Angehörigenbetreuung auf der Intensivstation
Dr. Kathrin Kiss-Elder
2 / 07.05.2010
1. Einleitung: Situation der Angehörigen 1.1. Soziale Verortung
Patienten auf der Intensivstation, ihre Angehörigen, das ist selbstredend keine homogene, sondern höchst heterogene Gruppe. Patienten aus allen Altersgruppen und allen Schichten, Angehörige mit unterschiedlichsten Gestimmtheiten, Ressourcen und Kompetenzen. Dazu zählen auch sprachliche Kompetenzen sowohl hinsichtlich der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit unter Stress, möglicherweise restringierte Sprachfähigkeiten durch mangelnde Bildung wie durch mangelnde Sprachkenntnisse bei Ausländern. Dazu ist die Situation der Patienten höchst unterschiedlich - sie können plötzlich, etwa nach einem Unfall, oder erwartbar, etwa nach einer schweren Operation oder einer schon erwarteten Frühgeburt, dorthin gelangen. Die Prognose kann gut, (noch) nicht einzuschätzen oder schlecht bis hoffnungslos sein. Der Patient kann trotz schwerster Beeinträchtigungen einen Überblick über die Situation haben und wach sein, oder er kann nicht ansprechbar, nicht anwesend sein.
1.2. Rechtliche Situation
Auch die rechtliche Situation der Patienten ist unterschiedlich - und damit auch die nötige Einbindung der Angehörigen: Bei einem Kind auf einer Intensivstation entscheiden die Eltern, sie müssen bestimmte Behandlungen genehmigen und verantworten. Bei einem Patienten mit gültiger Patientenverfügung, der selbst nicht ansprechbar ist, können sich die Ärzte in gewissen Entscheidungssituationen auf vom Patienten zuvor selbst bestimmte Handlungsleitlinie berufen. Differiert der Angehörigenwunsch stark von der ärztlichen Empfehlung und / oder der (bekannten und gültigen) Patientenverfügung wird die Situation noch kritischer, vor allem weil bestimmte ärztlich-pflegerischen Maßnahmen ja unter Zeitdruck stattfinden müssen. Hier ist eine gute Angehörigenbetreuung wichtig, damit diese wirklich das Gefühl haben, gute Entscheidungen im Sinne des Patienten fällen zu können.
Angehörigenbetreuung auf der Intensivstation
Dr. Kathrin Kiss-Elder
3 / 07.05.2010
1.3. Intensivstation als kritisches Lebensereignis
Die Situation der Patienten auf der Intensivstation ist schwierig. Aber auch die Situation der Angehörigen auf der Intensivstation ist prekär 1 . Die ganze Aufmerksamkeit gilt dem Erkrankten, nicht ihnen, doch auch sie brauchen und verdienen Fürsorge. Nicht nur für den Patienten auf der Intensivstation ist dies ein kritisches Lebensereignis, auch für die Angehörigen.
Dazu können Angehörige sehr zum Wohlbefinden des Patienten beitragen. Sie geben ihm die Sicherheit und Geborgenheit und das Stück Heimatgefühl, dass der Patient in dieser ihm meist völlig fremden, machtlosen Situation braucht 2 . Angehörigenbetreuung ist also durchaus auch auf der Intensivstation wichtig.
1.4. Fragestellungen
Doch wie? Und was können die Schwerpunkte einer solchen Betreuung sein? Wie soll man einer Mutter bei stehen, deren Kind gerate stirbt? Was soll man mit dem Ehemann reden, der ständig über alles meckert? Oder dem Dreijährigen, dessen Vater nach einem Unfall so lebensbedrohlich verletzt ist, dass die Mutter und Ehefrau entscheidet, das Kind habe ein Recht, seinen Vater, vielleicht zum letzten Mal, zu sehen? Und ist man für das „danach“ noch zuständig? Es ist ja toll, wenn sie die Familie des Frühgeborenen auf der Station bedankt, aber geht einen die Frau noch an, deren Vater vor ein paar Tagen auf der Intensivstation verstorben ist?
2. Ziele und Medien 2.1. Ziele der Angehörigenbetreuung
Es lassen sich folgende Ziele für die Kommunikation mit Angehörigen ableiten: „Weiche Faktoren“
• Bessere Stressbewältigung der Angehörigen, • Bessere Stressbewältigung der Patienten, • Verstärkung des Angehörigen-Patienten-Bonding,
• Verstärkung einer vertrauensvollen, angenehmen Situation für den Patienten, • Verringerung des Heimwehs der Patienten,
1 Vgl. Ulsamer, 2004: 3ff
2 Vgl. Nydahl, 2008: o.P., Ulsamer, 2004: 6
Angehörigenbetreuung auf der Intensivstation
Dr. Kathrin Kiss-Elder
4 / 07.05.2010
• Verringerung der Reibungsverluste durch Angehörigen-Arzt oder Angehörigen-Pfleger-Konflikte,
• bessere Arbeitszufriedenheit des medizinisch-pflegerischen Personals, • bessere Bewältigung von Krisen des medizinisch-pflegerischen Personals inkl. des Umgangs mit Sterbefällen. „Harte Faktoren“
• Verbesserte Einbindung in medizinisch-pflegerische Entscheidungen, dadurch verbesserte Compliance
• Bessere Akzeptanz medizinisch-pflegerischer Entscheidungen, • Motivation zur Mitarbeit etwa bei der Pflege des Patienten, dadurch bessere Situationseinsicht,
• Entlastung der Pflege - der Patient wird genug „verhätschelt“ oder abgelenkt, ggf. können und wollen Angehörige auch selbst einen Teil der Pflege übernehmen. Nicht nur, aber besonders auf Kinderintensivstationen,
• dadurch ggf. auch verbesserte Vorbereitung und Schulung der Angehörigen auf eine später geplante Heimpflegesituation,
• bessere Kenntnis und Beachtung der Vorschriften, etwa der Hygiene-vorschriften auf der Intensivstation 3 .
2.2. Medien der Angehörigenbetreuung
Die Ziele der Angehörigenbetreuung können durch verschiedene Medien und in verschiedenen situativen Settings stattfinden, die Liste beginnt bei formaleren Settings bis hin zu informelleren:
• Geplanten Besprechungen mit den Angehörigen, etwa im Rahmen der Aufklärung über geplante medizinisch-pflegerische Maßnahmen, • Arztgesprächen mit Patienten und Angehörigen,
• Nachbesprechungen nach Beendigung des Aufenthalts des Patienten auf der Intensivstation, ggf. auch nach Versterben eines Patienten, • geplanten edukativen Maßnahmen / Angehörigenschulungen,
• praktischer Anleitung von Angehörigen zur Durchführung pflegerisch-therapeutischer Maßnahmen,
• schriftliche Handreichungen im Internet oder als Ausdruck / Druckbroschüre,
3 Vgl. Nydahl, 2008: o.P.
Arbeit zitieren:
Dr. Phil. Kathrin Kiss-Elder, 2008, Angehörigenbetreuung auf der Intensivstation, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Leistungsbezogene Entgeltsysteme als Instrumente der Mitarbeiterführun...
BWL - Personal und Organisation
Hausarbeit, 26 Seiten
Leistungsgerechte Entlohnung der Mitarbeiter im Krankenhaus
Pflegemanagement / Sozialmanagement
Hausarbeit, 24 Seiten
Kathrin Kiss-Elder hat einen neuen Text hochgeladen
Professionelle Kommunikation in Pflege und Management
Ein praxisnaher Leitfaden
Renate Rogall-Adam, Hannelore Josuks, Gottfried Adam, Gottfried Schleinitz
Die Ambivalenz in der Pflege auf dem Professionalisierungsweg
- Eine empirische Untersuchung...
Heidemarie Weber
Röntgenthorax auf Intensivstationen
Günter Luska, Heiner von Boetticher, L. Schwarze, R. Saßen, W. Kuckelt
Brackwasserfische - Alles über Arten, Pflege und Zucht
Alles über Arten, Pflege, Zuch...
Frank Schäfer, Mary Bailey
Pflegekompetenz in der Neonatologie: Erwartungen von Eltern und Ärzten...
Martina Gießen-Scheidel
0 Kommentare