VERZEICHNISSE
Inhaltsverzeichnis
Seite
Abbildungsverzeichnis. 4
Tabellenverzeichnis 5
1 Einleitung 6
1.1 Motivation. 6
1.2 Problemstellung und -abgrenzung 7
1.3 Ziel der Arbeit. 7
1.4 Vorgehen 8
2 Grundlagen 11
3 Identität 13
3.1 Identitätsbegriff nach George H. Mead - Identität als Synthese
von Individuation und Integration. 13
3.2 Identitätsbegriff nach Klaus Hurrelmann - das Mitglied-Werden
in der Gesellschaft. 18
3.3 Identitätstheorie nach Erik H. Erikson : Entwicklung als Weg zur
Identität.......................................................................................................... 24
3.4 Resümee der Identitätstheorien 34
3.5 Abgrenzung von Identität und Intimität. 37
4 Geheimnis 39
4.1 Definition nach Georg Simmel 39
4.2 Geheimnisse und Privatheit 42
4.2.1 Der Privatheitsbegriff. 42
4.2.2 Zusammenhang und Abgrenzung der Begrifflichkeiten 43
4.3 Merkmale und Arten von Geheimnissen 44
4.4 Geheimnisinhalte. 47
4.5 Entwicklung und Bedeutung von Geheimnissen bei Kindern 48
4.5.1 Interview-Studie von Flitner und Valtin (1991) 48
4.5.2 Geheime Orte. 56
4.5.3 Geheimnisse und Innerlichkeit 57
4.6 Geheimnisse und (Not-) Lügen 60
4.6.1 Kindliche Geheimnisse und Petzereien 64
Die Bedeutung von Geheimnissen bei Kindern auf dem Weg der Identitätsfindung 2
VERZEICHNISSE
4.7 Geheimhaltung und Privatsphäre im Jugendalter. 65
4.8 Geheimhaltungsstrategien im Jugendtagebuch. 66
4.9 Körpersprache des Geheimnisträgers 68
5 Identität und Geheimnisse. 74
5.1 Einordnung von Geheimnissen in Identitätskonzepte 74
5.2 Kinder brauchen Phantasiewelten 80
5.3 Die Bedeutung von Familiengeheimnissen 81
5.4 Der elterliche Umgang mit kindlichen Geheimnissen. 85
6 Fazit und Ausblick. 88
6.1 Erreichte Ergebnisse. 88
6.2 Ausblick. 90
Quellenverzeichnis 92
Die Bedeutung von Geheimnissen bei Kindern auf dem Weg der Identitätsfindung 3
1 Einleitung
"Ich weiß jetzt, wenn man das Geheimnis hat, ein Vogel zu sein, kann man an zwei Orten gleichzeitig leben: hier und woanders." 1
1.1 Motivation
Was es heißt ein Geheimnis zu haben, zeigt das vorangestellte Zitat von Janosch. Hier wird ganz treffend beschrieben, dass ein Geheimnis haben gleichzeitig bedeutet, um die eigene Innerlichkeit zu wissen. Von der Innerlichkeit zu wissen bedeutet wiederum, dass man dazu in der Lage ist seine Identität aufzubauen. Mit diesem Thema wird sich diese Arbeit beschäftigen..
Geheimnisse sind ein Teil menschlicher Kommunikation. Es ist ein aktuelles, zugleich altes Thema, da es Geheimnisse schon immer gab und sehr wahrscheinlich auch immer geben wird. Dass es für zwischenmenschliche Beziehungen von großer Bedeutung sein kann, wird dadurch verdeutlicht indem die unterschiedlichen Arten und Formen von Geheimnissen, sowie deren Einfluss auf die Entwicklung des Kindes, dargestellt werden. Der Zusammenhang von Geheimhaltung und Identitätsfindung soll ebenfalls erarbeitet werden, denn Kinder erleben Geheimnisse je nach Altersstufe unterschiedlich und gehen anders mit ihnen um.
1 Janosch (Eckert, Horst): Das Geheimnis des Herrn Josef. Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 1976 und 1990, S. 14.
Vorlage Praxis-, Studien- und Diplomarbeiten 6
1.2 Problemstellung und -abgrenzung
Geheimnisse umgeben uns in alltäglichen Situationen und bestimmen in gewissem Maße das Zusammenleben mit der Familie, Freunden und fremden Personen. Wie sich Geheimhaltung nun aber auf das Leben und die Entwicklung von Kindern auswirkt, soll anhand vorhandener Literatur aus verschiedenen Bereichen dargestellt werden.
Die Thematik dieser Arbeit ist in ihrer Formulierung schon sehr eingegrenzt. Einerseits soll die Problematik des Identitätsfindungsprozesses in drei unterschiedlichen Theorien zum Ausdruck gebracht werden. Andererseits wird sich der zweite Teil der Arbeit mit Geheimnissen und Geheimnisträgern beschäftigen. Nehmen Geheimnisse auch für Erwachsene noch Einfluss auf den Umgang mit anderen und deren Lebensgestaltung, so ist es gerade für Kinder und Jugendliche bedeutsam Geheimnisse haben zu können und sich somit vor der elterlichen Kontrolle zu verstecken. Anschließend wird dann eine Zusammenführung der Ausarbeitungen der ersten beiden Themenschwerpunkte stattfinden. Hier spielen in erster Linie die Zusammenhänge von Geheimnissen und deren Bedeutung für die Identitätsfindung von Kindern eine Rolle.
Wie sich die Geheimhaltung bei Erwachsenen äußert und wie von ihnen diese Kommunikationsform eingesetzt wird, soll nicht Gegenstand der Arbeit sein.
1.3 Ziel der Arbeit
Mit dieser Arbeit soll die Bedeutung von kindlichen Geheimnissen für deren Identitätsfindungsprozess bestimmt werden. Ziel ist es herauszufinden, inwieweit Geheimnisse in den Prozess der Identitätsbildung eingreifen und wie Eltern mit kindlichen Geheimnissen umgehen können.
Die Bedeutung von Geheimnissen bei Kindern auf dem Weg zur Identitätsfindung 7
1.4 Vorgehen
Wie der Titel dieser Arbeit schon beschreibt, geht es um Geheimnisse und deren Bedeutung für die Identitätsentwicklung. Um genauer in die Thematik einsteigen zu können, sollen die beiden Begrifflichkeiten „Identität“ und „Geheimnisse“ in Kapitel 2, „Grundlagen“, aufgegriffen und kurz erläutert werden. Der Aufbau dieser Arbeit umfasst drei Hauptteile. Im ersten Teil werden drei unterschiedliche Identitätstheorien aufgezeigt. Zunächst soll die Sichtweise von George Herbert Mead vorgestellt werden. Folglich werden zwei weitere Identitätstheorien von dem Pädagogen Klaus Hurrelmann und dem Psychologen Erik Erikson aufgezeigt. Das dritte Kapitel findet seinen Abschluss in einem Resümee der vorgestellten Theorien, in dem wichtige Bestandteile der Theorien in Zusammenhang gebracht werden, die auch im weiteren Verlauf der Arbeit bedeutsam werden. Es wird eine Abgrenzung der Begrifflichkeiten „Identität“ und „Intimität“ angeschlossen, um eine Verwechselung dieser auszuschließen.. Es ist wichtig diese differenzieren zu können, da Intimität auch für die Thematik des vierten Kapitels von Bedeutung ist. Hier wird zunächst eine Definition von Georg Simmel zu Geheimnissen gegeben, bevor auf den Unterschied und die Zusammenhänge von Geheimnissen und Privatheit eingegangen wird. Merkmale und Arten, die ein Geheimnis ausmachen, sowie deren Inhalte werden ebenfalls ins Blickfeld genommen.
Eine interessante Interviewstudie zum Thema „Entwicklung und Bedeutung von Geheimnissen bei Kindern“ liefern Flitner und Valtin, welche sich neben entwicklungspsychologischen Aspekten mit der sozialisationstheoretischen Bedeutung von Geheimnissen von Kindern beschäftigt. Zwei wichtige Instanzen in der kindlichen Entwicklung stellen einerseits die Familie, andererseits Gleichaltrige und Freunde dar. Sie gehen der Fragestellung nach, ob und aus welchem Beweggrund heraus Kinder Geheimnisse haben.
Die Bedeutung von Geheimnissen bei Kindern auf dem Weg zur Identitätsfindung 8
Neben der Studie von Flitner und Valtin wird die Relevanz von geheimen Orten für Kinder erläutert. Dazu zählen beispielsweise Verstecke oder eine Höhle, die entdeckt wurde.
Außerdem soll die Innerlichkeit in Bezug auf Geheimnisse dargestellt werden. Schon Simmel hat über die Innerlichkeit gesagt, dass sie dem Menschen die Möglichkeit einer „zweiten Welt“ schaffe. 2 Wie der Zusammenhang von innerer und äußerer Realität bezüglich Geheimhaltung ausschaut soll in 4.5.3 geklärt werden. Zum Ziel der Identitätsfindung gehört die Ausbalancierung von innerer und äußerer Realität. Wie wirken sich nun Geheimnisse in diesem Balanceakt aus?
Mit kindlichen Geheimnissen sind auch (Not)Lügen verbunden. Sagt man nicht die Wahrheit, so verheimlicht man entweder das, was man gerade denkt, oder aber man weicht durch eine Lüge aus. Wie ein Kind damit umgeht und was das mit seiner Persönlichkeitsentwicklung zu tun hat, wir in Kapitel 4.6 thematisiert.
Mit dem Eintritt in das Jugendalter und die Adoleszenz verändert sich auch deren Geheimhaltungsstrategie und der Raum der Privatsphäre gewinnt noch einmal mehr an Bedeutung. Inge Seiffge-Krenke hat eine Analyse von 80 Jugendtagebüchern durchgeführt und hat sich in ihren Ausführungen mit der Bedeutung von Geheimhaltung im Jugendalter für Individuation und Abgrenzung von Erwachsenen beschäftigt, welche in Kapitel 4.8 vorgestellt werden.
Im folgenden Punkt handelt es sich um die Physiognomie des Geheimnisträgers. Durch Gestik und Mimik findet Kommunikation Ausdruck. Auch für die Geheimhaltung stellt die Körpersprache einen entscheidenden Punkt dar. So können die meisten Eltern ihrem Kind ansehen, wenn es etwas verheimlicht, ohne darüber gesprochen zu haben. Wie sich die
2 Vgl.: Simmel, Georg: Das Geheimnis. Eine sozialpsychologische Skizze. In: Der Tag, No. 626 vom 10. Dezember 1907, Erster Teil: Illustrierte Zeitung, Berlin. (online: http://socio.ch/sim/geh07.htm, Stand:02.09.2008).
Die Bedeutung von Geheimnissen bei Kindern auf dem Weg zur Identitätsfindung 9
Geheimhaltung in der Körpersprache äußert, soll unter 4.9 beschrieben werden.
Die Zusammenbringung der Kapitel 3 und 4 erfolgt mit der Überschrift „Identität und Geheimnisse“. Das fünfte Kapitel wird diese Arbeit zum Abschluss bringen. Zunächst einmal wird erörtert, wo Geheimnisse in den, in Kapitel 3 vorgestellten, Identitätskonzepten einzuordnen sind. Kinder haben in der Regel eine blühende Phantasie. Diese regt sie dazu an, gewisse Gedanken für sich zu behalten und in ihrer „zweiten“ Welt zu leben. Inwieweit Phantasiewelten für Kinder bedeutsam sind, wird folglich in 5.2 geklärt.
Auch wenn in der Familie auf Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit meist großen Wert gelegt wird, kommt es nahezu in jeder Familie zu Geheimnissen unterschiedlicher Art. Wie sich diese äußern und welche Bedeutung von Familiengeheimnissen ausgeht, wird in 5.3 ausgearbeitet.
In Zusammenhang mit kindlichen Geheimnissen sind auch die Eltern zu sehen. Doch wie sollen Eltern mit der Geheimhaltung von ihren Kindern umgehen? Sollten sie immer Nachhaken oder gar nicht darauf eingehen, wenn sie bemerken, dass etwas nicht stimmt? In 5.4 werden Anregungen gegeben, wie der elterliche Umgang mit kindlichen Geheimnissen aussehen kann.
Im letzten Kapitel wird ein Fazit gezogen und ein Ausblick auf eine mögliche Weiterführung der Arbeit gewagt. Es werden die erreichten Ergebnisse zusammengefasst dargestellt und die persönliche Stellungnahme geboten.
Die Bedeutung von Geheimnissen bei Kindern auf dem Weg zur Identitätsfindung 10
2 Grundlagen
An dieser Stelle sollen zwei grundlegende Begrifflichkeiten geklärt werden, die für die Thematik bedeutsam sind. Die Begriffe „Identität“ und „Geheimnis“ sind zwar in aller Munde, doch soll die Wortbedeutung kurz dargestellt sein, bevor in das Thema eingestiegen werden kann.
Identität
Der Identitätsbegriff wird in einem allgemeinen Sinn auf die Einzigartigkeit einer Person bezogen. Hierfür betrachtet man eine Kombination aus persönlichen, unverwechselbaren Daten eines Menschen. Beispiele dafür sind das Alter, der Name, das Geschlecht und der Beruf. All diese Dinge kennzeichnen das Individuum und machen es von anderen unterscheidbar. Mit dieser sehr allgemeinen Bedeutung des Begriffs „Identität“ lässt sich aber auch auf Gruppen oder Kategorien von Personen schließen. In einem engeren Sinne kann sich der Begriff aber auch auf die einzigartigen, individuellen Persönlichkeitsstrukturen beziehen. 3 Welche Bedeutung die Identität haben kann und wie sich diese ausbildet, soll im dritten Kapitel näher ausgeführt werden. Dabei wird sich auf die Identitätsbildungstheorie von Mead bezogen. Außerdem wird die Sichtweise Hurrelmanns und Eriksons genauer beleuchtet und erläutert.
Geheimnis
Den Geheimnisbegriff hat jeder schon einmal gehört und erregt Neugierde. Doch was genau ist ein Geheimnis? Das Wort Geheimnis leitet sich vom lateinischen „secretus“ ab, was so viel bedeutet wie „getrennt, reserviert, verborgen“. In verschiedenen Sprachverbindungen findet sich der Ausdruck des Geheimnisses wieder, bspw. in „Sekretär“. Mit „Sekretär“ kann einerseits
Die Bedeutung von Geheimnissen bei Kindern auf dem Weg zur Identitätsfindung 11
eine Person gemeint sein, die sich mit geheimen, vertraulichen Angelegenheiten befasst. Das Wort „Sekretär“ kann aber auch ein Möbelstück, meist in Form eines Schrankes, sein, das dazu dient private oder geheime Papierstücke oder Gegenstände aufzubewahren. Mit Geheimhaltung sind noch viele andere Begrifflichkeiten verbunden, die im Laufe dieser Arbeit aufgearbeitet werden. Es werden verschiedene Arten und Formen von Geheimhaltung, sowie Geheimnisinhalte thematisiert. Außerdem wird auf die Physiognomie der Geheimhaltung eingegangen.
3 Oerter, R. / Dreher, E.: Identität: Das zentrale Thema des Jugendalters, in: Oerter / Montada (Hrsg.): Entwicklungspsychologie.Beltz Psychologie Verlags Union, Weinheim 1998, 4.Auflage, S.346.
Die Bedeutung von Geheimnissen bei Kindern auf dem Weg zur Identitätsfindung 12
3 Identität
„Man wird zu keiner selbstständigen Persönlichkeit, wenn man sich nicht zuvor von der Familie und der Sippe losgelöst hat und sich der eigenen Individualität bewusst geworden ist.“ 4
3.1 Identitätsbegriff nach George H. Mead - Identität als
Synthese von Individuation und Integration
George Herbert Mead wurde am 26. Februar im Jahre 1863 in den USA geboren und verstarb am 26. April 1931 im Alter von 68 Jahren. Er war Professor für Philosophie und Sozialpsychologie und zählt noch heute zu den Klassikern der Soziologie. 5
„Identität entwickelt sich; sie ist bei der Geburt anfänglich nicht vorhanden, entsteht aber innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses, das heißt im jeweiligen Individuum als Ergebnis seiner Beziehungen zu diesem Prozess als Ganzem und zu anderen Individuen innerhalb dieses Prozesses.“ 6
George Herbert Mead geht davon aus, dass sich die Identität eines Menschen entwickelt und nicht schon von Geburt an existiert. Der Mensch wird durch die Gesellschaft, in die er hineingeboren wird, zu seiner Identität gelangen. Er vertritt die Auffassung, dass sich Geist und Identität erst aus gesellschaftlichen Interaktionen heraus über Sprache entwickeln. Dabei sind der Erfahrungs- und Tätigkeitsbereiche des Einzelnen maßgebend, denn Erfahrungen machen die Identität aus. Allerdings ist ein „Augenblick der
4 van Manen, Max / Levering, Bas: „Kindheit und Geheimnisse: Über Intimität, Privatheit und Identität“, Bad Heilbrunn: Julius Kinkhardt Verlag, 2000, S.11.
5 Vgl.: im Internet: http://agso.uni-graz.at/lexikon/klassiker/mead/32bio.htm (Stand: 17.11.20008).
6 Mead, G.H.: „Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp-Verlag, 1968, S.177.
Die Bedeutung von Geheimnissen bei Kindern auf dem Weg zur Identitätsfindung 13
Abstraktion“ nötig, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass Freude und Schmerz auch dann existieren, wenn sie nicht erfahren werden. 7
Der Soziologe vertritt die Ansicht, dass der Mensch sehr genau zwischen Körper und Identität unterscheiden kann. Die Identität eines Menschen ist für sich selbst ein Objekt, welches sich dadurch deutlich vom Körper unterscheidet. Nämlich das Auge, als ein Körperteil, kann zwar den eigenen Fuß sehen, aber nicht den Körper als Ganzes. Es ist dem menschlichen Auge nicht möglich, den gesamten Körper von außen zu betrachten. Hingegen kann die Identität als eigenständiger Organismus die Erfahrungen reflektieren und selbst beeinflussen. Mead sagt, dass die körperlichen Erfahrungen um eine Identität organisiert sind. So ist es auch möglich, bei Verlust eines Körperteils die Identität zu wahren. Zwar geht ein Teil des Körpers verloren, doch es erfolgt kein ernstlicher Eingriff in die Identität. Bei der Identität kann es sich sowohl um ein Objekt als auch um ein Subjekt handeln. Die Identität als Objekt unterscheidet sich grundlegend von anderen Objekten. Ein Einzelner muss sich selbst bewusst werden. Er muss sich selbst objektiv betrachten, damit er zu seiner Identität findet. Dies gelingt dem Menschen, indem er sich an den gesellschaftlichen Verhaltensprozess hält, in den diese Person eingebunden ist. 8
„Der Einzelne erfährt sich - nicht direkt, sondern nur indirekt - aus der besonderen Sicht anderer Mitglieder der gleichen gesellschaftlichen Gruppe oder aus der verallgemeinerten Sicht der gesellschaftlichen Gruppe als Ganzer, zu der er gehört.“ 9 Man kann auch sagen, dass es sich dabei um einen „Spiegel“ handelt, indem sich der Einzelne erkennt. Durch die „Gesichter“ der anderen Mitglieder der Gesellschaft wird er sich selbst zum Objekt.
7 Ebd.
8 Vgl.: Mead, G.H.: „Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp-Verlag, 1968, S.178-180.
9 Mead, G.H.: „Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp-Verlag, 1968, S.180.
Die Bedeutung von Geheimnissen bei Kindern auf dem Weg zur Identitätsfindung 14
Auch die Vernunft ist notwendig, damit der Einzelne sich selbst gegenüber zu einer objektiven, unpersönlichen Haltung gelangt. Mead ist der Ansicht, dass man nur dann intelligent und rational handeln kann, wenn man sich selbst objektiv betrachtet. Dies kann auch als Selbstreflexion bezeichnet werden. 10
Hier kommt auch die Bedeutung der Kommunikation innerhalb einer Gruppe zur Geltung. Kommunikation erzeugt Verhaltensweisen, in denen der Organismus oder das Individuum für sich selbst ein Objekt darstellen kann. Somit ist Kommunikation Teil des Verhaltens eines Menschen und somit ein Teil der Identität. Mead gibt folgendes Beispiel, um den Sachverhalt besser verständlich zu machen:
„Wo man aber auf das reagiert, was man an einen anderen adressiert, und wo diese Reaktion Teil des eigenen Verhaltens wird, wo man nicht nur sich selbst hört, sondern sich selbst antwortet, zu sich selbst genauso wie zu einer anderen Person spricht, haben wir ein Verhalten, in dem der Einzelne sich selbst zum Objekt wird.“ 11
George H. Mead gibt die Erklärung, dass die Identität, die sich selbst zum Objekt werden kann, „im Grunde eine gesellschaftliche Struktur“ ist und „aus der gesellschaftlichen Erfahrung“ heraus entsteht. 12
Ein Großteil der Identität muss nicht gezeigt werden, da wir viele verschiedene Beziehungen zu unterschiedlichen Menschen haben. „Für den einen bedeuten wir dieses, für den anderen jenes.“ 13 Demnach spalten wir unsere Identität auf, je nachdem, zu welcher Person wir in welcher Situation sprechen. So ist nach Mead der gesellschaftliche Prozess und damit auch die Kommunikation unter Menschen für das Auftreten der Identität
10 Ebd.
11 Mead, G.H.: „Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp-Verlag, 1968, S.181.
12 vgl.: Mead, G.H.: „Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp-Verlag, 1968, S.182.
13 Mead, G.H.: „Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp-Verlag, 1968, S.184.
Die Bedeutung von Geheimnissen bei Kindern auf dem Weg zur Identitätsfindung 15
verantwortlich. Mead vertritt die Auffassung, dass sich die Identität in zwei verschiedene Identitäten aufsplittert, in „ICH“ und „Ich“. 14
Diese beiden Komponenten haben verschiedene Bedeutungen. So stellt das „ICH“ die Haltungen und Erwartungen der anderen Mitglieder der Gesellschaft dar. Bei diesem Teil der Identität handelt es sich um die Rollenerwartung der anderen an die eigene Persönlichkeit. Man kann sagen, dass es darum geht, was andere von MIR in MEINER Rolle erwarten. Der Einzelne kann durch andere erkennen, was von ihm erwartet wird, wie andere ihn sehen und wahrnehmen. Indem er sich auf diese Haltungen der anderen einlässt, entsteht eine „organisierte Gruppe von Reaktionen“. Durch die Fähigkeit des Einzelnen, die Empathie ist hier gemeint, wird er sich seiner eigenen Identität bewusst. 15
Die zweite Seite der Identität nennt Mead „Ich“. Hiermit soll die Beschaffenheit der Persönlichkeit gemeint sein. Es sei die spontane, individuelle und innovative Komponente der Identität zu verstehen. „Die Handlung des „Ich“ ist etwas, dessen Natur wir im Vorhinein nicht bestimmen können.(...) Das „Ich liefert das Gefühl der Freiheit, der Initiative.“ 16 Demnach kann davon gesprochen werden, dass das „Ich“ der Gesamtidentität die ganz persönliche, eigene Note gibt.
Um zu zeigen, dass die Spaltung der Identität in „ICH“ und „Ich“ keine Fiktion ist, erläutert Mead den Unterschied. Das „ICH“ und „Ich“ sind nicht identisch, da das „Ich“ in keiner Weise berechenbar oder vorhersagbar ist. Es gibt Erwartungen und Meinungen der anderen an die Person („ICH“), doch würde man sich nur daran orientieren und demnach handeln, könne man von einer statischen Identität sprechen. Doch es ist nicht so, dass man sich genau so verhält, wie es von den anderen erwartet wird. Hier tritt das „Ich“ in den Vordergrund. Meist sind die Erwartungen des „ICH“ nicht gleich den
14 Vgl.: Mead, G.H.: „Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp-Verlag, 1968, S.184-185.
15 Vgl.: Mead, G.H.: „Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp-Verlag, 1968, S.218.
Die Bedeutung von Geheimnissen bei Kindern auf dem Weg zur Identitätsfindung 16
Reaktionen des „Ich“. Das „Ich“ gibt individuelle Antwort, die durch eigene Bedürfnisse, die eigene Geschichte und allem, was die Persönlichkeit ausmacht, bestimmt werden. 17
Aus genau diesen beiden „Phasen“ („ICH“ und „Ich“) wird die Persönlichkeit gebildet, die „in der gesellschaftlichen Erfahrung erscheint. Die Identität ist im Wesentlichen ein gesellschaftlicher Prozeß, der aus diesen beiden unterscheidbaren Phasen besteht.“ 18
Mead vertritt die Ansicht, dass man erst dann von Identität sprechen kann, wenn das „ICH“ und „Ich“ ausbalanciert sind. Dieser Balanceprozess setzt sich mit der Verknüpfung der Erwartungen der anderen und der Reaktion darauf auseinander. „Dieser Prozess der Verknüpfung des eigenen Organismus mit den anderen innerhalb der bestehenden Wechselwirkungen, insoweit sie in das Verhalten des Einzelnen, in den Dialog zwischen „Ich“ und „ICH“ hereingenommen werden, machen die Identität aus.“ 19
Eine weitere Komponente, damit ein Mensch seine Identität aufbauen kann, ist das Selbstbewusstsein. Hierunter ist die Fähigkeit zu verstehen, die Identität als Objekt zu erkennen, sowie Empfindungen wie Schmerzen oder Freude der eigenen Identität zuordnen zu können. Mead setzt den Begriff „Selbstbewusstsein“ dem „Identitätsbewusstsein“ gleich. Gemeint ist hiermit das Bewusstwerden der eigenen Persönlichkeit.
16 Mead, G.H.: „Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp-Verlag, 1968, S.220-221.
17 Vgl.: Mead, G.H.: „Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp-Verlag, 1968, S.221.
18 Mead, G.H.: „Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp-Verlag, 1968, S.221.
19 Mead, G.H.: „Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp-Verlag, 1968, S.222.
Die Bedeutung von Geheimnissen bei Kindern auf dem Weg zur Identitätsfindung 17
3.2 Identitätsbegriff nach Klaus Hurrelmann - das Mitglied-
Werden inder Gesellschaft
Klaus Hurrelmann ist am 10.Januar 1944 in Gdingen geboren. Er ist seit 1980 als Professor für Sozial- und Gesundheitswissenschaften tätig, zuvor arbeitete er an der Universität Essen.
Als Professor im Bereich Sozialisationsforschung und Bildungsforschung der Universität Bielefeld hat Hurrelmann sich mit der Identitätsbildung genauer auseinandergesetzt. Seine Ergebnisse sollen im Folgenden näher beleuchtet werden.
Im Mittelpunkt seiner Sozialisationsforschung steht das Modell des „produktiv realitätsverarbeitenden Subjekts“. Hiermit seien die beiden Komponenten „Gesellschaft“ und „Organismus / Psyche“ verbunden, deren Schnittstelle die Persönlichkeit bzw. Persönlichkeitsentwicklung finden. Die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen vollzieht sich in einem Prozess einer Auseinandersetzung mit der „inneren“ und „äußeren“ Realität. Ein jedes Individuum setzt also Strategien der Realitätsaneignung,verarbeitung, -bewältigung und -veränderung ein und entwickelt diese weiter. Bei diesem Modell handelt es sich somit um eine die wechselseitigen Beziehungen zwischen dem Subjekt und der Gesellschaft dargebrachten Realität. Das Individuum wird in einen sozialen und ökologischen Kontext gestellt. Vom Subjekt wird dieser Kontext aufgenommen, aber auch beeinflusst, verändert und gestaltet. Das „Modell der produktiven Realitätsverarbeitung“ schließt die Vorstellung ein, dass sich die Umwelt in ständiger Veränderung und Neugestaltung und durch aktives Handeln von Personen in steter Beeinflussung und ständigem Wandel befindet. Diese Veränderungen sind rückwirkend auf den Menschen, sie wirken auf die
Die Bedeutung von Geheimnissen bei Kindern auf dem Weg zur Identitätsfindung 18
Vorgänge der Aneignung, Verarbeitung und Bewältigung und Gestaltung der Realität ein. 20
Nach einer kurzen Darlegung des „Modells der produktiven Realitätsverarbeitung“, welches die Grundlage der Identitätsfindung darstellt, soll nun der Blick auf den Zusammenhang von Handlungskompetenz und Identität gerichtet werden. Außerdem soll beleuchtet werden, wie sich der Vorgang der Selbstfindung vollzieht.
Voraussetzend gibt Klaus Hurrelmann an, dass jeder Mensch danach strebt, die in ihm vorhandenen Fähigkeiten und Kräfte zu entfalten und selbstständig darüber zu verfügen. Bei der Aneignung der äußeren Realität und deren produktiven Verarbeitung („produktiv“ bezeichnet hier nur das Prozessgeschehen und ist nicht wertend zu verstehen) werden eigene Fähigkeiten und Fertigkeiten zugleich entdeckt und entwickelt, weiterentwickelt und gesichert. Im weiteren Verlauf der
Persönlichkeitsentwicklung kommt es dann zu einer wachsenden Beherrschung dieser Kompetenzen, die es ermöglichen, dass sich das Individuum zunehmend differenzierter mit der Umwelt auseinandersetzen und diese besser aufnehmen und verarbeiten kann. Es soll außerdem im weiteren Verlauf der Entwicklung gelingen, sich den Begebenheiten und Lebensbedingungen in angemessener Weise anzupassen und
Zusammenhänge, die Umwelt betreffend, erfassen zu können und somit die Formung und den Umgang mit der Umwelt weiter zu entwickeln. Es handelt sich bei dem Vorgang der Aneignung und Auseinandersetzung mit der äußeren Realität um einen lebenslangen Prozess. Hurrelmann geht allerdings davon aus, dass es in der Kindheit und im Jugendalter besonders „markante Abschnitte“ gibt, die den Selbstfindungsprozess prägen und beeinflussen. So gelingt es einem Kind durch ein ständiges Aneignungsverhalten, wie die Aufnahme und Imitation von
Interaktionsformen der Bezugspersonen, sowie situationsbedingte
20 Vgl.: Hurrelmann, K.: Einführung in die Sozialisationstheorie: Über den Zusammenhang von Sozialstruktur und Persönlichkeit. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 1986, S.63-64.
Die Bedeutung von Geheimnissen bei Kindern auf dem Weg zur Identitätsfindung 19
Arbeit zitieren:
2009, Die Bedeutung von Geheimnissen bei Kindern auf dem Weg der Identitätsfindung, München, GRIN Verlag GmbH
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