Wechsel der Weltbilder - Galileos teleskopische Beobachtungen
Themenstellung und Zielsetzung der Arbeit .............................................................................. 3
1. Wissenschaftsgeschichtliche Betrachtung der Entwicklung kosmologischer Weltbilder
zwischen Antike und früher Neuzeit.......................................................................................... 3
1. 1 Rationalisierung und Demystifizierung als kosmologische Prämissen in der Zeit der
griechischen Polis................................................................................................................... 3
1. 2 Frühmittelalterliche Distanzierung von der empirischen Naturerkenntnis zugunsten
einer theologisch fundierten Kosmologie .............................................................................. 5 1.3 Hochmittelalterliches Aufleben einer an Empirismus orientierten Kosmologie ............. 6
1. 4 Allmähliche Abkehr von der antik-mittelalterlichen Kosmologie in der frühen Neuzeit7
2. Galileis teleskopische Beobachtungen und ihre Konsequenzen für die weltbildlichen
Vorstellungen des 17. Jahrhunderts ........................................................................................... 9 2.1 Überwindung des aristotelischen Sichtbarkeitspostulats durch Galileis teleskopische
Eroberung des Weltraumes .................................................................................................... 9 2.2 Stellarisierung der Erde als Folge Galileis teleskopischer Mondbeobachtungen .......... 11 2.3 Beobachtung der Jupitermonde als sinnlich erfahrbare Manifestation des
Kopernikanismus.................................................................................................................. 12
3. Galileo Galileis Bedeutung für die Entwicklung einer modernen Naturwissenschaft im 17.
Jahrhundert ............................................................................................................................... 14 3.1 Begründung einer umfassenden Mathematisierung durch Galileo Galilei .................... 14 3.2 Galileis Wertschätzung der Verifizierung wissenschaftlicher Hypothesen durch das
Experiment ........................................................................................................................... 15 Glossar...................................................................................................................................... 17 Quellenverzeichnis ................................................................................................................... 19
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Wechsel der Weltbilder - Galileos teleskopische Beobachtungen
Themenstellung und Zielsetzung der Arbeit
Die folgende Seminararbeit entstand im Rahmen eines medienwissenschaftlichen Seminars mit dem Titel „Medien-Ereignisse“ an der Universität Regensburg. Ziel dieser Arbeit ist esaus wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive - zentrale Entwicklungslinien bei der Konstruktion von Weltbildern zwischen Antike und früher Neuzeit herauszuarbeiten. Darüber hinaus sollen aus medienwissenschaftlicher Sicht die teleskopischen Beobachtungen Galileo Galileis analysiert und ihre Bedeutung für die Kosmologie und Weltanschauung des 17. Jahrhunderts erklärt werden. Besondere Aufmerksamkeit gilt zudem Galileis Beitrag zur Begründung einer modernen Naturwissenschaft.
1. Wissenschaftsgeschichtliche Betrachtung der Entwicklung kosmologischer Weltbilder zwischen Antike und früher Neuzeit
1. 1 Rationalisierung und Demystifizierung als kosmologische Prämissen in der Zeit der griechischen Polis
Die Auseinandersetzung mit metaphysischen Fragen, wie der nach dem Ursprung allen Lebens oder nach der Existenz einer Gottheit zählt in der überlieferten Geschichte der Menschheit zu den ältesten aller intellektuellen Anstrengungen. Der Versuch, das Wesen des Menschen und seine Stellung innerhalb des irdischen Raums zu deuten, ist hierbei geprägt von einer speziellen Antinomie. Um die Beschaffenheit der eigenen Lebenswirklichkeit zu verstehen, richtet man den Blick auf das Fremde. Himmels- und Sternenbeobachtungen waren und sind auch heute noch sowohl für die Konstitution eines Weltbildes als auch für die Ver-ortung der menschlichen Existenz im Kosmos von entscheidender Bedeutung. Bereits im Ägypten der vordynastischen Zeit wurden systematisch Himmelsbeobachtungen betrieben. Aufgrund fehlender physikalisch-mathematischer Theorien sowie der Neigung zur mythologischen Deutung von Naturphänomenen anstelle einer kausalitätsbedingt-logischen Erklärung werden jene Beobachtungen im heutigen wissenschaftlichen Diskurs jedoch nicht als Kosmologie im engeren Sinne bezeichnet.
Das Volk der Babylonier hingegen stützte seine frühen Himmelsbeobachtungen auf mathematische Systeme und sammelte zahlreiche empirische Daten über die Stellung und Bewegung von Sternen.
Erste Formen griechischer Kosmogonie sind in die Zeit des Hesiod, achtes Jahrhundert v. Chr., zu verorten. Seine Göttermythen, insbesondere die Theogonie, zeichnen sich durch eine Fülle von mythologischen und animistischen Weltdeutungen aus.
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Wechsel der Weltbilder - Galileos teleskopische Beobachtungen
Zwei Jahrhunderte später jedoch verdient ein - aus wissenschaftsgeschichtlicher Perspektivebedeutsamer Paradigmenwechsel Beachtung. Das Prinzip der mythologischen Deutung der Weltentstehung wird zugunsten einer zunehmenden Rationalisierung bei der Interpretation der Natur- und Himmelsphänomene sukzessiv ersetzt. Dieser Prozess wurde maßgeblich von dem vorsokratischen Philosophen Anaximander sowie dem bedeutenden griechischen Naturphilosophen Thales von Milet eingeleitet. Obgleich sich auch stellenweise bei Letzterem eine gewisse mythologische Färbung bei der Beschreibung des Himmelssystems erkennen lässt, ist das Bestreben nach Rückbezug sinnlich erfahrbarer Naturphänomene auf einheitliche Prinzipien und der Versuch, allgemein gültige Naturgesetze zu definieren, bemerkenswert. Sein Schüler Anaximander führte diese Denkrichtung fort. Die Entstehung der Welt sowie die in ihr wirkenden Prozesse wurden zunehmend auf monokausale, physikalische Ursachen zurückgeführt. 1 Durch diese Tendenz zur Rationalisierung des Denkens verloren mythologische Deutungsmuster in gleichem Maß das Primat der Welterklärung wie der Versuch, physikalische Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, an Bedeutung gewann. Diese neuartige Struktur in der Reflexion über Weltentstehung und das Bestreben, die Welt immanent zu erklären, wurden von ionischen Philosophen wie Anaximenes, Xenophanes und Heraklit fortgesetzt.
In der Epoche der klassischen Antike erlangten das Weltbild und die Kosmologie des Aristoteles eine exponierte Stellung. Für die Entwicklung kosmologischer Vorstellungen ist aus wissenschaftstheoretischer Sicht die Vereinigung philosophischer Gedanken und physikalischer Beobachtungen in der aristotelischen Weltsicht von entscheidender Bedeutung. Die kosmologische Relevanz der Erde, ihre Position im Zentrum des Universums sowie die daraus resultierende Einzigartigkeit der menschlichen Existenz begründete Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) in seinem Werk De caelo mithilfe seiner Bewegungs- und Elementenlehre. Gemäß seiner Theorie des natürlichen Ortes, nach der sich das Schwere natürlicherweise dem Erdmittelpunkt zuwendet, postuliert Aristoteles den Geozentrismus. Die Differenzierung in eine sublunare Sphäre, in welcher alle Erscheinungen dem Gesetz der Veränderung unterworfen sind, und einen supralunaren Bereich der Unveränderlichkeit, welcher sich durch vollendete kreisförmige Bewegungen der Planeten auszeichnet, markiert einen wesentlichen Inhalt der aristotelischen Lehre des Universums.
Die vermutlich einflussreichste, bis in die frühe Neuzeit wirkende geozentrische Kosmologie begründete der griechische Universalgelehrte Claudius Ptolemäus im zweiten Jahrhundert n. Chr. in seinem Werk Mathematiké Syntaxis. Ptolemäus gelang es nicht nur durch die Integra- 1 1Vgl.1Heichele1(2008,1S.121).11
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Wechsel der Weltbilder - Galileos teleskopische Beobachtungen
tion von Ausgleichspunkten und die Erweiterung des Exzenter- und Epizykelmodells in seiner kosmologischen Konstellation sämtliche Planetenbahnen zu beschreiben, sondern auch die Vorstellung einer zentral im Mittelpunkt des Kosmos stehenden Erde scheinbar zusätzlich zu festigen. Die Konstitution von Weltbildern auf kosmologischer wie auch auf philosophischer Ebene wurde in der Zeit der griechischen Klassik bis in die Phase der Spätantike von Rationalisierungs- und Demystifizierungstendenzen bestimmt.
1. 2 Frühmittelalterliche Distanzierung von der empirischen Naturerkenntnis zugunsten einer theologisch fundierten Kosmologie
Der epochale Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter war geprägt von politischen und gesellschaftlichen Umstrukturierungen, welche sich auch in der Philosophie offenbarten und mitunter neuartige Denkschulen und konsequenterweise auch Veränderungen für die Konstruktion von Weltbildern hervorbrachten. Das kontinuierlich an Einfluss gewinnende Christentum entwickelte sich zu der maßgebenden Instanz für die Etablierung kosmologischer Vorstellungen zusammen mit der philosophischen Interpretation. Aus wissenschafts-theoretischer Sicht zeichnet sich eine Interessensverschiebung ab, welche die Distanzierung von der sinnlich-erfahrbaren Naturerkenntnis und die Hinwendung zur theologischen Interpretation des Kosmos zur Folge hatte. Unter dem Einfluss spätantiker Kirchenväter wie Clemens Romanus (ca. 50 - 97), Clemens von Alexandrien (ca. 140/150 - 216/217) oder auch Origines (185 - 254) erfuhr das empirisch überprüfbare Wissen eine erkenntnistheoretische Herabstufung, was in der Ablehnung zahlreicher antiker Erkenntnisse über die Welt und den Kosmos, beispielsweise der Kugelförmigkeit der Erde durch Lactantius (250 - 325), gipfelte. 2 Die Kirche sah in dieser These einen Widerspruch zur biblischen Abstammungslehre. Die Möglichkeit der menschlichen Existenz auf der gegenüberliegenden Seite einer kugelförmigen Erde, deren Landflächen nicht miteinander verbunden waren, stellte nach kirchlicher Auffassung eine Bedrohung für die theologische Annahme dar, nach der jeder Mensch ein Nachfahre von Adam und Eva ist. Eine eingehende Beschäftigung mit antiken Weltbildern und deren Weiterentwicklung wurde somit verhindert.
Weitere Faktoren, welche die intellektuelle Auseinandersetzung mit antiken kosmologischen Vorstellungen behinderten, waren die partielle Zerstörung der Bibliothek von Alexandria 390 n. Chr. sowie der Einfall der Araber in Teilen des oströmischen Reichs im siebten Jahr-hundert, welcher den Verlust zahlreicher antiker Schriften zur Folge hatte. Entgegen der Vorstellung eines kugelförmigen Universums, in dessen Zentrum eine ebenfalls kugelförmige
2 1Vgl.1Heichele1(2008,1S.129).11
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Wechsel der Weltbilder - Galileos teleskopische Beobachtungen
Erde lokalisiert war, postuliert Clemens von Alexandrien das so genannte Tabernakel-Modell des Kosmos, in welchem die Erde rechteckige Form besitzt. Insbesondere Theodor von Mopsuestia (350 - 428) erwies sich als entschlossener Verteidiger jenes kosmologischen Systems, welches nahezu sämtliche antike Vorstellungen negierte. Insbesondere in der Begründung aller planetaren Bewegungen am Firmament durch Engel offenbart sich - der für das Frühmittelalter bezeichnende - theologische Einfluss auf die Konzeption des Kosmos. Eine partielle Rückbesinnung auf kosmologische Überlegungen der griechischen Antike stellt das Modell des Beda Vernerabilis im achten Jahrhundert n. Chr. dar. Unter Berufung auf die Naturgeschichte des Plinius (23 - 79) erlangte die Erde erneut kugelförmige Gestalt und die Bewegungen der Planeten wurden durch Einbindung in ein Epizykelsystem erläutert. Die Abwertung empirischer Erkenntnis, ein erstarkender Neuplatonismus sowie die theologische Fundierung sämtlicher Naturphänomene waren prägende Faktoren für die Konstitution des Weltbilds im Frühmittelalter.
1.3 Hochmittelalterliches Aufleben einer an Empirismus orientierten Kosmologie In der Epoche des Hochmittelalters von 900 - 1250 erfuhr die abendländische Astronomie eine Blütezeit, welche maßgeblich durch den Einfluss arabischer Gelehrter bestimmt wurde. Auf Wunsch des Kalifen Abd Alla al-Mammun hielt die ptolemäische Mathematiké Syntaxis bereits zu Beginn des neunten Jahrhunderts Einzug in den wissenschaftlichen Diskurs islamischer Astronomen. 3 So wurde dem Werk des Ptolemäus die arabische Bezeichnung Al-Magisti beigefügt und fortan von Gelehrten unter dem Titel Almagest verbreitet. Angetrieben von dem Wunsch die ptolemäischen Erkenntnisse zu aktualisieren und für astrologische wie auch für religiöse Zwecke - beispielsweise zur genaueren Bestimmung des Kalenders und der Himmelsrichtung nach Mekka - nutzbar zu machen, förderten mehrere Kalifen die Herstellung zahlreicher Präzisionsinstrumente zur Beobachtung der Himmelsbewegungen oder errichteten Observatorien. Die technischen Fortschritte arabischer Wissenschaftler im Bereich der Optik und Mathematik bewirkten in Europa aus wissenschaftstheoretischer Sicht eine erneute Wertschätzung der empirischen Naturerkenntnis. Der intellektuelle Austausch zwischen christlichen und islamischen Gelehrten ermöglichte zudem die Übermittlung antiker Schriften aus dem arabischen in den europäischen Raum, so dass Mitte des 13. Jahrhunderts die wesentlichen Werke griechischer Denker ins Lateinische übersetzt wurden. Die Erkenntnisse der antik-hellenistischen Astronomen gelangten dadurch in den kosmologischen Disput des Abendlandes.
3 1Vgl.1Strano1(2009,1S.126).
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Arbeit zitieren:
Korbinian Klinghardt, 2010, Wechsel der Weltbilder, München, GRIN Verlag GmbH
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