Begriffserklärung
DaF - Deutsch als Fremdsprache DaM - Deutsch als Muttersprache DaZ - Deutsch als Zweitsprache Ind. - Indikativ MV - Modalverb/en Pers. - Person Pl. - Plural Präd. - Prädikat S. - Seite Sg. - Singular Subj. - Subjekt Usw. - und so weiter Vgl. - Vergleich z. B. - zum Beispiel
Vorwort
Während meines Studiums, sowohl anfangs an der Universität in meiner Heimatstadt Tuzla als auch in Siegen, wurde mein Interesse für das Thema Grammatik und speziell Modalverben geweckt. Als zukünftige Germanistin, die aus Bosnien in eine multikulturelle Stadt gezogen ist, interessiere ich mich ganz besonders für Deutsch als Fremdsprache. Wie Deutsch als Fremdsprache gelernt und gelehrt wird, habe ich selbst erfahren. Mein größtes Interesse liegt im Übermitteln der deutschen Sprache, was ich auch aktiv erfahren durfte. Warum ich mich speziell für Modalverben entschieden habe, liegt daran, dass ich selbst einige Unterrichtseinheiten in den Deutschkursen der Universität Siegen vorbereitet und durchgeführt und dabei festgestellt habe, dass gerade bei diesen Verben die größte Verwirrung im Hinblick auf ihre Bedeutungen bei den Sprachstudenten herrscht.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Theoretischer Teil der Arbeit 3
2.1 Modalität 3
2.1.1 Indikativ 4
2.1.2 Konjunktiv 4
2.1.2.1 Konjunktiv I 5
2.1.2.2 Konjunktiv II 5
2.1.2.3 würde-Form 6
2.1.3 Imperativ 7
2.2 Abgrenzung der Modalverben von Vollverben und ihre morphologischen Kriterien 8
2.2.1 Gegenstandsbereich 8
2.2.2 Besonderheiten zur Abgrenzung der Modalverben 9
2.2.3 Morphologische Kriterien und Konjugation der Modalverben 14
2.3 Syntaktische Aspekte 19
2.3.1 Vorkommen mit dem Infinitiv 23
2.3.1.1 Stellung des Infinitivs 24
2.3.1.2 Ellipsen 25
2.3.2 Subjektrestriktion 29
2.3.3 Hebungs- und Kontrollverben 33
2.4 Semantische Aspekte 35
2.4.1 Nicht-epistemische Verwendung der Modalverben 38
2.4.1.1 können 39
2.4.1.2 müssen 41
2.4.1.3 dürfen 44
2.4.1.4 sollen 46
2.4.1.5 wollen 51
2.4.1.6 mögen 54
2.4.1.7 möchten 56
2.4.1.8 Beziehung zwischen müssen und können 57
2.4.1.9 Beziehung zwischen dürfen und können 58
2.4.2 Epistemische Verwendung der Modalverben 60
2.4.2.1 Tempora der epistemischen Modalverben 62
2.4.2.2 Bedeutung der epistemischen Modalverben 63
2.4.2.3 Modalverben als Ausdruck einer Vermutung 64
2.4.2.3.1 müssen 64
2.4.2.3.2 können 65
2.4.2.3.3 dürfen 66
2.4.2.3.4 mögen 66
2.4.2.4 Epistemische Modalverben als Ausdruck einer fremden Aussage 68
2.4.2.4.1 sollen 68
2.4.2.4.2 wollen 69
2.5 Höflichkeitsform der Modalverben 70
2.6 Modalitätsverben 70
3 Empirischer Teil der Arbeit 73
3.1 Aufbau der empirischen Untersuchungen 73
3.2 Untersuchungsverlauf 74
Gruppe 1 - chinesische Sprachschüler 76
3.2.1
3.2.1.1 Auswertung 77
3.2.1.2 Fehleranalyse 78
3.2.1.2.1 Allgemeine Kenntnisse über Modalverben 78
3.2.1.2.2 Einsetzen von Modalverben 80
3.2.1.2.3 Transformation von Sätzen 86
3.2.2 Gruppe 2: Sprachschüler verschiedener Nationalitäten 93
3.2.2.1 Auswertung 94
3.2.2.2 Fehleranalyse 96
3.2.2.2.1 Allgemeine Kenntnisse über Modalverben 96
3.2.2.2.2 Einsetzen von Modalverben 98
3.2.2.2.3 Transformation von Sätzen 101
3.2.3 Gruppe 3: deutsche Studierende 108
3.2.3.1 Auswertung 109
3.2.3.2 Fehleranalyse 109
3.2.3.2.1 Allgemeine Kenntnisse über Modalverben 109
3.2.3.2.2 Einsetzen von Modalverben 112
3.2.3.2.3 Transformation von Sätzen 115
3.3 Ergebnissicherung und Vergleich 122
3.3.1 Gruppe 1 122
3.3.2 Gruppe 2 123
3.3.3 Gruppe 3 124
4 Schlusswort 127
5 Literaturverzeichnis 129
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Vergleich: Konjunktiv II/würde-Form…………………………………………....7
Tabelle 2: Konjugationsschema nach Buscha/Heinrich/Zoch………………………………..15
Tabelle 3: Unterschiedliche Termini des semantischen Gebrauchs der Modalverben……….38
Tabelle 4: Übersicht der einzelnen Bedeutungen im
nicht-epistemischen Gebrauch der Modalverben…………………………………………….59
Tabelle 5: Passivform der Modalverben (Gleichzeitigkeit/Vorzeitigkeit)…………………...63
Tabelle 6: Gemeinsamkeiten der Modal- und Modalitätsverben…………………………….71
Tabelle 7: Stadien der empirischen Untersuchungen………………………………………...75
Tabelle 8: Informationen über den Spracherwerb der Untersuchungsgruppe 1….…………..77
Tabelle 9: Selbsteinschätzung der Sprachkenntnisse der chinesischen Gruppe……………..78
Tabelle 10: Informationen über den Spracherwerb der Untersuchungsgruppe 2…………….94
Tabelle 11: Selbsteinschätzung der Sprachkenntnisse der gemischten Gruppe……………...95
Tabelle 12: Selbsteinschätzung der Sprachkenntnisse bei Muttersprachlern……………….109
1 Einleitung
Die Teilnahme der Studierenden an einem Deutschkurs ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, Sprachkenntnisse zu verbessern und gleichzeitig die Kultur des Landes kennen zu lernen. Die jungen Studierenden, die speziell an dem Deutschkurs der Universitäten teilnehmen möchten, der zur Vorbereitung einer Aufnahmeprüfung dient, müssen zu Beginn über gute Grundkenntnisse der Sprache verfügen. Die meisten von ihnen gehen ins Ausland, um ihre Sprachkenntnisse zu optimieren, damit sie anschließend in einem der Fachbereiche regulär studieren können. Andere wiederum kommen nach Deutschland, um einfach nur die Sprache zu lernen. Es gibt also Austauschgruppen sowie angehende Studierende. Der Auslandsaufenthalt der Austauschstudierenden ist auf maximal ein Jahr begrenzt. Innerhalb dieser Zeit sind sie bemüht die deutsche Sprache zu erlernen, um sich später, aufgrund ihrer Auslandserfahrung oder auch eines abgeschlossenen Studiums, eine bessere Ausgangsposition auf dem Arbeitsmarkt zu sichern. Eine Fremdsprache in einem reifen Alter zu erlernen ist eine große Herausforderung, die viel Aufwand und Mühe erfordert. Die größten Schwierigkeiten liegen in der Ausdrucksweise, weil es häufig an Spracherfahrung und Sprachgefühl fehlt. Der Aufenthalt in Deutschland bietet Studierenden die Möglichkeit, dieses Sprachgefühl in einer längeren Zeitspanne zu entwickeln, da sie jeden Tag mit dieser Sprache konfrontiert sind, sei es beim Lösen bürokratischer Fragen, bei Behördengängen, oder auch bei einem Arztbesuch. Sie geraten in viele Lebenssituationen, wo sie sich verständlich und richtig ausdrücken müssen. Große Sprach- und Verständigungsprobleme bereiten unter anderem die Modalverben.
In dieser Magisterarbeit wird eine sprachliche Analyse beim Gebrauch der deutschen Modalverben müssen, können, sollen, wollen, dürfen und mögen an ausländischen Sprachstudenten durchgeführt. Zum Vergleich werden auch einige Muttersprachler hinzugezogen.
Die Arbeit ist in zwei Teile gegliedert, einen theoretischen und einen empirischen Teil. Der erste Teil beschäftigt sich mit den grammatikalischen Besonderheiten der Modalverben. Angelehnt an diverse Grammatiken wird versucht, die Modalverben mit samt ihren Eigenschaften von anderen Verben abzugrenzen. Anschließend widmet sich die Arbeit den morphologischen Kriterien der Modalverben, denen eine syntaktische Analyse folgt. Im Folgenden wird eine semantische Untersuchung vorgenommen, indem die einzelnen
1
Modalverben in zwei Gruppen nach ihrer Verwendung getrennt werden, der nichtepistemischen und der epistemischen Verwendung. In der ersten, sowie in der zweiten Gruppe werden alle Modalverben nach ihren Bedeutungen beschrieben, wobei der ersten Gruppe eine tabellarische Darstellung folgt, die das Ganze überschaubar macht. Zum Schluss des theoretischen Teils wird eine Übersicht ausgelegt, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Modal- und Modalitätsverben vorstellt.
Der empirische Teil der Arbeit basiert auf schriftlichen Daten aus Umformungs- und Ergänzungsaufgaben. Die Aufgaben beziehen sich auf das richtige Einsetzen der Modalverben und ihre Konjugationsformen in den entsprechenden Tempora sowie das paraphrasieren der Sätze mit Modalverben. Es wurden drei verschiedene Testgruppen für diese Untersuchung gewonnen, die zum Ersten einzeln vorgestellt und zum Zweiten untereinander verglichen wurden. Die durch diese Untersuchungen gewonnenen Ergebnisse sollen die Problematik zum Gebrauch der Modalverben bei Fremdsprachlern veranschaulichen. Außerdem sollte auch das Wissen der Muttersprachler zu dieser Thematik überprüft werden. Ursachen für die festgestellten Verwendungsprobleme der Modalverben werden bei den Testpersonen in den Bereichen Morphologie, Syntax und Semantik gesucht.
2
2 Theoretischer Teil der Arbeit
2.1 Modalität
Die Modalität ist nicht nur in der Sprachwissenschaft erforscht worden, sondern auch in vielen anderen Disziplinen wie Philosophie („Immanuel Kants sämtliche Werke“ von 1867, S. 242), Geschichte (z. B. „Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart“ von Peter von Polenz, 1991), Logik („Modalität: Möglichkeit, Notwendigkeit, Essentialismus“ von Uwe Meixner, 2008) oder Entwicklungspsychologie ist die Komplexität dieser Thematik untersucht worden. Daher herrscht große Uneinigkeit, was die Definition der Modalität angeht. Modalität ist ein sehr komplexes Phänomen und kommt sehr wahrscheinlich in allen Sprachen vor. Durch Modalität verändert (moduliert) der Sprecher die Information oder die eigentliche Aussage eines Satzes, um bestimmte Resultate zu erzielen. „Die Modalität ist eine Vielfalt an Ausdrucksmittel, die neben Modus (Indikativ, Konjunktiv und Imperativ) auch durch Verblexeme (Modalverben und Modalitätsverben), andere modifizierende Wortarten (Modalwörter, Modalpartikeln, Modaladverbien, Modaladjektive und Modalsubstantive), durch Konstruktionen von sein und haben + Infinitiv und
Wortbindungsmorpheme -bar, -lich, -wert, -pflichtig usw. realisiert wird.“ 1 All diese Ausdrucksmittel könnte man zu einem semantischen Feld mit dem Namen Modalität zusammenfassen. „Als Modalität wird die Geltung verstanden, die der Sprecher seiner Aussage gibt.“ 2 Die Kategorie der Modi hat in der Definition der Modalität eine besondere Stellung. Die Modalität der Verbalmodi äußert sich dadurch, dass sie an den Modus gebunden ist. Der Modus stellt eigentlich nur eine Kategorie dar, die aber am häufigsten in der Linguistik behandelt wird. Der Modus oder auch die Modi genannt, zählt zu den wichtigsten sprachlichen Mitteln die zum Ausdruck der Modalität dienen. Der Modus ist also eine Ausdrucksweise des Verbs, der drei Aussageweisen unterscheidet.
1 Milan Carlo (2001) S. 15
2 Brinkmann Hennig (1962) S. 345
3
2.1.1 Indikativ
„Der Indikativ, auch Wirklichkeitsform genannt, dient dazu, etwas Reales, faktisch Wahres auszudrücken.“ 3 . Weinrich nennt diese Form „feste Geltung.“ 4 Der Indikativ ist die üblichste Form in allen Texten und Sprachen, was an folgenden Beispielen illustriert wird:
a) Er schläft.
b) Die Menschen in Afrika müssen wegen der stark ausgebreiteten Armut verhungern.
Mit dem Indikativ kann man jedoch auch etwas ausdrücken, was nicht wahr oder unwirklich ist oder von dem man weiß, dass es nicht stimmt (z. B. Der Mann im Mond macht die Laterne
an). 5 Der Indikativ kann aber auch etwas ausdrücken, was nicht wahr ist, etwas Vorgestelltes, Mögliches, Hypothetisches:
c) Er soll schlafen. Ich vermute, dass er schläft.
d) Wahrscheinlich müssen die Menschen in Afrika wegen der stark ausgebreiteten Armut verhungern.
Der Indikativ wird in allen grammatikalischen Tempora gebildet und kann durch unterschiedliche Mittel modal wirken, wie z. B. durch modale Adverbien (vielleicht, sicherlich usw.), modale Wortgruppen (z.B. Meiner Meinung nach), durch bestimmte Verben (z.B. glauben, vermuten), durch bestimmte Tempusformen (z.B. Futur: Das wird schon stimmen) und natürlich auch durch die Modalverben.
2.1.2 Konjunktiv
„Der Konjunktiv drückt etwas aus, das irreal, hypothetisch oder ungewiss ist und wird auch als Möglichkeitsform aufgefasst. Der Konjunktiv wird benutzt, um einen Wunsch oder ein
größeres Maß an Höflichkeit auszudrücken oder fungiert als indirekte Rede.“ 6 Von der Form her wird der Konjunktiv, der vom Präsensstamm gebildet wird (Konjunktiv I) von Konjunktiv, der vom Präteritalstamm gebildet wird (Konjunktiv II) unterschieden.
3 Genzmer Herbert (1995) S. 116
4 Weinrich (1993) S. 183
5 Genzmer Herbert (1995) S. 116
6 Genzmer Herbert (1995) S. 116
4
2.1.2.1 Konjunktiv I
Der Konjunktiv I dient am häufigsten als Ausdruck eines Wunsches oder einer Aufforderung. Außerdem wird Konjunktiv I benutzt, um die indirekte Rede wiederzugeben.
a) Es komme was wolle.
b) Gott sei Dank.
c) Wir haben gesagt, dass wir an den Strand fahren.
Nach Genzmer (1995) und Duden-Grammatik (1998) findet sich der Konjunktiv I besonders oft in mathematischen Fachtexten als auch in Anweisungen und Anleitungen auf Rezepten (in Verbindung mit man) als eine Art Aufforderung.
d) Man nehme täglich zwei Mal eine Tablette.
e) Man nehme 3 Hähnchenschnitzel, erhitze das Öl in der Pfanne, schneide die Zwiebel in kleine Würfel, gebe diese dann in die Pfanne...
Es gibt durchaus Linguisten, wie Weinrich (2003, S. 272), die diese Formen als Imperative ansehen (z. B. Nimm täglich zwei Mal eine Tablette!).
2.1.2.2 Konjunktiv II
Der Konjunktiv II hat mehr Funktionen als der Konjunktiv I. Mit dem Konjunktiv II wird eine irreale Bedingung signalisiert und zudem auch noch in seltenen Fällen die indirekte Rede. „Außerdem wird Konjunktiv II häufig zum Ausdruck gewisser Einstellungen und Haltungen benutzt.“ 7 Zusammenfassend nach der Duden-Grammatik steht der Konjunktiv II in Hauptsätzen in folgenden Fällen:
7 Duden-Grammatik 1998, S. 159-164
5
Konjunktiv II -Formen der Modalverben:
Infinitiv Konjunktiv II
müssen müsste können könnte dürfen dürfte mögen möchte wollen wollte sollen sollte (Eigene Darstellung)
2.1.2.3 würde-Form
In Duden-Grammatiken (1998 und 2005), sowie bei Eisenberg (1986), als auch bei Genzmer (1995) wird erwähnt, dass an der Stelle von den Konjunktivformen I und II auch die Umschreibung würde + Infinitiv stehen kann. Die Formen mit würde sind aber eher für die gesprochene Umgangssprache typisch. In der geschriebenen Standardsprache werden die Formen ohne würde bevorzugt.
6
Tabelle 1: Vergleich: Konjunktiv II/würde-Form
2.1.3 Imperativ
Nach Brinkmann (1962), Genzmer (1995), Duden (1998/2005) und anderen wird mit dem Imperativ eine Aufforderung, ein Befehl, eine Anweisung sowie eine höfliche Einladung oder eine Bitte an eine oder mehrere Personen ausgedrückt. Die Formen des Imperativs werden mit dem Präsensstamm ausschließlich nur in der 2. Pers. Sg. und Pl. gebildet und stehen außerhalb des Tempussystems. Laut Brinkmann gibt es fünf verschiedene Imperativformen: 1. Anruf an einen Einzelnen 2. Anruf an eine Gruppe
3. Anruf an eine Gruppe, in die sich der Sprecher einschließt 4. Aufforderung an eine Gruppe in der Form des Kommandos: Stehen bleiben! 5. Allgemeine Anweisung, die an einen bestimmten Ort gebunden ist und sich an jeden
wendet, der an diese Stelle tritt: Einsteigen! 8
Genzmer nennt insgesamt vier Imperativformen: du-Form, ihr-Form, Sie-Form, wir-Form“ 9
Beispiele:
Alle aufgestanden! Geh’ weg! Raus mit euch!
8 Brinkmann Hennig (1962) S. 348
9 Genzmer Herbert (1995) S. 131
7
Obwohl folgende Beispiele so aussehen, als könnten auch Modalverben einen Imperativ bilden, werden diese jedoch als Aufforderungen verstanden, so Brinkmann (1962) und Duden-Grammatik (1998). Diese, durch Modalverben ausgedrückte Aufforderungen unterscheiden sich vom Imperativ, indem sie nur in einem Fall als Aufforderung verstanden werden, während die Imperativformen eine Ausführung der Aufforderung erwarten. Dabei handelt es sich nur um Modalverben müssen, sollen und dürfen. Du musst kommen! Du sollst jetzt aufstehen! Du darfst jetzt gehen!
Diese Indikativ Präsens Formen sind für Fremdsprachler leicht mit dem Imperativ zu verwechseln.
2.2 Abgrenzung der Modalverben von Vollverben und
ihre morphologischen Kriterien
2.2.1 Gegenstandsbereich
Im Laufe der der letzten Jahrzehnte hat die Syntax und besonders die Semantik ihr Interesse auf eine besondere Art von Verben gelenkt: die Modalverben. In zahlreichen Forschungsarbeiten wurde immer mehr über die Abgrenzung der Modalverben von anderen Verben diskutiert, was die Modalverben zu Modalverben macht, d.h. welche Eigenschaften ein Verb haben muss, um als Modalverb klassifiziert werden zu können. Die Frage nach der Klassifizierung der Modalverben sowie deren Vieldeutigkeit bilden auch den thematischen Rahmen und den Ausgangspunkt des theoretischen Teils der Arbeit, weil dies ein großes Problem darstellt, da ein Phänomen definiert werden soll, bei dem man nicht genau sagen kann, wie dieses aussieht und ob man es klar bestimmen kann. Der Einfachheit halber, werden in der vorliegenden Arbeit die klassischen sechs Modalverben können, dürfen, mögen, müssen, sollen, wollen genannt und durch Beispiele dargestellt. Diese traditionelle Darstellung ist in vielen Werken der Modalverbforschung vertreten, wie in Öhlschläger
8
(1989) oder Reinwein (1977). In vielen Arbeiten wird außerdem auch möchte als unabhängiges Modalverb neben mögen angeführt, häufig auch lassen (Diewald 1999), (nicht) brauchen oder werden (Engel 1988, Hans-Werner Eroms 2000). Zur Abgrenzung der Modalverben werden Kriterien unterschiedlicher Art miteinander verglichen, wobei man in verschiedenen Werken solche Verben als Modalverben betrachtet, die man als Modalverben ansehen möchte. Das sind entweder die sechs klassischen oder aber die für jeden Verfasser andere zusätzliche Modalverben. Der Grund weshalb die klassischen sechs Modalverben in dieser Arbeit im Vordergrund stehen, ist die Tatsache, dass sie sich in vielen Punkten ähnlich verhalten und dass diese außerdem immer zu der Kategorie der Modalverben gezählt werden. Die grammatischen Werke von Helbig/Buscha (2005) betrachten Modalverben als
Unterklasse der Hilfsverben. Öhlschläger (1989) betrachtet die Modalverben als
Nichtvollverben, für Engel (1988) sind klassische Modalverben ohne Infinitivkonstruktion
Hauptverben, Brinkmann(1962) bezeichnet Modalverben als Präteritopräsentia und Welke (1965) fasst die Kategorie Modalverb als Mischkategorie auf.
2.2.2 Besonderheiten zur Abgrenzung der Modalverben
Die semantische Vieldeutigkeit sowie die syntaktischen und morphologischen Besonderheiten der Modalverben machen sie zu einem interessanten Forschungsgebiet. Die Modalverben im Deutschen werden hauptsächlich unter dem Oberbegriff Hilfsverben kategorisiert. Modalverben können aber durchaus auch als Vollverben gebraucht werden. Sabrina kann Englisch. (Vollverb) Sabrina kann Englisch sprechen. (Hilfsverb)
Ein Modalverb modifiziert immer ein Vollverb, das immer im Infinitiv ohne zu steht und gilt daher als Hilfsverb. Außerdem verlangen alle deutschen Modalverben ein grammatisches Subjekt und ein Verb im Infinitiv oder eine Infinitivgruppe. In bestimmten Verwendungen darf diese verbale Ergänzung fehlen, wie z.B. (Ich muss zum Unterricht (gehen)). In solchen Fällen wird ein Hilfsverb zum Vollverb.
Es gibt eine Menge Merkmale, die Modalverben von anderen Verbarten unterscheiden: 1. Modalverben stehen mit dem Infinitivverb ohne „zu“
9
2. Modalverben können nicht im Passiv stehen 3. Modalverben haben keinen Imperativ 4. Modalverben lassen jedes Vollverb als Infinitivverb zu 5. Bei Modalverben sind nur bedingt nominale Objekte möglich, wenn das Vollverb fehlt: Sabrina kann das Lied)
6. Modalverben können auch mit dem Infinitiv Perfekt stehen 7. Es besteht Subjektindentität zwischen dem Modalverb und dem Verb im Infinitiv 8. Die Modalverben haben eine besondere Flexion:
9. In Verbindung mit einem Infinitiv steht bei den Modalverben statt des Partizips II der Infinitiv
10. Das finite Verb steht in eingeleiteten Nebensätzen vor den infiniten Verformen 11. Modalverben weisen eine spezifische Semantik auf.
Peter Eisenberg nennt als wichtigste Charakteristika der Modalverben ihre reine Infinitivergänzung ohne „zu“. a. Sabrina muss arbeiten. b. Sabrina soll tanzen. c. Sabrina will Bäckerin werden
Den bei den Modalverben stehenden Infinitiv bezeichnet Eisenberg (1986) als „verbale Ergänzung“. Harald Weinrich (2003, S. 289) stellt ebenso als wichtigstes Merkmal zur Klassifizierung der Modalverben den reinen Infinitiv und bezeichnet diese Form (Verb + Infinitiv) als „Grammatikalklammer, Modalklammer“. Auf diese Eigenschaft wird im folgenden Punkt 2.2.3 Konjugation und morphologische Kriterien eingegangen. „Zweifelsfrei gehört zu den Modalverben die Gruppe a und in der Gruppe b sind einige Verben aufgeführt, die manchmal zu den Modalverben, manchmal zu den Hilfsverben und manchmal zu den Vollverben gehören. a. dürfen, können, mögen, müssen, sollen, wollen
10
b. brauchen, nicht brauchen, lassen, werden“ 10
Es ist außerdem wichtig zu erwähnen, dass es auch andere Verben gibt, die mit dem reinen Infinitiv stehen können. Er geht baden. 11
Für diese Studie ist die nahe Abgrenzung der Modalverben von Vollverben, obwohl es die gleichen Verben betrifft, besonders relevant. Diese beiden Gruppen stehen in einer Opposition, dem „angeblich-Sein“ steht „tatsächlich-Sein“ gegenüber. M. Th. Rolland (1997) unterscheidet Modalverben von den homonymen Vollverben, was im folgenden Beispiel deutlich wird: „Unterschiede in der Flexion wollen1 (Modalverb) wollen2 (Vollverb) er will kommen er will das nicht wollte kommen wollte das nicht wird kommen wollen wird das nicht wollen hat kommen wollen hat das nicht gewollt hatte kommen wollen hatte das nicht gewollt
wird das nicht gewollt haben“ 12
Laut Eroms (2000) sind alle Modalverben auch in Konstruktionen verwendbar, bei denen kein Infinitiv in ihre zweite Leerstelle tritt. Beispiele:
„Er kann/soll/darf/möchte/muss/mag/will es. (kein Infinitiv vorhanden) Er kann schon sprechen. (Infinitiv vorhanden) Er kann Deutsch. (kein Infinitiv vorhanden) Du kannst jetzt ins Haus. (kein Infinitiv vorhanden)
10 Beispiel aus: Peter Eisenberg (1986) S. 96
11 Beispiel aus: Peter Eisenberg (1986) S. 96
12 M. Th. Rolland (1997) S. 50
11
Du sollst das Buch lesen. (Infinitiv vorhanden) Du sollst sofort zum Professor! (kein Infinitiv vorhanden) Du darfst spielen. (Infinitiv vorhanden) Du darfst auf den Spielplatz. (kein Infinitiv vorhanden) Wir müssen pünktlich anfangen. (Infinitiv vorhanden) Ich muss zum Arzt. (kein Infinitiv vorhanden) Sie mag jetzt essen.(Infinitiv vorhanden) Sie mag keinen Fisch. (kein Infinitiv vorhanden) Sie mag ihn. (kein Infinitiv vorhanden)
usw.“ 13
Auch wenn das Bestehen der Kategorie „Modalverb“ ungewiss ist, sieht man nach Öhlschläger (1989), Wunderlich (1981), Buscha/Heinrich/Zoch (1979) und anderen die schon aufgeführten sechs Modalverben als „Kernbestand“ in der heutigen deutschen Sprachwissenschaft an. Allerdings lässt sich diese Kategorie nicht erkennbar von anderen Verben abgrenzen. Es existiert also keine syntaktische Eigenschaft, die alle Modalverben von anderen abtrennen kann. Das sieht man daran, dass Modalverben auch als Vollverben verwendbar sind.
Ist ein infinites Hauptverb vorhanden, dann bilden die Modalverben analytische Tempora mit dem Infinitiv statt des Partizips II: Sie hat den Brief schreiben können.
Wenn aber kein zweites Infinitum vorhanden ist, werden die Modalverben mit dem zweiten
Partizip gebildet. 14
Sie hat es gekonnt.
Bei den Modalverben ist es nicht möglich, einen alternativen Satzbau zu verwenden, da dies grammatisch nicht richtig ist.
13 Hans-Werner Eroms (2000) S. 142
14 Buscha/Heinrich/Zoch (1979), Abraham (2009)
12
Ich habe nicht mitfahren dürfen. *Ich habe nicht dürfen mitfahren.
Eine weitere Eigenschaft zur Klassifizierung der Modalverben in eine homogene Gruppe ist die Unfähigkeit zur Bildung des Passivs. Modalverben können sich jedoch außer mit den Formen des Infinitivs I und II eines Vollverbs auch mit den Passivformen eines Vollverbs verbinden, vorausgesetzt das Vollverb ist passivfähig. Die neue Buchhandlung soll in Siegen eröffnet werden. (Infinitiv I) Das Buch muss schon letzte Woche bei der Leihstelle der Bibliothek zurück gegeben worden sein. (Infinitiv II)
Öhlschläger (1989) behauptet, dass es keinen Unterschied zwischen den passivischen Umformungen gibt und die Bedeutung gleich zu sein scheint. 1. Der Junge darf Paula besuchen.
2. Paula darf von dem Jungen besucht werden. 15
Wenn man die zwei Sätze genauer analysiert, kommt man zu der Erkenntnis, dass sie sich in ihrer Bedeutung unterscheiden, da das Modalverb eine andere semantische Bedeutung verleiht. Das Passiv in den beiden Sätzen drückt zwei verschiedene Szenen aus. Im Satz 1 ist das Subjekt „der Junge“, der die „Erlaubnis“ hat, Paula zu besuchen und im Satz 2 ist Paula das Subjekt, die in diesem Falle die Erlaubnis hat, von Paul besucht werden zu dürfen. Das sind demnach zwei völlig verschiedene Sachverhalte, wobei die ganze Situation eine andere Rolle durch das Modalverb übernimmt.
Bei folgenden zwei Sätzen ohne Modalverb, werden nur verschiedene Perspektiven einer Szene dargestellt, die Bedeutung ist dieselbe. 3. Der Junge besucht Paula.
4. Paula wird von dem Jungen besucht. 16
15 Gabriele Diewald (1999) S. 62
16 Gabriele Diewald (1999) S. 62
13
Daher kann Öhlschlägers Auffassung, dass Modalverben sich wie das Passivauxiliar werden verhalten, widersprochen werden. Die obige Untersuchung verdeutlicht, dass die semantischen Merkmale der Modalverben unabhängig vom Hauptverb existieren. Im Gegensatz zu den normalen Hilfsverben sein, haben und werden, die nur die Zeitverhältnisse ausdrücken, dienen die Modalverben dazu, modale Nuancen zu vermitteln. Er ist nach Frankreich gefahren. (Vergangenheit) Er muss nach Frankreich gefahren sein. (Vermutung mit einem hohen Sicherheitsgrad)
2.2.3 Morphologische Kriterien und Konjugation der Modalverben
Durch das Hinzuziehen unterschiedlicher morphologischer und syntaktischer Forschungsarbeiten wird unverkennbar, dass können, wollen, dürfen, sollen, müssen und mögen keine homogene Klasse bilden und ihre Eigenschaften sowohl für Voll- als auch Hilfsverben typisch sein können (vgl. Eisenberg 1986, Öhlschläger 1989, Weinrich 2003 usw.). Diese Besonderheit erschwert eine Abgrenzung der Modalverben von anderen Verbarten. Grammatische Eigenschaften wurden schon im Abschnitt 2.2.2. kurz erwähnt. Dennoch sind einige wichtige Kriterien der deutschen Modalverben zu nennen. wollen, dürfen, sollen, müssen und mögen bilden die Gruppe der so genannten Präteritopräsentia (vgl. Brinkmann 1962). Die Besonderheit dieser Verben besteht in den regelmäßigen und unregelmäßigen Konjugationsformen.
14
Tabelle 2: Konjugationsschema nach Buscha/Heinrich/Zoch:
Quelle: Buscha/Heinrich/Zoch, S. 9
Bei Helbig/Buscha (Langenscheidt 2005) findet sich die gleiche Konjugationstabelle. Modalverben haben besonderen Flexionscharakter: 1) Die 1. und 3. Person Singular Indikativ Präsens sind endungslos Ich kann/muss/darf/mag/soll/will Sie kann/muss/darf/mag/soll/will
a) Wechsel des Stammvokals zwischen Indikativ Praesens Singular und Indikativ Praesens Plural
Ich kann/muss/darf/will/mag/soll Wir können/müssen/dürfen/wollen/mögen (Ausnahme: sollen)
15
b) Vokalalteration zwischen Infinitiv und Indikativ Präteritum können-könnte(n/t); müssen-müsste(n/t); dürfen-dürfte(n/t); mögen-möchte(n/t) (Ausnahme: sollen-sollte; wolle-wollte) 4) Modalverben bilden keinen Imperativ 5) Modalverben bilden kein Passiv
*Es wird tanzen gekonnt/gemusst/gedurft/gesollt/gewollt/gemocht (Allerdings können sie in einer Passivform stehen) 6) Modalverben stehen mit dem Infinitiv ohne zu *Sie kann/muss/darf/soll/will/mag zu schlafen. Sie kann/muss/darf/soll/will/mag schlafen. Subjektidentität zwischen Modalverb und dem Verb im Infinitiv: 7) Modalverben können auch mit Infinitiv Perfekt stehen. Sie kann/muss/darf/soll/will/mag geschlafen haben. (Sie scheint geschlafen zu haben)
8) Modalverben lassen jedes beliebige Vollverb als Infinitivverb zu. Er will spielen.
9) Modalverben können keine nominalen Objekte nehmen. Er darf/muss/soll/will die Tätigkeit. Aber Sabrina kann das Lied. Sabrina mag Tim.
10) Beim Gebrauch mit einem Infinitiv steht bei den Modalverben statt des Partizips II der Infinitiv (Ersatzinfinitiv) *Sie hat ihn sehen gedurft. Sie hat ihn sehen dürfen.
16
11) Bei Modalverben steht in diesen Fällen das finite Verb in eingeleiteten Nebensätzen nicht wie üblich am Ende des Satzes, sondern vor den infiniten Verbformen. *...dass sie ihn sehen können/dürfen/müssen hat. ..., dass sie ihn sehen hat können/dürfen/müssen.
12) Bei Modalverben ist bei analytisch gebildeten Formen, sowie in eingeleiteten Nebensätzen keine Extraposition der Infinitivkonstruktion möglich. *...dass sie ihn hat können sehen. *Sie hat ihn können sehen.
Bei dieser Zusammenfassung an morphologischen Merkmalen stellt sich nun auch die Frage, ob diese für alle sechs klassischen Modalverben gelten. Diese Zusammenfassung besitzt eine Wichtigkeit in allen Zusammenhängen, da sie die sechs „klassischen“ Modalverben mehr oder weniger von den meisten Verben deutlich abgrenzt. Nach Öhlschläger gelten die morphologischen Kriterien in Punkten 4 und 5 nur eingeschränkt. Auch Punkt 9 kann nicht im Allgemeinen gültig sein, weil auch Konstruktionen existieren, die eindeutig transitiv sind, nominale Komplemente regieren und auch nicht auf Ellipsen des Infinitivs zurückgeführt werden können, worauf im Folgenden näher eingegangen wird. Diese Reihe von morphologischen, syntaktischen und semantischen Eigenschaften stößt nun auf zwei Probleme, einerseits haben sich mehrere Merkmale als nicht geeignet erwiesen, um alle sechs Verben zu erfassen, anderseits kann dieses Aneinanderreihen keine genaue Erklärung darüber geben, ob diese Merkmale auch auf alle Modalverben zutreffen. Öhlschläger versucht einen Überblick darüber zu verschaffen, wobei bei seinen Untersuchungen sehr viele Fragen offen geblieben sind. Erst wenn man sich ein Bild über das sehr umfangreiche und komplizierte Feld der Modalverben gemacht hat, kann man den Gebrauch der Modalverben empirisch untersuchen.
Wie in Beispiel 1 angeführt, verhalten sich die Modalverben wie die Präteritumformen der starken Verben, weshalb sie auch „Präterito-Präsentien“ genannt werden, wie auch bei der Erklärung zu möchten bei Brünner und Redder (1983) gezeigt wird, dass die heutigen Formen des Indikativ Präsens aus dem Präteritum entstanden sind. Die Perfektformen der Modalverben sind vom Satzbau ein wenig kompliziert, daher werden auch in der gesprochenen Sprache die Modalverben im Präteritum benutzt.
17
Das heutige Präteritum der Modalverben ist eine sekundäre Bildung: an den Präteritumsstamm wird eine Präteritumsendung, das Dentalsuffix der schwachen Konjugation, angefügt. „Damit ist gemeint, dass das Praesens wie das Präteritum anderer Verben gebildet wird. Im Präteritum stimmen die 1. Pers. Sg. und die 3. Pers. Sg. überein. Bei den starken Verben sind diese Formen endungslos. Eisenberg zählt das Vollverb wissen in die
Gruppe der Präterito-Präsentien.“ 17
Zur Bildung des Präteritums ist das Flexiv -t- auffällig. Hinzu kommt die Umlautveränderung, wie sie sonst eigentlich für die starken Verben charakteristisch ist. Der Konjunktiv ist nicht in allen Formen gleich und den Imperativ gibt es bei Modalverben nicht. Zwar werden Modalverben häufig für Aufforderungen und Verbote verwendet (Du sollst das tun), aber die Formen des Imperativs fehlen hier. Für mögen, möchten und wollen kann man sich von der Bedeutung her keinen Imperativ vorstellen. Der Imperativ existiert im Grunde genommen nur philosophisch, aus dem Kontext heraus. Eisenberg unterscheidet zwei Gruppen der Modalverben, wobei er in eine Gruppe die Verben möchten, mögen und wollen dazuzählt. Darauf wird im syntaktischen Teil dieser Arbeit Bezug genommen. Neben dem konsonantischen Flexiv -t- treten auch Ab- und Umlaute wie (a/o) und (o/ö) bei können, (u/ü) bei müssen, (a/u) und (u/ü) bei dürfen, (i/o) bei wollen und (a/o) und (o/ö) bei mögen. Das Modalverb sollen kennt keinen Ablaut und keinen Umlaut, so dass die Formen des Präteritums und Konjunktivs gleich sind. Weinrich (2003) behandelt auch das Verb brauchen wie ein Modalverb. Diese Studie konzentriert sich jedoch auf die sechs klassischen Modalverben.
Eisenberg bezeichnet die nicht veränderten Formen einiger Verben im Konjugationssystem als einen Vorgang der Isolierung. Das heißt, dass die Verben keine neuen Formen einnehmen, sondern dass bestimmte Veränderungen nicht mitgemacht wurden. „Isolierung soll einer der wichtigsten Vorgänge bei der Herausbildung neuer grammatischer Kategorien oder
kategorialer Verschiebungen sein.“ 18
„Die sich aus dem reichen Konjugationsschema der Modalverben und den Infinitivformen der Vollverben ergebenden Verbindungsmöglichkeiten werden in der Sprachwirklichkeit in unterschiedlichem Umfang genutzt. So sind die Pluralformen der Modalverben im Konjunktiv Präsens zum Teil wegen des Zusammenfalls mit den Formen des Indikativs nicht üblich.
17 Peter Eisenberg (1986) S. 97
18 Peter Eisenberg (1986) S. 97
18
Statt des Perfekts wird zumeist das Präteritum, statt des Futur sehr oft Präsens verwendet. Nur
gelegentlich kommen die Verbindungen mit dem Infinitiv II und Passiv vor.“ 19 Die folgenden Abschnitte werden sich mit der Syntax und der Semantik der Modalverben beschäftigen, was für diese Gruppe der Verben besonders wichtig ist, um diese Komplexität verstehen zu können. Im Folgenden wird zu ermitteln versucht, wie die Modalverben in ihren verschiedenen Bedeutungsvarianten zu deuten sind und ob diese den Voll- oder den Hilfsverben näher einzuordnen sind.
2.3 Syntaktische Aspekte
Im Verhältnis zur Semantik hat die Syntax der Modalverben des Deutschen weniger Aufmerksamkeit erfahren, da es nicht sehr viele Arbeiten gibt, die sich speziell nur der Syntax widmen.
Fragen, die nach den Gemeinsamkeiten der syntaktischen Eigenschaften der Modalverben suchen, werden sehr verschieden beantwortet. Bei den Modalverben handelt es sich nach Öhlschläger (1989) nicht um reine Vollverben aber auch nicht um Hilfsverben. Er bezeichnet die Modalverben als Nichtvollverben, während Buscha/Helbig sie als eine Unterklasse der Hilfsverben ansieht und für Eisenberg sind Modalverben zweistellige Verben mit einem Nominativ als Subjekt und einem Infinitiv als verbale Ergänzung. Diese Klassifizierung wurde schon in vorangegangenem Kapitel erwähnt.
Welke (1965) hat in seiner Arbeit versucht, die Syntax auf semantischer Grundlage darzustellen, weil er der Ansicht war, dass Syntax und Semantik nicht voneinander unabhängig sind, dass vielmehr syntaktische Eigenschaften auf semantischen beruhen, sich aus diesen ergeben. Daher ist auf der Basis seiner Arbeit Syntax nur schwierig von der Semantik klar abzutrennen. Der Unterschied zwischen Voll- und Hilfsverben liegt nach Öhlschläger darin, dass die Hilfsverben eine grammatische Bedeutung besitzen und nicht alleine stehen können und in bestimmten Fällen durch Hilfe eines zweiten Verbs das Prädikat bilden. Diese Eigenschaft, dass Hilfsverben immer zusammen mit einem infiniten Verb stehen müssen und dadurch eher den Hilfsverben zuzuordnen sind, wird auch bei Buscha behauptet. Für Buscha sind Hilfsverben keine sprachlichen Prädikationen, was dadurch gekennzeichnet ist, dass diese nicht in eigenständige Sätze getrennt werden können.
19 Buscha/Heinrich/Zoch (1979) S. 12
19
1) Du hast zu lernen. *Du hast. Du lernst. 2) Du versprichst zu lernen. *Du versprichst. Du lernst
Viele Forscher zählen Modalverben zwar nicht direkt zu den Hilfsverben, nennen diese aber Nichtvollverben. Die Duden-Grammatik unterscheidet zwischen Vollverben, Hilfsverben, Modalverben und modifizierenden Verben, wobei nur haben, sein und werden als Hilfsverben klassifiziert werden. Syntaktisch werden die Hilfs- und Modalverben gleich behandelt, da sie, wie schon erwähnt, beide zusammen mit einem infiniten Verb ein mehrteiliges Prädikat bilden. Engelen (1984) bezeichnet die Modalverben auch nicht als Hilfsverben, sondern als Gefügeverben, die er als Erweiterungen des Verbs auffasst. Er fasst dennoch als Gemeinsamkeit der Hilfsverben und Gefügeverben auf, dass beide nicht satzkonstituierend sind, wobei sie sich dadurch klar von den Vollverben unterscheiden können. Daher werden nach Engelen diese Verben auch Nichtvollverben genannt, zu denen Hilfsverben sowie
Modalverben gezählt werden. 20 Ulrich Engel (2009, S.47) ordnet wiederum die Modalverben in verbale Sublassen der Infinitivverben, die nur zusammen mit einer Reihe anderer Verbformen in Verbindung stehen und für ihn Nebenverben heißen. Im Widerspruch steht aber die Tatsache, dass Modalverben durchaus auch ohne Infinitiv stehen können. Sabrina darf/kann es. Sabrina darf/kann in die Diskothek. Sabrina kann bosnisch. Sabrina möchte/will eine Zigarette.
Für Buscha (1973) handelt es sich bei den oben aufgeführten Beispielen um Ellipsen, d.h. um weggelassenen Infinitiv, der aber, „um einen vollständigen Satz zu erzeugen, eine Infinitivergänzung benötigt. 21
Eisenberg (1986, S. 95) bezeichnet die Modalverben als eine eigene Klasse neben den Hilfsverben, den Kopulaverben und den Vollverben. Für ihn sind Modalverben zweistellige
Verben mit einem Nominativ als Subjekt und einem Infinitiv als verbale Ergänzung. 22
20 Vgl. Engelen Bernhard (1984) S. 99
21 Buscha, (1973) S. 95
22 Vgl. Eisenberg Peter (1986) S. 95
20
Sie unterscheiden sich jedoch darin von Vollverben, dass das Subjekt in Sätzen mit Modalverben nicht durch das Modalverb, sondern vom Infinitivverb regiert wird. Eisenberg zeigt, dass die Modalverblexeme aufgrund ihrer unterschiedlichen Valenz in zwei Gruppen eingeteilt werden können. MV1 enthält wollen, mögen und möchten und MV2 dürfen, können, müssen und sollen.
Syntaktisch sind die Verben aus MV1 auch dadurch gekennzeichnet, dass sie dass-Sätze als Ergänzungen zulassen.
Während Modalverben der Gruppe MV1 mit einem Objektsatz verbunden werden können, ist es bei den Modalverben der Gruppe MV2 genau umgekehrt. Die Gruppe MV2 impliziert dass-Sätze als Subjekte. „Er will/mag/möchte, dass du bleibst. *Er muss/kann/soll/darf/, dass du bleibst. *Dass du bleibst, will/mag/möchte sein.
Dass du bleibst, muss/kann/soll/darf sein“ 23
Anhand der gezeigten Beispiele wird klarer, dass die Modalverben wie Vollverben die Form der Ergänzungen bestimmen und Hilfsverben als Bestandteil zusammengesetzter Verformen auftreten.
Unter gewissen Umständen können in bestimmten Konstruktionen auch Modalverben der Gruppe MV2 dass-Subjekte haben. Sein ist das einzige Kopulaverb, dass in diesem Zusammenhang vorkommen kann, werden und bleiben sind ausgeschlossen. Die Bedeutung von sein ist hier „der Fall sein“: Es muss sein, dass er kommt.
Die Trennung von mögen und möchten ist im Passiv nicht möglich, weshalb sich die Verben der Gruppe MV1 wie transitive Verben verhalten, was aber nicht heißen soll, dass die Modalverben zu den Vollverben zählen. Man könnte annehmen, dass es sich um transitive (MV1) und intransitive (MV2) Modalverben handeln könnte. „Sie mag Himbeereis. = MV1 Ergänzung durch Akkusativobjekt Er möchte eine Erbsensuppe. Er will den besten Startplatz.
23 Eisenberg (1986) S. 101-102
21
Der Friede wird von allen gewollt.
Karl wird von allen gemocht. „ 24 = MV2 -> Modalverben in der Form des Passivs
Bei den Verben der Gruppe MV1 steht das Subjekt als allein bestimmende Person, die das Ziel der Handlung bestimmt, wie in Sabrina will/mag/möchte schwimmen. Bei der Gruppe MV2 wird keine Angabe darüber gemacht, woher das Handlungsziel kommt, wie in Sabrina muss/kann/darf/soll schwimmen.
„Das Wollen, Mögen. Möchten ist an mentale Prozesse beim Handelnden gebunden. 25
Für Gabriele Diewald (1999) haben die Hilfsverben keine semantische Valenz, können keine Aktanten binden und somit auch keine Subjektrestriktionen erfüllen. Dass Modalverben nicht allein ein Prädikat bilden und daher nicht ohne ein infinites Verb stehen können, ist eine der Haupteigenschaften der Modalverben. Alle Sätze, in denen Modalverben das Zentrum des Prädikats sind, müssen als Ellipsen erklärt werden, so Diewald. Welke (1965) hat die Ähnlichkeiten anderer Verben und Modalverben sehr ausführlich in seiner Arbeit auf der Grundlage der Semantik dargestellt. Gemeinsamkeit aller Modalverben ist, dass sie regelmäßig mit einer verbalen Ergänzung im Infinitiv stehen können. Dies tun aber zahlreiche andere Verben auch, wobei sich die Zahl enorm reduziert, da die Modalverben mit dem Infinitiv ohne zu vorkommen. Diese Eigenschaften haben neben den Modalverben auch einige andere Verben wie z.B. kommen, lassen, sehen, werden usw. Er kommt mir helfen.
Außerdem sind nominale Objekte nicht vom flektierten Modalverb, sondern vom Infinitiv abhängig. Die Bildung der zusammengesetzten Tempusformen der Modalverben sieht folgendermaßen aus: statt des präteritalen Partizips tritt der Infinitiv ein und die verbale Ergänzung steht zwischen dem flektiertem sein oder haben und Modalverb. Er hat schreiben sollen.
Außer mit dem Infinitiv können die Modalverben mit Adverbialen stehen, die eine Richtung angeben. Er will dorthin.
„Ausgenommen ist nicht negiertes mögen. Ein Infinitiv, der die zur Richtungsangabe gehörende Bewegung bezeichnet, kann leicht ergänzt werden.
24 Eisenberg (1986) S. 102
25 Eisenberg (1986) S. 102
22
Arbeit zitieren:
Samira Huskic, 2010, Modalverben und ihre Probleme beim Gebrauch im Bereich Deutsch als Fremdsprache, München, GRIN Verlag GmbH
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