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Inhalt:
EINLEITUNG 3
1. ENTSTEHUNG DES BEGRIFFS 4
2. GATTUNGSGESCHICHTE 8
2.1. ZUR ENTSTEHUNG UND FRÜHEN ENTWICKLUNG 8
2.2. VORAUSSETZUNGEN 16
2.2.1. GESELLSCHAFTLICHE UMSTÄNDE 17
2.2.2. VORGEGEBENES MATERIAL 18
2.2.3. STILISTISCHE VORAUSSETZUNGEN 19
2.3. FORMEN 22
3. EINORDNUNG 27
4. LITERATURVERZEICHNIS 28
Einleitung
Die vorliegende Arbeit ist als ein Beitrag zum Seminar über den Codex Las Huelgas 1 entstanden. Viele Fragen bezüglich der Begriffs- und Gattungsgeschichte der Motette sind noch nicht hinreichend geklärt; und mit diesem Aufsatz soll der Forschungsstand skizziert und ein Einblick in die Anfänge der Form gegeben werden. Da der Codex hauptsächlich Stücke älteren Stils beinhaltet, geht es auch darum, für die Interpretation dieser Stücke relevante Erkenntnisse zusammenzutragen. Die Ausführungen folgen dieser Gliederung:
Nach einer kurzen Bestimmung der Herkunft der Bezeichnungen, die im 13. Jahr-hundert für Motetten gebraucht wurden, folgt im zweiten Kapitel eine Beschreibung der Gattung nach drei Gesichtspunkten. Auf einen kurzen Einblick in die Entstehung und erste Entwicklung der Motette wird der Versuch unternommen, eine möglichst vollständige und systematische Gliederung der Voraussetzungen, unter denen die ersten Formen der Gattung entstanden, vorzustellen. Mit Hilfe einer solchen Systematik sollte es möglich sein, eine detaillierte Analyse der Beziehung einzelner Merkmale der Motetten zu den Rahmenbedingungen der Gattung anzufertigen. Um die Gattung als Ganzes fassen zu können und den Einzelwerken gerecht zu werden, werden danach noch zwei Möglichkeiten beschrieben , sich den Stücken zu nähern: eine taxonomische Herangehensweise, die für die Gattung viele statistische und nützliche Ergebnisse zu liefern imstande ist, und eine interpretative, mit der ein Analyseinstrument für einzelne Stücke geboten wird. Einige Bemerkungen zu den Motetten des Codex Las Huelgas schließen im dritten Kapitel die Arbeit ab.
Anderson, Gordon A. (Hg.): The Las Huelgas Ms., 2 Bde., o.O. 1982 (CMM 79).
1. Entstehung des Begriffs
Die Entstehung des Begriffs motet (frz.) bzw. motetus (lat.) mit den Nebenformen motel und motellus 2 wurde von Rolf Dammmann in gründlicher Weise für die Musikwissenschaft untersucht. 3 Unter Zuhilfenahme des FEW 4 stellt er drei mögliche Etymologien vor, von denen er die folgende für die wahrscheinlichste hält:
muttum (lat.) → mot (aprov., afrz.) → motet (aprov., afrz.) → motetus (latinisiert).
Mot (mit den Pluralformen moz (afrz.), mos (aprov.) und mots (frz.)) entstand also aus dem lateinischen muttum (‚Muckser’, ‚Laut’) und hatte seit um 1100 die nachweisbare Bedeutung ‚Wort’ oder auch ‚Ton’. 5 Für das späte 12. Jahrhundert lässt sich eine Bedeutungserweiterung feststellen. Mot kann nun auch „poetisch gefasster Text der strophischen Dichtung“, d. h. ‚Vers’ oder ‚Strophe’ bedeuten. Diese moz (mos) werden mit einer erfundenen Melodie vorgetragen. 6 Das ist wohl auch die Bedeutung der latinisierten Form bei dem Satz von Walter Odington (um 1300): „Et alia quidem species [...], que Motetus dicitur, id est motus brevis cantilene.“ 7 Dammann weist motet die Bedeutung einer mit Versen versehenen Melodie zu - also eine Kontiguitätsrelation zwischen ‚motet’ und ‚mot’ - und zweifelt an der Erklärung des Suffixes „-et“ als Diminutiv (taxonomische Relation). 8 Günter Birkner hingegen greift in seinem Aufsatz „Motetus und Motette“ genau diesen Punkt auf und deutet motet eben als Diminutiv von
Motette, in Acta Musicologica XLII (1970), S. 138-150, S. 139 mit den Anmerkungen 7 und 8, wo er Dammanns Irrtum (Dammann, S. 348) bezüglich dieser Formen klarstellt. .
(1959), S. 337-377.
303-305.
1876, Bd. 1, S. 246a. Unterstreichung von mir.
mot. 9 Er bringt die altfranzösische Wortbildung mit den analogen Wortpaaren muttumuttettu (in Sardisch) und motto - mottetto (in Italienisch) in Verbindung und nimmt für motet die Bedeutung ‚kurze Strophe’ an. 10 Wie Klaus Hofmann vermutet, können wir unter diesen motets (‚kurze Strophen’) jene Refrains verstehen, die um 1200 in weltlicher wie geistlicher Dichtung häufig anzutreffen sind. Es sind Liedbruchstücke aus volkssprachlichen Liedern, die „unter dem Namen motets schon vorher existierten“ 11 und als Zitate in praktisch allen vulgärsprachlichen Motetten 12 - außer solchen, die als Kontrafakta einen lateinischen Text paraphrasieren - anzutreffen sind. Man kann annehmen, dass „ motet ursprünglich diese kurzen, sentenz- oder devisenartigen Refrains bezeichnet hat“ 13 ; diese Bedeutung lässt sich auch noch um 1300, also über 100 Jahre nach der Entstehung, noch nachweisen 14 . Die für uns interessanten Bedeutungen des Terminus motet sind eng mit der Entstehung der Gattung Motette verknüpft. So würde nach Dammanns Herleitung motet die textierte Oberstimme einer Klausel bedeuten, während erst die Annahme der Diminutiv-form die Verwandtschaft zum volkssprachlichen Lied herstellt. Leider stammen die Belege für die Bedeutung ‚Refrain’ frühestens aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und somit aus einer Zeit, in der sich der Terminus schon etabliert hatte. 15 Dennoch kann man aus oben gesagtem eine „Stufenfolge“ der terminologischen Entwicklung
194.
sein, dass nördlich der Alpen eine Parallelentwicklung stattgefunden haben m u s s, zumal auch die Belege Birkners für die Wortbildung auf der Halbinsel aus späterer Zeit stammen als die Form im Altfranzösischen entstand.
durchgeführt an den Motetten mit dem Tenor IN SECULUM, Neuhausen-Stuttgart 1972 (Tübinger Beiträge zur Musikwissenschaft 2), S. 39, vgl. dagegen Frobenius, Wolf: Die Motette, in: H. Möller/R. Stephan (Hg.), Die Musik des Mittelalters, Laaber 1991(Neues Handbuch der Musikwissenschaft 2), S. 272-294, S. 280.
des 13. Jahrhunderts S. 347-350 und in Musiksammlungen derselben Zeit z. B. bei HofmannEntstehung, S. 145-147.
„herleiten“ 16 : motet bezeichnet als Terminus der Musik zuerst ein „Duplum mit motet“ (Refrainzitat) dann das ganze Stück, das eine solche Oberstimme enthält, also primär vulgärsprachliche Motetten. Nicht zuletzt die Beliebtheit und die Verbreitung französischer Motetten mag zu einer Übertragung ihrer Bezeichnung auf die entsprechenden lateinischen und gemischtsprachlichen Werke geführt haben. 17 Im frühen 13. Jahrhundert scheinen die lateinischen Motetten noch nicht die Bezeichnung der französischen übernommen zu haben, wie die Belege aus den bei Hofmann aufgezählten Handschriften zeigen. 18
Bald wird motet zur Bezeichnung der ganzen Gattung, wie die leider erst wesentlich späteren Musiktraktate zeigen. Hier wird natürlich die latinisierte Form motetus/motellus verwendet. Etwa ein halbes Jahrhundert nach der Entstehung der Gattung wird uns eine recht einheitliche Definition von verschiedenen Schreibern überliefert:
Bei Coussemakers Anonymus VII bedeutet der Terminus die neu komponierte und textierte Stimme, die zum Tenor, der ihr „fundamentum“ darstellt, hinzutritt. 19 Franco von Köln klassifiziert motetus als eine Unterart des discantus, nämlich als einen discantus mit mehreren Texten:
„Discantus autem aut fit cum littera, aut sine et cum littera. […] Cum diversis litteris fit discantus, ut in motetis qui habent triplum vel tenorem, quia tenor cuidam litterae aequipollet.“ 20
Erst um 1300 bekommen wir z. B. von Johannes de Grocheio die Definition einer eigenständigen Gattung, die rückblickend auf das vergangene Jahrhundert allgemeingültig erscheint:
„Motetus vero est cantus ex pluribus compositus, habens plura dictamina vel multimodam discretionem syllabarum, utrobique harmonaliter consonans. Dico autem ex pluribus compositus, eo quod ibi sunt tres cantus vel quattuor, plura autem dictamina, quia
Institute of Musicology (o. O.) 1974 (CSM 18), S. 69.
quilibet debet habere discretionem syllabarum tenore exepto, qui in aliquibus habet dictamen et in aliquibus non.“ 21
Die Motette ist also mehrstimmig, mehrtextig und nach den Regeln der Konsonanzen gesetzt. Sie besteht aus drei oder vier Stimmen, wobei dem Tenor ein Text zukommen kann oder auch nicht. 22 Außerdem teilt uns Grocheio auch mit, wie eine Motette komponiert wird 23 ; und die andere Bedeutung des Terminus gibt Grocheio ebenfalls an:
„Motetus vero est cantus ille, qui supra tenorem immediate ordinatur.“ 24
Die Bezeichnung duplum ist ihm aber geläufig. Interessant ist auch der Aufführungsrahmen, den Grocheio der Motette zuweist:
„Et solet in eorum [litteratis et illis, qui subtilitates artium sunt quaerentes] festis decantari ad eorum decorationem ...“. 25
Sie scheint also vor allem dem Kreis der Gebildeten zuzugehören, während das organum (ohne den Conductus) eine liturgische Gattung darstellt. Die weitere Entwicklung der Gattungsbezeichnung ist geprägt von einer Vereinheitlichung der Kompositionspraxis. Gab es im 13. Jahrhundert noch eine Vielzahl verschiedener Ausprägungen und dementsprechend wenige gemeinsame Merkmale, so kommen im 14. Jahrhundert einige formale Auflagen an die Komponisten dazu: Aus der üblichen Rhythmisierung des Tenors in Ordines entwickeln sich solche Bauprinzipien wie Color und Talea. Diese von Friedrich Ludwig als „isorhythmisch“ be -
herausgegebennebst Übertragung des Textes und Übersetzung ins Deutsche, dazu Bericht, Literaturschau, Tabellen und Indices, Leipzig o. J. [1970], S. 144.
Conductus, die er auch organum nennt, wie aus seiner Äußerung vor der Beschreibung der Stimmen hervorgeht:
„Partes autem istorum [ motetus, organum bzw. conductus und hoquetus] plures sunt, puta tenor, motetus, triplum, quadruplum et in hoquetis primus, secundus et ultimo eorum duplum.“
zeichneten Ordnungsschemata 26 werden dann auch zunehmend auf die Oberstimmen angewandt. 27 Doch die schon von Franco von Köln und späteren Autoren des 13. Jahrhunderts genannten Merkmale - Mehrstimmigkeit, Mehrtextigkeit, harmonischer Zusammenklang, rhythmische, vom Komponisten bestimmte Anlage des Tenors und das Verfahren, dem Tenor als Fundament die anderen Stimmen darüberzusetzen - bleiben zweihundert Jahre mit dem Begriff verbunden. Erst ab ca. 1450 „werden im Vollzuge einer tiefgreifenden Umordnung des Satz- und Klangbildes durch die altniederländischen Meister die Strukturprinzipien der spätmittelalterlichen Motette ihrem geschichtlichen Typus nach aufgelöst.“ 28 Dadurch verändert sich natürlich auch der Terminus, dessen Bedeutung sich dem Wandel der Gattung jeweils anpasst.
2. Gattungsgeschichte
2.1. Zur Entstehung und frühen Entwicklung
Die Entstehung der Motette wurde im 20. Jahrhundert vielfach diskutiert. Friedrich Ludwig vertrat schon vor etwa hundert Jahren die These Wilhelm Meyers, die Motette sei durch die Textierung der Oberstimmen von Ersatzstücken, den sog. Klauseln, ent-standen. 29
In den Organa der Notre-Dame-Praxis war es üblich, die Solopartien von Responsorialgesängen zu deren Ausschmückung mehrstimmig auszusetzen. In den syllabischen Teilen wurden die Oberstimmen im Stil des Organum purum über die langgehaltenen Choraltöne gesetzt, stellen also freie Melodien über bordunartigen Haltetönen dar. Die melismatischen Abschnitte wurden im Discantus-Satz ornamentiert, d. h. ursprünglich weitgehend
gleichnamigen Buches von Joh. Wolf, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft VI (1904/05), S. 622.
mittellateinischen Rhythmik II, Berlin 1905, S. 303-341. Und z. B. Ludwig, Friedrich: Studien über die Geschichte der mehrstimmigen Musik im Mittelalter. III. Über die Entstehung und die erste Entwicklung der lateinischen und französischen Motette in musikalischer Beziehung, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 7 (1905/06), S. 514-528.
Arbeit zitieren:
Ivano Abetini, 2001, Begriffs- und Gattungsgeschichte der Motette im 13. Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
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