Inhaltsverzeichnis
1. Ahimsa paramo dharma - Die oberste Pflicht ist Gewaltlosigkeit 1
Einleitung
2. Die Biografie Mahatma Gandhis - Händler und Koch in einer Person 3
Hauptteil
2.1.1. Die Erziehung in Indien - Der desorientierte Hindu Gandhi 4
2.1.2. Das Studium in England - Der beschämte Inder Gandhi und seine prägendsten 7
Erfahrungen mit der Gita und dem Christentum
2.2.1. Südafrika - Eine Zugfahrt entflammt den politischen Kampf 9
2.2.2. Die Geburtsstunde des Satyagraha - Vom Zeitungswettbewerb zum Leben auf 11
der Farm
2.3. Wie die Religion die Politik beherrscht - Gandhis Lebensabend in Indien 13
3. Contemplari, et contemplata aliis tradere - Gandhis Spiritualität 18
3.1. Wider die äußere Form - Gandhis Religionsverständnis 19
3.2. Die Wesenseinheit von Gott und Wahrheit 20
3.3. Ahimsa - Gewaltlosigkeit in Gedanken, Worten und Taten 23
3.4. Der große Fluss - Satyagraha 27
4. Was bleibt? - Die Große Seele und seine Bedeutung für die Welt 30
Zusammenfassung , Fazit und Ausblick
Anhang
Literaturverzeichnis I
1
Ahimsa paramo dharma - Die oberste Pflicht ist Gewaltlosigkeit 1. Einleitung
In diesem kurzen Gedicht werden die dunklen Seiten des menschlichen Lebensweges nachgezeichnet. Dieser Weg ist erfüllt von Schmerz, Leid und Kummer, vor denen der Mensch nicht entfliehen oder sich verstecken kann. Er kann aber darauf vertrauen, dass es am Ende aller Zeiten eine Erlösung von all diesen irdischen Plagen gibt. Das Leben als tägliches Kreuz sowie die Erlösung in Form der Auferstehung bilden die beiden Pole der menschlichen Existenz. So zumindest schildert es der Verfasser des Gedichtes. Beim ersten Lesen wird man unweigerlich an das Leben und das Geschick Jesu Christi erinnert. Er ertrug Leid und Schmerz, um nach drei Tagen zur Sühne aller Menschen wieder aufzuerstehen. Unter dieser Deutung scheinen die Verse von einem frommen Christen erdacht zu sein, der sich und sein Leben in Analogie zum Weg Christi betrachtet. Umso überraschter ist man jedoch, dass es nicht aus der Feder eines gläubigen Christen stammt, sondern aus der eines Hindus - Mohandas Karamchand Gandhis.
Doch wie kann es sein, dass der gläubige Hindu Gandhi, der seinen Landsleuten und der übrigen Welt eher unter seinem Ehrentitel Mahatma (Große Seele) bekannt ist, sich einer dezidiert christlichen Terminologie bedient? Ist es vielleicht nur ein Zufall, dass er die Symbole von Kreuz und Auferstehung nutzt? Reicht ihm der indische Sprachschatz nicht aus, um seinen Glauben poetisch auszudrücken? Oder ist Gandhi schlichtweg, wie
1 Zit. nach: WOLFF, Otto: Mahatma und Jesus. Ein Charakterstudie Mahatma Gandhis und des modernen Hinduismus, Berlin 1955, Seite 264.
2
ihm dies von seinen Kritikern oftmals vorgeworfen wird, ein heimlicher Christ? 2 Bereits zu Beginn der nachfolgenden Ausführungen sei vorweggenommen, dass Gandhis Inanspruchnahme der christlichen Terminologie weder eine Notlösung etwaiger Sprachmängel war, noch dass er sich damit zum Christentum als solchem bekennen wollte. Margaret Chatterjee bringt es in ihren Ausführungen zum religiösen Denken Gandhis auf den Punkt, wenn sie sagt, dass Mohandas ein Mann „[…] war, dessen religiöses Leben nicht vorrangig durch philosophische Texte [des Hinduismus], auch nicht durch Autorität der [entsprechenden] Schriften geformt worden ist, sondern durch eine Unmenge von Faktoren [bestimmt wurde].“ 3 An diese Einschätzung knüpft die folgende Arbeit an. Gandhis Streben, Handeln und Denken waren einem großen Ziel gewidmet - dem wahrhaftigen und gewaltfreien Leben aller Menschen. Ihm war es dabei völlig gleich welcher Religion, welcher politischen Orientierung oder welcher Nationalität diese Menschen angehörten. Es gab für ihn nur eine fundamentale Voraussetzung, die von Allen eingehalten werden musste - die Gewaltlosigkeit. Diese, als oberste Pflicht eines geordneten Kosmos, war der Dreh- und Angelpunkt in Gandhis friedfertigem Denken. Ahimsa paramo dharma! 4
Um jedoch alle Menschen erreichen zu können, bedurfte es eines Konzeptes, das jeden Einzelnen ansprach und das verstanden werden konnte. So entwickelte Gandhi ein Konglomerat aus verschiedenen hinduistischen Traditionen, aus westlich philosophischen Einflüssen und aus Eigeninterpretationen heiliger Schriften. Solche ‚Syntheseversuche‘ waren in der Geistesgeschichte nichts Seltenes. 5 Im aktiven Kontakt mit den unterschiedlichsten Strömungen - dem Hinduismus, dem Christentum, dem Islam sowie der Philosophie eines Tolstois oder eines Ruskins - versuchte Gandhi durch allmähliches Ausprobieren und Experimentieren auf eine ewige, größere Wahrheit zu stoßen, die seiner Meinung nach allen religiösen Ansichten zugrunde lag. 6 Die dabei gewonnenen Erkenntnisse wollte er in allen Bereichen des Lebens anwenden. An diesem Punkt stoßen wir heute aber auf ein Verständnisproblem. Gandhis „Leben und seine Spiritualität [entsprangen einem] fortdauernden Experimentieren, einer
2 Vgl. WOLFF, Otto: Charakterstudie, Seite 123/ FISCHER, Louis: Mahatma Gandhi. Sein Leben und seine Botschaft an die Welt, Berlin 1955, Seite 124.
3 CHATTERJEE, Margaret: Gewaltfrei widerstehen. Gandhis religiöses Denken - Seine Bedeutung für unsere Zeit, Gütersloh 1994, Seite 18.
4 Ebd., Seite 76.
5 Anmerkung DM: Man denke dabei nur an die gnostischen Anfänge des Christentums oder an das 10. Jahrhundert und an dessen Bestrebungen Aristoteles ins Denken zu integrieren.
6 Vgl. CHATTERJEE, Margaret: Religiöses Denken, Seite 90.
3
immerwährenden Neugier.“ 7 Aus diesem Grund scheint es in seinem Konzept Widersprüche zwischen Wort und Tat gegeben zu haben, d.h. Widersprüche zwischen dem religiösen Philosophen und dem Politiker Gandhi. 8 Diese waren jedoch nur oberflächlich. An seinen Grundeinstellungen rüttelte Gandhi nie. Um jedoch sein Konzept besser nachzeichnen zu können, beschränken sich die nachfolgenden Ausführungen nur auf einige Aspekte seines Denkens - auf sein Religions- und Wahrheitsverständnis, auf seine Vorstellung der Ahimsa (Gewaltlosigkeit) und des Satyagraha (Festhalten an der Wahrheit). 9
All diese Aspekte wirken in seinem spirituellen Denken zusammen, bedingen einander und können als dynamische Größen nicht getrennt, sondern nur als Einheit verstanden und betrachtet werden. Gandhi selbst bezeichnet ihr Zusammenspiel als „den königlichen Weg, der sowohl zur irdischen als auch zur spirituellen Glückseligkeit führt.“ 10 Diese Dynamik basiert vor allem auf den unterschiedlichen Lebensetappen Gandhis, weshalb die Betrachtung seiner Biografie den Ausgangspunkt sowie den Rahmen der nachfolgenden Darstellungen bildet. Anknüpfend daran wird dann näher auf das religiös-spirituelle Denken Gandhis eingegangen.
2. Die Biografie Mahatma Gandhis - Händler und Koch in einer Person Hauptteil
Der Freiburger Religionswissenschaftler Anand Nayak gliedert das Leben Mahatma Gandhis in drei wichtige Abschnitte. Zunächst in die Erziehungsperiode zwischen 1869-1893 und dann in die Südafrikaperiode zwischen 1893-1914. In diesen beiden Lebensabschnitten, so Nayak, gewann Gandhi die Grundlagen seines spirituellen Denkens, das er in der sogenannten Indienperiode zwischen 1914-1948 zum Motivator seines politischen als auch seines sozial-gesellschaftlichen Tuns machte. Diese Einteilung wird nachfolgend beibehalten. Der Name Gandhi bedeutet soviel wie „Händler von Gewürzen oder
7 NAYAK, Anand: Gandhi. Meister der Spiritualität, Freiburg im Breisgau 2002, Seite 9.
8 Anmerkung DM: So sprach sich Mahatma Gandhi gegen jedwede Art von Gewalt aus, aber gleichzeitig rief er seine Landleute dazu auf, im Ersten Weltkrieg an der Seite der Briten zu kämpfen. Dieser Widerspruch wird verständlich, wenn man sich Gandhis Menschenbild und die damit verbunden Pflichten jedes einzelnen vor Augen führt. Er wollte zwar um jeden Preis Gewalt verhindern, doch galt dies nur, wenn die grundlegende Einstellung vorhanden war - die Selbstlosigkeit. Jemand, der aus Feigheit heraus der gewaltsamen Konfrontation aus dem Wege geht, handelt nach Gandhis Verständnis nicht im Sinne der Ahimsa, sondern aus Feigheit. Vgl. hierzu: GANDHI, Mohandas Karamchand: Was ist Hinduismus? ,Frankfurt am Main 2006, Seite 92.
9 Anmerkung DM: Zur Aufschlüsselung einzelner Begriffe wird auf Margaret Chatterjee zurückgegriffen. Siehe dazu: CHATTERJEE, Margaret: Religiöses Denken, Seite 182-184.
10 Zit. nach: CHATTERJEE, Margaret: Religiöses Denken, Seite 25.
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Gerüchen.“ 11 Ein Händler reist in der Regel umher, sammelt die unterschiedlichsten Gewürze oder Geruchsnuancen und beliefert damit sowohl Köche als auch Parfumeure. Diese verfeinern sie und kreieren neue, wohltuende Speisen und Düfte. Gandhi war beides - Händler und Koch in einem. Er lebte in den unterschiedlichsten Ländern, sammelte die verschiedensten Impressionen und erstellte daraus eine bis dahin unbekannte Komposition.
2.1.1. Die Erziehung in Indien - Der desorientierte Hindu Gandhi
Mohandas Karamchand Gandhi wurde am 2. Oktober 1869 im Fürstentum Porbandar, in der heutigen Provinz Gujarat, geboren. Kaba, sein Vater, war Ministerpräsident des Fürstentums und mit Putlibai, Mohandas Mutter, bereits zum vierten Mal verheiratet. Sie schenkte ihrem Mann, der bereits zwei Töchter aus den vorrangegangenen Ehen hatte, nochmals vier Kinder. Unter diesen war Mohandas, der von seiner Mutter liebevoll Moniya genannt wurde, das jüngste Kind. 12 Die Position, die Gandhis Vater im Fürstentum inne hatte, brachte es mit sich, „dass [sich] alle Schichten der Bevölkerung wie Angehörige aller Religionen in seinem Haus trafen […].“ 13 Mit allen kam sein Vater, den Gandhi in seiner Autobiographie als wahrheitsliebenden, aufrichtigen, tapferen und religiös einfachen Mann beschreibt, sehr gut aus. 14 So kam der junge Mohandas schon frühzeitig mit anderen Glaubensrichtungen und Religionen in Kontakt und erkannte, dass alle Menschen in Brüderlichkeit miteinander und nebeneinander existieren können. Später war er der Überzeugung, dass Liebe, Ehrfurcht vor allen Arten des Lebens und die Gewaltlosigkeit ausreichen würden, um solch ein Nebeneinander zu ermöglichen. 15 Er ging in seiner Toleranz gegenüber anderen Religionen später sogar soweit, dass er sie alle als „Wellen des einen Ozeans, Zweige des einen ewigen Baumes der Wahrheit, mannigfache Strahlen des einen Urlichtes, verschiedene Sprachen des einen Geistes, die variierenden Melodien der einen Grundharmonie, so viele Wege zum einen Ziel [nannte].“ 16 Dieses Urteil konnte er natürlich erst in der Rückschau eines langen Lebens treffen, doch eine Offenheit gegenüber anderen Glaubensrichtungen lässt sich bereits in seiner frühsten Kindheit
11 Vgl. NAYAK, Anand: Gandhi. Meister der Spiritualität, Seite 10.
12 Vgl. Ebd., Seite 9.
13 WOLFF, Otto: Charakterstudie, Seite 34.
14 Vgl. GANDHI, Mohandas Karamchand: Eine Autobiographie oder Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit, Gladenbach 1991, Seite 23f.
15 Vgl. WOLFF, Otto: Charakterstudie, Seite 34/ ZIMMERMANN, Gerhard: Sie widerstehen. Sophie Scholl -Dietrich Bonhoeffer - Alfred Delp - Helmut James Graf von Moltke - Mahatma Gandhi - Martin Luther King, Neukirchen-Vluyn 1995, Seite 48.
16 Ebd., Seite 131.
5
nachweisen. Der junge Mohandas hatte muslimische und parsische Freunde. So berichtet er z.B. von einem jungen Muslimen namens Mehtab, mit dem er seiner naturgegebenen Experimentierfreude nachging. Die beiden jungen Männer rauchten, aßen Fleisch und besuchten sogar die örtlichen Bordelle. 17 Aus unserem europäischen Kontext heraus, erscheinen solche Dinge zur normalen Adoleszenz eines Heranwachsenden zu gehören. Doch im indischen Kontext galt ein solches Verhalten als unentschuldbarer Affront. Die wichtigste Stimme seines Gewissens fand Gandhi jedoch in seiner Mutter Putlibai. 18 Genau wie ihr Ehemann entstammte sie der hinduistischen Vaishya-Kaste, genauer gesagt der Unterkaste der Modh-Bania. Diese Händler-Kaste, die zu jener Zeit nicht nur in Indien, sondern auch in den Regionen der afrikanischen Küste sowie auf den kanarischen Inseln und in England Geschäftskontakte pflegte, lebte sehr bescheiden. Obwohl die Kastenmitglieder die Göttin Lakshmi - die Göttin des Reichtums und des Wohlstandes - verehrten, machten sie sich nichts aus weltlichem Besitz. Sie lebten sehr fromm und abstinent. So tranken sie keinen Alkohol, ernährten sich ausschließlich vegetarisch, gönnten sich keine Erholung oder Freizeitaktivitäten und besuchten regelmäßig den Tempel ihrer Gottheit. Gandhis Mutter praktizierte ihren Glauben rigoros. Er schildert dies folgendermaßen: „Wenn ich an meine Mutter denke, so weht mich vor allem der Duft der Heiligkeit an. Sie war tiefinnerlich fromm und hätte nie einen Bissen zum Munde geführt, ohne ihre täglichen Gebete verrichtet zu haben. […] Die härtesten Gelübde nahm sie auf sich und hielt sie ohne Wanken inne.“ 19 In eben diesem mütterlichen Glauben wurde der junge Mohandas erzogen. Obwohl man oftmals in der Fachliteratur liest, dass Gandhi in der Tradition der Jains aufwuchs, ist diese Ansicht aufgrund der tiefen Religiosität seiner Mutter und der engen Mutter-Kind-Bindung kaum vorstellbar. Richtig ist jedoch, dass seine Familie sehr gute Beziehungen zu Mönchen der strengen Jaina-Gemeinschaft unterhielt und dass Gandhi deren ethische Ansichten - vor allem im Hinblick auf sein späteres Gottesbild und sein Verständnis der Ahimsa - in sein Denken integrierte. Bis dahin sollte es aber noch ein weiter Weg für den jungen Mohandas sein. Vor seiner offiziellen Erziehung am Alfred-Gymnasium in Rajkot wurde er zuhause durch seine Mutter in der hinduistischen Vaishya-Tradition erzogen. Sie nahm ihn in den Tempel mit, las mit ihm die Heiligen Bücher Indiens und schulte ihn in
17 Vgl. NAYAK, Anand: Gandhi. Meister der Spiritualität, Seite 13.
18 Vgl. Ebd., Seite 11.
19 Zit. nach: HÖPKEN, Stefanie: Gewaltfreiheit und Dialog. Die Erziehungskonzeption Paulo Freires und Mahatma Gandhi, Oldenburg 2000, Seite 70/ Anmerkung DM: Der erwachsene Gandhi versuchte seiner Mutter darin zu folgen. So legte er u.a. das Armut- sowie das Keuschheitsgelübde ab.
Arbeit zitieren:
Daniel Meyer, 2010, Gandhi - Im Zeichen von Ahimsa und Satyagraha, München, GRIN Verlag GmbH
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