Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung. 1
II. Theoretisch-poetologische Untersuchung 2
1 Das Serapiontische Prinzip in den Erzählungen ETA Hoffmanns. 2
2. Hoffmann als Erzähler: 3
3. Das serapiontische Prinzip Norm oder Willkür: 5
4. Der Mechanismus des serapiontischen Prinzips: 6
5. Zur Funktion der Lebendigkeit bei Hoffmann: 12
6. Wirkungsfelder des Serapiontischen Prinzips: 15
7. Das Serapiontische Prinzip als echtes Dichtungskonzept: 16
III. Werkimmanente Untersuchung. 18
1. Vorbemerkungen. 18
1.1 Ziele und Grenzen. 18
1.2 Was ist serapiontisch? - eine Annäherung. 18
2. Textgestaltung. 23
2.1 Die Wohlgerundetheit. 24
2.2 Die Lebendigkeit. 26
3. Figurengruppen und -konstellationen. 28
4. Hoffmanns direkte Ansprache an den Leser. 33
IV. Nachwort. 35
V. Literaturverzeichnis. 37
1. Primärliteratur: 37
2. Sekundärliteratur. 37
VI. Erfahrungsbericht: 39
Das Serapiontische Prinzip
I. Einleitung
„Schweigen wir aber über alles Verfängliche unseres Vereins, das der Teufel schon von selbst hineintragen wird bei guter Gelegenheit, und sprechen wir von dem Serapiontischen Prinzip! Was haltet ihr davon?“
So sei nun dies der Auftakt, tatsächlich über eben jenes Prinzip zu berichten! Lothar, eines der Mitglieder dieses Freundeskreis, wirft sogleich die Vermutung auf, es handele sich hier um ein feindliches Prinzip. Es sei vorweg genommen, dass dem nicht so ist. Was Hoffmann in seinem Werk „Die Serapionsbrüder“ von diesem fiktiven Freundeskreis diskutieren lässt, ist nichts geringeres als seine Kunstauffassung. Es ist indes keine strukturelle Poetik geworden, sondern nach Tieckschem Vorbild eine Sammlung von Erzählungen, die von Kommentierungen zum Erzählten durch den Freundeskreis umrahmt werden.
Diese Hausarbeit stellt sich der Frage, was überhaupt als serapiontisch zu bezeichnen ist und wie sich dieses Prinzip in den Erzählung o. g. Werkes darstellt. Da diese Hausarbeit ein Gemeinschaftsprojekt darstellt und die amtlichen Vorgaben zwecks der Möglichkeit zur Bewertung zwei eigenständige Teile vorschreiben, haben wir uns entschieden, den Begriff in einem theoretisch-poetologischen und in einem werkimmanenten Abschnitt zu untersuchen. Uns ist bewusst, dass beide Methoden des Herangehens nicht scharf voneinander trennbar sind und voneinander profitieren, wenn sie gleichberechtigt an einer Erzählung angewendet werden. Um dieses Manko auszugleichen, sind die beiden Abschnitte durch Querverweise miteinander vernetzt. Der theoretische Abschnitt ist eine Auseinandersetzung mit dem Normcharakter dieses Prinzips und seiner intendierten Wirkung. Es werden im gleichen Zuge die Begriffe der Wirklichkeit, Fiktion und Imagination einer Untersuchung unterworfen und dabei an Hoffmanns Prinzip gemessen.
Im werkimmanenten Abschnitt werden die gewonnenen Erkenntnisse an den einzelnen Erzählungen nachvollzogen und dahingehend überprüft, ob sich ein verallgemeinbares Gesamtbild entdecken lässt. Es werden die Text- und Figurengestaltung untersucht und dabei einzelne erkennbare Tendenzen herausgearbeitet.
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II. THEORETISCH-POETOLOGISCHE UNTERSUCHUNG
1 Das Serapiontische Prinzip in den Erzählungen ETA Hoffmanns
Wie es bereits im gemeinsamen Vorwort mit meinem Mitautor deutlich geworden ist, haben wir uns entschieden die Hausarbeit thematisch in einen theoretischen und einen praktischen Teil zu gliedern. Die Gründe hierfür wurden bereits im Vorwort näher erläutert.
Zu Anfang stellt sich dennoch die berechtigte Frage, ob der Stoff, das Serapiontische Prinzip, überhaupt eine bloß theoretische Diskussion zulässt, die weitestgehend auf werkimmanente Belege verzichten muss. Meiner Meinung nach wäre eine solche Behandlung möglich, wenn der Schwerpunkt der Arbeit auf die sogenannte Rahmen-handlung der Serapionsbrüder gelegt wird. Zwar können und sollen die einzelnen Wer-ke, wie es in der älteren Forschung durchaus üblich war, einzeln betrachtet werden, doch sollte der Rahmenerzählung Hoffmann ebenso viel Aufmerksamkeit gewidmet werden wie seinen Einzelerzählungen. Begründen ließe sich ein solches Vorgehen wie folgt: „Die Serapiontik Hoffmanns ist eine Umschreibung seines Dichtertums: seiner von der Kunst und seiner dichterischen Darstellung dieser Auffassung.“ 1 Sinnvoll wäre ein so geartetes Vorgehen auch, da Hoffmann selbst, für uns also die wichtigste Referenz in dieser Frage, den Fokus des „geneigten Lesers“ für seine Geschichtensammlung „Die Serapionsbrüder“ mit den nachfolgenden Worten auf die Rahmenhandlung und ihren über den bloßen Unterhaltungswert hinaus weisenden Charakter lenkte. Urteil und geistige Schöpferkraft der Serapionsbrüder bilden den Rahmen für die vielfältige Geschichten- und Erzählungssammlung. Das gemütliche Beisammensein entspricht weniger einem Klubabend als vielmehr einer ausgereiften Diskussion über die korrekte Technik der Dichtung und ihr angestrebtes Wesen:
1 Aus Wiele nachzitiert nach einem SB nachwort. S.1006.
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Hier soll die Unterhaltung der Freunde, welche die verschiedenen Dichtungen miteinander verknüpft, aber mit das treue Bild des Zusammenseins der Gleichgesinnten aufstellen, die sich die Schöpfungen ihres Geistes mitteilen und ihr Urteil darüber aussprechen. 2
2. Hoffmann als Erzähler:
Die Bezeichnung „serapiontisches Prinzip“ leitet sich namentlich von einer Textsammlung ETA Hoffmanns ab, den „Serapionsbrüdern“. Es handelt sich um eine Sammlung von insgesamt 30 Erzählungen und Texten, die ursprünglich über 4 Bände verstreut vorlagen. 3 Zu Beginn des Jahres 1818 schlug der Verleger Georg Reimer Hoffmann vor diese Erzählungen gesammelt in Buchform zu publizieren. Hoffmann schlägt im Zuge dessen vor die Erzählungen in einen gewissen Rahmen einzukleiden nach dem Vorbild von Tiecks „Phantasus“. 4 Bereits im gleichen Jahr entscheidet er sich dann für den Titel „Die Seraphinen Brüder. Gesammelte Erzählungen und Märchen. Herausgegeben von ETA Hoffmann.“ 5 Im Laufe des Jahres 1818 änderte er dann den Namen des Werkes auf „Die Serapionsbrüder“.
Der Name Seraphinenbrüder selbst tritt schon im Jahre 1814 in Erscheinung, als Hoffmann mit einigen Freunden am Tag des hl. Seraphinus von Montegranaro den sog. Seraphinenorden gründet. 1816 wurde dieser Orden schon wiederaufgelöst und konstituierte sich 1818 dann unter dem Namen „Serapions-Brüder“ neu. An dieser Stelle festzustellen ist also, dass es einen unmittelbaren Bezug zwischen der Textsammlung und dem Freundeskreis um Hoffmann herum zu geben scheint. Belegt wird dies meiner Ansicht nach eindeutig durch die gleichzeitige 1818 Namensänderung sowohl bei der Textsammlung als auch bei der Neugründung des Ordens.
2 E.T.A. Hoffmann: Poetische Werke in sechs Bänden, Band 3, Berlin 1963, S. 8.
3 Pikulik, Lothar: E.T.A. Hoffmann als Erzähler. Ein Kommentar zu den Serapionsbrüdern, Göttingen 1987, S.12.
4 Schnapp, Friedrich (Hrsg.): E.T.A. Hoffmanns Briefwechsel. Gesammelt und erläutert von Hans von Müller und Friedrich Schnapp. Bd. II: Berlin 1814- 1822, München 1967 - 69, S.156.
5 Schnapp, Friedrich (Hrsg.): ebd., S.157.
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Doch welche Konsequenzen entstehen nun durch diese von der Literaturwissenschaft gut belegten Bindung von Autor und Werk für das Prinzip als solches? 6 Um jene Frage zu klären, ist es ratsam sich kurz die Rahmenkonzeption, welche bereits in der Begriffsdefinition erwähnt wurde, vor Augen zu führen. Die Geschichten aus o. g. Werk werden von sechs fiktiven Freunden erzählt, wobei hier anzumerken sei, dass die Literaturwissenschaft biographische Bezüge zu engen Freunden Hoffmanns herstellen kann und die sechs Erzähler ihre Entsprechungen in der Realität haben. 7 Nichtsdestotrotz kann an dieser Stelle der Meinung von Wulf Seegebrecht gefolgt werden, der die fiktive Seite der Erzählerfiguren betont, mit der Ansicht, es handle sich um ein autobiographisches Ich, welches in allen sechs Erzählern gleichermaßen widergespie-gelt wird bzw. allen sechs Freunden gleichermaßen zu Grunde liegt. 8 Der hier scheinbare Widerspruch zwischen historisch-biographischen Gestal-tungsnormen und einem „Autorenkollektiv“ 9 als Ersatz für eine singuläre Erzählerfigur, löst sich mit der Frage nach der unmittelbaren Wirkung der sechs charakterlich verschiedenen Erzähler auf den Leser auf. Sie ermöglichen es dem Leser, sich aus seiner bloßen Rezipientenhaltung zu lösen, die er während der Lektüre der Texte eingenommen hat, und sich weitergehend mit dem Text auseinander zu setzten. Der Leser wird in eine Position versetzt, aus der er die eben gelesene Erzählung zu reflektieren vermag, ohne die Rahmenhandlung, den Leseprozess und die eigentliche Geschichte zu verlassen. Diese Technik würde jedoch mit einem einzelnen Erzähler zu einer bloßen Belehrung durch den Autor herab gestuft werden; der Leser dürfte nicht teilhaftig sein an einer Diskussion mit mehreren Positionen deren Verlauf aus der Vielzahl an Meinungen weitestgehend objektiv ist, sondern müsste sich direkt der subjektiven Autormeinung stellen. Eine Entgrenzung des Autors lässt dem Leser die Möglichkeit sich mit verschiedenen künstlerischen Positionen und Gestaltungselementen auf einer objektiveren Ebene auseinander zu setzen. 10 Die Entlehnung der
6 Pikulik, Lothar: ebd., S.13.
7 Lindken, Hans Ulrich: Erläuterungen und Dokumente. E.T.A. Hoffmann. Das Fräulein von Scuderi, Stuttgart 2001, S.67. oder auch: Steinecke, Hartmund: E.T.A. Hoffmann, Stuttgart 1997, S.115.
8 Seegebrecht, Wulf: E.T.A. Hoffmann. Die Serapionsbrüder, München 1963, S. 1064.
9 Pikulik, Lothar: ebd., S.14.
10 Pikulik, Lothar: ebd., S.
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Charaktere bei realen Figuren der Lebenswelt Hoffmanns dient lediglich der Authentizität der verschiedenen Positionen innerhalb der Diskussion.
3. Das serapiontische Prinzip Norm oder Willkür:
Wenn oben von einer Diskussion über künstlerisch - ästhetische Elemente gesprochen wird, so darf nicht vergessen werden, dass es bei allen Diskussionen der Freunde in erster Linie um die Einhaltung des serapiontischen Prinzips an sich geht. 11 Folgt man einer Deutung durch die Serapionsbrüder, so handelt es sich dabei um eine „Poetologie“ 12 . Nun muss aber an dieser Stelle angemerkt werden, dass der Begriff der Poetik/ Poetologie 13 aus literaturwissenschaftlicher Sicht nicht unumstritten ist. Gerhard Kaiser führt diese Unsicherheit in der Forschung auf eine mangelnde Beach-tung der Selbstzeugnisse Hoffmanns zurück, der sich seinerseits „nur zurückhaltend theoretisch - programmatisch äußerte.“ 14
Bei einer Poetik handelt es sich, allgemein formuliert, um ein durchgehendes Gestaltungskonzept oder auch eine Gestaltungsnorm, die der Dichter seinen Werken als roten Faden zu Grunde legt. Auf den ersten Blick scheint die Einbettung der Erzählun-gen in eine einheitliche Rahmenhandlung und die stetige Diskussion der Freunde über das Serapiontische eine solche Vermutung zu stützen. Aber gerade der Gebrauch einer solchen Normierung ist nicht unproblematisch, da sich Hoffmann in den Serapionsbrüdern mittels der Person des Lothar ausdrücklich genau gegen eine solche zwanghafte Reglementierung ausspricht und somit für eine dichterische Willkür:
Herrlicher Einfall ! “, rief Lothar, „füge doch noch sogleich, lieber Ottomar, gewisse Gesetze hinzu, die bei unsern bestimmten wöchentlichen Zusammenkünften stattfinden sollen. Z.B.(...)
11 Steinecke, Hartmut: E:T.A. Hoffmann, Stuttgart 1997, S.114.
12 Zum Begriff des Poetologie in Verbindung mit den Serapionsbrüdern von E.T.A. Hoffmann siehe: Kaiser, Gerhard: E.T.A. Hoffmann, Stuttgart 1988, S.132.
13 Beide Begriffe werden synonym von verschiedenen Autoren verwendet. Japp (Japp, Uwe: Das serapiontische Prinzip. In.: Arnold, Heinz - Ludwig (Hrsg.): Text und Kritik. E.T.A. Hoffmann, München 1992, S.63) schreibt durchgängig von einer Poetik. Kaiser (Fußnote 12) dagegen spricht von einer Poetologie.
14 Kaiser, Gerhart: ebd., S.123.
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daß jeder gehalten sein soll, dreimal witzig zu sein, oder daß wir ganz gewiß jedesmal Sardellensalat essen wollen. Auf diese Art bricht dann alle Philisterei auf uns ein 15
Verfolgt man die Frage nach dem Systemcharakter des Hoffmannschen Serapionswerkes hingegen genauer, so gewinnt man den Eindruck, dass das oben stehende Zitat schnell an seine Grenzen stößt. Die vom Serapionsbruder Lothar geforderte Bedingung der inneren Schau erscheint dem Leser als ein „poetischer Imperativ“ 16 , der ein durchgängiges und vor allem normiertes Konzept impliziert. Um die Frage nach Normhaftigkeit und Systematik des serapiontischen Prinzips tiefergehend auszuloten ist es zunächst notwendig, sich eingehend mit seinem Mechanismus zu beschäftigen.
4. Der Mechanismus des serapiontischen Prinzips:
Anders als sie traditionellen Poetiken der Klassik, sollte die Romantik nach Meinung Schlegels einem System der dichterischen Willkür, die oben bereits angesprochen wurde, und somit einer poetischen Befreiungsideologie, folgen. Diese dichterische Freiheit vor Augen muss auch als Maßstab für das Serapiontische Prinzip von E.T.A Hoffmann gelten. 17 Wo bei Schlegel Willkür im Sinne einer Negation des bestehenden klassischen Systems im Vordergrund zu stehen scheint, drückt sich Hoffmann mit der Wahl des Einsiedlers Serapion zum Namensgeber konkreter aus. Er spricht dem Namenspatron der sechs Freunde eine „Sehergabe“ 18 zu, die mit der sogenannten „inneren Schau“ fest verbunden sei. Da der Seher in derselben Eigenschaft die äußere von uns bewusst wahrgenommene Welt zu Gunsten einer inneren Schau verlässt, entzieht er sich ihr ein Stück weit. Dieser Rückzug aus der Wirklichkeit geschieht denn die äußere Welt ist für ihn
15 E.T.A. Hoffmann: Poetische Werke in sechs Bänden, Band 3, Berlin 1963, S. 71.
16 Japp, Uwe: Das serapiontische Prinzip. In.: Arnold, Heinz - Ludwig (Hrsg.): Text und Kritik. E.T.A. Hoffmann, München 1992, S.66.
17 Diese Bezugnahme auf Schlegel ist nur im Rahmen von Parallelen der poetischen Konzeption zu sehen. Johannes Wiele (Wiele, Jhannes: Vergangenheit als innere Welt. Historisches Erzählen bei E.T.A. Hoffmann, Frankfurt a.M., u.a. 1996, S.173.) bemerkt, dass es nämlich keinen „tragfähigen Rezeptionsnachweis(e)“ für einen Austausch zwischen Schlegel und Hoffmann gibt.
18 E.T.A. Hoffmann: Poetische Werke in sechs Bänden, Band 3, Berlin 1963, S. 71.
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Patrick Ewald, 2008, Das Serapiontische Prinzip, München, GRIN Verlag GmbH
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