Symptomatik geschwächten Kind 3 . Es stellt für das Kind gleichzeitig eine erhebliche Deprivationssituation UND eine Situation der Reizüberflutung dar 4 . Schließlich zeigen auch Tierversuche, dass die erste Lebensperiode eine wichtige, empfindliche Zeit für die Qualität der mütterlichen Bindung zum Kind ist 5 , die so wichtig ist, dass sie hormonell verstärkt wird - eine mediierende Rolle scheint dabei das Hormon Oxytoxin zu bilden 6 .
Grundhypothese
Einer der Grundhypothesen der frühen Eltern-Kind-Beziehung ist die, dass mütterliche Nähe die Lebensqualität und damit im Gefolge auch die Selbstregulation des Säuglings positiv beeinflusst.
Die Lebensqualität des Säuglings hat viele Facetten, als zentralste „weiche“ Facette gilt mütterliche Nähe. Faktoren mütterlicher Nähe, ihrer physischen Gegenwart, sind etwa 7 : • Berührung: Muskeltonus, Bewegungsgeschwindigkeit, physiologische Rythmen, • Haptik: Hauttextur, Feuchtigkeit, Körpertemperatur, • Gerüche,
• Geschmack der Muttermilch, auch anderer Bereiche wie der Geschmack von Schweiß an der äußeren Haut der Brust, ihrer Lippen, ihrer Tränen, • Akustik; Geräusche und Geräuschmuster der Mutter, Satzmelodie, nichtsprachliche lautliche Äußerungen wie „Ah!“ oder „Oh!“, • affektive Stile der Mutter, • soziale Stile der Mutter.
Hypothesen
Folgende zentrale Hypothesen werden zur Bedeutung der Mutter-Kind-Interaktion für selbstregulatorische Prozesse im frühen Kindesalter gestellt: Guter Kontakt zur Mutter stabilisiert Kinder hinsichtlich • ihres Reizmanagements bzw. ihrer Fähigkeit, Reizüberflutung zu reduzieren, etwa indem sie weg vom Reiz hin zur Mutter blicken 8 ,
• ihrer Schmerzempfindlichkeit: Mütterlicher Kontakt hat eine Schmerzmittelwirkung,
3 Vgl. Eidelman et. Al, 1992, 194
4 Vgl. Eidelman et. Al, 1992, 195
5 Vgl. Eidelman et. Al, 1992, 194
6 Vgl. Feldman in Krankenkasseninfo, 2007: o.P.
7 Vgl. Eidelman et. Al, 1992, 202
8 Vgl. Crockenberg, 2004: 2, 4
• ihres Schlafverhaltens: besseren und zirkadian besser rhythmisierten Schlafverhalten,
• ihrer Aufmerksamkeitsstruktur: Kinder mit gutem mütterlichen Bonding zeigen stabilere Aufmerksamkeit.
Die Untersuchung von Eidelman et. al.
Einführung
Das Gefüge auf einer neonatologischen Intensivstation ist sehr speziell, Fehler können weitaus schneller weitaus schlimmere Folgen haben als etwa auf einer allergologischen Kinderstation, die personellen Ressourcen werden oft als außerordentlich knapp angesehen. Pfleger und Ärzte stehen oft stark unter Druck, das reine Überleben von Kindern mit ihrer speziellen Symptomatik zu sichern - sie arbeiten dicht am medizinischen Neuland, und sie scheitern auch immer wieder 9 .
Haut-zu-Haut-Kontakt zwischen Mutter und Kind zu ermöglichen, ist für das Pflegepersonal extrem zeitintensiv, da es bedeutet, das Kind aus dem Brutkasten oder Wärmebettchen herauszuheben, auf die Mutter umzubetten, inklusive der Überwachungskabel, die sortiert bzw. neu gesteckt werden müssen. Es braucht gute Gründe, um Haut-zu-Haut-Kontakt abgesehen vom mütterlichen Wunsch nach Nähe zu ihrem Kind und dem allerdings nur mutmaßten Wunsch des Kindes nach mütterlicher Nähe zu ermöglichen. Die vorhandenen empirischen Studien dazu wiesen zum Zeitpunkt der Untersuchung von Eidelman et. al. erhebliche methodische Schwächen auf. Physiologische, insbesondere neurophysiologische und psychophysiologische Parameter waren unzureichend operationalisiert, die Stichproben zu klein, Kontrollgruppen entweder nicht vorhanden oder zu wenig mit der Untersuchungsgruppe parallelisiert. Querschnitt-Längsschnitt-Daten fehlten in den Jahren der Untersuchung von Eidelman et al. 10 .
Aufbau der Untersuchung
Im Folgenden referiere ich die Untersuchung von Eidelman et. al., die in den frühen neunziger Jahren an zwei Krankenhäusern in Tel Aviv durchgeführt wurde. Erkenntnisinteresse war, die Effekte der Känguruh-Methodezu evaluieren, wie sie gerade in neonatalogischen Intensivstationen seit den Achziger Jahren des letzten Jahrhunderts diskutiert wird.
9 Vgl. Schwarzer, 2008: 46
10 Vgl. Eidelman et. Al, 1992,
Bei der Känguru-Methode (im Folgenden KM) wird das meist nur mit einer Windel und ggf. einem Mützchen bekleidete Kind an den nackten Körper der Mutter zwischen deren Brüste gebettet, soweit es nötig ist natürlich „verkabelt“ mit Kontrollen der Sättigung des Sauerstoffs, Blutdruck etc., auch für Kinder, die derzeit künstlich beatmet werden und die einen IV-Zugang besitzen, kann diese Methode Anwendung finden. Die Untersuchung von Eidelman et al 2002 an frühgeborenen Kindern hat wichtige Faktoren der Wirkung der KM identifiziert und damit auch evaluierbar gemacht. Zentrale Fragestellung war, wie sich Haut-zu-Haut-Kontakt in der neonatalen Periode von Kindern auswirkt, am Rand auch, wie sich dieser auf Mütter auswirkt, auch wenn dies nicht eigens operationalisiert wurde und Mütter nur dann in den Blick gerieten, wenn sie in Kontakt zu ihren Kindern traten, nicht außerhalb und bei ihnen auch keine physiologischen Parameter erhoben wurden. Eidelman et al. stellten folgende Hypothesen auf 11 :
• Körperliche Nähe der Mutter zum Kind, exemplarisch und evaluierbar gemacht durch die KM, beeinflusst langfristig physiologische und neurophysiologische Parameter des (frühgeborenen) Kindes: Die KM verbessert den physiologischen, emotionalen und kognitiven Status des Kindes und hilft bei der Selbstregulierung dieser Systeme. • KM-Kinder zeigen eine verbesserte Zyklizität innerhalb der zyrkadianen Rhythmen. • KM-Kinder zeigen eine verbesserte, längere Aufmerksamkeit. Diesen Hypothesen lagen explizit folgende Postulate zugrunde: • Es gibt für die optimale Entwicklung des Zentralen Nervensystems spezifische, einmalige Zeitfenster.
• Kleinere Eingriffe können u.U. langandauernde Wirkungen haben.
Ihre Studie bauten sie methodisch äußerst sorgsam auf. Im Zentrum standen 146 Säuglinge in zwei Krankenhäusern Tel Avivs, die streng parallelisiert einer Gruppe mit Känguru-Kontakt und einer ohne (regelmäßigen?) Känguru-Kontakt zugewiesen wurden. Auch die soziodemografischen Parameter der Elternhäuser der Kinder waren vergleichbar hinsichtlich Alter, Schulausbildung, (vorherige) Berufstätigkeit der Eltern etc 12 .
Datenstruktur 13
In der Gruppe mit Känguru-Kontakt hatten die Mütter mindestens eine Stunde am Tag während 14 Tagen ihre Kinder nach der Känguru-Methode auf dem Arm.
11 Vgl. Eidelman et. al, 1992, 194
12 Vgl. Eidelman et. al, 1992,196
13 Vgl. Eidelman et. al, 1992, 197
Arbeit zitieren:
Dr. Phil. Kathrin Kiss-Elder, 2010, Eltern-Kind-Beziehung und Selbstregulation, München, GRIN Verlag GmbH
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