nachweisbare Fähigkeiten erwerben. Hier spielen die Begriffe soziales und kulturelles Kapital eine wichtige Rolle. Dieses Kapital ist notwendig um einen bestimmten Status, eine Position im sozialen Raum einzunehmen, der möglichst mit den Habitus kompatibel ist, da es sonst zu inneren Konflikten kommen kann.
Kinder und Jugendliche müssen lernen ihr Leben (und auch ihr Lernen) eigenverantwortlich zu gestalten, ein soziales Umfeld aufzubauen und auch Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.
Meist erfolgt immer noch eine Trennung von Bildungsbereichen, so ist z.B. die Familie für die lebensweltliche Bildung zuständig und in der Institution Schule können Zeugnisse der formalen Bildung erworben werden. Alle weiteren
11
Fähigkeiten 12 müssen nebenbei erlernt werden, was für manche SchülerInnen zum Problem werden kann.
„Lernen in der Schule erfolgt als curricular vorgegebenes, methodisch
und zeitlich strukturiertes sowie vor allem fremdbestimmtes Arbeiten.
Was inhaltlich in der Schule gelernt wird, das hat mit dem Alltag der
Schüler/innen allenfalls am Rande zu tun, das Alltagswissen lässt sich
kaum im Unterricht einbringen.“ 13
Erfolg in der Schule entscheidet aber immer noch über einen großen Teil des weiteren Lebens und die Möglichkeiten, die sich einem Menschen bieten. Durch die im Laufe des Lebens erworbenen Bildungsabschlüsse erfolgt eine Zuteilung der Lebenschancen, legitimiert durch (erfolgreiche) Leistung im Bildungssystem. Gute Leistungen im Bildungssystem bedeuten also gute (bessere) Lebenschancen. Um diese möglichst hochwertigen Bildungsabschlüsse zu erreichen sind auch heute noch verschiedene Ressourcen von Vorteil, wie z.B. das Beherrschen der Unterrichtssprache oder das Maß der Lernmotivation. „Habitualisierte Lerngewohnheiten“ 14 können Bildungserfolge begünstigen, ebenso wie die Ausstattung der Kinder mit ökonomischem, kulturellem und sozialen Kapital, für die i.d.R. die Eltern zuständig sind.
Da scheinbar Jede und Jeder die Chance auf gute Bildungsabschlüsse und damit auf gute Lebenschancen hat, wird das Prinzip der Meritokratie meist ohne es zu hinterfragen umgesetzt und als „natürlich“ hingenommen, da unterschiedliche Begabung und folglich unterschiedlicher Bildungsabschluss, sowie unterschiedlicher Status ja nur natürlich seien. Aber: „Mit der „notwendigen Mitarbeit“ der Eltern und der dadurch
verursachten sozialen Relevanz ungleicher Herkunftsressourcen ist die
moderne Schule nun so organisiert, dass Kinder statushöherer Schichten
eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, höhere Bildungszertifikate zu
erwerben - auch wenn sie als demokratische Institution nicht garantieren
kann, dass alle Kinder statushöherer Herkunft das zum Statuserhalt
notwendige Bildungszertifikat erlangen, da sie Kinder statusniedriger
Schichten vom Schulbesuch nicht (mehr) ausschließen kann.“ 15
12 Bspw. Sozialkompetenzen, Teamfähigkeit, „Schlüsselqualifikationen“
13 Ulich, Klaus; Einführung in die Sozialpsychologie der Schule. Beltz Verlag, Weinheim und Basel.
2001. S. 117
14 Vgl. Solga Heike; Meritokratie - die moderne Legitimation ungleicher Bildungschancen. In:
Berger, Peter A. / Kahlert, Heike (Hrsg.) Institutionalisierte Ungleichheiten. Wie das Bildungswesen
Chancen blockiert. S. 19 - 38; Juventa Verlag, Weinheim und München. 2005 S. 19
15 Ebd. S. 21
12
Bildung wird immer noch und v. a. von der sozialen Herkunft beeinflusst, damals (vor der Bildungsexpansion) wie heute (nach PISA). Einige Ungleichheiten wie z.B. durch Geschlecht, Konfession oder Wohnort 16 wurden zwar nach der Bildungsreform in der 1970er Jahren deutlich vermindert, andere (z.B. schichtspezifische) Ungleichheiten blieben aber bis heute bestehen 17 . Die Legitimation der sozial ungleichen Bildungschancen hat sich in unserer Gesellschaft aber so verfestigt, dass die „objektive“ Leistungsbewertung durch die Institution Schule (und die Person des Lehrers / der Lehrerin) ausreicht, um auch die Kinder und Jugendlichen und ihre zukünftigen Lebenschancen (d.h. Chancen auf dem Arbeitsmarkt) zu „bewerten“ und die Tatsache der existierenden Unterschiede (Ungleichheiten) als nahezu unveränderbar zu akzeptieren. Die Meritokratie scheint gesellschaftlich notwendig zu werden, da „moderne Gesellschaften veränderter Formen sozialer Ungleichheit bedürfen, insbesondere solcher, die Bildung, Verdienst und Leistung honorieren, um so individuelle Aufstiegshoffnungen und -bemühungen als Anreize für immerwährende Lernprozesse seitens der Gesellschaftsmitglieder zu stimulieren und die vorhandenen Bildungstalente und -ressourcen möglichst umfassend zu aktivieren.“ 18 Dennoch ist zu berücksichtigen, dass es keine „natürlichen“ Unterschiede in der Begabung gibt, es handelt sich lediglich um soziale Konstrukte, die der Einteilung in Bildungskategorien dienen, die wiederum nur konstruiert sind. Einerseits wird ein natürliches Kriterium (die Begabung) angeführt, andererseits müssen Bildungstitel erworben werden, und werden nicht einfach zugeteilt; die Anstrengung, die aufgebracht wurde, um sie zu erreichen, wird nicht berücksichtigt. 19 Es ist notwendig Bildungsabschlüsse hierarchisch zu gliedern, da Berufspositionen hierarchisch gegliedert sind und die Differenz zur Herstellung sozialer Ordnung notwendig ist. Das Ziel kann folglich keine gleiche Gesellschaft sondern eine gerechte Gesellschaft sein.
Auf die Bildung von Kindern und Jugendlichen wirken verschiedene Bereiche und Faktoren ein, die oft nur geringe Berührungspunkte aufweisen. Zu diesen Bereichen zählen die Bildung der Eltern, die Herkunftsfamilie als Bildungsinstitution, die
16 Regionale Unterschiede zwischen Stadt und Land.
17 So wurde z.B. das damals sprichwörtliche „katholische Arbeitermädchen vom Lande“ durch den
„männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ ersetzt.
18 Vgl. Solga, 2005 S. 22
19 Vgl. ebd. S. 25f
13
Gleichaltrigenbeziehungen, sowie die Schule oder auch außerschulische Bildungsinstitutionen 20 .
Ausschlaggebend für den Bildungserfolg von Kindern sind neben der elterlichen Vorstellung und Orientierung auch schulische und gesellschaftliche Barrieren oder Chancen. Das in Deutschland bestehende dreigliedrige Schulsystem trägt immer noch dazu bei, die bestehenden Differenzen, begründet auf der sozialen Herkunft der Kinder, zu verfestigen. Obwohl die Entscheidung über den weiteren Bildungsverlauf, also die Schullaufbahn, durch die Orientierungsstufen oder die verlängerte Grundschulzeit meist bis zum 6. Schuljahr verzögert wurde, können die Barrieren nicht, oder kaum, überwunden werden. Die Möglichkeiten für Kinder aus „bildungsfernen“ Familien, eine „höhere“ Schulbildung einzuschlagen sind deutlich verbessert worden aber immer noch nicht vergleichbar mit z.B. den Abiturientenzahlen der Kinder der Oberschicht.
Der Anteil, den Kinder und Jugendliche an Bildung erhalten bzw. erreichen können ist insgesamt für alle größer geworden, die Ungleichheiten existieren aber weiter. Es sind immer noch deutliche Unterschiede zu erkennen, wenn berücksichtigt wird, welchen Beruf die Eltern der Kinder in den einzelnen Schulformen haben; Beamtenkinder sind an Gymnasien und Hochschulen immer noch stärker vertreten als Angestellten- oder Arbeiterkinder 21 .
Je höher der Bildungsstand der Eltern, desto besser sind die Bildungschancen der Kinder, gleiches gilt für das Einkommen der Eltern, obwohl Bildungseinrichtungen meist kostenlos sind.
Um über Bildung sprechen zu können, muss eine genauere Definition von Bildung erfolgen. Bildung kann einerseits das Wissen und die Fähigkeiten einschließen, die durch Schule und Aus- bzw. Weiterbildung vermittelt werden. In diesem Fall spricht man von institutioneller Bildung, die zu formalen Bildungsabschlüssen führt. Anderseits beinhaltet Bildung auch Kompetenzen, die nicht in erster Linie in oder durch Schule o.ä. erworben werden können. Zu dieser lebensweltlichen oder informellen Bildung zählen Fähigkeiten wie das Spielen von Musikinstrumenten
20 Grundmann, Matthias / Huinink, Johannes / Krappmann, Lothar; Familie und Bildung. Empirische
Ergebnisse und Überlegungen zur Frage der Beziehung von Bildungsbeteiligung,
Familienentwicklung und Sozialisation. S. 70f In: Büchner, Peter u.a.; Kindliche Lebenswelten,
Bildung und innerfamiliale Beziehungen. Materialien zum 5. Familienbericht/ Band 4. DJI Verlag
Deutsches Jugendinstitut, München. 1994. S. 41- 105
21 Vgl. Hradil, 2005. S. 165
14
genauso, wie die Fähigkeiten, die im kommunikativen oder zwischenmenschlichen Bereich liegen.
Bildung unterliegt nicht allgemein gültigen Regeln, je nach sozialem Milieu können unterschiedliche Bildungsbegriffe definiert werden, da verschiedene Bereiche wichtiger sind als andere und deren Bewältigung notwendiger ist als z.B. das Erlernen einer Fremdsprache.
4 Die Familie im Wandel
Nachdem ich bereits einige verschiedene Definitionen zum aktuellen Begriff der Familie vorgestellt habe, möchte ich nun in diesem Kapitel verdeutlichen, warum es zu verschiedenen Definitionen von Familie kommen kann und wie sich diese Bedeutung im Laufe der Zeit verändert hat. Die Familie ist keinesfalls ein starres und unveränderbares Konstrukt, sondern sie unterliegt ständigen Veränderungen, dem historischen wie auch dem sozialen Wandel 22 .
Die Familie als Institution hat in der Zeit von der Vorindustriellen bis zur Postmoderne eine Entwicklung durchlaufen, die sich nicht ausschließlich auf Struktur und Form bezieht, sondern v. a. auch in Bezug auf die gesellschaftlichen Ideale und Ansprüche an eine Familie zu sehen ist. Diese Entwicklung wird an die gesellschaftlichen Gegebenheiten angepasst und vollzieht sich auf zwei Ebenen, der historischen und der sozialen. Um zu verstehen in welcher Situation sich die Familie in der aktuellen Gesellschaft befindet und welche Auswirkungen dies auf Kinder und Jugendliche hat, werde ich zunächst die historische Entwicklung nachzeichnen, bevor ich auf den sozialen Wandel der Familie und einzelner Familienformen eingehen werde.
22 Siehe Kapitel 4.2
15
4.1 Die Familie im historischen Wandel
Um über die aktuelle Situation der Familie in Deutschland sprechen zu können, muss die Entwicklung berücksichtigt werden, welche die Familie in der Nachkriegszeit durchlaufen hat. Der oft beklagte Zerfall der Familie geht wohl von der „Normalfamilie“, zwei Elternteile (davon mind. eine/r berufstätig) sowie mind. ein Kind unter 18 Jahren aus. Dieses Idealbild herrscht immer noch vor, Abweichungen werden zunächst kritisch beäugt und auf eventuelle negative Auswirkungen auf die einzelnen Familienmitglieder untersucht. In den 1950er und -60er Jahren war diese Form der Normalfamilie am stärksten ausgeprägt und die vorherrschende Familienform 23 , so dass im Jahr 1950 76% aller Frauen mit minderjährigen Kindern Hausfrauen waren 24 .
Während der Industrialisierung waren in Deutschland deutlich mehr akzeptierte verschiedene Familienformen zu finden, als im Deutschland der 1960er Jahre. Die zur Zeit der Industrialisierung bestehende enge Verknüpfung von Familie und Produktion lässt sich besonders deutlich an der Sozialform des ganzen Hauses 25 im handwerklichen und bäuerlichen Bereich erkennen, die verschiedene Funktionen erfüllte, wie z.B. Produktion, Sozialisation oder Alters- und Gesundheitsvorsorge. In dieser Lebensform hatte die Produktion die größere Bedeutung, oder anders formuliert, das Familienleben hatte viele ökonomische Aspekte. Beispiele sind hier die Wahl des Ehepartners nach ökonomischen Gesichtspunkten oder die potentielle Arbeitskraft der Kinder. Im ganzen Haus spielten die Emotionen nur eine untergeordnete Rolle 26 .
Erst nach der fortschreitenden Trennung von Arbeits- und Privatleben verlor die Sozialform des ganzen Hauses an Bedeutung, Frauen und Kinder mussten nicht mehr der Erwerbsarbeit nachgehen, die Familie wurde privat. Außerdem erfolgte auch eine räumliche Trennung des Arbeits- und Familienbereiches. Die Familien, die über
23 Vgl. Peuckert, Rüdiger; Familienformen im sozialen Wandel. 6. Auflage. VS Verlag für
Sozialwissenschaften, Wiesbaden. 2005. S. 20
24 Vgl. Nave-Herz, Rosemarie; Ehe- und Familiensoziologie. Eine Einführung in Geschichte,
theoretische Ansätze und empirische Befunde. Juventa Verlag, Weinheim und München. 2004. S. 56
25 Vgl. Peuckert, 2005. S. 21
26 Vgl. ebd. S. 21f
16
ausreichende finanzielle Mittel verfügten, zogen an den Stadtrand, weg von Büros und Produktionsstätten 27 .
Diese Lebensform, die wir heute als Normalfamilie verstehen, entwickelte sich zunächst im Bürgertum; mit folgenden Kennzeichen: Kinder und Frauen gingen nicht mehr der Erwerbsarbeit nach, dadurch kam dem Mann die Rolle des Ernährers zu und die Geschlechterrollen wurden gefestigt; zur Aufgabe der Frau wurde die Kindererziehung, da Kindheit nun als solche anerkannt wurde und Kinder nicht mehr als kleine Erwachsene behandelt wurden; der Grund für eine Ehe war ab diesem Zeitpunkt zunehmend die Liebe 28 und nicht mehr ausschließlich die Mitgift der Braut oder andere ökonomische Vorteile. Die Liebesheirat wird ein großes Thema in der romantischen Literatur, bis sie sich schließlich auch in der Gesellschaft als Beziehungsnorm durchsetzt.
Die Auffassung, dass die Kindheit eine eigenständige Lebensphase sei, der besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden muss, veränderte das Erziehungsverhalten nachhaltig. Bisher erfolgte die Sozialisation der Kinder nebenbei, sie lernten dadurch, dass sie bei allem was in der Familie und der Produktion geschah, anwesend waren. Da in der „neuen“ Kleinfamilie die Mutter keiner Erwerbsarbeit mehr nachgehen musste, konnte sie sich einer neuen Aufgabe, der Kindererziehung, widmen. Mit der (nun zugelassenen) zunehmenden Intensität der Gefühle den eigenen Kindern gegenüber wurde die Aufgabe der frühen Sozialisation immer deutlicher eine Aufgabe der Kernfamilie und die Betreuung der Kinder wurde nicht mehr von Großeltern oder Bediensteten übernommen. Diese neuentstandene Familie, in der die Grundlage der Beziehung der Eltern (im Idealfall) die Liebe war und auch die Eltern eine intensive Beziehung zu ihren Kindern aufbauten, bezeichnet man auch als Gatten- Familie 29 .
Trotz der Orientierung am bürgerlichen Familienideal gelingt die Umsetzung dieser Lebensform nur Wenigen 30 , da v. a. in Arbeiterfamilien die ökonomischen Verhältnisse eine andere Lebensweise 31 notwendig machen.
27 Vgl. Nave-Herz, 2004. S. 49f
28 Zeitalter der Romantik, (Ehe-) Partner haben größere Bedeutung.
29 Vgl. Nave-Herz, 2004. S. 51f
30 Vgl. Peuckert, 2005. S. 24
17
Die endgültige Durchsetzung der bürgerlichen Kleinfamilie erfolgte in den 1950er und 1960er Jahren, begründet durch Wirtschaftswunder, Aufschwung, insgesamt verbesserte Lebensbedingungen sowie auch den Beitrag von Kirchen 32 und Parteien. Die Abweichung von der Normalfamilie als Lebensform war zunächst nicht akzeptiert oder anerkannt; das gravierendste Beispiel ist hier wohl die gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft, deren öffentliche Akzeptanz sich erst in den vergangenen Jahren durchsetzte, beginnend mit der rechtlichen Anerkennung der „eingetragenen Partnerschaft“.
Die Kleinfamilie erfüllt jetzt andere Funktionen als die überholte Produktions- und Lebensgemeinschaft. Innerhalb der Familie spielen heute Werte wie Nähe, Geborgenheit, Vertrauen und Intimität die größte Rolle, sie bildet den Gegenpol zur Arbeitswelt. Mit dieser Trennung von Arbeitsleben und Privatleben vollzog sich auch eine deutliche Trennung der Geschlechter, die Frau wird dem privaten, häuslichen Bereich zugeordnet und der Mann verfolgt weiterhin seine Ernährer-Funktion in der Arbeitswelt. Ein-Eltern-Familien, also i.d.R. alleinerziehende Mütter, waren keine vollständigen Familien, ihnen fehlte ein (Eltern-)Teil. In Familien mit beiden Elternteilen bildeten häufig Mutter und Kinder eine Einheit, die Mutter war Vermittlerin zwischen Vater und Kindern 33 . In der ehemaligen DDR vollzog sich Familienentwicklung ähnlich, wenn auch die Geschlechterrollen nicht in dem Maße wie in der BRD differenziert wurden 34 .
4.2 Familie(nformen) im sozialen Wandel - Die Individualisierungsthese
Neben dem historischen Wandel der Familie muss auch der soziale Wandel der Familie beschrieben werden, der mit Hilfe verschiedener theoretischer Erklärungsansätze dargestellt werden soll.
Die aktuelle Gesellschaft befindet sich im Wandel von der kapitalistischen Klassengesellschaft bzw. klassischen Industriegesellschaft hin zu einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft, die auch von BECK als Risikogesellschaft
31 z.B. weiterhin Mitarbeit von Frauen und Kindern
32 Idealbild einer monogamen Ehe mit Kindern
33 Vgl. Nave-Herz, 2004. S. 52
34 Vgl. Peuckert, 2005. S. 25
18
bezeichnet wird. Dieser Wandel verstärkte sich Mitte der 1960er Jahre; den bisher häufig aufgegriffenen Erklärungsansatz hierfür bietet BECK mit seiner Individualisierungsthese. Mit der Individualisierung von Familienformen ging auch die Individualisierung der geschlechtsspezifischen Lebensläufe einher, die sich allerdings nicht gleichzeitig, sondern zeitlich versetzt entwickelten. So veränderte sich der Lebenslauf der Männer besonders stark im Zuge der Industrialisierung, während sich der typische Lebenslauf der Frauen erst in der Nachkriegszeit veränderte; man kann von zwei „Individualisierungsschüben“ sprechen. 35
In der neuen Modernen droht die Enttraditionalisierung und der Verlust der bisher existierenden Werte. Durch die fortschreitende Individualisierung (auch der Lebensformen) und Pluralisierung der Gesellschaft fallen bisher traditionelle Werte und Normen als Orientierung weg. Gleichzeitig bieten sich nun für die Menschen deutlich mehr Möglichkeiten und Entscheidungsspielräume, den eigenen Lebenslauf individuell zu gestalten und eine andere Lebensform als die traditionelle Kleinfamilie zu wählen. Es wird dennoch deutlich schwieriger, Möglichkeiten der Orientierung zu erkennen und zu verfolgen 36 , da sich eine fast unüberschaubare Fülle an Werten entwickelt, abhängig von vielen weiteren Faktoren. Damit geht für viele Menschen ein gewisser Verlust der Sicherheit einher, hier wird von der „Kultur des Zweifels“ gesprochen 37 .
Kinder und Jugendliche orientieren sich zunächst an ihrer Kernfamilie, deren Werte sie durch Sozialisation vermittelt bekommen, später vermischen sich diese Werte häufig mit denen des weiteren (sozialen) Umfelds.
Weniger Kleinfamilien, dafür viele verschiedene Lebensformen Obwohl das Ideal der Kleinfamilie als ein gemischtgeschlechtliches Ehepaar mit mindesten zwei Kindern immer noch besteht, nimmt die Anzahl dieser Lebensform immer weiter ab. Im Jahr 1994 lebten noch 33,2% aller Menschen in der Familienform „verheiratet, mit Kindern“; 2003 waren es nur noch 28,1% 38 . Die
35 Vgl. Huinink, Johannes / Konietzka Dirk; Familiensoziologie. Eine Einführung; campus Studium,
Frankfurt / New York. 2007. S. 105f
36 Vgl. Tillmann, Klaus- Jürgen. Sozialisationstheorien. Eine Einführung in den Zusammenhang von
Gesellschaft, Institution und Subjektwerdung. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek. 1989. 14.
Auflage 2006. S. 262
37 Vgl. Huinink, / Konietzka, 2007. S. 108
38 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung Quelle:
http://www.bpb.de/wissen/R6Z0NX,,0,Pluralisierung_der_Lebensformen.html Zugriff: 13.01.08
19
Anzahl der weiteren abgefragten Familienformen stieg hingegen an, bis auf die Form „ledig, bei Elternteil lebend“. In den Familien, in denen Kinder leben, sind es in den meisten Fällen zwei Kinder 39 , dennoch lebt knapp die Hälfte (48,2%) der deutschen Bevölkerung nicht mit einem oder mehreren Kindern zusammen 40 . Die Veränderungen in der bestehenden Familienstruktur, von der „männlichen Alleinernährerfamilie“ hin zu einer „modernisierten Versorgerfamilie mit vollzeiterwerbstätigen Vätern und teilzeiterwerbstätigen Müttern“ 41 , sind also klar erkennbar. Trotz der Abnahme der Zahl der Familien mit einem oder mehreren Kindern verliert die Institution Familie keineswegs an Bedeutung; nur wird heute eine Entscheidung für und nicht gegen das Kind getroffen, da dank moderner Verhütungsmethoden eine Schwangerschaft meist genau geplant wird / werden kann. Vor der Schwangerschaft stehen folglich oft ausführliche Überlegungen, in die viele verschiedene Faktoren, nicht nur ökonomischer Natur, einbezogen werden.
Durch die veränderte Bedeutung der Kleinfamilie, bzw. der Zunahme der Bedeutung anderer Familienformen, verändern sich auch die bestehenden Geschlechterrollen, da sich Männer und Frauen den neuen gesellschaftlichen Herausforderungen stellen müssen; darauf werde ich in Kapitel 4.2.2 noch näher eingehen.
Neben dem Wandel der Verteilung der Familienformen fand auch ein Wertewandel statt, der sich auch in den Erziehungszielen der Eltern wiederspiegelt. Traditionale Werte wie Pflichterfüllung oder Ordnung haben an Bedeutung verloren, wohingegen postmaterialistische Werte wie Autonomie oder Selbstverwirklichung als wichtiger empfunden werden 42 , gerade in der Kindererziehung. Dieser Wandel bedeutet nicht, dass ein sofortiger Austausch aller Werte stattfindet, einige traditionelle Werte vermischen sich meist mit „neuen“ Werten, wodurch ein neues heterogenes Wertesystem entsteht. Neben den neuen Werten werden aber ebenfalls neue Zwänge und Einschränkungen entstehen, sobald sich diese Werte im Laufe der Zeit in der Gesellschaft verankern.
39 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung Quelle:
http://www.bpb.de/wissen/RCQ36N,,0,Kinder_nach_Geschwisterzahl_im_Haushalt.html Zugriff:
13.01.08
40 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung Quelle:
http://www.bpb.de/wissen/PN4BDH,,0,Lebensformen_mit_Kindern.html Zugriff: 13.01.08
41 Vgl. Jurczyk, Karin; Familienleben heute - Was brauchen Familien? S. 34-38 In: Forum
Erwachsenenbildung 3 (2006) S. 36
42 Vgl. Peuckert, 2005. S. 365
20
So werden z.B. postmaterialistische Werte von Menschen in den alten Bundesländern häufiger vertreten als in Ostdeutschland, Ledige vertreten sie stärker als Verheiratete, und je höher der Bildungsabschluss, desto eher besteht die Chance, dass postmaterialistische Werte vertreten werden 43 . „Da die das Verhalten steuernden modernen Werte inhaltlich kaum
festgelegt sind, müssen sie vom Individuum jeweils situations- und
kontextanhängig interpretiert werden. Mit dem inhaltlichen Wandel der
Werte geht also zwangsläufig eine Individualisierung des Umgangs mit
den Wertorientierungen einher. 44 “
Auch hier wird die Ambivalenz der Individualisierungsthese deutlich. Es ist v. a. anzumerken, dass Individualisierung nicht nur positive Aspekte 45 beinhaltet, sondern auch Nachteile für den Einzelnen mit sich bringen kann, besonders in Bezug auf Sicherheit und Vertrauen, was in manchen Fällen zu Problemen bei der Identitätsfindung führen kann 46 , da nicht nur die Chance, sondern der Zwang zur Entscheidung existiert.
Besonders im Bezug auf Partnerschaften kann die ständige Entscheidungspflicht das Zusammenleben erschweren. Im Berufsleben wird von den ParterInnen ständige Flexibilität und Anpassungsbereitschaft gefordert, die ein gewisses Maß an Individualität erfordert. Da dies i. d. R. von beiden, berufstätigen PartnerInnen gefordert wird, kann die Beziehung zu einer Belastung werden, in der die Konflikte ständig ausgehandelt werden müssen. Praktizierte Lösungen können hier eine „living-apart-together“-Beziehung, eine Wochenend-Beziehung oder sogar eine Trennung sein. Auf Kinder wird wohl auch verzichtet, da diese eine weitere Belastung sein können, da man auf deren Bedürfnisse ebenfalls eingehen muss.
4.2.1 Weitere theoretische Erklärungsansätze für den sozialen Wandel der Familie
Die Abnahme der Häufigkeit der oben beschriebenen Kleinfamilie (Zwei- Eltern-Familie) kann aus zwei verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Einerseits kann die Deinstitutionalisierungsthese verwendet werden, die besagt, dass die Anzahl
43 Vgl. Peuckert, 2005. S. 365
44 Ebd. S. 365 (Hervorhebung im Original)
45 Wie z.B. mehr Freiheit durch größere Entscheidungsspielräume.
46 Vgl. Peuckert, 2005. S. 366
21
der stabilen Normalfamilien zurückgeht und dies eine problematische Entwicklung ist. Andererseits kann die Veränderung hin zu „neuen“ Familienformen als eine steigende Möglichkeit der Individualisierung und als eine Pluralisierung der Lebensformen, zunächst völlig wertfrei, angesehen werden 47 .
Die Deinstitutionalisierungsthese bezieht sich auf den kulturellen Bedeutungsverlust der Kleinfamilie 48 . Familie als Institution bedeutet eine „richtige“ Familie, eine „normale“ Familie; mit diesen Formulierungen sind i.d.R. konkrete und allgemein anerkannte Anforderungen und Ideale verbunden. Der institutionelle Wandel einer Familie erfolgt genau auf dieser Ebene, die Ideale, Anforderungen und Vorstellungen einer „normalen“ Familie verändern sich, so dass das bisher gültige Bild nicht mehr aktuell ist und der Familientyp Zwei- Eltern- Familie an Bedeutung verliert, da andere Lebensformen die Anforderungen, die die Gesellschaft an Familie stellt, evtl. besser erfüllen können. So entstehen für jede einzelne Person mehr Wahlmöglichkeiten, bezüglich der Familienform und der Lebenspartner, die aber in manchen Fällen auch eine Überforderung darstellen können, da die Sicherheit des traditionellen Familienbildes, und der damit einhergehenden Rollenverteilung, kaum noch vorhanden ist. Diesen Ansatz verfolgt auch die Theorie der sozialen Differenzierung.
Die Theorie der sozialen Differenzierung
Um den sozialen Wandel der Familienformen zu erklären, können verschiedene Privatheitstypen unterschieden werden, wie dies die Theorie der sozialen Differenzierung vornimmt.
Neben der Familienform der Kleinfamilie sind weitere Formen getreten, die sich in verschiedenen Privatheitsmustern 49 ausdrücken, die aufgrund von verschiedenen Erfordernissen, die von der Kleinfamilie nicht mehr erfüllt werden können, entstanden sind.
Die Kleinfamilie ist stark kindzentriert und weist damit erzieherische Handlungsschemata auf, hinter denen die Ehe- oder Partnerbeziehung zurückstehen muss, da die Sozialisationsfunktion besonders stark in den Vordergrund gerückt ist.
47 Vgl. Nave-Herz, Rosemarie; Familie heute- Wandel der Familienstrukturen und Folgen für die
Erziehung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt. 1994. S. 3
48 Vgl. Huinink / Konietzka, 2007. S. 104f
49 Vgl. Peuckert, 2005. S. 377ff
22
Erkennbar wird dies durch den Kinderwunsch als Anlass für eine Eheschließung. Diese Kindzentrierung wird so hoch geschätzt, dass Menschen ihre bisherige Lebensform aufgeben und die Ehe eingehen.
Im partnerschaftsorientierten Privatheitstyp 50 geht es um eine partnerschaftliche Handlungsthematik in einem auf Emotionalität basierenden Partnerschaftssystem. In der nichtehelichen Lebensgemeinschaft fehlt die Ausrichtung auf die Familienbildung und es handelt sich um eine unbestimmte Zukunftsperspektive, da das Scheitern der Beziehung in Kauf genommen wird. Bei freiwillig Alleinwohnenden, Wohngemeinschaften sowie den sogenannten „living-apart-together Beziehungen 51 “ handelt es sich um einen individualistischen Privatheitstyp mit individualistischen Handlungsthematiken. Autonomie,
Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung spielen eine große Rolle, der Freizeitbereich wird betont. Individualität meint keinesfalls Isolation, es geht vielmehr um Kontakt mit FreundInnen und Gleichgesinnten. Besonders in Bezug auf Wohngemeinschaften handelt es sich häufig um Zeiten des biographischen Übergangs, der zeitlich begrenzt ist.
Die Entwicklung von Lebensformen mit unterschiedlicher Ausrichtung kann als eine Anpassung an die moderne Gesellschaft und ihre Herausforderungen gesehen werden, einige Aufgabe und Funktionen der Familie wurden auch an den Staat übergeben. Es geht um Fortschritt, der durch gesteigert Anpassungsfähigkeit und Flexibilität gewährleistet sein kann. Gerade auf dem Arbeitsmarkt kann die traditionelle, dauerhafte Kleinfamilie ein Hindernis darstellen, da ihre Mitglieder häufig nicht so flexibel sein können, wie Menschen, die in anderen Lebensformen leben. Natürlich trifft dies nicht auf alle Kleinfamilien zu, genauso wenig, wie alle Mitglieder einer Wohngemeinschaft flexibel und anpassungsfähig sein müssen. Die Problematik der zunehmenden Kinderlosigkeit oder auch die Situation der (ungewollt) Alleinerziehenden lassen sich nur schwer in die positive Vorstellung von gesteigerter Anpassungsfähigkeit einfügen.
Die hier beschriebene Entwicklung deutet einen Wandel von der heterogenen Lebensform Kleinfamilie (mit sehr unterschiedlichen Mitgliedern) hin zu einer
50 Kinderlose Ehe oder nichteheliche Lebensgemeinschaft
51 Partnerschaft mit zwei getrennten Haushalten
23
Verbreitung von mehreren homogenen Gruppen an, in denen die Mitglieder keine großen Unterschiede aufweisen und sich so besser auf die Bedürfnisse und Interessen der Mitglieder einstellen können. Die Familie hat keinen Funktionsverlust erfahren, vielmehr hat sie sich auf bestimmte Aufgaben spezialisiert, um diese besser bewältigen zu können 52 . Die Aufgaben, wie z.B. Produktion oder berufliche Ausbildung der Kinder liegen nun nicht mehr ausschließlich in der Hand der Familie, sondern wurden an (staatliche) Institutionen abgeben, die sich ihrerseits spezialisieren konnten. Der Institution Familie fallen nun Aufgaben, wie z.B. die primäre Erziehung der Kinder sowie die „Stabilisierung der Persönlichkeit der erwachsenen Familienmitglieder und die Befriedigung emotionaler und psychischer Bedürfnisse“ 53 zu.
Die vielen verschiedenen Familienformen, die sich im Laufe der Zeit herausgebildet haben, und auch in den Blick der Gesellschaft gerückt sind, sind mit verschiedensten Besonderheiten verbunden. Bevor eine detailliertere Betrachtung einiger familialer Lebensformen erfolgen kann, muss die damit einhergehende veränderte Rollenverteilung innerhalb der Familien berücksichtigt werden.
4.2.2 Die Rollenverteilung innerhalb der Familie - Karrierefrauen und Hausmänner
Nicht nur die Bedeutung und Ausprägung der Familienformen hat sich im Laufe der Zeit verändert, sondern auch die Rollen und Aufgaben der einzelnen Familienmitglieder innerhalb ihrer Familien. Besonders gravierend ist die Veränderung der Frauenrolle, Beruf und Familie (Haushalt, Kinderversorgung) müssen nun zunehmend stärker in Einklang gebracht werden, was neue und veränderte Handlungsweisen und auch eine andere, neue Vater- / Ernährer-Rolle mit sich bringt. Die traditionelle autoritäre Vaterfigur ist nicht mehr so häufig anzutreffen, wie noch vor einigen Jahrzehnten, da wirtschaftliche Wandlungsprozesse und auch die Bildungsexpansion zu einer verbreiteten Erwerbstätigkeit von Frauen geführt haben.
52 Vgl. Huinink / Konietzka, 2007. S. 102f
53 Vgl. ebd. S. 103
24
Diese veränderten Rollen und Positionen der Eltern haben schließlich Auswirkungen auf die Kinder und deren persönliche Entwicklung.
Die Rolle der Frau veränderte sich dahingehend, dass Erwerbstätigkeit für Frauen zur Normalität wurde, nicht zuletzt vorangetrieben durch die Studenten- und die Frauenbewegung. Zur Individualisierung der weiblichen Lebensläufe trug die bessere Planbarkeit von Schwangerschaften, eine verändertes Ehe- und Scheidungsrecht und verbesserte Bildungschancen bei, sowie die Tatsache, dass Kinderversorgung nur noch als phasenweise Hauptbeschäftigung der Frau betrachtet wurde 54 . Durch das vermehrte Erreichen von höheren Bildungsabschlüssen, entwickelten sich neue Denkformen, die auf mehr Selbständigkeit der Frauen abzielen. Trotz der stärken Orientierung an beruflichen Erfolgen, nahm die Bedeutung von Familie und Kindern für Frauen kaum ab. Diese Tatsache sagt aber noch nichts darüber aus, ob Frauen dann auch wirklich Beruf und Familie vereinbaren können oder wollen oder ob sie sich (zeitweise) für einen Bereich entscheiden. Die am stärksten vertretene Meinung lautet, dass je jünger die im Haushalt lebenden Kinder sind, desto weniger sollte ein Elternteil arbeiten. Ob das Vater oder Mutter ist, scheint theoretisch kein so deutlicher Unterschied zu sein, in der Praxis ist die Kinderversorgung in Zwei-Eltern-Familien i. d. R. immer noch Frauensache 55 . Die völlige Ablehnung von erwerbstätigen Müttern mit schulpflichtigen Kindern wird heute kaum noch vertreten. Es gilt der Grundsatz: „Je jünger die Kinder, desto niedriger ist die Erwerbsbeteiligung der Mütter.“ 56
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stellt für viele Frauen, auch in Zwei-Eltern-Familien, immer noch ein Problem dar, da immer noch der Tatsache Glauben geschenkt wird, dass Kinder unter der Berufstätigkeit der Eltern (besonders der Mutter) und der damit verbundenen Trennung von der Bezugsperson, leiden. Frauen sind u.U. oft verunsichert, ob sie der Erwerbstätigkeit nachgehen können ohne ihrem Kind vermeintlich zu schaden. So lässt sich vielleicht auch erklären, warum die Elternzeit (Erziehungsurlaub) in fast allen Fällen von den Müttern genommen wird, selbst wenn sie mehr verdienen als ihr Partner. Die Verhältnisse verschieben sich
54 Vgl. Peuckert, 2005. S. 260
55 Vgl. ebd. S. 264ff
56 Vgl. World Vision Deutschland e.V. (Hg.) Kinder in Deutschland. 1. World Vision Kinderstudie.
Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main. 2007. S. 72
25
gerade etwas, das das neue Elterngeld einen finanziellen Anreiz für die Väter darstellt, eine Zeit lang die Pflege des Kindes zu übernehmen. Dennoch glauben die meisten Mütter, dass sie besser für das gemeinsame Kind sorgen könnten als ihr Partner 57 , obwohl die Väter auch durchaus bereit wären die Versorgung des Kindes während der Elternzeit zu übernehmen. Die Sorge der Mütter, dass Kinder unter ihrer Berufstätigkeit leiden würden, konnte empirisch aufgehoben werden 58 .
Um etwas über die Berufstätigkeit der Mutter und den damit verbundenen Chancen und Risiken für das Kind sagen zu können, „kommt es vor allem darauf an, ob die betreffende Mutter freiwillig oder unfreiwillig zu Hause bleibt und ob sie tatsächlich den Wunsch hat, arbeiten zu gehen oder lieber bei ihren Kindern bleiben würde. Im ersten Fall kann es zu ausgesprochenen Vorwurfshaltungen gegenüber dem Kind kommen; im zweiten Fall könnte die Mutter-Kind-Beziehung mit Schuldgefühlen belastet werden.“ 59
Frauen verbringen die meiste Zeit mit ihrem Kind, übernehmen auch fast die ganze Pflege und Versorgung. Die Zeit, die der Vater (in Zwei-Eltern-Familien) mit dem Kind verbringt, wird von ihm meist als Freizeit gewertet und zählt zum Vergnügen. Die „unangenehmeren“ Aufgaben, die zur Kinderversorgung gehören, wie z.B. Wickeln oder nachts aufstehen, werden oft von den Müttern erledigt. Auch die sog. „Neuen Väter“ 60 verbringen praktisch deutlich weniger Zeit mit ihrem Nachwuchs, als sie es selber für theoretisch notwendig erachten und begnügen sich während dieser Zeit meist mit Spielen und verrichtet seltener die pflegerischen Tätigkeiten wie wickeln oder füttern. Hier kommt auch wieder die stereotype Vorstellung zum Tragen, dass Frauen kompetenter in der Kinderversorgung sind und sie ihren Partnern nicht zutrauen 61 .
Die Akzeptanz von berufstätigen Müttern ist in Westdeutschland immer noch niedriger als in den neuen Bundesländern 62 . Dabei wirkt sich die Kombination von Familie und Beruf und die damit verbundene Steigerung der eingenommenen Rollen positiv aus; Frauen und auch Männer, die neben der Familie auch berufstätig sind,
57 Vgl. Peuckert, 2005. S. 268f
58 Vgl. ebd. S. 269
59 Vgl. Nave-Herz, 1994. S. 39
60 Vgl. Sauter, Sven. Väterlichkeit- eine normative Kategorie in der Familienforschung? In: Zeitschrift
für Familienforschung, 12 (2000) 1, S. 27-48; S. 42ff
61 Vgl. Peuckert, 2005. S. 283
62 Vgl. ebd. S. 271
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Mareike Schmid, 2008, Die Funktion der Familie im Zusammenspiel von Bildung und Sozialer Ungleichheit, München, GRIN Verlag GmbH
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