Einleitung
Ich werde mich in der vorliegenden Arbeit mit der Figurenkonzeption des Tristan von Gottfried von Straßburg befassen. Ich habe dieses Thema gewählt, da mich die Ideale, denen ein Held im höfischen Roman zu entsprechen hatte, interessieren und weil ich Tristan in diesem Zusammenhang für eine herausragende Figur halte, die weiterer Beschäftigung wert ist. Die Untersuchung der Figurenkonzeption in höfischen Romanen kommt meistens viel zu kurz und hat in diesem Fall zudem noch einen besonderen Reiz für mich, da die Figur Tristan mich bereits seit längerer Zeit fasziniert.
Ich werde so vorgehen, dass ich zunächst einiges zur Figurenkonzeption höfischer Romane schreibe. Anschließend werde ich die Figur des Tristans analysieren. Das darauf folgende Kapitel wird die Konzeption Tristans mit der Konzeption des Erecs vergleichen. In einem abschließenden Kapitel werde ich meine Folgerungen aus der Analyse festhalten und schließlich meine Ergebnisse im Schlussteil noch einmal zusammenfassen.
1. Allgemeines zur Figurenkonzeption höfischer Romane Die Helden in höfischen Romanen mussten bestimmten Idealen
entsprechen, nach denen die agierenden Figuren konzipiert wurden. So war es zum Beispiel üblich, dass der Held männlich, übermäßig stark, mutig und von edler Gesinnung war. Die Frauen wurden als herausragend schön und zurückhaltend beschrieben. Die logische Konsequenz daraus ist, dass der stärkste Mann immer die schönste Frau bekommt. Wir sehen dieses Schema an zahlreichen Beispielen, von denen ich hier nur den Erec und das Nibelungenlied nennen will.
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2. Historischer Hintergrund
Zum besseren Verständnis der Figur des Tristans halte ich es für sinnvoll, vorab kurz den historischen Hintergrund zu beleuchten, vor dem Gottfried von Straßburgs Fragment gebliebener „Tristan“ um 1210 entstand. Gottfried nennt sich selbst nicht, er wird nur von anderen Autoren erwähnt. Es ist zu berücksichtigen, dass Gottfried aller Wahrscheinlichkeit nach nicht adeligen Standes war, da er nicht als „Herr“, sondern als meister, bzw. als magister bezeichnet wird. Über seine Herkunft kann nur spekuliert werden. Wahrscheinlich war er Kleriker in Straßburg. Wo er ausgebildet wurde, ist jedoch unbekannt. Er konnte allerdings Französisch. Diese Tatsache lässt einen Aufenthalt in Frankreich als wahrscheinlich gelten. DIETERICH im Akrostichon könnte die Nennung des Auftraggebers sein, was zu weiteren Vermutungen über die Identität führt, über die wir jedoch nicht hinaus kommen. Weiter wird vermutet, dass ein Zusammenhang zwischen der Gottesurteilszene (V. 15047 ff.) und den damaligen Ketzerprozessen des Straßburger Bischofs im Jahre 1211 besteht. Dies führte sogar zu der Vermutung, dass der Roman ein Fragment geblieben sei, da Gottfried als Häretiker angeklagt und verbrannt worden sei.
Insgesamt sind 27 Handschriften von Gottfrieds „Tristan“ vom 13. bis zum 15. Jahrhundert überliefert worden. Seine Quelle ist der altfranzösische Tristanroman des Thomas von Bretagne, der etwa um 1170 entstanden sein muss und ebenfalls Fragment geblieben ist. Jedoch überschneiden sich die beiden Texte nur an wenigen Stellen. 1
Die fürstlich-adelige Welt entwickelte mit dem Rittertum bereits seit dem Hochmittelalter eine ganz eigene Lebensform und Laienkultur. Die Selbstdisziplinierung und der entsprechende Wertekatalog prägten sich in der ritterlichen Literatur aus. Eine wesentliche Rolle spielte hier auch die Übernahme keltisch-bretonischer Themen, wie zum Beispiel die Tafelrunde des Königs Artus. Dennoch waren die südfranzösische Troubadours-Kultur und die Begegnung mit der islamisch-arabischen
1 Brunner, Horst: Geschichte der deutschen Literatur des Mittelalters im Überblick. Stuttgart 2003. S. 223-224.
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Welt, welche teilweise bereits zivilisierter war, für die Entstehung der höfischen Epik und Liebesdichtung ungleich bedeutsamer und beeinflussten den kulturellen Austausch maßgeblich. Im 12. und 13. Jahrhundert war Frankreich maßgebend für die gesellschaftliche Entwicklung und die geistige Entfaltung ganz Europas. Insbesondere Paris gewann eine zentrale Bedeutung und brachte zahlreiche Bildungsstätten, wie die Schulen von Notre Dame, Ste. Geneviève und St.Victor, hervor. Scholaren zogen von einer Bildungsstätte zur nächsten und verbreiteten ihre philosophischen und naturwissenschaftlichen Lehren. Somit entstand der Prototyp des europäischen Intellektuellen. Der Adel und die kirchliche Hierarchie mussten die Funktions- und Führungseliten plötzlich mit den Universitäten teilen. Ausbildung war intellektuelles Training und bewirkte nicht nur eine kulturelle Rezeption, sondern auch die Anregung der eigenen Kreativität. 2
3. Analyse der Konzeption Tristans
Die herausragenden Eigenschaften Tristans sind seine Bildung, seine Schönheit, seine Listigkeit und seine Geschicklichkeit in Bezug auf kulturelle oder künstlerische Tätigkeiten. Es ist sehr auffällig, dass uns mit Tristan nicht der typische Held begegnet, der sich durch seine übermäßige Körperkraft und seine enorme Kampffähigkeit auszeichnet, sondern ein Held, der gänzlich anders konzipiert ist. Um dies zu verdeutlichen, möchte ich auf einige Ausschnitte der Szene eingehen, in der Tristan an den Hof Markes kommt.
„a herre, ez ist ein Parmenois
so wunderlichen curtois und also rechte tugentsam, daz ich’z an kinde nie vernam […]
A herre, er ist so tugenthaft. Seht,diese niuwe meisterschaft, 3 als wir nu zu hove sin komen, die haben wir gar von ime genomen.
2 Prinz, Friedrich: Die kulturelle Entwicklung; in: Hägermann, Dieter (Hrsg.): Das Mittelalter. Die Welt der Bauern, Bürger, Ritter und Mönche. Wien 2005. S. 263-273.
3 Gemeint sind die Furkie und die Curie, das kunstvolle Zerlegen und Entbästen der Jagdbeute nach französischem Brauch.
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[…]
sus begunde er sinem herren sagen von ende siniu maere, wie vollekomen er waere an höfischer jegerie und wie er die curie den hunden vür leite.“ 4
Tristan wird hier von dem Jäger als überaus „tugendhaft“ und „vollkommen“ in der höfischen Jagdkunst beschrieben. Tristan bringt den Jägern zuvor eine neue Form des kunstvollen Zerlegens und Entbästens der Beute nach französischem Brauch bei, nämlich die Furkie und die Curie. Tristan gilt im Mittelalter als „vollendeter aristokratischer Jäger“ und Geschick bei der Jagd musste ein höfischer und gebildeter junger Mann im Mittelalter unbedingt besitzen. Durch seine überragenden Kenntnisse wird Tristan bereits hier schon in seinem Künstlertum, wie auch später bei seinem Horn- und Harfenspiel, bestätigt. 5
Das Augenmerk liegt also eindeutig auf Tristans tugendhaftes Benehmen, seiner kulturellen Kenntnisse und seiner Geschicklichkeit. Ein weiteres Merkmal ist Tristans Schönheit. Ein herausragendes Beispiel ist hier die Szene, in der Tristan am Arm zum König geführt wird.
„ouch kund er selbe schone gan.
Dar zuo was ime der lip getan, als ez diu Minne gebot. Sin munt was rehte rosenrot, sin varwe lieht, son ogenclar. brunreideloht was ime daz har, gecruspet bi dem ende. wol gestellet unde blanc. sin lip ze guoter maze lanc. sine vüeze und siniu bein, dar an sin schoene almeistic schein, diu stuonden so ze prise wol, als man’z an manne prisen sol. sin gewant, als ich iu han geseit, daz was mit grozer höfscheit nach sinem libe gesniten. An gebaerde unde an schoenen siten Was ime so rehte wol geschehen, 6 daz man in gerne mohte sehen.“
4 Gottfried von Straßburg: Tristan. Band 1. Stuttgart 2003, 10. Auflage. S. 202-204, V. 3273-3317.
5 Rüdiger Krohn: Gottfried von Straßburg-Tristan-Kommentar. Stuttgart 2005, 7. Auflage. S. 69. 6 Gottfried von Straßburg: Tristan. Band 1. Stuttgart 2003, 10. Auflage. S.206, V. 3331-3350.
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Arbeit zitieren:
B.A. Janine Sarah Hammelmann, 2006, Die Figurenkonzeption des Tristan von Gottfried von Straßburg, München, GRIN Verlag GmbH
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