2. Voraussetzungen zum Bewegen und Lernen
Dass Bewegen nicht nur gesund, sondern auch eng mit dem Lernen verknüpft ist, bestätigt die neuere neurowissenschaftliche Forschung. Allerdings gelingt dies nur, wenn dem Menschen sensomotorische Voraussetzungen gegeben sind.
2.1 Bedeutung der Sinne
Der Mensch beginnt bereits im Mutterleib, sich zu bewegen. Zum Beispiel entsteht ab der achten Schwangerschaftswoche die Entwicklung des Gleichgewichtsorgans. Der Fötus nimmt Schwingungen sowie Bewegungen wahr und lernt, diese auch selbst auszulösen. Hierbei werden elektrische Impulse an das sich entwickelnde Gehirn transportiert, die es mit Energie versorgen. Somit reift das menschliche Gehirn bereits im Mutterleib, ausgelöst durch Bewegungen (vgl. Damen 2004, S. 34). Bereits pränatal, aber vor allem nach der Geburt sind Sinneseindrücke eines Säuglings nicht nur reine Wahrnehmungen, sondern setzen sich allmählich im Gehirn fest: der Säugling erkennt zum Beispiel akustische und visuelle Empfindungen und reagiert darauf durch eigene Handlungen (vgl. Damen 2004, S. 34). Voraussetzung ist hierbei jedoch, dass das Kind einwandfrei wahrnehmen kann, also nicht beispielsweise im auditiven oder visuellen System beeinträchtigt ist und seine Sinne somit optimal entwickeln kann (vgl. Krammer 2004, S. 34). Eine Einschränkung der Hörwahrnehmung kann zum Beispiel dazu führen, dass die sprachliche Kommunikation sowie im Schulalter der Schriftspracherwerb nicht ausreichend ausgeprägt werden und dadurch erhebliche Schwierigkeiten für das alltägliche Leben entstehen (vgl. Beigel 2008, S. 14- 15). Darüber hinaus stehen die Bereiche im Gehirn für Spracherwerb, Koordination sowie Bewegung in unmittelbaren Zusammenhang zueinander, was zeigt, dass das eine ohne das andere nur schwer zu erlernen ist (vgl. Brandi o.A.) Im Mutterleib entwickeln sich auch schon Erfahrungen, die prägend für den zukünftigen Säugling und somit die neuronale Struktur sein können. Anlage und Umwelt stehen in einer permanenten Wechselwirkung zueinander und bedingen sich selbst (vgl. Damen 2004, S. 30).
Ein Kind hat ein angeborenes Bewegungsbedürfnis und übt es eigenständig aus. Durch
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diese Erfahrungen lernt es, mit seinem Körper und seinen Sinnen umzugehen, bildet stufenweise einen Zugang zur Welt und entwickelt sich im Idealfall zu einem gesunden Individuum, indem es solche Erfahrungen „mit seinem Leib und seiner Seele, seiner ganzen Person macht“ (vgl. Beins 2008, S. 6 und S. 8).
2.2 Bedeutung der Bewegungssteuerung
Ein gesunder Säugling macht in den ersten zwölf bis 15 Lebensmonaten einen enormen motorischen Schub: zunächst beginnt es, sich zu rollen, anschließend lernt es zu sitzen, zu krabbeln und schlussendlich zu laufen (vgl. Engelmayer 1964, S. 43 sowie Myers 2004, S. 156). Die Gelenke und Muskeln des Säuglings müssen zum Erlernen dieser Eigenschaften ausreichend entwickelt sein, damit Bewegungen ausgeführt werden können und zu einer unbewussten Selbstverständlichkeit werden (vgl. Heuer 2006, S. 529). Motorische Modifikationen sind offensichtlich entweder Gedächtnisinhalte, die sich exakt identifizieren und zuordnen lassen oder neuronale Netzwerke, die durch Synapsen an verschiedene „Kreise“ angeschlossen sind (vgl. Heuer 2006, S. 532). Eine Bewegung ist bereits direkt zu Beginn der Ausführung an auf nachfolgende Situationen angeglichen. Dies geschieht unbewusst und automatisch. Hierbei werden Bewegungen vor allem so ausgeführt, dass es für den Menschen am angenehmsten und unproblematischsten ist („end- state- comfort“) (vgl. Heuer 2006, S. 532- 533).
2.3 Entwicklungsstufen nach Piaget
Jean Piaget, ein schweizer Entwicklungspsychologe (gest. September 1980), unterscheidet insgesamt vier Stufen der kognitiven Entwicklung (vgl. Brandi o. A.). Diese gehen vor allem durch Bewegung einher: „Nur, wer einen Stein geschleppt hat, weiß, was ein Stein ist“ (vgl. Seewald 2003, S. 2). Im Folgenden gehe ich auf die ersten beiden Stufen Piagets ein, da diese ausschlaggebend für die kognitive Entwicklung des Menschen sind. Im Verlauf der Sozialisation löst sich dieser Kontext, allerdings wird es
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nie komplett bedeutungslos (vgl. Seewald 2003, S. 3).
Zunächst, in der Stufe der sensumotorischen Intelligenz, die ab der Geburt bis etwa zum zweiten Lebensjahr verläuft, benutzt das Baby seine angeborenen Reflexe wie schlucken, greifen und saugen und nimmt die Umwelt vor allem durch ausprobieren wie z. B. das Anfassen und wieder Loslassen eines Gegenstands wahr. Das Gedächtnis des Babys merkt sich, welche Mittel es zum Erreichen der Nützlichkeit benötigt. Mit etwa dem ersten Lebensjahr entsteht die sog. Objektpermanenz: ein Gegenstand ist auch dann vorhanden, wenn er nicht sichtbar ist (vgl. Textor o. A., S. 2). Es hat sich also die äußere Welt mit der inneren Welt verinnerlicht. Zeitgleich lernt ein Kind laufen und stehen. Das Kleinhirn reift nun sehr rasch (vgl. Myers 2004, S. 157). Mit etwa zwei bis vier Jahren, der Stufe des vorbegrifflichen Denkens, beginnt ein Kind zu sprechen und lernt im bewegenden Spiel mit „Symbolen“ umzugehen (zum Beispiel kann es mit einem Bauklotz spielen, als wäre es ein Auto). Wortschatz und Wissen entwickeln sich kontinuierlich und werden immer komplexer. Das Kind erinnert sich ab sofort an bildhafte Sinneindrücke und kann sie in einen Kontext bringen (vgl. Brandi o. A.).
Die neuere Gehirnforschung bestätigt Piaget in seinen Überlegungen, jedoch wurde festgestellt, dass die kognitive Reifung eines Kindes rascher geschieht als im Stufenmodell beschrieben (vgl. Textor o. A., S. 2). Bestätigt worden ist jedoch, dass vor allem in den ersten Lebensjahren Wissen und Vorstellungsvermögen durch Bewegungen stärker angeregt und bei Wiederholung der Tätigkeiten im Gehirn verfestigt werden (vgl. Brandi o. A.). Piagets Stufenmodell übernimmt quasi Ankerfunktionen für jegliche weitere Entwicklungsphasen (vgl. Seewolf 2003, S. 3).
3. Gehirnfunktionalität
Wie ist das Gehirn aufgebaut, wie funktioniert es und wie arbeitet ein lernendes Gehirn? Diese Fragen werde ich im folgenden Kapitel beantworten.
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3.1 Das Gehirn: Aufbau und Funktion
Das menschliche Gehirn verbraucht etwa 20% mehr Energie des gesamten Körpers, obwohl es nur 2% des Körpergewichts wiegt, nämlich etwa 1,4 Kilogramm (vgl. Beck 2003, S. 1). Es ist laut Beck das komplizierteste und umfangreichste System des uns bekannten und bisher erforschten Universums (vgl. Beck 2003, S. 2). Das Gehirn ist in zwei Hemisphären unterteilt und besteht im Wesentlichen aus dem Groß-, Klein- und Zwischenhirn sowie einem Hirnstamm. Das Gehirn sitzt fest im Schädelknochen; dieser schwimmt in einer Schutzflüssigkeit, dem Liquor, die das Gehirn vor Erschütterungen bewahrt.
Das Großhirn ist der größte und am meisten entwickelte Teil des Gehirns. Es hat eine circa zwei bis vier Millimeter dicke Rinde, den sog. Kortex, der in drei Hauptfunktionen aufgeteilt ist: zum einen in das sensorische Feld, das Sinneseindrücke verarbeitet, zum anderen in das motorische Feld, das Bewegungen koordiniert und zuletzt in das Gedanken- und Antriebsfeld, das dem Denken und Erinnern dient. Im Großhirn existieren etwa 20 Milliarden Nervenzellen, die Neuronen, die über elektrische Impulse Informationen an unser Bewusstsein weiter geben und den Menschen beispielsweise Sinneseindrücke verarbeiten lassen (vgl. Kresser u. a. 2007). Ab der Geburt eines Menschen verfügt er über etwa 10- 100 Milliarden Neuronen. Jedes weist Dendriten, also baumartige Verzweigungen sowie das Axon, einen langen Fortsatz, auf. An den Neuronen bestehen am Axon die sog. Synapsen, die die Neuronen untereinander verknüpfen. Es entsteht somit ein komplexes, neuronales Netz (vgl. Damen 2008, S. 30 und Beck 2003, S. 1 und S. 2). Zum besseren Verständnis füge ich im Folgenden eine Abbildung ein:
Arbeit zitieren:
Christina Stiehl, 2010, Lernen braucht Bewegung - Gehirnfunktionalität und Bewegung, München, GRIN Verlag GmbH
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