1. Allgemeine Vorbemerkungen
In der vorliegenden Arbeit sollen verschiedene Aspekte der Familientherapie beleuchtet werden. Zu Beginn soll die historische Entwicklung der Familientherapie hin zur systemischen Therapie und Beratung betrachtet werden. Daraus soll eine bessere Einordnung der Begrifflichkeit geschehen was „Familientherapie“ heißt und was „systemisch“ im eigentlichen Sinne bedeutet. Das primär Interesse dieser Arbeit liegt auf den möglichen Behandlungsschritten bei Essstörungen unter einem ganzheitlichen Menschenbild. Diese möglichen Interventionen sollen zum größten Teil aus der systemischen Therapie und Beratung kommen. Gemäß dem holistischen Ansatz den Michael Dieterich (vgl. Dieterich 2009 S,190ff) in seinem Buch beschreibt werden auch Interventionsmöglichkeiten aus dem religiösen Bereich zur Kenntnis genommen.
2. Die historische Entwicklung von der Familientherapie zu Systemischen Therapie und Beratung
Die Wurzeln der Familientherapie reichen weit in die Psychotherapiegeschichte hinein. Im Vergleich zu den anderen Therapieformen gibt es in der Familientherapie nicht >den< typischen Vater oder Mutter. Obwohl in diesem Zusammenhang oft Virgina Satir als Mutter der Familientherapie bezeichnet wird.
In den ersten 50 Jahren unseres Jahrhunderts und bis heute war man der Ansicht Psychotherapie sei ausschließlich eine Angelegenheit zwischen zwei Personen: Therapeut/In und Klient/In. Dieses änderte sich langsam in den 50er Jahren. An verschiedenen Plätzen auf der Welt begannen mutige Therapeuten, mit den Familien statt nur mit Einzelpatienten zu arbeiten. Diese Pioniere, verließen das gewohnte Feld der Einzel und Gruppentherapie um mit der Familie zu arbeiten. (vgl. A. Schlippe und J.Schweitzer 1996, S.17) Innerhalb dieses innovativen Denkschemas begann man „Probleme“ mehr und mehr als Bestandteile sozialer Systemstrukturen wahrzunehmen und nicht als „Eigenschaften“ einzelner Personen. Die Veränderungen, die sich aus dem Perspektivenwandel ergaben,wurden als so dramatisch erlebt, daß sie als „Paradigmenwechsel“ bezeichnet wurden wie auch Hellmuth Benesch beschreibt: „Einen > grundsätzlich < anderen Weg gehen Familientherapien, die hauptsächlich aus tiefenpsychologischen Schulen entstanden sind.“(vgl. Benesch, 1987 S.397) Psychische Störungen konnten daher nicht mehr als individuelle Prozesse gesehen werden. Auch der Begriff „Krankheit“war - und ist - nicht mehr angemessen für Phänomene, die offensichtlich eng verbunden mit sozialen Prozessen sind (Reiter et al. 1997). Je mehr die Aspekte der sozialen (Teil-)Systeme im Beratungsprozess in den Vordergrund rückten, desto intensiver reflektierte man ob wirklich immer die ganze Familie anwesend sein müsse.
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Zunehmend wurde daher weniger von >Familientherapie<, sondern mehr von >systemischer Therapie< bzw. systemischer Beratung gesprochen. A. Schlippe und J.Schweitzer finden es an dieser Stelle besonders wichtig zu differenzieren zwischen einer familienbezogen Sichtweise von Problemen und der Entwicklung explizit systemischer Interventionsformen. In den folgenden Jahren entwickelte sich die systemische Therapie immer weiter voran. Große Namen wie LYMAN WYNNE, SINGER; DON JACKSON; JULES RISKIN; VIRGINA SATIR; PAUL WATZLAWICK; BETSON; SKINNER; MARA SELVINI PALAZZOLI; SALVADOR MINUCHIN; STIERLIN und
viele andere qualifizierten die Arbeit kontinuierlich weiter. Verschiedene Forschungsinstitute wie das National Institute for Mental Health (NIMH), Menthal Research Institute (MRI), Institut für Familientherapie Weihnheim und viele weitere trugen entscheidend dazu bei dass die Forschung vorangetrieben wurde.(vgl. A. Schlippe und J.Schweitzer 1996, S.18ff) Systemische Therapie versteht sich nicht als das >eine starres Modell,< vielmehr bedeutet es eine >Vielzahl von Modellen.< Ein wesentlicher Beitrag zur weiterenentwicklung der Modelle initiierte das Mailänder Modell. Dieses Modell beschreiben Simon Fritz B,Clement Ulrich, Stierlin Helm in ihrem Buch „die Sprache der Familientherapie“ausführlich. Nach ihrer Definition ist Systemische Therapie: Eine Form der Familientherapie die sich konsequent von einem kybernetischen Verständnis der Familienbeziehung herleitet. Eine spezielle Interviewtechnik z.b zirkuläres Fragen ermöglicht die Bildung dynamischer Hypothesen >Hypothesenbildung< über die interaktionelle und kommunikativen Vorrausetzungen und Funktionen familiärer Probleme und stellt zugleich die individuelle und familiäre Epidemiologie in Frage. Indem die Therapeuten sich neutral verhalten, wahren sie gegenüber der Familie eine Außenperspektive >Neutralität<. (vgl. Simon Fritz B,Clement Ulrich, Stierlin Helm: 1984 S.328). Diese Definition beschreibt im allgemeinen den intentionalen Gedanken der Familientherapie. Systemische Therapie etabliert sich immer mehr in der alltäglichen Praxis. So berichtet Wilhelm Rotthaus, dass in der stationären Therapie von Kindern und Jugendlichen und in der Kinder und Jugendpsychiatrie die systemische Perspektive sehr geeignet ist im doppelten Sinne. Zum einen als Therapie und zum anderen als pädagogisches Modell. Fünf Argumente führt er an, warum systemische Therapie in der Praxis besonders geeignet ist.
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• Sie wendet sich nicht nur an den identifizierten Patienten, sondern bezieht die Familienmitglieder und die jeweiligen Bezugspersonen als Ressorcenpersonen mit in die Behandlung ein.
• Sie stellt geringe Anforderungen an die Kommunikations und Reflektionskompetenz der Patienten, weil es relativ einfach (für Jugendliche und Kinder) ist über Beziehungen zwischen vertrauten Personen zu sprechen.
• Sie richtet aufgrund ihrer Kontextorientierung sehr viel Aufmerksamkeit auf die Gestaltung eines förderlichen Lebensraumes
• Sie entspricht mit ihrer ausgeprägten Zukunftsorientiertheit der Lebensorientierung von Kindern insbesondere von Jugendlichen
• Sie konfligiert mit ihrer kurzzeittherapheutischen Ausrichtung am wenigsten mit den Entwicklungsaufgaben des Jugendalters, die Eigenständigkeit, Autonomie und vor allem Erwachsenenunabhängigkeit einschließen. (vgl. Wilhelm Rotthaus S.15)
Am 14. Dezember 2008 hat der Wissenschaftliche Beirat der Psychotherapie, die wissenschaftliche Anerkennung der Systemischen Therapie in einem Gutachten erklärt. 1 Somit konnte die systemische Therapie ihre Wirksamkeit bei bestimmten Störungen auf wissenschaftlicher Ebene nachweisen.
In der Fachliteratur unterscheidet man zwischen:
1. Familientherapie, hier liegt der Fokus auf den familiären Rahmenbedingungen und Interaktionen prädisponierende wie aufrechterhaltende Faktoren. 2. Systemische Therapie, hier gibt es nicht den einen Erklärungsansatz . Linear- kausale Erklärungsmodelle das Suchen nach möglichen Ursachen wird abgelehnt. Die Frage nach Ursachen sind prinzipiell nicht beantwortbar und abhängig von der Sichtweise des Beantworters. Stattdessen wird in menschlichen Beziehungen von einer Zirkularität ausgegangen, in der Wirkungen wieder zu Ursachen werden und umgekehrt. So richtet sich der Systemiker auf die Beziehung des Menschen und nicht auf das einzelne Individuum. Jedoch sind die Abgrenzungen von der Familientherapie zur Systemischen Therapie nicht immer klar ersichtlich. (vgl. A. Schlippe und J.Schweitzer 1996, S.18)
1 http://www.wbpsychotherapie.de/page.asp?his=0.1.17.71.83
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3. Was sind Essstörungen
Eine Essstörung ist keine Ernährungsstörung, sondern das Essen bzw. die Nahrungsaufnahme wird als Mittel zu anderen Zwecke eingesetzt, die mit der Nahrungsaufnahme im eigentlichen Sinne nichts zu tun haben. Nicht das Essen in seiner untrennbaren Einheit von biologischer und sozialer Funktion ist gestört, sondern das Essen wird missbraucht für damit nicht zusammenhängende Fragen. Essstörungen sind psychische Störungen, deren Kern in einem verzerrten Selbstwert(gefühl), im niedrigen Selbstvertrauen, in einer ungeordneten eigenen Identität liegt. Da Menschen soziale Beziehungen weniger kontrollieren können, wird das einzige "Objekt", das immer zur Verfügung steht, der eigene Körper, das Gewicht, die Figur etc. zu einem komplexen Gebiet in dem diese oben genannten Dinge kompensiert werden.
Essstörung sind:
3.1 Andere Essstörungen
Fütter und Essstörungen des Kindesalter
Pica (ICD-10: F98.3; DSM-4: 307.52) Anhaltender Verzehr nicht essbarer Substanzen (Schmutz,Papier,etc). Muss über längere Zeit anhalten (>1 Monat) nicht entwicklungsbedingt. Fütterstörung (ICD-10: F98.2; DSM-4: 307.59): Nahrungsverweigerung, Ausspucken oder Erbrechen,übermäßig langsames Essen. Bei ausreichendem Nahrungsangebot und kompetenter Betreuungsperson
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3.2 Keine Essstörung
Adipositas bzw. Übergewicht können zwar Folge von Essstörungen sein werden aber in der Regel als eine Gewichtsdefinition verstanden und deren Krankheitsvariante unter den endokrinen Ernährungs-- und Stoffwechselkrankheiten geführt werden (ICD-10 E65 bis E68). (Jochen Schweitzer, Arist von Schlippe 2007 S.167). Übergewicht ist als eigenständige Diagnose weder im ICD-10 noch im DSM-4 aufgeführt, da erhöhtes Körpergewicht alleine nicht die Diagnose einer psychischen Störung rechtfertigt. Wenn Übergewicht die Ursache einer psychischen Störung ist, so ist nach ICD-10 die psychische Störung zu benennen (z.b F38, andere affektiv Störungen; F41.2, Angst und depressive Störung gemischt oder F48.9 nicht näher bezeichnete neurotische Störung) sowie eine zusätzliche Kodierung aus E66 zu klassifizieren der den Typus des Übergewichts bezeichnet (Adipositas durch übermäßiger Kalorienzufuhr E66 oder Adipositas permagna E66.8). (vgl. vgl.C. Jacobi, T. Paul und A. Thiel, 2004, S.2)
Die folgende Grafik zeigt auf in welchem Zusammenhang das Gewicht und das Essverhalten stehen, zudem kann eine bessere Einordnung des komplexen Themas Essstörungen geschehen.
http://www.kinderpsychologie.info/publikationen/vortraege/klinischepsychologie05_11_07.pdf
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Arbeit zitieren:
Johannes Morath, 2009, Systemische Beratung bei Essstörungen, München, GRIN Verlag GmbH
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