II
Abstract
Afrika unterscheidet sich nicht nur geografisch und politisch vom Rest der Welt. Das Wirtschaftswachstum der vergangenen drei Dekaden in den Ländern, vor allem südlich der Sahara, fiel - selbst verglichen mit anderen Entwicklungsländern - deutlich geringer aus als anderswo auf der Welt, und es scheint, als habe der Kontinent den Aufsprung auf den „Zug der Globalisierung“ verpasst. Die scheinbar unüberwindbaren Hürden von Korruption, Hunger und Armut, sowie Konflikte, oft resultierend aus ethnischer Vielfalt, führten in der Vergangenheit dazu, dass Afrikas Entwicklungsstand deutlich niedriger ist als der anderer Kontinente. Doch obwohl die Fortschritte einzelner afrikanischer Länder deutlich divergieren, gibt es bei differenzierter Betrachtung vieler-orts Anlass zur Hoffnung. Die vorliegende Arbeit analysiert die Wirtschaftsentwicklung, das Investitionsklima und die Wachstumspolitik in drei afrikanischen Schwellenländern: Ghana, Nigeria und Elfenbeinküste. Sie gibt einen Überblick über Entwicklungsindika-toren und -determinanten, sowie über die Entwicklungstheorie und ihre Evolution. Weiterhin liefert sie Hinweise, Anregungen und Strategien zur Steigerung des Lebensstandards in den drei betrachteten Ländern. Ghana kann als ein Beispiel für den Reformwillen vieler Regierungen in Afrika angesehen werden. Diese Arbeit diskutiert das Potenzial und die Problematiken einiger ausgewählter Reformmaßnahmen. Nigerias Ölreichtum hat seiner Bevölkerung in der Vergangenheit eher Unheil als Wohlstand gebracht. In dieser Arbeit wird gezeigt, unter welchen Voraussetzungen die Renten aus den Öleinnahmen dazu dienen können, den Entwicklungsstand Nigerias zu erhöhen. Am Beispiel Elfenbeinküste belegt diese Arbeit weiterhin, dass gerade in Postkonflikt-Ländern entwicklungsfördernde Maßnahmen effektiv sein können.
III
Inhaltsverzeichnis
Abstract. II
Inhaltsverzeichnis III
Tabellenverzeichnis. V
Abbildungsverzeichnis VI
Abk ürzungsverzeichnis VII
1. Problemstellung 1
1.1 Thema der Arbeit 1
1.2 Definition und Eigenschaften von Entwicklungs- und Schwellenländern 3
1.3 Aufbau der Arbeit 6
2. Entwicklungsindikatoren, entwicklungspolitische Zielsetzung und
ausgew ählte Wachstumsdeterminanten. 8
2.1 Indikatoren zur Messung der Entwicklung und des Investitionsklimas 8
2.1.1 Wirtschaftliche Entwicklungs- und Verteilungsindikatoren und ihre Problematik. 9
2.1.2 Indikatoren zur Messung des Investitionsklimas 13
2.2 Entwicklungspolitische Zielsetzung. 16
2.3 Ausgewählte Wachstumsdeterminanten. 18
2.3.1 Zusammenhang von Handelsoffenheit und Wachstum 18
2.3.2 Zusammenhang von FDI und Wachstum 21
3. Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. 24
3.1 Aufgaben der ökonomischen Entwicklungstheorie 24
3.2 Evolution der ökonomischen Entwicklungstheorie 25
3.3 Ökonomische Ansätze zur Erklärung von Unterentwicklung 31
3.3.1 Unterentwicklung als Folge eines Kapitalmangels 32
3.3.2 Keynesianischer Ansatz 37
3.3.3 Neoklassischer Ansatz 39
3.3.4 Neue Wachstumstheorie. 40
3.4 Zwischenfazit zu den Entwicklungstheorien 42
IV
4. Länderfakten und Entwicklungsstand. 43
4.1 Demografie, Wirtschaftswachstum und Ressourcenausstattung 43
4.1.1 Ghana. 43
4.1.2 Nigeria 45
4.1.3 Elfenbeinküste. 48
4.2 Wirtschafts- und Handelsstruktur sowie Reformpolitik. 49
4.2.1 Ghana. 50
4.2.2 Nigeria 53
4.2.3 Elfenbeinküste. 57
4.3 Vergleichende Analyse 59
5. Wirtschaftspolitik, ausgewählte Entwicklungsstrategien und die
Bedeutung von Organisationen. 64
5.1 Rolle des Ordnungsrahmens und der Wirtschaftspolitik im Entwicklungs-
prozess. 64
5.2 Ausgewählte Entwicklungsstrategien 68
5.2.1 Ghana: Der informelle Sektor als Wachstums- und Beschäftigungsquelle 68
5.2.2 Nigeria: Wege aus der „Ressourcenfalle“ 70
5.2.3 Elfenbeinküste: Entwicklungshilfe als Wachstumsmotor in Postkonflikt-Situationen 73
5.3 Bedeutung von Organisationen im Entwicklungsprozess 76
5.3.1 Rolle von Non-Governmental-Organizations (NGOs) 77
5.3.2 Rolle der UN, des IWF und der Weltbank. 80
5.3.3 Bedeutung von Corporate Social Responsibility (CSR) 85
6. Fazit und Ausblick 89
ANHANG. 92
A -I. Das Solow-Wachstumsmodell. 92
A -II. Kritische Diskussion über den Nutzen und die Probleme der Weltbank 97
A -III. Fallbeispiel zum Fehlverhalten großer multinationaler Konzerne (MNEs)
im Ausland: Royal Dutch Shell in Nigeria 99
A -IV. Ergänzende Tabellen und Abbildungen 101
Literaturverzeichnis 104
V
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Ausgewählte Gini-Koeffizienten 13
Tabelle 2: CPI-Korruptionswerte ausgewählter Länder. 13
Tabelle 3: Qualität der Bedingungen für Unternehmen. 14
Tabelle 4: Inward FDI Index ausgewählter Regionen 15
Tabelle 5: Single-cause Ansätze der Entwicklungstheorie. 31
Tabelle 6: Wirtschaftsstruktur Ghanas. 51
Tabelle 7: Handelsstruktur Ghanas 51
Tabelle 8: Handelsstruktur Nigerias. 55
Tabelle 9: Wichtige Wirtschaftsdaten Ghanas, Nigerias und Elfenbeinküste. 60
Tabelle 10: Rangfolge der betrachteten Länder 60
Tabelle 11: Wirtschaftsstruktur Nigerias 101
VI
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: PKE ausgewählter Länder von 1980 - 2008 in USD.
Abbildung 2: Ungewichtete durchschnittliche Zolltarifsätze ausgewählter Regionen.
Abbildung 3: FDIs ausgewählter Länder in USD.
Abbildung 4: Evolution der Entwicklungstheorie
Abbildung 5: Übersichtsschema zu Unterentwicklungserklärungen.
Abbildung 6: Jährliches Wirtschaftswachstum in Ghana, Nigeria und Elfenbeinküste.
Abbildung 7: Nigerias “Development Diamond
Abbildung 8: Nigerias Entwicklungs- und Reformportfolio der Weltbank.
Abbildung 9: Wirtschaftliche Freiheit Elfenbeinküste.
Abbildung 10: Vergleich der Exportanteile der betrachteten Länder.
Abbildung 11: Themenfelder von NGOs
Abbildung 12: Gleichgewichtige Kapitalintensität („Steady State“)
Abbildung 13: Beispiel einer Lorenzkurve.
Abbildung 14: NGOs in absoluten Zahlen, weltweit 1909 bis 2007
Abbildung 15: Auslandsschulden Ghanas, Nigerias und Elfenbeinküste.
Abbildung 16: Wachstumsraten des realen BIPs pro Kopf in Afrika südlich der Sahara (SSA)
VII
Abkürzungsverzeichnis
AGOA Africa Growth and Opportunity Act AU Afrikanische Union BMZ Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung BNE Bruttonationaleinkommen BPB Bundeszentrale für politische Bildung CPI Corruption Perceptions Index CSR Corporate Social Responsibility EBA Everything But Arms Abkommen ECOWAS Economic Community of West African States EPA Economic Partnership Agreement ESAF Enhanced Structural Adjustment Facility EU Europäische Union FDI Foreign Direct Investment GATT General Agreement on Tariffs and Trade GEF Global Environment Facility GPRS Growth and Poverty Reduction Strategy Papers HDI Human Development Index HIPC Highly Indebted Poor Countries International Bank for Reconstruction and Development IBRD ICSID International Centre for Settlement of Investment Disputes IDA International Development Association IFC International Finance Corporation IWF Internationaler Währungsfonds KKP Kaufkraftparität LLDC Least Developed Countries LDC Less Developed Countries MDG Millennium Development Goals MIGA Multilateral Investment Guarantee Agency MOSOP Movement for the Survival of the Ogoni People MNE Multinational Enterprise MCC Millennium Challenge Corporation NEITI Nigeria Extractive Industries Transparency Initiative
VIII
NGO Non-Governmental-Organization NIC Newly Industrialized Countries OECD Organisation for Economic Co-operation and Development PKE Pro-Kopf-Einkommen PRSP Poverty Reduction Strategy Paper PRGF Poverty Reduction and Growth Facility SAF Structural Adjustment Facility SAP
SSA STEP Skills Training and Employment Programme ToT Terms of Trade UNCTAD United Nations Conference on Trade and Development UNDP United Nations Development Programme UNICEF United Nations International Children’s Emergency Fund USD US Dollar (Wechselkurs am 1.3.2010: 1€ = 1,3594 USD) WdR World Development Report WEAMU West African Economic and Monetary Union WHO World Health Organization WTO World Trade Organization
1
„Für mich entscheidet sich die Menschlichkeit unserer Welt am Schicksal Afrikas“ - Horst Köhler 1
1. Problemstellung
Für eine umfassendere Analyse der Wirtschaftsentwicklung, des Investitionsklimas und der Wachstumspolitik in Ghana, Nigeria und Elfenbeinküste ist es zunächst erforderlich, die Bedeutung der Thematik sowie die aktuelle wirtschaftliche Lage und die Charakteristiken dieser Länder zu erfassen. Das folgende Kapitel beginnt mit der Schilderung des Themas dieser Arbeit, um anschließend die Begriffe Entwicklungs- und Schwellenland allgemein zu definieren. Abschließend erfolgt die Beschreibung des weiteren Verlaufs dieser Arbeit.
1.1 Thema der Arbeit
Afrika und Europa sind nicht nur durch die Möglichkeiten und Herausforderungen der Globalisierung, sondern auch gleichermaßen durch die Probleme unserer Zeit betroffen. Nicht nur die globale Finanz- und Wirtschaftskrise, sondern auch Umweltkatastrophen und Flüchtlingsströme haben die enge Verknüpfung der Schicksale beider Kontinente in den vergangenen Jahren deutlich gemacht. Die 2007 festgelegte Afrika-EU-Partnerschaft unterstreicht die Notwendigkeit einer starken politischen und ökonomischen Zusammenarbeit der beiden Kontinente und legt gleichzeitig eine gemeinsame Strategie 2 zur Bekämpfung von Armut sowie zur Förderung von Menschenrechten, Gleichberechtigung, Sicher- 1 S. ZEITonline (2005).
2 Vgl. Africa-EU Joint Strategy (2007).
2
heit und Demokratie fest. Gleichzeitig formuliert das Papier den europäischen Beitrag zur Erreichung der Millennium Ziele 3 (Millenium Development Goals, MDG) und zeigt, dass Europa in der Verantwortung steht. Doch Europa ist damit nicht allein. Der Millenium Gipfel unterstreicht die große Verantwortung aller Länder bei der Armutsbekämpfung, allen voran der führenden Wirtschaftsmächte, den USA und auch China, das selbst noch große Summen an Entwicklungshilfe empfängt. 4
Eine Partnerschaft mit Afrika bietet zahlreiche Chancen für ausländische Unternehmen und fördert zusätzlich die dortige Entwicklung. Ausländische Direktinvestitionen (FDIs) in das immense wirtschaftliche und personelle Potenzial Afrikas nützen nicht nur den investierenden Unternehmen, sondern sind gleichzeitig ein Beitrag zur Stabilisierung einer Welt, in der immer mehr Menschen leben. Nigerias große Öl- und Gasvorkommen 5 nutzen beispielsweise nicht nur multinationalen Konzernen (MNEs), die dort investieren, sondern bieten auch Chancen für zahlreiche Klein- und Kleinstunternehmen aus dem informellen Sektor 6 , die von dem freigesetzten Potenzial, beispielsweise von Investitionen in die Inf- 3 Vom6. bis 8. September 2008 fand die 55. Generalversammlung der Vereinten Nationen in
New York statt, bei der man sich auf einen bestimmten Ziel- und Maßnahmenkatalog einigte,
um das übergeordnete Ziel, die weltweite Armut bis 2015 zu halbieren, zu erreichen. Die MDGs
definieren demnach in gewisser Weise den Entwicklungsfortschritt. Die acht MDGs lauten: 1.
Beseitigung von extremer Armut und Hunger 2. Verwirklichung allgemeiner Primärschulbildung
3. Gleichstellung der Geschlechter 4. Senkung der Kindersterblichkeit 5. Verbesserung der Ge-
sundheitsversorgung von Müttern 6. Bekämpfung von HIV/AIDS, Malaria und anderen schwe-
ren Krankheiten 7. Ökologische Nachhaltigkeit 8. Aufbau einer globalen Partnerschaft für Ent-
wicklung. Schließlich legte die Weltbank ein Rahmenwerk zum globalen Monitoring der MDGs
vor, das auch ihr eigenes Handeln unter die Lupe nehmen soll (Quelle: United Nations 2010).
4 Vgl. Handelsblatt online (2009).
5 Vgl. hierzu Abschnitt 4.1.2
6 Dieser beschreibt im Wesentlichen das System der Kleinunternehmen.
3
rastruktur 7 , profitieren. Eine gefestigte Demokratie im Reformland Ghana ist nicht nur ein gewichtiger Grund für den Frieden, das Wirtschaftswachstum 8 und einen relativ hohen Entwicklungsstand 9 , sondern bietet außerdem die Möglichkeit, die zahlreichen Ressourcen 10 des Landes in einer Weise zu nutzen, die nicht nur einigen privilegierten Eliten, sondern der Mehrheit der Menschen zu Gute kommt. Von einer solchen Entwicklung profitiert auch Elfenbeinküste, die nach der Zeit des Bürgerkriegs wieder positiver in die Zukunft blickt. Trotz der Fortschritte der letzten Jahre ist die Herausforderung in den betrachteten Ländern beachtlich und gewiss sind noch größere Anstrengungen notwendig, sollen die ehrgeizigen MDGs erreicht werden. In einer globalisierten Welt ist Fortschritt nur durch einen weltweiten, konstruktiv geführten Dialog zwischen Afrika und dem Rest der Welt, sowie einer gemeinsamen Strategie der führenden Industrienationen und der Schwellen- bzw. Entwicklungsländer möglich. Diese Arbeit liefert zu dieser Thematik einige Anregungen.
1.2 Definition und Eigenschaften von Entwicklungs- und Schwellenländern
Die Differenzierung von Schwellen- und Entwicklungsländern und die Herausstellung ihrer besonderen Merkmale gestaltet sich nicht ganz einfach, da keine einheitliche Definition existiert. 11 Dennoch werden die beiden Begriffe im Folgenden näher beschrieben und im passenden Kontext dieser Arbeit definiert.
7 Vgl. Alabi (2008), S. 15.
8 Vgl. hierzu Abschnitt 4.1.1.
9 In diesem Fall gemessen durch den Human Development Index (HDI).
10 Vgl. hierzu Abschnitt 4.1.1.
11 Vgl. Hemmer (2002), S. 38.
4
Entwicklungsländer - Obwohl es oftmals leicht erscheinen mag, ein unterentwickeltes Land zu erkennen, gestaltet sich die Definition eines solchen meistens erheblich schwieriger. Es gibt eine Vielzahl von Begriffen, beispielsweise arme Länder (poor countries), unentwickelte Länder (undeveloped countries), unterentwickelte Länder (underdeveloped countries), Wachstumsländer (growing countries) u.v.m., von denen jedoch nur wenige sprachlich gebräuchlich sind. 12
Alle diese Bezeichnungen haben allerdings gemeinsam, dass hier eine gewisse „Rückständigkeit“ in Relation zu den i.d.R. synonym als „reiche“, „entwickelte“ oder „Industrieländer“ bezeichneten westlichen Staaten, gekennzeichnet durch hohen materiellen Wohlstand, postuliert wird. Von Bedeutung ist hierbei die absolute Lage der Entwicklungsländer, die oftmals durch die besagte Rückständigkeit und Armut beschrieben werden kann. Im Folgenden soll die Armutsdefinition von Hemmer verwendet werden:
„Unter absoluter Armut versteht man (...) einen Zustand, bei dem die Betroffenen nicht in der Lage sind, die zur Sicherung ihres Existenzminimums erforderlichen Grundbedürfnisse zu befriedigen.“ 13
Der Begriff „Entwicklungsländer“ hat sich trotz des abwertenden Klangs durchgesetzt, obwohl er sprachlich gesehen eher ungenau ist und möglicherweise eine Entwicklung suggeriert, die in Wahrheit gar nicht stattfindet. Überdies ist der Begriff Entwicklungsland mit Vorsicht zu interpretieren. Die Vorgabe des
12 Der Begriff „Nord-Süd Gefälle“, bzw. „Nord-Süd-Beziehungen“ als Ersatz für Entwicklungspo-
litik, wird zunehmend von den Entwicklungsländern verwendet. Hiermit wird auf das unter-schiedliche Ausmaß der Industrialisierung bzw. Entwicklung in den nördlichen- bzw. südlichen
Regionen der Welt abgezielt, auch wenn Entwicklungsländer nicht zwangsläufig auf der südli-chen Halbkugel liegen.
13 (S. Hemmer (2002), S. 5).
5
„westlichen“ Lebensstandards als Vergleichsnorm dient nicht dazu, diesen uneingeschränkt nachzuahmen. Der Normcharakter des Begriffs soll lediglich dazu dienen, bestimmte Lebensbedingungen zu schildern, die aus bestimmten Gesichtspunkten empfehlenswert erscheinen. 14
Im Folgenden wird die von Hemmer formulierte Definition von Entwicklungsländern verwendet:
„Unter Entwicklungsländern verstehen wir jene Länder, deren bisheriger Entwicklungsstand in einem von uns als nicht annehmbar betrachteten Ausmaß hinter dem Stand in den Industrieländern zurückgeblieben ist.“ 15
Schwellenländer - Nicht viel einfacher gestaltet sich die Definition von Schwellenländern, die im englischen Sprachgebrauch als „Newly Industrialized Countries“ (NIC) 16 bezeichnet werden. Der Begriff „Schwelle“ suggeriert hierbei, dass ein intensiver Entwicklungsprozess stattfindet und sich das betreffende Land auf der Schwelle zum Industriestaat befindet - allerdings ohne einen Hinweis darauf zu geben, wo genau diese Schwelle liegt. Der Begriff Schwellenland beschreibt demnach einen Staat, der zwar nicht mehr die typischen Merkmale eines Entwicklungslandes aufweist, allerdings traditionell noch zu diesen gezählt wird. Die Wirtschaft befindet sich oftmals im Prozess eines Strukturwandels, weg von der Agrarwirtschaft hin zur Industriewirtschaft, allerdings ist die soziale und politische Entwicklung oftmals hinter der wirtschaftlichen Entwicklung zu-
14 Vgl. Hemmer(2002), S. 7.
15 S. Hemmer (2002), S. 7.
16 Der Begriff der „Newly Industrialized Countries“, der in den siebziger Jahren entstand, wurde
im deutschsprachigen Raum unter dem Begriff „Schwellenland“ gebräuchlich. Er bezog sich
allerdings ursprünglich auf die asiatischen „Tigerstaaten“ Singapur, Südkorea, Taiwan und
Hongkong.
6
rückgeblieben, d.h. das PKE kann als Indikator zu Trugschlüssen führen. 17
Fazit - Trotz einiger Versuche, Kategorisierungen auf der Basis bestimmter Merkmale vorzunehmen, existiert keine umfassende Liste 18 von Entwicklungsbzw. Schwellenländern, die internationale Anerkennung gefunden hat. 19 Der Begriff „Schwellenland“ trifft auf den ersten Blick nicht auf alle drei der in dieser Arbeit betrachteten Länder zu. Allerdings findet hier ein intensiver Entwicklungsprozess statt, und im Folgenden werden verschiedene Aspekte herausgearbeitet, die eine Kategorisierung dieser Länder unter diesem Begriff rechtfertigen.
1.3 Aufbau der Arbeit
Im zweiten Abschnitt erfolgt eine Analyse von Entwicklungsindikatoren sowie eine Konkretisierung der entwicklungspolitischen Zielsetzung und die Beschreibung ausgewählter Wachstumsindikatoren. Die Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung wird im dritten Teil erläutert: Zunächst werden ihre Aufgaben und ihre Evolution beschrieben, bevor der Kapitalmangel als entwicklungstheoretische Erklärung für Unterentwicklung sowie drei bedeutende entwicklungs- bzw. wachstumstheoretische Ansätze analysiert werden. Im vierten Abschnitt erfolgen die Länderstudien der betrachteten Länder. Das fünfte Kapitel befasst sich mit den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, ausgewählten Entwick- 17 Vgl. Hemmer(2002), S. 45.
18 Es existieren jedoch verschiedene Länderklassifikationen, bspw. unterteilt nach Einkom-
mensgruppen, wobei die Wichtigsten die der OECD, der Weltbank und der Vereinten Nationen
sind. Die Festlegung, ob ein Land ein Entwicklungsland ist, stellt eine politische Entscheidung
dar. Im internationalen Rahmen wird eine Einteilung oftmals aufgrund des „Gesamtein-
drucks“ des Landes, ohne genauere Begründung vorgenommen (vgl. Hemmer 2002, S. 38).
19 Vgl. Strube-Edelmann (2006), S. 3.
7
lungsstrategien und der Bedeutung von Organisationen. Die Arbeit schließt mit einer kritischen Analyse von Entwicklungsprozessen in der Vergangenheit und einem Ausblick auf zukünftige Entwicklungsverläufe.
8
2. Entwicklungsindikatoren, entwicklungspolitische Zielsetzung und ausgewählte Wachstumsdeterminanten
Die vorangegangenen Definitionen erfordern die Festlegung eines oder mehrerer relevanter Entwicklungsindikatoren zur Messung des Entwicklungsstandes. Hierauf wird im kommenden Abschnitt eingegangen. Trotz der Schwächen des PKE-Indikators 20 wird dieser hierfür verwendet, da sich mit ihm die allgemeine entwicklungspolitische Zielsetzung, den Entwicklungsstand des Landes nachhaltig zu verbessern, am besten verstehen lässt. Hiernach werden im letzten Abschnitt dieses Kapitels die Zusammenhänge zwischen Wirtschaftswachstum, FDI und dem Offenheitsgrades einer Volkswirtschaft diskutiert.
2.1 Indikatoren zur Messung der Entwicklung und des Investitionsklimas
Obwohl es unbestreitbar ist, dass eine Einbeziehung von nicht-ökonomischen Indikatoren 21 für eine umfassende Bewertung des Entwicklungsstandes durchaus Sinn macht, wird im Folgenden aus Gründen des Umfangs ausschließlich auf solche Entwicklungsindikatoren eingegangen, die zur Beschreibung des ökonomischen Entwicklungsstandes (Abschnitt 2.1.1) und des Investitionsklimas (Abschnitt 2.1.2) dienen.
20 Vgl. dazu Abschnitt 2.1.1.
21 Um den multidimensionalen Charakter des Entwicklungsbegriffs zu erhalten ist bspw. eine
Einbeziehung sozialer und politischer Indikatoren in einen aggregierten Index sinnvoll. Der Hu-
man Development Index (HDI) des United Nations Development Programme (UNDP) stellt hier
eine geeignete Alternative zu ausschließlich ökonomisch orientierten Indikatoren dar. Ein ande-
rer, aussagekräftiger Index ist der Human Poverty Index des UNDP (Vgl. kritisch dazu etwa
Lachmann 1994, S. 43).
9
2.1.1 Wirtschaftliche Entwicklungs- und Verteilungsindikatoren und ihre Problematik
Pro-Kopf-Einkommen - Der zur Verfügung stehende „Güterberg“ einzelner Länder ist einer der wichtigsten Bestandteile bei der Bestimmung des wirtschaftlichen Entwicklungsstandes. Als sein Indikator dient überwiegend das PKE. Dieses erhält man, wenn das Volkseinkommen 22 durch die betreffende Bevölkerungszahl des Landes dividiert wird. Trotz seiner Schwächen ist der PKE-Indikator immer noch der aussagekräftigste ökonomische Indikator des Gütervolumens eines Landes.
Abbildung 1: PKE ausgewählter Länder von 1980 - 2008 in USD (Quelle: World Bank 2009).
Abbildung 1 zeigt das PKE ausgewählter Länder im Zeitraum von 1985 bis 2008. Gemessen am PKE beinhaltet die Länderauswahl mit der demokratischen Republik Kongo eines der ärmsten Länder der Welt mit einem durchschnittlichen PKE von 150 USD (Rang 209 weltweit), und mit der Republik Moldau und einem PKE von 1 470 USD eines der ärmsten Länder Europas (Rang 153 weltweit). Zum Vergleich hat das ärmste Land der EU, Bulgarien, ein PKE
22 Das Volkseinkommen wird auch als Nettoinlandsprodukt zu Faktorpreisen bezeichnet. Für
die Methodik der Errechnung s. etwa Welfens (2008), S. 204.
10
von 11 950 USD und befindet sich damit weltweit auf dem 89. Rang. Deutsch-land liegt mit einem PKE von 35 940 auf dem 29. Rang. Das reichste Land der Welt ist Norwegen mit einem PKE von 87 070 USD. 23 Basierend auf diesen Daten lassen sich Länderrangfolgen bzw. - Gruppen bilden, die potenzielle Entwicklungsunterschiede suggerieren. Diese Rangfolgen 24 sollten allerdings mit kritischer Distanz betrachtet werden, da beispielsweise der Wert der Freizeit, Umweltprobleme und die Lebenserwartung nicht angemessen berücksichtigt werden. 25 Hemmer bezeichnet Ländervergleiche auf PKE-Basis sogar nur dann als zulässig, wenn sich auf große Unterschiede in den PKE beschränkt wird. 26
Kritik - Das Verfahren zur Vornahme derartiger Ländervergleiche, bei dem zunächst das Bruttonationaleinkommen (BNE) 27 ermittelt, dieses durch die Anzahl der Landesbewohner dividiert und diese Kennziffer anschließend mit Hilfe der Wechselkurse in die offizielle Leitwährung (zumeist USD) umgerechnet wird, bringt erhebliche Schwierigkeiten mit sich: Bestimmung des BNE - Da die statistisch ausgewiesenen produzierten Mengen der Waren- und Dienstleistungen auf Schätzungen beruhen, weichen diese oftmals stark (bis zu 30%) von den tatsächlich produzierten
23 Für eine komplette Auflistung der Länder vgl. World Bank (2009b).
24 Bei den hier ausgewählten Ländern befindet sich Ghana auf dem weltweit 174., Nigeria auf
dem 154. und die Elfenbeinküste auf dem 166. Rang (Vgl. World Bank 2009b).
25 Vgl. Welfens (2008), S. 217.
26 Vgl. Hemmer (2002), S. 20.
27 Da in vielen Ländern keine zuverlässige nationale Kapitalbestandsstatistik geführt wird, sieht
man i.d.R. bei der Errechnung des PKE von einer Korrektur der Kapitalabnutzung ab und arbei-
tet stattdessen mit dem Bruttonationaleinkommen zu Marktpreisen. Die indirekten Steuern, die
in dieser Größe ebenfalls berücksichtigt werden, werden als Gegenleistung für den produktiven
Beitrag der vom Staat gesetzten Rahmenbedingungen angesehen (Vgl. Hemmer 2002, S. 10).
11
Mengen ab. Diese Problematik tritt besonders stark in Entwicklungsländern auf, bedingt u.a. durch beträchtliche illegale Transaktionen und einen mangelhaften statistischen Apparat. 28 Weiterhin existieren für viele Güter, die vom Staat bereitgestellt werden (beispielsweise Bildung), keine Marktpreise und ihre soziale Wertschöpfung bleibt somit unberücksichtigt. 29 Probleme der nationalen Bevölkerungsermittlung - Oftmals existieren nur grobe Schätzungen über die tatsächliche Anzahl der Staatsangehörigen. Probleme der Umbewertung nationaler PKE in eine einheitliche Währung durch erhebliche Über- oder Unterbewertung.
Nicht weniger schwierig gestaltet sich deshalb auch die Festlegung eines kritischen Grenzwertes für verschiedene Gruppen von Ländern - und damit ggf. auch für eine auf dem PKE basierenden Unterteilung in „Entwicklungs- und Schwellenländer“. Die in Folge der UN-Vollversammlung beschlossene Unterscheidung von Least Developed Countries (LLDC) von den Less Developed Countries (LDC) wird nicht von allen UN Organisationen verwendet. Gleichwohl unterscheidet die Weltbank 30 zwischen den Ländergruppen „Low Income“ (PKE von 975 USD oder weniger), „Lower Middle Income“ (976 - 3855 USD), „Upper Middle Income“ (3856 - 11905 USD)“ und „High Income“ (mehr als 11906 USD) - nimmt jedoch keine spezifische Unterteilung in Gruppen von Entwicklungsbzw. Schwellenländern vor. Es gibt neben der Ermittlung des PKE zahlreiche weitere Methoden zur Messung von Wohlstand, darunter auch sehr innovative: Ökonomen der Brown University, Rhode Island, entwickelten beispielsweise ei-
28 Vgl. Hemmer(2002), S. 11.
29 Vgl. Hemmer (2002), S. 12-13.
30 Vgl. World Bank (2009a).
12
ne Methode zur Messung der Wirtschaftsleistung von Entwicklungsländern per Sattelit aus dem All, da steigender Wohlstand sich im Bau neuer beleuchteter Straßen ausdrückt, die die Dichte der nächtlichen Beleuchtung erhöhen. 31
Verteilungsindikatoren - Ebenso wichtig wie die Höhe des PKE ist die Verteilung desselben auf die Mitglieder der Gesellschaft. Im Folgenden werden die Methoden von Lorenz und Gini vorgestellt, um Verteilungsstrukturen empirisch zu messen. 32 Die Lorenz-Kurve 33 stellt grafisch dar, welcher Prozentanteil aller Einkommensempfänger einer Volkswirtschaft wie viel Prozent des Volkseinkommens verdient. Die theoretische Gleichverteilung der Einkommen wird durch eine Diagonale verdeutlicht und die Einkommensverteilung ist umso ungleicher, je weiter sich die tatsächliche Einkommensverteilung von dieser Diagonalen entfernt. Die Wölbung der tatsächlichen Verteilung nach unten symbolisiert demnach das Ausmaß der Einkommensunterschiede in der Volkswirtschaft.
Der Gini-Koeffizient drückt die Konzentration des Einkommens mit Hilfe eines einzigen Verteilungskoeffizienten aus. Unterschiedliche Verteilungen haben unterschiedliche Gini-Koeffizienten zur Folge, sodass man mit ihrer Hilfe Rangfolgen in der relativen Einkommensverteilung festlegen kann. Der Gini-Koeffizient wird aus der Division der Fläche, die von der Lorenz-Kurve und der Gleichverteilungsgeraden begrenzt wird, durch die maximal mögliche Konzentrationsfläche, berechnet. Bei einer extremen Ungleichverteilung beträgt der Gini-Koeffizient eins, bei einer völligen Gleichverteilung null. Das Einkommen ist
31 Vgl. GEO (2010), S. 18.
32 Vgl. hierzu etwa Woll (1993), S. 453-454.
33 Vgl. hierzu auch Abbildung 14 im ANHANG A-IV.
13
folglich umso ungleicher verteilt, je größer der Gini-Koeffizient ist. Tabelle 1 zeigt die Gini-Koeffizienten der für diese Arbeit relevanten Länder.
2.1.2 Indikatoren zur Messung des Investitionsklimas
Nun wird auf den weltweit anerkannten Korruptionsindex (Corruption Perceptions Index, CPI), auf das „Doing Business Ranking“ der Weltbank und auf den FDI Index der Vereinten Nationen eingegangen.
Korruption stellt insbesondere in Afrika ein großes Problem dar, da sie die Qualität der öffentlichen Investitionen mindert und zusätzlich die privaten Investitionen hemmt. 34 Tabelle 2 zeigt die CPI-Werte des Index ausgewählter Länder. Obwohl das reformfreudige Ghana große Fortschritte bei ihrer Bekämpfung gemacht hat, ist Korruption ein zentrales Problem in Afrika, das in Nigeria und Elfenbeinküste noch erheblich präsenter ist.
34 Vgl. Anyanwu (2006), S. 59.
14
Tabelle 3 zeigt die Platzierungen Deutschlands und der betrachteten Länder im „Doing Business Ranking“ der Weltbank, bei der Ghana von den drei afrikanischen Ländern die besten Bedingungen für Unternehmen bietet.
Tabelle 4 zeigt den UNCTAD FDI Index. Dieser spiegelt die Attraktivität verschiedener Regionen, unter Einbeziehung ihrer Größe und Wettbewerbsfähigkeit, für ausländische Unternehmen wider. Hierbei wird die erhebliche Diskrepanz hinsichtlich der Attraktivität von Europa, Nordamerika und Afrika deutlich: Westeuropa hat hier mit 3,0 den höchsten Wert, gefolgt von Nordamerika mit 2,3. Afrika liegt mit einem Wert von 0,4 deutlich darunter.
15
Tabelle 4: Inward FDI Index ausgewählter Regionen (Quelle: UNCTAD 2001, S. 43).
Obgleich der - allein schon des Umfangs wegen - limitierten Aussagekraft der vorgestellten Indikatoren wird deutlich, dass in Afrika trotz einiger Fortschritte in der letzten Zeit insgesamt ein ungünstiges Investitionsklima, niedrige Investitionsraten und großer Reformbedarf herrschen. 35
35 Vgl. Anyanwu (2006), S. 42.
16
2.2 Entwicklungspolitische Zielsetzung
Aus der in Abschnitt 1.2 vorgestellten, grundsätzlichen Definition der Entwicklungsländer lässt sich die allgemeine entwicklungspolitische Zielsetzung ableiten, den Entwicklungsstand rückständig entwickelter Länder nachhaltig zu verbessern und sukzessiv soweit an eine vorgegebene Norm heranzuführen, dass keine inakzeptablen Differenzen mehr vorherrschen. Diese Zielsetzung wird auch als Konzept der „aufholenden Entwicklung“ bezeichnet. 36 Die Entwicklungsasymmetrie zu den Industrieländern soll demnach in einem dynamischen Entwicklungsprozess abgebaut werden. Es ist jedoch ein - wenn auch ein verführerischer - Trugschluss zu glauben, die Entwicklungsländer könnten 200 Jahre westlicher Industrialisierung und 2000 Jahre abendländischer Wirtschaftsentwicklung in 20 bis 30 Jahren nachholen. Wäre dies möglich, wäre das Ergebnis eine unmittelbar nach westlichem Vorbild geprägte Welt. 37 Vielmehr liegt es im Aufgabenbereich der einzelnen Länder, auf Grundlage ihrer eigenen Traditionen und gesellschaftlichen Besonderheiten zu entscheiden, welche Normen sie hinsichtlich ihrer entwicklungspolitischen Bemühungen als erstrebenswert betrachten. Erst dann sollten institutionelle Entwicklungshindernisse abgebaut („negative emphasis“), und/oder ein kulturelles Umfeld geschaffen werden, das Entwicklungsprozesse fördert („positive emphasis“). 38 Wirtschaftliches Entwicklungsziel - Die Veränderung der Qualität, der Quantität, der Zusammensetzung und der Verteilung des verfügbaren Gütervolumens
36 Vgl. Hemmer (2002), S. 51.
37 Vgl. Hemmer (2001), S. 52.
38 Vgl. Bernstein (1971), S. 144.
Arbeit zitieren:
Tim Clausen, 2010, Wirtschaftsentwicklung, Investitionsklima und Wachstumspolitik in ausgewählten afrikanischen Schwellenländern: Ghana, Nigeria und Elfenbeinküste, München, GRIN Verlag GmbH
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Ausarbeitung, 39 Seiten
Tim Clausen gefällt Wirtschaftsentwicklung, Investitionsklima und Wachstumspolitik in ausgewählten afrikanischen Schwellenländern: Ghana, Nigeria und Elfenbeinküste
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