„Das erlebnispädagogische Schulsportkonzept“
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Erlebnispädagogik im Schulsport
2.1 „Lernen durch Kopf, Herz und Hand“ - Die historische Entwicklung
der Erlebnispädagogik von Rousseau bis Hahn
2.2 „Das Erlebnis als pädagogisches Mittel“ - Der erlebnisorientierte Schulsport
3. Die Ausprägung sozialen Lernens im Sportunterricht
3.1 Was ist soziales Lernen?
3.2 Die Bedeutung des sozialen Lernens für den Schulalltag
4. Legitimation des erlebnispädagogischen Schulsportkonzeptes durch
den brandenburgischen Rahmenlehrplan für die Sekundarstufe I im
Fach Sport
5. Abschnittsplanung und Stundenentwurf für die Förderung des sozialen
Lernens unter Einbeziehung des erlebnispädagogischen
Schulsportkonzeptes in der siebten Jahrgangsstufe
5.1 Abschnittsplanung
5.2 Stundenentwurf
6. Fazit
7. Literatur- und Quellenverzeichnis
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„Das erlebnispädagogische Schulsportkonzept“
1. Einleitung
Das Besteigen von zerklüfteten Felsen, das Klettern auf hohe Bäume oder das durchstreifen von unbekanntem Gelände sind Naturerlebnisse, welche für heutige Generationen zur Mangelware geworden sind. Kinder früherer Jahrgänge haben bereits von Klein auf in unbebautem Gelände erste, grundlegende Bewegungserfahrungen gesammelt. Auf Grund der zunehmenden Urbanisierung haben die Heranwachsenden des 21. Jahrhunderts kaum noch die Möglichkeit ihren Drang nach Abenteuer und Erlebnis in der „freien Wildbahn“ zu bändigen. Künstlich errichtete Alternativen, wie Erlebnisparks, Erlebnisbäder oder Abenteuerspielplätze müssen entweder bezahlt werden oder lösen in den Kindern und Jugendlichen nur ein kurzes, aber keineswegs einprägsames Erlebnis aus. Zudem stehen ihnen nur künstliche Phantasiewelten im Fernsehen oder in Computerspielen zur Verfügung.
Die Schule hat nun den Auftrag diesem Drang nach Abenteuer, Wagnis und Herausforderung zu bändigen und gleichzeitig zu versuchen, ihn für sich zu Nutze zu machen, um für viele Schüler wieder zu einer „attraktiven Einrichtung“ zu werden, wo sie gerne hingehen und Spaß und Freude haben.
Durch die Gelegenheit, kognitive und motorische Übungen miteinander zu verbinden, erfährt der Sportunterricht hier eine einmalige Stellung.
Erlebnis- und handlungsorientierte Aktivitäten sollen bei Schülern wieder Freude am und im Sport bewirken und diese für ein lebenslanges Sporttreiben motivieren.
Diese Arbeit wurde, v. a. für Lehrer und Übungsleiter, aus dem Hintergrund angefertigt, als Unterrichtsleitfaden für einen erlebnispädagogischen Schulsport zu dienen. Auch verschiedene methodisch - didaktischen Ansätze und Herangehensweisen an dieses noch jungfräuliche Modell werden präsentiert. Das Ziel sollte es sein, Bewegungserlebnisse zu schaffen, welche die Schüler zum Nachdenken anregen und spätere Handlungen, auf Grund dieser Erlebnisse, zu ändern oder zu verbessern.
Da das erlebnispädagogische Schulsportkonzept eine spezielle Form des induktiven Unterrichts darstellt fördert es durch das gemeinsame Erarbeiten von Problemen das soziale Lernen, was nicht nur für andere Unterrichtsfächer, sondern ganz besonders für das tägliche Leben, von enormer Bedeutung ist.
Die Spezialisierung auf den Indoorbereich habe ich vorgenommen, da Spiele und Übungen, welche man im kleinen Raum bzw. in der Sporthalle durchführt, auch immer nach draußen transferiert werden können. Umgekehrt ist dies schwieriger.
Auf den nachfolgenden Seiten erhält man schließlich einen Überblick darüber, für welche Jahrgangsstufen bzw. Zielgruppen das Konzept besonders geeignet ist und wie man es evtl. in traditionellen Sportarten wie Gerätturnen oder Schwimmen zum Einsatz bringen kann. Im letzten Kapitel werden dem Leser eine genaue Abschnittsplanung und ein Stundenentwurf für eine 90-
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minütige Unterrichtseinheit angeboten, die den theoretischen Hintergrund noch einmal praktisch darstellen soll.
Weil die Erlebnispädagogik, besonders im sozialtherapeutischen Bereich, in den 70er Jahren an Bedeutung gewonnen hat, findet man heute eine große Auswahl an Fachliteratur. Jedoch kommt es oftmals zu Überschneidungen mit den Themen des „Abenteuer- und Erlebnissports“, die keinen oder nur einen geringen pädagogischen Hintergrund besitzen. Für diese Bachelorarbeit waren, neben einer Vielzahl anderer Werke, die Bücher „Erleben und Lernen. Einstieg in die Erlebnispädagogik“ von Heckmair und Michl und das Sammelwerk „Erlebnisorientierter Schulsport. Sechs Beiträge zur erlebnispädagogischen Praxis“ von Hildebrandt von großer Bedeutung.
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2. Die Erlebnispädagogik im Schulsport
2.1 „Lernen durch Kopf, Herz und Hand“ - Die historische Entwicklung der Erlebnispädagogik von Rousseau bis Hahn
Vergleichbar mit der Philosophie oder Psychologie haben sich im Laufe der Zeit auch viele Wissenschaftler mit der Pädagogik auseinander gesetzt. Doch weder Jean-Jacques Rousseau, David Henry Thoreau oder John Dewey, die besonders in der deutschsprachigen Literatur erwähnt werden, haben den Begriff der Erlebnispädagogik formuliert. Aus der Fülle an neuen Erkenntnissen, die Kurt Hahn am Anfang des 20. Jahrhundert aufgriff prägte er den Begriff der Erlebnistherapie (Heckmair & Michl, 1998). Auf Grund dieser Leistung, dem Zusammentragen und Ordnen von Informationen, die für die erlebnis- und handlungsorientierte Pädagogik sehr wichtig sind, gilt Hahn als „Sammler reformpädagogischer Wurzeln“, jedoch nicht als Gründer der Erlebnispädagogik.
Die ersten für diese Erziehungsmethode sehr wichtigen Ansätze schuf Jean-Jacques Rousseau (1712 - 1778) vor über 250 Jahren. Lernen von der Natur und nicht durch die Wissenschaft. Dies ist die Philosophie eines der bedeutendsten Aufklärer, welcher die Einfachheit predigte. Schon als junger Mann reiste er viel umher. Sich selbst zu erkennen lag für ihn in der Erkenntnis der Welt. So ist es wenig verwundernswert, dass nach seiner Ansicht die Sprache der Natur noch bedeutungsvoller ist, als alle Vernunft. Den berühmten Ausspruch René Descartes: „Ich denke, also bin ich“ formte er zu: „Ich erlebe, also bin ich“ um. Mit diesem naturgebundenen Denken, weg von der Wissenschaft, stand er im direkten Konflikt zu den Philosophen, Intellektuellen und Wissenschaftlern dieser Epoche, wie u. a. Voltaire. All diese Ideen des politischen und pädagogischen Denkens erscheinen 1762 in seinen Hauptwerken „Contrat social“ (Der Gesellschaftsvertrag) und „Émile“ (Emil), welches ein umfassendes Konzept der Einzelerziehung darstellte (Fischer & Ziegenspeck, 2000). Die beschriebenen Handlungsziele, aus der Sache selbst zu lernen und nicht durch die Belehrung eines Erziehers, sind oftmals sehr identisch mit den Zielen der heutigen Erlebnispädagogik. Seine Bewertung der Natur und die Umsetzung in politisch, pädagogische Handlungsfelder bringt Rousseau mit den Worten zum Ausdruck: „Wer sich rückwärts wendet, die Einfachheit sucht, nach dem Ursprung ausschaut, die Sprache der Natur verstehen lernt, nähert sich dem Guten.“ (zit.: Heckmair & Michl, 1998, S. 5). Rousseau weist der Unternehmungslust und dem Bewegungsdrang eine große Bedeutung zu und sieht diese als Vorraussetzung, Dinge kennen zu lernen, die wir noch nicht erfahren haben. So sind für den Unterricht Handlungen, Erfahrungen und Erlebnisse unumgänglich: „Und denkt daran (die Lehrer; die Verf.), daß ihr in allen Fächern mehr durch Handlungen, als durch Worte belehren müßt. Denn Kinder vergessen leicht was sie gesagt haben und was man ihnen
gesagt hat, aber nicht, was sie getan haben und was man ihnen tat“ (zit.: Rousseau, 1975, S. 80).
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„Das erlebnispädagogische Schulsportkonzept“
Auch wenn der Begriff der Erlebnispädagogik mit keiner Silbe erwähnt wird, kann man viele Parallelen zur heutigen erlebnispädagogischen Erziehung erkennen. So fand das Prinzip „Learning by Doing“ schon bei Rousseau den nötigen Anreiz. Rousseaus Anliegen ist es nicht die Vernunft zu Fördern, mehr Wissen zu erwerben oder die Denkfunktionen des Menschen zu trainieren, wie es die Erziehung der Aufklärung vorsah. Er wollte mehr. Angetrieben durch die Denkweise der Romantik ging es ihm darum, die Freude am Leben zu lehren. Rousseau präzisiert dies folgendermaßen: „Nicht wer am ältesten wird, hat am längsten gelebt, sondern wer am stärksten erlebt hat.“ (zit.: Rousseau, 1975, S. 16). So ist für den Aufklärer das eigentliche Lebensalter die Zeit, wo man bewusst wahr nimmt und erlebt. Erleben und Erfahren durch die Sinne, mit den Händen, Augen, Ohren, Nase und Zunge. Dabei rücken die Sprache und die Vernunft, was für viele Denker dieser Zeit das Ursprüngliche im Menschen ist, in den Hintergrund. Das Kind soll seine eigenen Erkenntnisse erlangen. Die Aufgabe des Erziehers besteht nur darin, darauf zu achten, dass der Lernprozess und das Lernfeld nicht gestört werden. Erziehung soll also ohne Erzieher, vielmehr durch die natürliche Strafe erfolgen. Demzufolge dienen negative Folgen unpassender Handlungen zur Entwicklung eines freien Menschen. Der Sinn von Erziehung besteht somit für Rousseau nicht darin, sich Wissen aus Büchern anzulesen und Erfahrungen anderer zu übernehmen, sondern eigene Erkenntnisse aus dem Handeln in der Natur zu erfahren. Kinder müssen sich ausleben. Sie müssen klettern, springen, laufen und kriechen lernen. All das sind Inhalte der heutigen Erlebnispädagogik (Fischer, 1995).
Mit seiner Arbeit schuf Jean-Jacques Rousseau den grundlegenden Nährboden, den viele Soziologen, Pädagogen und Erzieher aufgegriffen und weiter entwickelt haben. 100 Jahre später bezog sich der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau (1817 - 1862) auf diese Erkenntnisse des französch - schweizerischen Philosophen und ergänzte das Modell der naturgebundenen Erziehung. Im Gegensatz zu Rousseau, der seine Erkenntnisse nur theoretisch am Schreibtisch erlangte, erfuhr Thoreau seine Philosophie am eigenen Leibe. Am 04. Juli 1845, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, entschloss sich der Naturbeobachter für eine Dauer von fast drei Jahren in einer Holzhütte am Waldensee in der Nähe seiner Heimatstadt Concord zurück zu ziehen (Fischer & Ziegenspeck, 2000). Sein „Walden - Experiment“ ist aber kein romantischer Rückzug in die Einfachheit und Einsamkeit, wie es Rousseau forderte. Sein Handeln sollte viel eher ein Protest zum Handeln und Denken Amerikas in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts darstellen. Die Hinwendung zum Unmittelbaren war sein Ziel. Um dies zu erreichen, verurteilte er den vorherrschenden Zeitgeist, wie Luxus, Bequemlichkeit, Mode, Zivilisation und Technik und suchte nach den ursprünglichen Bedürfnissen des Menschen, die nur durch das Leben in der Natur, als große Erzieherin und Lehrmeisterin, zu erfahren sind (Heckmair & Michl, 1998). Thoreaus Denken war, ähnlich dem vom Jean-Jacques Rousseau, sehr moralisch begründet. Er ging von dem redlichen Menschen, ohne negative Eigenschaften, aus. In seiner Philosophie gab es keine Trennung zwischen dem Subjekt Mensch und dem Objekt Natur. Demnach verfolgte er
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die Ansicht, wer die Natur erforscht, erkennt sich selbst und letztlich den göttlichen Untergrund. Die in seinem Experiment erlangten Erkenntnisse ergänzte der Amerikaner mit den Ansichten des Philosophen Ralph Waldo Emerson, welcher ein Hauptvertreter des amerikanischen Transzendentalismus 1) war. Dieses Wissen wurde in seinen beiden Hauptwerken „Walden oder das Leben in den Wäldern“ und „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ publiziert. Sie sind heute noch in jeder amerikanischen High School als „pädagogische Bibel“ zu finden (Heckmair & Michl, 1998). In der deutschen Bildungslandschaft ist das Leben und Wirken Henry David Thoreaus hingegen fast vollständig in Vergessenheit geraten. Was ihn auszeichnete, war seine Vorstellung, reformpädagogische Ideen, wie u. a. von Rousseau, in Bildungseinrichtungen zu unterrichten. So forderte Thoreau die städtische Kultur auf, Geld in die Erziehung zu investieren und Volksschulen zu gründen. Neben der Natur sollte so ein weiterer Bildungsort geschaffen werden: „Bildung des Menschen ist wertvoller als alle Gebäude und alle Brücken und Denkmäler von Concord“ (zit.: Heckmair & Michl, 1998, S. 16). Das Ziel war die Schaffung eines neuen, einfachen, wahrheitsliebenden, vertrauenswürdigen und weisen Menschen, wie es auch Rousseau in seinem „Émile“ vorsah.
Als Philosoph, Psychologe und besonders als Pädagoge darf Henry David Thoreau wegen seiner Erkenntnisse heute zu einem wichtigen Wegbereiter der modernen Erlebnispädagogik gezählt werden. Erwähnenswert ist seine schulbezogene Erziehung, auf die in diese Arbeit noch Bezug genommen wird.
So wie es ansatzweise aus den Werken Rousseaus, Thoreaus und anderer Denker dieses Fachgebietes zu entnehmen ist, wird dem Erleben bzw. dem Erlebnis eine immer wichtigere und zentralere Rolle zugeordnet. So gewinnt diese vor allem in der reformpädagogischen Bewegung des beginnenden 20. Jahrhunderts immer mehr an Bedeutung. Zentralen Begriffe und Inhalte auf die sich die Reformpädagogen stützten waren: Erlebnis, Augenblick, Unmittelbarkeit, Gemeinschaft, Natur, Echtheit und Einfachheit (Heckmair & Michl, 1998, S. 18ff). Dementsprechend plädierten viele Persönlichkeiten der Reformpädagogik besonders gegen die Erlebnisarmut im Schulunterricht.
Diese vielen pädagogischen Einschätzungen gewannen am Anfang des 20. Jahrhunderts immer mehr Führsprecher. Besonders in den angelsächsischen Ländern wurde die Erlebnispädagogik zu einem festen Bestandteil des Schullehrplanes. So besaß das Abenteuer in der pädagogischen Literatur Englands einen festen Platz (Heckmair & Michl, 1998, S. 47).
1) Eine von u. a. Kant, Schelling und Coleridge gegründete neuidealistische Bewegung aus den USA, die weltzugewandte Intellektuelle und Schriftsteller zusammenführte. Sie setzten sich für eine freiheitliche, selbstverantwortliche und naturzugewandte Lebensführung ein.
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Arbeit zitieren:
André Blaschke, 2009, Das erlebnispädagogische Schulsportkonzept, München, GRIN Verlag GmbH
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