Die katholische Kirche im demokratischen Transitionsprozess Spaniens
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Grundlagen 12
2.1. Das Demokratieverständnis der katholischen Kirche im Wandel der
Zeit 12
2.1.1. Von der Französischen Revolution bis 1962 13
2.1.2. Das Zweite Vatikanische Konzil 1962 bis 1965 16
2.2. Die dritte Demokratisierungswelle und die besondere Bedeutung des
Zweiten Vatikanischen Konzils nach Samuel Huntington 18
2.3. Ergänzende und alternative Erklärungstheorien 19
2.3.1. Der Einfluss kontingenter Faktoren nach Daniel Philpott 19
2.3.2. Kirchliches Hegemonialstreben 21
3. Die Rolle der spanischen katholischen Kirche im
demokratischen Transitionsprozess 22
3.1. Einleitung: Die spanische Kirche in der Zeit vom Beginn der zweiten
Republik 1931 bis zum Zweiten Vatikanum 22
3.2. Exkurs: Das Opus Dei 25
3.3. Die kirchliche Entwicklung von 1965 bis 1975 29
3.3.1. Die Veränderung der Position der spanischen katholischen Kirche
und die aufkommenden Gegensätze innerhalb des Klerus 29
3.3.2. Exkurs: Die Añoveros-Affäre 1974 als Beispiel für das Verhältnis
von Regime und Kirche am Vorabend der Demokratisierung 33
3.4. Die Hauptquellen zur Analyse der Rolle der Kirche während der
Transition 35
3.4.1. Dokumente des Heiligen Stuhls 36
3.4.2. Dokumente der spanische Bischofskonferenz 37
3.4.3. El País 38
3.4.4. Der Blick von außen: Europäische Bischofskonferenzen und
deutsche Printmedien 40
3.5. Analyse der Rolle der katholischen Kirche in der Zeit der
Demokratisierung 42
1
Die katholische Kirche im demokratischen Transitionsprozess Spaniens
3.5.1. Die erste Phase bis zu dem Wahlen 1978: Konzentration auf die
Demokratisierung und die Bereitschaft der katholischen Kirche
zum Aufbau der Demokratie 43
3.5.1.1. Die Reaktion auf den Tod Francos am 20. November 1975 43
3.5.1.2. Aussagen zur politischen Beteiligung von Christen 45
3.5.1.3. Ablehnung einer Unterstützung für christdemokratische
Parteien 48
3.5.1.4. Stellungnahmen der Kirche zur Teilnahme an den geplanten
Wahlen und zu einzelnen Parteien 50
3.5.1.5. Die Wahlen im Juni 1977 55
3.5.1.6. Die Zustimmung zur Verfassung von 1978 56
3.5.2. Die zweite Phase von 1978 bis zum Sieg der PSOE 1982:
Konzentration auf moralische Werte und Einfluss im
Erziehungswesen 60
3.5.2.1. Zwischen Transition und Konsolidierung: Hintergründe der Zeit
von 1978 bis 1982 60
3.5.2.2. Moral und Werte: Die Kirche als „Hüterin der Moral“ 64
3.5.2.3. Kirchliche Bildungspolitik 71
3.6. Ausblick auf die Zeit nach der Transition 74
4. Mögliche Gründe für das Kirchliche Handeln 78
4.1. Bezug zur vorgestellten Theorie Huntingtons 79
4.2. Bezug zur Theorie der kontingenten Faktoren nach Philpott und
zum Versuch der Hegemonie-Erhaltung nach Haynes 81
5. Zusammenfassung und Fazit 84
6. Anhang 90
6.1. Spanien: Regionen 90
6.2. Spanien: Diözesen 91
7. Literaturverzeichnis 92
7.1. Quellen 92
7.2. Zeitungsquellen 95
7.3. Sekundärliteratur 96
7.4. Abbildungen 102
2
1. Einleitung
„An der Hand der Kirchenhierarchie und der reaktionärsten Rechten ist der Nationalkatholizismus in den Wahlkampf eingetreten.“ 1
So äußerte sich der Justizminister der sozialistischen Regierung Spaniens unter Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero am 2. Januar 2008. Vorangegangen waren in den Weihnachtstagen 2007 große Demonstrationen in der spanischen Hauptstadt, zu denen der Erzbischof von Madrid, Antonio María Rouco Carela aufgerufen hatte, um für konservative Familienwerte zu kämpfen. Zum ersten Mal seit über 30 Jahren machte die Kirche für die kommende Wahl gegen eine Partei, hier die sozialistische PSOE, derart offen mobil. Nachdem die Sozialisten erstaunlich lange dazu geschwiegen hatten, fand der Justizminister deutliche Worte. „Nationalkatholizismus“, die bewusste Verwendung dieses Begriffes, beschreibt den Ernst der Lage. Er bezeichnete die Rolle der katholischen Kirche in Spanien als große Unterstützerin und Verbündete Francos seit dem Bürgerkrieg zwischen 1936 und 1939 bis in die späten 1950er Jahre. Erst danach setzte sich die Kirche langsam vom Regime ab und fand zu einer neuen Rolle. Bevor aber nachvollziehbar wird, warum die sozialistische Regierung solange zu der Kritik schwieg, und warum der Protest der Kirche gegen die Reformen in Spanien eine besondere Bedeutung hat, muss betrachtet werden, wie sich die Kirche nach Francos Tod verhielt und wie sie sich schließlich in der neuen Demokratie positionierte. Nur vor diesem Hintergrund lässt sich die aktuelle Entwicklung Spaniens richtig verstehen und einordnen. Eine Arbeit, die sich mit dem Einfluss von Religion in Westeuropa auseinandersetzt, wird nahezu zwangsläufig erklären müssen, warum sie trotz des Säkularisierungsparadigmas relevant ist. Wie das vorangegangene Beispiel zeigt, ist die These von einer zwangsweisen Säkularisierung bei zunehmendem Wohlstand in den westlichen Industriestaaten wie auch anderswo nicht unangreifbar. 2 Spätestens mit dem Eintritt Polens in die EU und schon zuvor in Ländern wie zum Beispiel Irland und eben dem hier im Mittelpunkt stehenden
1 Fernández Bermejo, Mariano: Zitiert nach: Cáceres, Javier (2008): Angriff der Theo-Cons. In: Süddeutsche Zeitung. Madrid. 2.1.2008.
2 Kritik an der Säkularisierungsthese findet sich unter anderem bei Casanova, José (2006): Rethinking Secularization: A Global Comparative Perspektive. In: Hedgehog Review 8. S. 7-22 und bei Berger, Peter (1999): The desecularization of the world: A global overview. In: Berger, Peter (Hg.): The desecularization of the world. Resurgent religion and world politics. Washington. D.C. / Grand Rapids: Ethics and Public Policy Center / W.B. Eerdmans. S. 1-18.
3
Spanien weisen einige Länder der EU eine vitale Religion auf. Hierzu kommt ein weltweit beobachtbarer Trend zur zunehmenden Bedeutung religiöser Akteure auf der politischen Bühne, wie die christlichen Rechten in den Vereinigten Staaten oder die Ausbreitung des islamischen Fundamentalismus. Einen weiteren Beleg für die steigende Bedeutung des Themas „Religion und Demokratie“ kann man in den Arbeiten von José Casanova und Samuel Huntington seit den 1990er Jahren sehen. 3 So meldete sich unlängst auch der Soziologe Ulrich Beck in der Wochenzeitung Die Zeit zu Wort mit dem Titel „Gott ist gefährlich“. 4 Bei diesen Betrachtungen der Thematik „Demokratie und Religion“ wird Westeuropa immer noch weitgehend als letzte Basis der Säkularisierung angesehen. Doch gerade der Fall Spanien zeigt ein Land, welches Jahrhunderte lang streng christlich geprägt war und dessen autoritäres Regime bis 1975 mitten im Herzen Europas existierte. Als es 1975 nach dem Tod Francos zu einer demokratischen Transition kam, wurden vor allem die Handlungen des jungen Königs Juan Carlos I. sowie die der verschiedenen politischen Lager betrachtet. 5 Die Rolle der katholischen Kirche wurde weitgehend ignoriert. Aber wie kann es möglich sein, dass ein Land, welches spätestens seit der Herrschaft der katholischen Könige Ende des 15. Jahrhunderts streng christlich geprägt war, einen großen politischen Wandel durchmacht, ohne dass die Kirche eine Rolle gespielt hat? Das Ausklammern dieser Frage lässt sich nur durch die allgemeine Akzeptanz des Säkularisierungsparadigmas erklären. Die vorliegende Arbeit ist ein Versuch, diese Lücke in der Betrachtung der Vorgänge in Spanien während der demokratischen Transition zu schließen und die Rolle der katholischen Kirche in dieser Zeit zu klären. In der Einleitung werden das Thema und die untersuchten Ausgangsthesen vorgestellt, außerdem die Methoden und der zugrunde liegende Forschungsstand.
Im Zentrum der Arbeit stehen die Betrachtung des Akteurs „Katholische Kirche“ und dessen Verhalten im demokratischen Transitionsprozess Spaniens. 6 Basis der
3 Casanova, José (1994): Public Religions in the Modern World .Chicago [Künftig zitiert: Casanova 1994] und Huntington, S. (1991): The Third Wave. Democratization in the late Twentieth Century, Norman.
4 Beck, Ulrich (2007): Gott ist gefährlich. In: Die Zeit Nr. 52/2007. 19.12.2007.
5 Genaueres im Abschnitt über den Forschungsstand.
6 In dieser Arbeit ist mit dem Akteur „Katholische Kirche“ in der Regel die spanische Amtskirche gemeint. Abweichungen davon werden an der entsprechenden Stelle deutlich gemacht.
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Untersuchung ist dabei das Verhältnis der katholischen Kirche zur Demokratie und den Menschenrechten, welches sich seit der Französischen Revolution grundlegend geändert hat. Wurden zunächst Freiheitsrechte und Demokratie abgelehnt, so kam es seit Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer langsamen Entspannung des Verhältnisses zwischen liberalen Ideen und Kirche. Der entscheidende Wendepunkt war das von 1962 bis 1965 andauernde Zweite Vatikanische Konzil. 7
Dieses Ereignis sowie der ihm zugrunde liegende und folgende innerkirchliche Wandel der katholischen Kirche stellen die Grundlage der Überlegungen zur Rolle der katholischen Kirche in der Beschreibung Samuel Huntingtons über die von ihm so genannte „dritte Demokratisierungswelle“ dar. 8 Neben ökonomischen, sozialen und kulturellen Veränderungen sieht Huntington auch in den Umwandlungen der katholischen Kirche im Zuge des Zweiten Vatikanums einen entscheidenden Faktor für die Demokratisierung. Dies bedeutet, dass die katholische Kirche in den Ländern, welche zur dritten Demokratisierungswelle gehörten, einen entscheidenden Anteil am Transitionsprozess hatte. Wie dargestellt ist der Fall Spanien vor allem aus zwei Gründen besonders interessant. Zum einen liegt Spanien mitten im westlichen Europa, in dem nach dem Zweiten Weltkrieg die Demokratie dominierte. Trotzdem war das Land bis zum Tode Francos im Jahre 1975 eine autoritäre Diktatur. Zum anderen war die katholische Kirche in Spanien bis in die späten 1950er Jahre als Stütze des Regimes aufgetreten. 9
Diese Überlegungen führen zu der ersten Hauptfrage, mit welcher sich die vorliegende Arbeit beschäftigt:
Welche Rolle nahm die katholische Kirche im demokratischen Transitionsprozess Spaniens ein?
Die Thesen dieser Arbeit lauten in Bezug auf die so gestellte erste Hauptfrage:
7 Vgl. hierzu Kapitel 2.1.
8 Vgl. hierzu Kapitel 2.2.
Mit der dritten Demokratisierungswelle ist die 1974 mit Portugal beginnende Periode einer Ausbreitung der Demokratie auf der Welt gemeint, welche in Europa Portugal, Spanien und Griechenland in der 1970er Jahren umfasste und in den folgenden Jahren vor allem katholische Länder in Süd- und Mittelamerika, sowie die Philippinen und die ehemaligen kommunistischen Ostblockstaaten erfasste.
9 Vgl. hierzu Kapitel 3.1.
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1. Die katholische Kirche nahm nach einem innerkirchlichen Wandel in der ersten Phase der Veränderungen nach Francos Tod die Rolle einer Demokratisiererin ein und förderte maßgeblich den demokratischen Transitionsprozess.
2. Nach der Verabschiedung der Verfassung 1978 positionierte sich die Kirche neu und entwickelte sich während einer zweiten Phase der Transition nach 1978 zu einer Verteidigerin von konservativen Normen und Werten.
Diese erste Frage und die darauf aufbauenden Thesen liefern die Begründung für den ersten Teil in der Struktur der Arbeit.
Nach dieser Einleitung folgt ein Kapitel über das Demokratieverständnis der katholischen Kirche seit der Französischen Revolution, welches die Grundlage für die Frage bildet, ob ein innerkirchlicher Wandel festzustellen ist.
Außerdem werden die Theorieansätze Samuel Huntingtons, Daniel Philpotts und Jeffrey Haynes vorgestellt, die einen zweiten Orientierungspfeiler bilden.
Das dritte Kapitel schließlich stellt die Hauptanalyse der Arbeit dar. In ihm wird die Rolle der katholischen Kirche in der demokratischen Transition Spaniens ausführlich untersucht. Dabei teilt sich das Kapitel in drei zeitliche Abschnitte. Zunächst wird die Zeit unmittelbar vor der eigentlichen Transitionszeit betrachtet. Da, wie zu sehen sein wird, das Zweite Vatikanische Konzil eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der Kirche darstellt, ist die Zeit von 1965 bis zu Francos Tod 1975 die Grundlage und der Ausgangspunkt für die Betrachtung der Transitionszeit.
Die eigentliche Transition, welche für diese Arbeit 1975 mit dem Tod Francos beginnt und mit dem Wahlsieg der unter Franco verbotenen sozialistischen PSOE 1982 endet, wird gemäß den Thesen in zwei Phasen eingeteilt. Die erste Phase geht dabei von 1975 bis zur Verabschiedung der Verfassung 1978. Die zweite Phase beginnt mit der Verabschiedung der Verfassung und endet 1982.
Die zweite Hauptfrage der Arbeit baut auf die in der Analyse gewonnenen Erkenntnisse auf und lautet:
6
Wie lassen sich die Handlungen der katholischen Kirche in Spanien in der Transitionszeit erklären?
Diese Frage ist deutlich schwieriger zu beantworten. So lässt sich nicht jedes Motiv der Kirche eindeutig bestimmen. Es folgt daher ein Rückgriff auf die in Kapitel zwei vorgestellten Theorien Huntingtons, Philpotts und Haynes‘. Diese sollen nun nach der Analyse in einem weiteren Kapitel mit den zuvor gewonnenen Ergebnissen auf den Fall Spanien angewendet werden. Als grundlegende Thesen für die Begründung des kirchlichen Handelns gelten dabei:
1. Die katholische Kirche handelt aus einem gewandelten
Demokratieverständnis heraus, welches sich im Zweiten Vatikanischen Konzil niederschlägt, das von den Veränderungen in der spanischen Bischofskonferenzbegleitet wird.
2. Es gibt eine enge Verbindung zwischen der spanischen Kirche und dem Heiligen Stuhl, so dass sich die spanische Kirche zunächst dem Wandel nach dem Zweiten Vatikanum anpasst und später der konservativen Wende unter Johannes Paul II. folgt.
3. Die katholische Kirche in Spanien passt sich den neuen Gegebenheiten an, um einen Teil ihrer im Franquismus ausgeprägten Macht zu behalten.
4. Die sozio-ökonomischen sowie kulturellen Veränderungen in Spanien zwingen die Kirche seit Mitte der 1950er Jahre zum Umdenken.
Zusammenfassend stellt die Arbeit also einen Zweischritt dar, bei dem zunächst die Rolle der katholischen Kirche im demokratischen Transitionsprozess Spaniens untersucht wird und anschließend mögliche Gründe für ihr Handeln beleuchtet werden.
Die vorgestellten Thesen der Arbeit sollen anhand einer qualitativen Literatur-und Quellenanalyse erfolgen. Dabei werden zunächst im zweiten Kapitel wesentliche Grundlagen anhand einer Literaturanalyse vorgestellt. Als erstes wird das Verhältnis der katholischen Kirche zur Demokratie und den Menschenrechten
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im Wandel der Zeit vorgestellt. Von essentieller Bedeutung für den Teil der allgemeinen Kirchengeschichte werden dabei die Arbeiten von Klaus Schatz sowie in Hinblick auf das 20. Jahrhundert auch zentrale Dokumente und Enzykliken des Heiligen Stuhls verwendet. Über das Verhältnis der Kirche zu den Menschenrechten werden unter anderem Aufsätze von Karl Graf von Ballestrem (2006) und Hubert Wolf (2007) herangezogen. Insbesondere zu Demokratie und Verfassungsstaat wird ergänzend Rudolf Uertz (2006) herangezogen.
Im Folgenden wird ein kurzer Überblick des Forschungsstands zu der Frage nach dem Verhältnis von Katholischer Kirche und Demokratisierung in der Moderne im Allgemeinen gegeben und darüber hinaus werden existierende Arbeiten zur Demokratisierung in Spanien betrachtet. Diese Sichtung führt schließlich zur Begründung der Relevanz dieser Arbeit.
Die Frage nach der Vereinbarkeit von Demokratie und Religion bekommt, wie schon erwähnt, mit der zunehmenden Kritik an der klassischen Säkularisierungstheorie eine neue Bedeutung. Spätestens seit der Veröffentlichung von Samuel Huntingtons Werk: „Der Kampf der Kulturen“ 10 , in dem eine Einteilung der Welt in von Religion maßgeblich geprägten Kulturkreisen dargestellt ist, brach eine Diskussion über die Bedeutung der Religion in Bezug auf eine demokratische Entwicklung der Welt aus. Dass dieser Aspekt weiterhin aktuell und keineswegs eindeutig beantwortet ist, lässt sich auch daran erkennen, dass Standardwerke über Demokratietheorien den Aspekt der Religion in der Regel aussparen. 11 Allgemein ist eine Schwerpunktsetzung auf den Islam zu erkennen, doch lässt der historische Gegensatz zwischen Liberalismus und Katholizismus, welcher in Kapitel 2 als Überblick dargestellt wird, auch hier einen wichtigen Einfluss erahnen.
Neben den schon erwähnten Werken von Samuel Huntington spielt für diese Arbeit vor allem seine Veröffentlichung „The Third Wave“ 12 eine wichtige Rolle. Hier beschreibt er seine Ideen von einer katholischen Prägung der
10 Huntington, Samuel (1996): Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. München. Vorbereitet in dem Aufsatz Huntington, Samuel (1993): The Clash of Civilizations? In: Foreign Affairs. Jg. 72. Nr.3. S. 22-49.
11 Vgl. Schmidt, M. (2008): Demokratietheorien. Eine Einführung. Wiesbaden oder Massing, Peter / Breit, Gotthard (2002): Demokratietheorien. Von der Antike bis zur Gegenwart. Texte und Interpretationen. Schwalbach.
12 Huntington, S. (1991): The Third Wave. Democratization in the late Twentieth Century, Norman [Künftig zitiert: Huntington 1991a].
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Demokratisierung seit der Nelkenrevolution in Portugal. Diese werden im zweiten Kapitel ebenso ausführlich dargestellt wie die ergänzenden Ideen Daniel Philpotts. 13 Eine allgemeine Übersicht über das Thema und die wichtigsten Theorien bietet John Andersons Aufsatz: „Religion, politics and international relations. The catholic contribution to democratization`s `third wave`: altruism, hegemony or self-interest?” 14
Die Ansätze Huntingtons und Philpotts gehen jeweils von einer gravierenden innerkirchlichen Veränderung und einer herausragenden Bedeutung des Zweiten Vatikanums aus. Ähnliche Ansätze lassen sich bei Ernst-Wolfgang Böckenförde finden. Er betont dabei, dass es seiner Ansicht nach vor allem äußere, also säkulare Elemente sind, welche die Kirche zu einem Umdenken bewegen. 15 Ob es sich bei diesen Veränderungen um einen langsamen Anpassungsprozess von außen handelt oder ob es schon immer eine liberale Minderheit innerhalb der katholischen Kirche gab, wird zudem von Hubert Wolf diskutiert. 16
Die wichtigsten Theorien in Bezug auf die vorliegende Arbeit, die auch für die Bewertung der Handlung der katholischen Kirche in Spanien entscheidend sind, werden im zweiten Kapitel ausführlich erläutert.
Abschließend sollen vorliegende Arbeiten über die Transition in Spanien vorgestellt werden mit besonderer Berücksichtigung der Frage, ob in ihnen die Rolle der katholischen Kirche in Spanien während der Transition untersucht wurde.
Die Arbeiten lassen sich grob in zwei große Gruppen einteilen. Zum einen in solche, die meist in den 1980er Jahren erschienen sind und die katholische Kirche gänzlich unerwähnt lassen oder ihr nahezu keine Bedeutung für den Verlauf des Transitionsprozesses einräumen. Herausragend und (abgesehen von der
13 Philpott, D. (2005): The Catholic Wave. In: Diamond, Larry / Plattner, Marc / Costopoulos, Philipp J. (Hg.). World Religions and Democracy. Baltimore / London. [Künftig zitiert: Philpott 2005].
14 Anderson, John (2007): Religion, politics and international relations. The catholic contribution to democratization´s ´third wave´: altruism, hegemony or self-interest?, In: Cambridge Review of International Affairs, Volume 20, Number 3. 2007. S. 383-399. [Künftig zitiert: Anderson 2007].
15 Vgl. Böckenförde, Ernst-Wolfgang (2007): Kirche und christlicher Glaube in den Herausforderungen der Zeit. Beiträge zur politisch-theologischen Verfassungsgeschichte 1957 -2006. Münster.
16 Vgl. Wolf, Hubert (2007): Der Kampf in den Kulturen. Katholizismen und Islamismen vor der Herausforderungen der Moderne, In: Historisches Jahrbuch 127, Jahrgang 2007. S. 521-553. [Künftig zitiert: Wolf 2007].
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Vernachlässigung der Kirche) ein umfassendes Werk ist die Analyse Paul Prestons „Spanien. Der Kampf um die Demokratie“ von 1986. 17 Darüberhinaus existieren noch weitere Werke über die Transformation Spaniens, welche die Kirche und ihre Bedeutung gänzlich aussparen und sich auf Parteien, Gesetze und andere nicht-religiöse Gruppen konzentrieren, wie die von Michael Antoni und Franz-Georg Trabert. 18 Außerdem werden oftmals die Fälle Portugals, Spaniens und Griechenlands verglichen, welche sich lange als autoritäre Regimes in Europa (mit Ausnahme vom kommunistischen Osteuropa) halten konnten und sich in einer ähnlichen Zeit demokratisierten. Beispiele sind hier die Untersuchungen Beate Kohlers und, etwas neuer, Birgit Spenglers. 19
Demgegenüber steht eine zweite Gruppe von Aufsätzen und Monografien, welche die Rolle der Kirche durchaus erwähnen. Diese stammen hauptsächlich aus der Zeit seit 1990 und weisen darauf hin, dass Religion und insbesondere die Kirche als Akteur nicht mehr völlig ignoriert werden können.
Für den Fall Spanien wird die Rolle der Kirche aber vor allem darin gesehen, nicht mehr offen das Franco-Regime unterstützt zu haben. Das heißt, es wird von einer neutralen Position ausgegangen, welche dann die Demokratisierung fördert. Besonders wird diese Position bei Jeffrey Haynes (2006) 20 und Mark Arenhövel (1998) deutlich, welcher angibt, in der Kirche habe sich „eine Position der Neutralität durchgesetzt“. 21 Diese Position wird weithin vertreten und widerspricht der These, dass die Kirche eine offensive Rolle im ersten Teil der Transition Spaniens gespielt habe.
Auffällig bei den neueren Arbeiten bleibt eine nur nebensächliche Behandlung des Einflusses der katholischen Kirche. Ausnahmen bilden José Casanova und Carlos
17 Preston, Paul (1986): Spanien. Der Kampf um die Demokratie. Rheda-Wiederbrück. [Künftig zitiert: Preston 1986].
18 Antoni, Michael (1981): Spanien auf dem Weg zur parlamentarischen Demokratie. Parteien, Wahlen, Verfassung und politische Entwicklung 1975 bis 1980. Europäische Hochschulschriften. Reihe 31. Politikwissenschaften. Band 27. Bonn. und Trabert, Franz-Georg (1985): Die politische Transformation Spaniens nach Franco. Regensburg. Philosophische Fakultät III. Dissertation.
19 Kohler, Beate (1981): Politischer Umbruch in Südeuropa. Portugal, Griechenland, Spanien auf dem Weg zur Demokratie. Europäische Schriften des Institutes für Europäische Politik. Band 57. Bonn. [Künftig zitiert: Kohler 1981]. und Spengler, Birgit (1995): Systemwandel in Griechenland und Spanien. Ein Vergleich. Saarbrücken. Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät. Dissertation. [Künftig zitiert: Spengler 1995].
20 Vgl. Haynes, Jeffrey (2006): Christianity and Politics. In: Haynes, Jeffrey (Hg.): The Politics of Religion. A survey. Routledge. London. S. 20.
21 Vgl. Arenhövel, Mark (1998): Transition und Konsolidierung in Spanien und Chile. Strategien der Demokratisierung. Gießen. [Künftig zitiert: Arenhövel 1998].
10
Collado Seidel. 22 Trotz der dort vorgenommenen historischen Analyse der Rolle der spanischen Kirche im Wandel der Zeit spielt die Transition und der dabei zu beobachtende direkte Einfluss der Kirche nur eine geringe Rolle. Eine ausführliche Analyse wird nicht vorgenommen. Eine weitere Beschreibung der spanischen Kirche findet man bei John Anderson (2003), welcher aber vor allem die Konsolidierung der Kirche in der neuen spanischen Demokratie nach Abschluss der Transition in den Mittelpunkt seiner Betrachtung rückt. 23
Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass es keine umfassende Analyse der Rolle der katholischen Kirche in der spanischen Transitionszeit gibt. Doch auf-grund der Neubewertung von Religion in Bezug auf die Entwicklung von Demokratisierung und die tiefe historische Verwurzelung der spanische Kirche in der Gesellschaft ist davon auszugehen, dass die Kirche einen entscheidenden Beitrag bei der Umwandlung des Franco-Regimes zu einer modernen westeuropäischen Demokratie geleistet hat. Die erste These dieser Arbeit unterstreicht, dass vermutet wird, dass diese Rolle nicht nur in einer neutralen Position bestand, sondern auch in einem aktiven Handeln, besonders in der Zeit von 1975 bis 1982. Die ausführliche Primärquellenanalyse in Bezug auf diese Zeit bildet somit auch den Hauptteil und Kern dieser Arbeit.
22 Casanova 1994: S. 75-92 und Collado Seidel, Carlos (2004): Kirche, Religiosität und Re-Evangelisierung in einer säkularisierten Gesellschaft. In.: Bernecker, Walther L. / Dircherl (Hg.): Spanien heute. Politik - Wirtschaft - Kultur. 4. Auflage. Vervuert. Frankfurt am Main. S. 417-450. [Künftig zitiert: Collado Seidel 2004].
23 Vgl. Anderson, John (2003): Catholicism and democratic consolidation in Spain and Poland. In: West European Politics. Volume 26. Number 1. 1/2003. S. 137-156.
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2. Grundlagen
Das folgende Kapitel stellt die theoretische Grundlage der vorliegenden Arbeit dar. Es werden verschiedene Theorien erläutert, die das Handeln der katholischen Kirche im spanischen Demokratisierungsprozess zu erklären versuchen. 24 Nachdem im Hauptteil der Arbeit die Rolle der Kirche in Spanien untersucht wird, sollen die Ergebnisse abschließend in Bezug zu den hier beschrieben Theorien gesetzt werden.
Dabei wird in einem ersten Abschnitt das sich im Laufe der Zeit wandelnde Demokratieverständnis der katholischen Kirche seit der Französischen Revolution bis zum Zweiten Vatikanum dargestellt. Aus der Analyse des Konzils entwickelte Samuel Huntington die Grundlagen seiner Theorie. Alternativ wird abschließend der Ansatz Daniel Philpotts erläutert, welcher länderspezifische Besonderheiten in den Mittelpunkt seiner Ideen rückt, sowie, mit Bezug auf Jeffrey Haynes, das kirchliche Hegemonialstreben als Motivation für ihr Handeln vorgestellt.
2.1. Das Demokratieverständnis der katholischen Kirche im Wandel der
Zeit
Seit der Französischen Revolution bis zum zweiten Vatikanischen Konzil durchlief die katholische Kirche einen 150-jährigen Entwicklungsprozess von „konservativ-traditionalistischen Vorstellungen hin zu liberal-demokratischen Ideen“. 25 Diese Entwicklung ist auch entscheidend für das sich wandelnde Verhältnis der katholischen Kirche zum Franco-Regime und der darauf folgenden Demokratie, welches im dritten Kapitel dieser Arbeit behandelt wird.
Nachdem hier nun knapp die Positionen der Kirche seit der Französischen Revolution bis zum Zweiten Vatikanum vorgestellt werden, folgt eine Darstellung der wichtigsten Ergebnisse des Konzils in Bezug auf Menschenrechte und Demokratie. Besonders in der im Anschluss betrachteten Theorie Samuel Huntingtons spielen diese Veränderungen eine Rolle.
24 Die folgenden Theorien beziehen sich zuerst einmal grundsätzlich auf
Demokratisierungsprozesse in der Zeit seit 1974 und somit nicht ausschließlich auf Spanien. Sie sind auch gültig für andere Länder mit katholischen Mehrheitsgesellschaften.
25 Uertz, R. (2006): Katholizismus und demokratischer Verfassungsstaat. In: Brocker, Manfred / Stein, Tine (Hg.): Christentum und Demokratie. Darmstadt. S. 128. [Künftig zitiert: Uertz 2006].
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2.1.1. Von der Französischen Revolution bis 1962
Betrachtet man die Entwicklung der Position der katholischen Kirche zur Demokratie seit der Französischen Revolution, sind zwei unterschiedliche Wertungen möglich. Zum einen kann man die Veränderungen als einen stetigen Prozess sehen, bei dem die Kirche bis 1878 liberale Freiheitsideen radikal ablehnt und im Anschluss bis zum Zweiten Vatikanum eine langsame Entwicklung durchläuft. Zum anderen gibt es die Theorie, welche davon ausgeht, dass es durchgehend schon liberale Strömungen in der Kirche gab. Unter Beachtung dieser Positionen werden nun die Veränderungen erläutert.
Ausgangspunkt ist die von der französischen Nationalversammlung am 12. Juli 1790 beschlossene Zivilkonstitution, welche unter anderem die Wahl der Bischöfe durch politische Gebietskörperschaften vorsah. Dazu kamen Ideen eines radikalisierten Gallikanismus, welche schon zuvor in moderaterer Form in Frankreich existiert hatten, wie beispielsweise die Bestätigung der Bischöfe durch den Metropoliten und nicht mehr ausschließlich durch den Papst. 26 Nach acht Monaten folgte die päpstliche Breve Quot aliquantum, welche die natürliche Freiheit und Gleichheit aller Menschen, die Volkssouveränität und die Religionsfreiheit ablehnt. 27 In der Folgezeit kommt es zu einer immer deutlicheren anti-christlichen Ausrichtung der Revolution. 28
Bis zum Beginn des Pontifikats Leos XIII. kommt es zu weiteren Verurteilungen liberaler, freiheitlicher Ideen, wie in der Enzyklika Mirari vos aus dem Jahre 1832, in der die Grundrechte der Gewissens-, Religions- und Meinungsfreiheit abgelehnt werden. 29
Einen Höhepunkt stellt schließlich die Enzyklika Quanta cura, und insbesondere ihr Anhang Syllabus errorum 1864 dar. In dieser verurteilt Papst Pius IX. 80 sogenannte „moderne Irrtümer“, wie Religions- und Gewissensfreiheit, aber auch
26 Vgl. Schatz, Klaus (2008): Kirchengeschichte der Neuzeit. Zweiter Teil. 3. Auflage. Düsseldorf. S. 16 f. [Künftig zitiert: Schatz 2008a].
27 Vgl. Ballestrem, Karl Graf von (2006): Katholische Kirche und Menschrechte. In: Brocker, Manfred / Stein, Tine (Hg.): Christentum und Demokratie. Darmstadt. S. 156 [Künftig zitiert: Ballestrem 2006].
28 Vgl. Schatz 2008a: S. 19.
29 Vgl. Uertz 2006: S. 118.
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die Trennung von Staat und Kirche. 30 Auf dem ersten Vatikanischen Konzil 1870 setzt sich diese, „ultramontan“ genannte, Sichtweise schließlich durch. 31
Dies Alles spricht bis hierhin für einen konsequenten Prozess, welcher im Syllabus errorum sowie in der Unfehlbarkeitsdoktrin des Ersten Vatikanums seine Höhepunkte findet. Allerdings kann man mit Verweis auf die Existenz eines sogenannten „liberalen Katholizismus“ dagegen halten, dass es durchgehend abweichende Meinungen in der katholischen Kirche gab, welche schließlich auch im Zweiten Vatikanum die Grundlage der Veränderungen bilden.
Erstes Anzeichen ist schon 1790 die durchaus zwiespältige Reaktion auf die Zivilkonstitution, welche vor allem vom niederen Klerus, aber auch von sieben Bischöfen anerkannt wurde. 32
Ein wichtiger Vertreter im 19. Jahrhundert, welcher ein „Bündnis von Katholiken und Liberalen gegen die alte Fürstenmacht“ anstrebte, war Hugues-Félicité-Robert de La Mennais, 33 welcher als Sprachrohr dieser Position die Zeitung „Avenir“ 1830 mit gründete. 34 Er schrieb im Eröffnungsartikel des „Avenir“ am 16. Oktober 1830 „Zwei Dinge, nur zwei allein: Gott und die Freiheit. Vereinigt sie, und alle innigen und bleibenden Bedürfnisse der menschlichen Natur sind befriedigt.“ 35 Als Beispiel für den Erfolg von Bündnissen zwischen Katholiken und Liberalen kann hier Belgien dienen. 36 De La Mennais‘ Position war dabei kein Einzelfall. Auch andere, wie Charles de Montalembert oder Ignaz von Döllinger vertraten ähnliche Positionen, die in dieser Arbeit aber nicht ausführlich vorgestellt werden können. 37
Als Beweis der Existenz einer liberalen Strömung im katholischen Klerus kann eine Unterschriftenliste gegen die Unfehlbarkeitsdefinition auf dem Ersten Vati- 30 Vgl.Ballestrem 2006: S. 157.
31 Schatz, Klaus 2008: Allgemeine Konzilien - Brennpunkte der Kirchengeschichte. 2. Auflage. Paderborn. [Künftig zitiert: Schatz 2008b]. S. 215 ff.
32 Vgl. Schatz 2008a: S. 18.
33 In der politisch-historischen Literatur oft in der Schreibweise de Lamennais. Vgl. dazu Schatz 2008a und Ballestrem 2006. Die hier verwendete Schreibweise orientiert sich an der Brockhaus Enzyklopädie.
34 Vgl. Wolf, Hubert 2007: S. 529.
35 Zit. Nach Valerius, Gerhard (1983): Deutscher Katholizismus und Lamennais. Die Auseinandersetzung in der katholischen Publizistik 1817-1854. Mainz. S. 118.
36 Vgl. Wolf 2007: S. 530.
37 Vgl. Schatz 2008b: S. 223.
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kanum dienen, auf der immerhin 136 von ca. 700 Bischöfen die Unfehlbarkeitsdoktrin ablehnten. 38
Es spricht also vieles dafür, dass es auch in den Hochzeiten des Ultramontanismus immer eine Minderheit gab, welche den Gegensatz zwischen liberalen Ideen und Katholizismus für überwindbar hielten.
Mit der Wahl Leos XIII. 1878 entschärfte sich der Konflikt etwas. Als Beispiel kann hier die Enzyklika Immortale Dei 39 aus dem Jahr 1885 angeführt werden, welche einen positiven Einfluss des Volkes auf das Gemeinwesen nicht mehr ausschließt. 40
Seit dem ersten Weltkrieg und den aufkommenden totalitären Ideologien des Faschismus und vor allem des Kommunismus „tritt der klassische Liberalismus als Gegner zurück.“ 41 Die Ablehnung das Faschismus und insbesondere des Nationalsozialismus lassen sich unterschiedlich bewerten. So stellt sich die Frage, ob es nicht möglich gewesen wäre, stärker öffentlich gegen die Herrschaft der Nationalsozialisten vorzugehen. Höhepunkt der Ablehnung sowohl des Nationalsozialismus als auch des Kommunismus sind die beiden Enzykliken Divini Re-demptoris und Mit brennender Sorge 42 von 1937. 43 Allerdings wurde immer wieder ein sogenannter „ Modus vivendi“ gesucht, welcher seelsorgerisch begründet wurde. Dieses führte jedoch oft zu einer Instrumentalisierung durch das herrschende Regime, wie zum Beispiel bei dem Konkordat mit dem Deutschen Reich 1933. 44
38 Vgl. Schatz 2008b: S. 245.
39 Immortale Dei: Enzyklika von Papst Leo XIII. vom 1.11.1885. Im Internet unter: http://www.vatican.va/holy_father/leo_xiii/encyclicals/documents/hf_lxiii_enc_01111885_immort ale-dei_en.html (Stand 4.1.2009).
40 Vgl. Wolf 2007: S. 541.
41 Vgl. Schatz 2008a: S. 131.
42 Mit brennender Sorge: An die Erzbischöfe und Bischöfe Deutschlands und die anderen Oberhirten, die in Frieden und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhl leben, über die Lage der katholischen Kirche im Deutschen Reich. Enzyklika von Papst Pius XI. vom 14.3.1937. Im Internet unter:
http://www.vatican.va/holy_father/pius_xi/encyclicals/documents/hf_p-xi_enc_14031937_mit-brennender-sorge_ge.html (Stand: 4.1.2009).
43 Vgl. Schatz 2008a: S. 138 f.
44 Vgl. Ebd.: S. 139.
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Insbesondere Spanien ist ein Beispiel, wo die Ablehnung von Liberalismus und Sozialismus die Kirche zunächst zu einer Unterstützerin des autoritären Regimes machte. 45
Ein erstes deutliches Zeichen hin zu einer Akzeptanz oder sogar Förderung der Demokratie ist die Weihnachtsansprache Pius‘ XII. 1944. Die hier propagierte Vorstellung einer „christliche Demokratie“ wurde in den 1950er Jahren vor allem von den christdemokratischen Parteien in Deutschland, Frankreich und Italien getragen. 46 Aber erst mit dem zunächst als Übergangspapst gewählten Johannes‘ XXIII und dem vom ihm initiierten Zweiten Vatikanischen Konzil änderte sich die Haltung der Kirche gegenüber Demokratie und Menschenrechten offiziell und umfassend.
Die Konzilserklärungen „schöpf[t]en [dabei] aus den Traditionen eines alternativen, liberalen Katholizismus, wie er sich schon bei de La Mennais gezeigt hat und wie er zur Zeit des Zweiten Vatikanums von vielen Katholiken […] wie selbstverständlich praktiziert wurde.“ 47
2.1.2. Das Zweite Vatikanische Konzil 1962 bis 1965
“Man has the right to live. He has the right to bodily integrity and to the means necessary for the proper development of life, particularly food, clothing, shelter, medical care, rest, and, finally, the necessary social services.” 48
Im Jahre 1958 wird als Nachfolger Pius‘ XII. der schon 77-jährige Johannes XXIII. gewählt. 49 Anders als erwartet, kündigt dieser bereits 1959 ein neues, großes ökumenisches Konzil an, welches das Ziel der inneren Erneuerung der Kirche
45 Dieses wird im weiteren Verlauf der Arbeit besonders im Kapitel 3 beleuchtet, als Grundlage der Rolle der spanischen Kirche im demokratischen Transitionsprozess.
46 Vgl. Schatz 2008a: S. 144 f.
47 Wolf 2007: S. 546.
48 Pacem in terris: Über den Frieden auf Erden. Enzyklika von Papst Johannes XXIII. vom 11.4.1963. Im Internet unter:
http://www.vatican.va/holy_father/john_xxiii/encyclicals/documents/hf_jxxiii_enc_11041963_pac em_en.html (Stand 4.1.2009). [Künftig zitiert: Pacem in terris: Über den Frieden auf Erden].
49 Allgemein wurde davon ausgegangen, dass dieser die Rolle eines Übergangspapstes annehmen würde.
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sowie eine Anpassung an die geänderte Welt hat. Zentrales Schlagwort ist dabei „Aggiornamento“. 50
Nach einer dreijährigen Vorbereitungszeit beginnt das Konzil im Herbst 1962 und dauert über 4 Sitzungsperioden bis 1965. Insgesamt gibt es dieses Mal ungefähr 2000 bis 2500 Teilnehmer.
Für den weiteren Verlauf dieser Arbeit, vor allem in Bezug auf die grundlegende Theorie Samuel Huntingtons und darüber hinaus die Bewertung der Rolle der spanischen Kirche während des Demokratisierungsprozesses, sind besonders drei Dokumente von Bedeutung: Die Erklärungen Dignitatis humanae 51 über die Religionsfreiheit und die Konstitution Gaudium et spes 52 , welches das Verhältnis der katholischen Kirche zur modernen Welt neu definiert. Des Weiteren gibt es die päpstliche Enzyklika Pacem in terris 53 , in welcher die katholische Kirche erstmals umfassend die Menschenrechte anerkennt. 54
Pacem in terris entstand zwar zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils, ist aber kein Ergebnis des Konzils, sondern wurde von Papst Johannes XXIII. kurz vor seinem Tod 1963 verfasst und erkennt offiziell die Menschenrechte an. 55
Das am Ende des Konzils 1965 beschlossene Gaudium et spes 56 , ist das für den Einfluss der katholischen Kirche auf Demokratisierungsprozesse entscheidende Werk. In diesem wurde zum ersten Mal offiziell der Verfassungsstaat befürwortet. Außerdem wird der Totalitarismus verurteilt. 57
Die drei entscheidenden Werke setzen einen Schlusspunkt unter die in Abschnitt 2.1.1. beschriebene Entwicklung der katholischen Kirche von einer Gegnerin der liberalen Freiheitsideen, wie Religionsfreiheit und Menschrechte, hin zu einer
50 Vgl. Hierzu Roloff, Gregor (2008): Die Rolle der katholischen Kirche während der Demokratisierungsprozesse in Spanien und Polen. Münster. Institut für Politikwissenschaft. Hauptseminararbeit. S. 5 f. [Künftig zitiert Roloff 2008].
51 Dignitatis humanae: Die Erklärung über die Religionsfreiheit. In: Rahner, Karl / Vprgrimler, Herbert (2005): Kleines Konzilskompendium.Sämtliche Texte des Zweiten Vatikanums. Freiburg. S. 66 -675.
52 Gaudium et spes: Kirche in der Welt von heute. In: Rahner, Karl / Vorgrimler, Herbert (2005): Kleines Konzilskompendium.Sämtliche Texte des Zweiten Vatikanums. Freiburg. S. 449 - 552. [Künftig zitiert: Gaudium et spes: Kirche in der Welt von heute].
53 Pacem in terris: Über den Frieden auf Erden.
54 Vgl. Pesch, Otto Hermann (2001): Das Zweite Vatikanische Konzil. Vorgeschichte - Verlauf -Ergebnisse - Nachgeschichte. Würzburg. S. 346 f.
55 Roloff 2008: S. 6.
56 Vgl. Gaudium et spes: Kirche in der Welt von heute.
57 Vgl. Schatz 2008b: S. 331.
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Verteidigerin dieser. Der Prozess, welcher zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit La Mennais seinen Anfang nahm, bildet hierbei die Grundlage für die Ergebnisse des Zweiten Vatikanums.
2.2. Die dritte Demokratisierungswelle und die besondere Bedeutung des
Zweiten Vatikanischen Konzils nach Samuel Huntington
„Most important, however, the changes flowed from the Second Vatican Council […]. Vatican II stressed the legitimacy and need for social change, the importance of collegial action by bishops, priests, and laity, dedication to helping poor, the contingent character of social and political structures, and the right of individuals.” 58
In seinem Buch “The Third Wave” (1991) beschreibt Samuel Huntington ausführlich seine Theorie über die dritte Welle der Demokratisierung, welche er als “a Catholic wave” 59 bezeichnet. Grundlage ist dabei die Annahme, dass sich die Demokratisierung in der Moderne in Wellen und Gegenwellen einteilen lässt, wobei Ausreißer möglich sind. Eine erste Welle reichte dabei von 1828 bis 1926, welche unter anderem auch die USA und Großbritannien einschloss. Ab 1922 bis 1942 kam es zu einer ersten Gegenwelle an deren Ende es noch 11 Demokratien gab. Eine zweite Welle, welche 1943 anfing und 1962 endete, führte die Zahl der Demokratien auf einen neuen Höchststand von 51. Dazu gehörten beispielsweise West-Deutschland und Italien. Nachdem es zwischen 1958 und 1975 zu einer erneuten Gegenwelle kam, begann 1974 mit der Nelkenrevolution in Portugal die hier im Mittelpunkt stehende dritte Demokratisierungswelle, zu der als eines der ersten Länder Spanien gehörte. 60
Den besonderen Charakter einer katholische Demokratisierungswelle bekommt sie, da drei Viertel aller sich demokratisierender Länder katholische Mehrheitsgesellschaften waren, also über eine Bevölkerungsmehrheit katholischer Christen verfügten. 61 Dies ist der Ausgangspunkt für Huntingtons Suche nach dem Einfluss des Katholizismus auf diese Demokratisierungen. Neben der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung spielen für ihn vor allem die innerkirchlichen Veränderun-
58 Huntington1991a: S. 78.
59 Huntington, S. (1991): Democracy`s Third Wave, In: Journey of Democracy. Volume 2. Number 2. 1991. S. 13. [Künftig zitiert: Huntington 1991b].
60 Vgl. Huntington 1991a: S. 13 f.
61 Vgl. Huntington 1991b: S. 13.
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gen im Anschluss an das Zweite Vatikanum eine entscheidende Rolle für den Demokratisierungsprozess. 62
Dabei sieht Huntington eine Veränderung auf zwei verschiedenen Ebenen: Zum einen die globale innerkirchliche Veränderung besonders unter Papst Johannes XXIII., welche dann im Zweiten Vatikanischen Konzil auch umgesetzt wurde, und zum anderen die Veränderungen an der kirchlichen Basis. 63
Durch diese innerkirchlichen Veränderungen gerät die katholische Kirche laut Huntington zwangsweise in eine Oppositionsrolle zu autoritären Regimen, wie es auch Spanien in der Zeit Francos war. Er kommt schließlich zu dem Schluss, dass
„all in all, if it were not for the changes within the Catholic Church and the resulting of the Church against authoritarianism, fewer third wave transitions to democracy would have occurred and many that did occur would have occurred later.” 64
2.3. Ergänzende und alternative Erklärungstheorien
Im Folgenden werden nun zwei Theorien erläutert, welche die Theorie Huntingtons ergänzen, beziehungsweise kritisieren. Sie werden im Abschlusskapitel dazu verwendet, um Handlungen der spanischen katholischen Kirche zu erklären, die sich mit Huntingtons Theorie nicht vollständig in Einklang bringen lassen. 65
2.3.1. Der Einfluss kontingenter Faktoren nach Daniel Philpott
Auch für Daniel Philpott spielte das Zweite Vatikanische Konzil eine entscheidende Rolle, aber er wirft die Frage auf, aus welchem Grund die Auswirkungen auf das Verhalten der katholischen Kirche während der Demokratisierungsprozesse in verschiedenen Ländern unterschiedlich ausfallen. Oder, um es in seinen Worten zu sagen:
62 Vgl. Huntington 1991a: S. 77.
63 Vgl. Ebd.: S. 78 f.
64 Ebd.: S. 85.
65 Weitere theoretische Erklärungsmodelle wie von Anthony Gill oder Carlos Torres beziehen sich nur auf die Situation von Lateinamerika und werden deshalb an dieser Stelle nicht näher erläutert. Vgl. hierzu: Gill, Anthony (2008): The Political Origins of Religious Liberty. Cambridge University Press. Cambridge.
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„In each country, though, the opposition of the local Church varied in form and extend. […] Why did the Church`s influence vary?“ 66
Er sieht die Begründung in vier möglichen sogenannten “Kontingenten Faktoren”, also länderspezifischen Besonderheiten, die einen Einfluss auf das Verhalten der katholischen Kirche hatten.
dem Staat in der Zeit vor der Demokratisierung, also während der autoritären Herrschaft. Dabei ist entscheidend, ob die Kirche in Bezug auf ihre Finanzen, religiösen Praktiken und Aussagen eine autonome Stellung bewahren konnte. Philpott stellt die Theorie auf, dass die Rolle der katholischen Kirche während der Demokratisierungsprozesse immer dort stark ist, wo es der Kirche gelang, eine große Autonomie zu bewahren. 67
Ein zweiter Aspekt sind transnationale Verbindungen innerhalb der katholischen Kirche. Für Philpott ist die katholische Kirche über Landesgrenzen hinweg außergewöhnlich stark miteinander verbunden. Das ist für ihn ein Grund, warum sich die Lehren des zweiten Vatikanums so schnell innerhalb der Kirche verbreiteten. Eine starke äußere Unterstützung durch den Heiligen Stuhl oder durch die katholische Kirche aus anderen Ländern führte zu einer stärkeren Rolle während der Demokratisierung. Außerdem ist es ausschlaggebend, wie eng die jeweilige Teilkirche mit dem Vatikan und seinen Lehren verbunden war, also auch den Lehren des Zweiten Vatikanums bereit war zu folgen. 68
Hinzu kommen als dritter Einflussfaktor nach Philpott Verbündete außerhalb der Kirche, wie beispielsweise Gewerkschaften oder Parteien. Es handelt sich also um von Land zu Land variierende externe Faktoren. 69
Als letzter, aber oft sehr entscheidender Faktor, lässt sich untersuchen, ob und in welchem Ausmaß sich der katholische Glaube mit der nationalen Identität gleichsetzen lässt. Besonders, wenn das betreffende Land lange unter fremder Herrschaft stand oder das autoritäre System von außen kontrolliert und so als Fremdherrschaft wahrgenommen wurde 70 , lässt sich solch eine Gleichsetzung finden. 71
66 Philpott 2005: S. 103.
67 Vgl. Ebd.: S. 112.
68 Vgl. Ebd.: S. 112 f.
69 Vgl. Ebd.: S. 113.
70 Als Prototyp eines solchen Landes kann man Polen betrachten. Vgl. dazu auch: Roloff 2008.
71 Vgl. Philpott 2005: S. 113.
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Arbeit zitieren:
Gregor Roloff, 2008, Die katholische Kirche im demokratischen Transitionsprozess Spaniens, München, GRIN Verlag GmbH
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