Die Tugend ist demzufolge wiederum mit einer Ordnung verbunden, die etwas erst als tugendhaft bestimmen kann.
In diesem Kontext ist auch die Rede von „Besonnenheit“, die den Menschen zum richtigen Handeln bewegt. All diese Begriffe sind eine Art Vorstufen zur Gerechtigkeit, um nicht zu sagen dessen Voraussetzungen. Denn nur durch Besonnenheit können wir als gerecht, tapfer und fromm gelten, und nur dieses Zusammenspiel macht uns zu „vollkommen guten“ Menschen (vgl. Apelt 2004: 133).
Besonnenheit spielt für die Grundidee von Gerechtigkeit deshalb eine so entscheidende Rolle, weil der Mensch nur auf diese Weise bestimmte Dinge anstreben beziehungsweise vermeiden kann. Besonnenheit stellt in diesem Zusammenhang eine weitere Voraussetzung dar, das „vollkommen Gute“ zu erkennen und demnach (moralisch richtig) zu handeln. Nur ein Handeln in diesem „richtigen“ Sinn führt zu wahrem Glück (vgl. Apelt 2004: 133). Damit ist bereits ein wesentliches Merkmal dieser Auffassung von Gerechtigkeit herausgestellt; nämlich der klare Bezug zu Handlungen beziehungsweise den jeweils Handelnden. In diesem Sinne kann ein Mensch seine Gerechtigkeit nur im gerechten Handeln äußern, er ist nicht an sich gerecht.
Im Folgenden versuche ich diese Vorstellung von einem gerecht handelnden Menschen im platonischen Sinne näher zu betrachten.
Wie bereits angedeutet, ist Gerechtigkeit in dieser Argumentation eng mit dem „Glück“ ver-bunden; einerseits mit dem glücklichen Leben des Einzelnen, andererseits mit dem kollektiven glücklichen Zusammenleben der Gemeinschaft. Glück definiert Sokrates als „Besonnenheit erstreben und üben“ und der „Zuchtlosigkeit entfliehen“ (Apelt 2004:133). Gelingt das dem Einzelnen nicht, ist Züchtigung und Strafe die notwendige Folge. Diese Bestrafung darf jedoch in diesem Kontext nicht als Angriff auf den Menschen betrachtet werden, sondern als eine Art Hilfestellung zum Glück. Nicht das Glück der Anderen steht hierbei im Vordergrund, sondern das des Einzelnen, denn nur dadurch werden Gerechtigkeit und Besonnenheit überhaupt möglich.
Weitere wichtige Begriffe des vorliegenden Textauszugs stellen Gemeinschaft und Freundschaft dar. Diese sind Grundvoraussetzungen für die erdachte „Weltordnung“, in der die Menschen durch eine gerechte Lebensweise einen Zusammenhalt erfahren (vgl. Apelt 2004: 133 ff.).
Damit Gerechtigkeit jedoch überhaupt möglich ist, muss das Prinzip der „Gleichheit“ geltend gemacht werden. Diesen Punkt bezweifelt Kallikles aufgrund der folgenden Konsequenzen eines solchen Ansatzes: Vollkommene Gleichheit (und damit Gerechtigkeit) nach Sokrates
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Arbeit zitieren:
Nicole Borchert, 2010, Die Frage der Gerechtigkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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