Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 1
2. HAUPTTEIL. 2
2.1 Die Ironikerin und der Wahrheitsbegriff bei Richard Rorty. 2
2.2 Das Vorwort in Heines „Wintermärchen“ 5
2.3 Dekonstruktion des Mythos „Nation“ 8
2.3.1 Die Mythen: Barbarossa Heinrich der Cheruskerfürst. 9
2.3.2 Die Symbole: der preußische Adler, der Kölner Dom (Religion) der Rhein. 15
2.3.3 Die Zustände: die deutschen Fürsten und die staatlichen Organe. 21
2.4 Heines Einstellung zu den Mythen seine Selbstauffassung. 23
3. Schluss. 26
4. Anhang. 28
4.1 Gedichte. 28
4.1.1 Friedrich Rückert (1817): Barbarossa-Gedicht 28
4.1.2 Nikolaus Becker (1840): Sie sollen ihn nicht haben (Der deutsche Rhein) 28
4.1.3 Le Rhin allemand (Réponse à la chanson de Becker) 29
4.2 Literaturliste 29
Heine der Ironiker
1. Einleitung
Heinrich Heine zählt man heute zu den bedeutendsten Dichtern der deutschen Geschichte. Schulen, Institute und andere öffentlichen Gebäude tragen ihm zu Ehren seinen Namen. Sein Name steht für freiheitliches Denken. Zu seiner Zeit stieß er allerdings mit seiner Denkweise auf eine Vielzahl starrer und längst überholter Wahrheiten, die sich nur noch durch ihre dogmatische Auslebung in Literatur, Musik und Kunst er-halten konnten; letztlich gestützt von einer nach Restauration strebenden Gesellschaft, die diese Wahrheiten für ihre nationalstaatlichen Bestrebungen benötigten.
Heine erklärte in verschiedenen Schriften seine Vaterlandsliebe, doch konnte er den politischen Tendenzen nicht folgen, weil sie einen rückwärtsgewandten Chauvinismus bedeuteten. Da Heine es nicht einsah, untätig zu sein, entschied er sich, in vielen politischen bzw. gesellschaftlich relevanten Schriften alte Wahrheiten zu entwerten und neue Wahrheiten anzubieten. Als Dichter, der das Wort (welches Wahrheit impliziert) als Werkzeug zu bedienen weiß, ist es Richard Rorty zufolge seine Pflicht, denn er müsse den Menschen die Metaphern, die neue Wahrheitswerte beinhalten, geben, die sie selbst zu erschaffen nicht in der Lage sind. Letztgenannter hat eine wichtige Abhandlung zum Wahrheitsbegriff und zum Begriff der Ironikerin verfasst, die zum Verständnis Heines sehr hilfreich sind und quasi das Rüstzeug sein sollten, um hinter die Worte Heines zu gelangen. Seiner Theorie ist daher ein eigenständiges Kapitel gewidmet (2.1).In den weiteren Kapiteln soll zunächst Heines Position zum Vaterland und sein Ziel dargelegt werden (2.2), wie er es in „Deutschland. Ein Wintermärchen“ formuliert hat, um dann anhand eben dieses Wer-kes zu untersuchen, wie er seine Ziele zu erreichen versucht hat. Die Kernfrage ist da-bei, wie Heinrich Heine alte Wahrheiten und Mythen aufarbeitet und deutet (2.3). Wel-che Einstellung hat er zu den behandelten Themen (2.4)? Wie sehen seine Mittel aus, um alte Wahrheiten zu entwerten und neue Alternativen anzubieten?
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Die Informationslage zu Heines „Wintermärchen“ ist hervorragend, allerdings leider etwas unübersichtlich. Die Heineforschung hat sich in den letzten Jahrzehnten intensiv dem „Wintermärchen“ gewidmet, was zu einer wahren Literaturschwemme führte. Um sich hier zurecht zu finden, sind die Heine-Jahrbücher eine exzellente Wahl, da sie sowohl kurze Artikel zu relevanten Themen beinhalten, die dem neusten Forschungsstand gerecht werden, als auch eine umfangreiche Bibliographie mitbringen. Der Großteil der verwendeten Sekundärtexte stammt daher aus den Heine-Jahrbüchern.
2. HAUPTTEIL
2.1 Die Ironikerin und der Wahrheitsbegriff bei Richard Rorty
Richard Rorty führt den Leser zunächst die Bedeutung von Vokabularien vor Augen. Mit ihnen werde Wahrheit erschaffen. Dieser Gedanke setzte sich bereits vor mehr als zweihundert Jahren durch, was auf die deutsche Idealisten, unter ihnen Kant und Hegel, zurückzuführen ist. 1
Rorty behauptet, dass es Wahrheit nur dort gebe, wo es auch Sätze gebe. Denn Wahrheit könne unabhängig vom menschlichen Geist nicht existieren, weil Sätze so nicht existieren können. Die Vermutung, die Welt enthalte die Ursachen dafür, dass wir Sätze für wahr halten, ist somit falsch. Denn wenn dem so wäre, würde das bedeuten, dass Wahrheit und Welt eins wären. Dann gäbe es eine Wahrheit, die sich letztendlich durchsetze. 2 Allerdings ist damit nicht gesagt, dass kein Zusammenhang zwischen Welt und Wahrheit bestehe. Schließlich ist eine Wahrheit letztendlich eine Weltsicht, eine Betrachtung der Welt.
Tatsächlich ist es so, dass mehrere Wahrheiten gleichzeitig und gleichberechtigt nebeneinander existieren können. Diese Wahrheiten treten in Form von Vokabularen auf, wie sie jedem Menschen eigen sind. Welcher Wahrheit - oder in Rortys Worten:
1 Rorty 1995, S.22f.
2 ebd., S.24
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welchem „Sprachspiel“ 3 - wir Glauben schenken, hängt dabei nicht etwa von subjektiven Entscheidungskriterien ab. Zu seiner ganz persönlichen Wahrheit gelangt man durch das Abgleichen verschiedener sog. „abgeschlossener Vokabulare“ 4 (so nennt Rorty das Vokabular, das ein Mensch zur Beschreibung seiner Lebenswelt benötigt und gebraucht), was zu großen Stücken durch das Lesen politischer, prosaischer, poetischer etc. Schriften geschieht. Literatur hat also eine wahrheitsbildende Funktion. Der Wechsel von einem „Sprachspiel“ zu einem anderen beruht nicht auf der Durchsetzung eines Willensaktes. Vielmehr ist es der Wechsel von Gewohnheiten. 5 Voraussetzung dafür ist, dass zwei oder mehr sich ablösende Gewohnheiten der Welt-Beschreibung bereits existieren.
Ein solcher Wechsel scheint sich schlagartig zu vollziehen. So gibt Rorty als Beispiel für einen solchen Wechsel die Französische Revolution an, die gezeigt hat, „daß sich das ganze Vokabular sozialer Beziehungen [...] beinahe über Nacht auswechseln ließ.“ 6 Dabei muss man aber bedenken, dass die sich nun manifestierende Wahrheitsauffassung der Revolutionäre sich allerdings auch erst über Jahrhunderte hinweg entwickeln musste. Es bestanden also schon Wahrheiten nebeneinander, wenn auch nicht gleichberechtigt.
Dass der Wechsel der Weltsicht im oben genannten Beispiel blutig verlief, hat damit zu tun, dass letztendlich die Worte fehlten, um das Vokabular der als falsch angesehenen Weltsicht zu dekonstruieren.
Eine interessante Möglichkeit, ein Vokabular zu diskreditieren, ist die Beschreibung der Welt in dem anzugreifenden Vokabular, dabei allerdings durchscheinen zu lassen, dass das benutzte Vokabular nicht brauchbar ist. Ironie ist dazu ein Mittel.
Das Problem an Argumenten gegen die Verwendung eines vertrauten und altehrwürdigen Vokabulars liegt darin, daß sie in eben dem Vokabular formuliert sein sollen, gegen das sie sich wenden. Man erwartet von ihnen, daß sie zeigen, wie zentrale Bestandteile dieses Vokabulars ‚ihren
3 ebd., S.25
4 ebd., S.127
5 ebd., S.26
6 ebd., S.21
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eigenen Maßstäben nach inkonsistent’ sind oder daß ‚sie sich selbst dekonstruieren’. Aber das kann man niemals zeigen. 7
Seine vorgeschlagene Methode besteht darin, „so lange immer mehr Dinge auf andere Art neu zu beschreiben, bis dadurch ein Muster sprachlichen Verhaltens geschaffen ist, das die kommende Generation zur Übernahme reizt und sie damit dazu bringt, nach angemessenen neuen Formen nichtsprachlichen Verhaltens Ausschau zu halten [...].“ 8 Auf diese letzten beiden Ideen werde ich noch mal zurückkommen, wenn es um die Behandlung des Heineschen Wintermärchens geht. Zusammenfassend lässt sich mit Ursula Horstmann-Nashs Worten sehr treffend sagen, dass Rorty Sprache als ein Werkzeug betrachtet, „mit dem immer neue metaphorische Umschreibungen und damit Wahrheiten der Welt produziert werden.“ 9 Ein weiterer wichtiger Begriff in Rortys Philosophie ist der der Ironikerin. Er formuliert einen sehr differenzierten Begriff von der Person der Ironikerin; differenzierter, als er im allgemeinen Sprachgebrauch verstanden wird.
’Ironikerin’ werde ich eine Person nennen, die drei Bedingungen erfüllt: (1) sie hegt radikale und unaufhörliche Zweifel an dem abschließenden Vokabular, das sie gerade benutzt, weil sie schon durch andere Vokabulare beeindruckt war, [...]; (2) sie erkennt, daß Argumente in ihrem augenblicklichen Vokabular diese Zweifel weder bestätigen noch ausräumen können; (3) wenn sie philosophische Überlegungen zu ihrer Lage anstellt, meint sie nicht, ihr Vokabular sei der Realität näher als andere oder habe Kontakt zu einer Macht außerhalb ihrer selbst. Ironikerinnen, die einen Hang zur Philosophie haben, meinen weder, daß die Entscheidung zwischen Vokabularen innerhalb eines neutralen und allgemeinen Meta-Vokabulars getroffen wird, noch daß sie durch das Bemühen gefunden wird, sich durch die Erscheinungen hindurch einen Weg zum Realen zu bahnen, sondern daß sie einfach darin besteht, das Neue gegen das Alte auszuspielen. 10
Ironikerinnen treffen also keine Entscheidung zwischen Vokabularen, sondern widmen sich der Neubeschreibung, ohne dabei „Entscheidungskriterien zwischen ab- 7ebd., S.30
8 ebd., S.30
9 Horstmann-Nash 1994, S.24
10 wie Anm.1, S.127 f.
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schließenden Vokabularen zu formulieren.“ 11 Dies bringt sie in eine Position, „die Sartre ‚metastabil’ nennt: nie ganz dazu in der Lage, sich selbst ernst zu nehmen, weil immer dessen gewahr, daß die Begriffe, in denen sie sich selbst beschreiben, Veränderungen unterliegen; [...]“ 12
Des Weiteren bringe eine Ironikerin ihre Zeit damit zu, „sich besorgt zu fragen, ob sie vielleicht im falschen Stamm Aufnahme gefunden, das falsche Sprachspiel zu spielen gelernt habe.“ 13 Ihre Verarbeitungsweise dieses Problem ist die „Neubeschreibung von Objekt- oder Ereignisreihen in einem teilweise neologistischen Jargon“ in der Hoffnung, „daß sie andere dazu anregen können, diesen Jargon aufzunehmen und zu erweitern.“ Ihre Hoffnung ist, dass die Leute keine in den alten Worten formulierten Fragen mehr stellen werden, wenn sie mit ihrer Arbeit fertig ist. 14 Was hat das nun alles mit Heinrich Heine zu tun? Sehr viel, denn bei Heine, all-gemein als Ironiker bekannt, zeigt sich ein reger Wechsel der Weltsichten, ein ständiges Sich-Auseinandersetzen mit der eigenen Erfahrungswelt. Besonders bei seiner Einstellung zur Mythologie und Symbolik ist dies erkennbar. Seine innere Zerrissenheit in Bezug auf dieses Thema soll Hauptgegenstand der folgenden Untersuchung sein.
2.2 Das Vorwort in Heines „Wintermärchen“
Zunächst sei jedoch ein kurzer Blick auf das Vorwort gestattet. Heine stellt hier seinen Patriotismus dar. Er gestaltet diese Positionierung als Verteidigungsrede gegen die „Pharisäer der Nationalität“ 15 , welche im kulturellen Leben tonangebend seien, weil sie der propagierten Richtlinie des Staates blind folgen. Bei dieser Positionierung wird bereits deutlich, dass es, wenn es um Patriotismus geht, verschiedene Auffassungen - Wahrheiten! - geben kann. Heines Patriotismus klammert sich nicht an Symbole, wenn sie nicht mehr als eine „müßige oder knechtische Spielerei sind.“ 16
11 ebd., S.128
12 ebd.
13 ebd., S.129 f.
14 ebd., S. 135
15 Heine 1844, S.3
16 ebd., S.4
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Der Patriotismus je-ner „Pharisäer“, der eher mit „Chauvinismus“ überschrieben werden muss, tut es - vom Wissen befreit, wie leer ihre Symbole sind. Bei seiner Kritik an jenen „Pharisäern“ vergisst er jedoch nicht, die aufgebrachten „Pharisäer“ zu besänftigen. „Beruhigt euch“, ruft er ihnen zu, als möchte er einen wütenden Pöbel zur Räson bringen. Beruhigen sollen sie sich, denn er werde ihre Farben achten, wenn sie zur „Standarte des freien Menschtums“(sic) gemacht werden. Sein „bestes Herzblut“ werde er sodann für sie hingeben. 17 Gemeint sind die Farben der schwarz-rot-goldenen Fahne, die „den oppositionellen Kräften [...] als Farben einer ge-einten deutschen Nation mit einer Verfassung“ 18 dienen sollte. Heine hat diese Farben mehrfach angegriffen, so zum Beispiel in dem Gedicht „Michel nach dem Merz“, in dem Heine die „schwarz-roth-goldne Fahn’“ als „alt germanische[n] Plunder“ bezeich-net. 19 Es sollte dennoch klar sein, dass Heine sich hier nicht als Feind Deutsch-lands positioniert, sondern als Kritiker aktueller politischer Tendenzen - aus Vater-landsliebe!
Weiter unten beschäftigt er sich mit ihren Besitzansprüchen der Nationalisten. Er werde den freien Rhein, der ihm „durch unveräußerliches Geburtsrecht“ gehöre, nicht an die Franzosen abtreten, sondern spricht ihn den Landeskindern zu. Elsass und Lothringen könne er ihnen allerdings nicht einverleiben. Bei diesem Thema kommt es allerdings zu einem Wechsel seines Vokabulars. Plötzlich spricht Heine nicht mehr aus der Distanz („Beruhigt euch“) zu den „Pharisäern“.
Indessen, die Elsasser und Lothringer werden sich wieder an Deutschland anschließen, wenn wir das vollenden, was die Franzosen begonnen haben, [...] wenn wir die Dienstbarkeit bis in ihren letzten Schlupfwinkel [...] zerstören, wenn wir den Gott, der auf Erden im Menschen wohnt, aus seiner Erniedrigung retten, wenn wir der Erlöser Gottes werden, [...] 20
War vorher noch von einem „ich“ die Rede, dass sich den Anschuldigungen entsagt und zum Ruhebewahren aufruft, taucht nun ein „wir“ auf. Heine indiziert damit eine gemeinsame Basis. Er erzeugt Zusammengehörigkeit, selbst wenn es die Zuge- 17ebd.
18 Neuhaus 1998, S.6
19 http://de.wikisource.org/wiki/Michel_nach_dem_M%C3%A4rz
20 wie Anm. 15., S.5
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Patrick Ewald, 2007, Zwischen den Wahrheiten, München, GRIN Verlag GmbH
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