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Ernst Probst
DER MOSBACHER
LÖWE
Die riesige Raubkatze
aus Wiesbaden
2
Dem Wiesbadener Paläontologen
Dr. Thomas Keller gewidmet,
der sich um die Erforschung
der Mosbach-Sande von Wiesbaden
verdient gemacht hat
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Inhalt
Dank / Seite 5
Vorwort: Der Mosbacher Löwe aus Wiesbaden / Seite 9
Der Mosbacher Löwe Panthera leo fossilis Seite / 11
Europäische Jaguare in den Mosbach-Sanden / Seite 29
Eine Säbelzahnkatze in den Mosbach-Sanden / Seite 35
Geparden in den Mosbach-Sanden / Seite 37
Leoparden in den Mosbach-Sanden? / Seite 41
Funde vom Mosbacher Löwen in Deutschland / Seite 43
Eiszeitliche Raubkatzen in Deutschland / Seite 47
Der Mosbacher Löwe / Seite 48
Der Europäische Höhlenlöwe / Seite 50
Der Europäische Jaguar / Seite 51
Die Säbelzahnkatze / Seite 53
Der Leopard (Panther) / Seite 57
Der Schnee-Leopard / Seite 60
Der Gepard / Seite 62
Der Puma / Seite 64
Deutschland im Eiszeitalter / Seite 69
Löwen der Gegenwart / Seite 95
Der Autor / Seite 105
Literatur / Seite 107
Bildquellen / Seite 115
Bücher von Ernst Probst / Seite 117
5
Dank
Für Auskünfte, kritische Durchsicht von Texten (Anmerkung:
etwaige Fehler gehen zu Lasten des Verfassers), mancherlei
Anregung, Diskussion und andere Arten der Hilfe danke ich:
Dr. Alain Argant, Institut Dolomieu, Grenoble
Wolfgang Arndt, Zeithain
Thomas Engel,
geologischer Präparator, Naturhistorisches Museum Mainz /
Landessammlung für Naturkunde Rheinland-Pfalz
Fritz Geller-Grimm, Kurator, Museum Wiesbaden
Ulrich J. Heidtke, Niederkiirchen (Pfalz)
Siegbert Heinecke, Böhl-Igggelheim
Prof. Dr. Helmut Hemmer, Mainz
Lothar Henke, Pirna
Dr. rer. nat. habil. Ralf-Dietrich Kahlke,
Leiter der Forschungsstation für Quartärpaläontologie der
Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft, Weimar
Emanuel Keller, Grüt (Gossau)
Dr. Thomas Keller,
Landesamt für Denkmalpflege Hessen,
Archäologische und Paläontologische Denkmalpflege,
Wiesbaden
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Professor Dr. Hans-Jürg Kuhn, Göttingen
Prof. Dr. Dietrich Mania, Jena
Dr. Lutz Maus,
Forschungsstation für Quartärpaläontologie der
Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft, Weimar
Dick Mol, Mammut-Experte,
Hoofddorp bei Amsterdam, Niederlande
Joachim S. Müller, Darmstadt
Péter Papp, Geologe,
Magyar Állami Földtani Intézet /
Geological Institute of Hungary, Budapest
Hristo Peshev, Blagoevgrad, Bulgarien
Dominique Pipet, Vitrolles, Frankreich
Kevin Pluck, London
o. Univ.Prof. Mag. Dr. Gernot Rabeder,
Institut für Paläontologie,Universität Wien
Georg Sack,
Leiter des Heimatmuseums Biebrich, Wiesbaden
Art Salmons, Russelville, Arkansas
Dieter Schreiber,
Dipl.-Geologe,
Staatliches Museum für Naturkunde Karlsruhe
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Marion Schütz,
Geschäftsstellenleiterin,
Homo heidelbergensis von Mauer e.V., Mauer bei Heidelberg
Shuhei Tamura, Kanagawa, Japan
Thüringer Zoopark Erfurt
Dr. Michael Weidenfeller,
Geologiedirektor,
Landesamt für Geologie und Bergbau Rheinland-Pfalz,
Mainz
Frank Wouters, Antwerpen, Belgien
Jochen Zapfe, Berlin
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VORWORT
Der Mosbacher Löwe
aus Wiesbaden
Der riesige Mosbacher Löwe (Panthera leo fossilis), der nach
etwa 600.000 Jahre alten Funden aus dem ehemaligen Dorf
Mosbach bei Wiesbaden in Hessen benannt ist, steht im Mittel-
punkt des Taschenbuches des Wiesbadener Wissenschaftsautors
Ernst Probst. Dieser Mosbacher Löwe gilt mit einer Gesamt-
länge von bis zu 3,60 Metern als der größte Löwe aller Zeiten
in Deutschland und Europa. Seine Kopfrumpflänge betrug etwa
2,40 Meter, sein Schwanz maß weitere 1,20 Meter. Von dieser
imposanten Raubkatze stammt der Europäische Höhlenlöwe
(Panthera leo spelaea) ab, der im Eiszeitalter (Pleistozän) vor
etwa 300.000 bis 10.000 Jahren in Europa lebte. Noch größer
als der Mosbacher Löwe und der Europäische Höhlenlöwe war
der Amerikanische Höhlenlöwe (Panthera leo atrox) aus dem
Eiszeitalter vor etwa 100.000 bis 10.000 Jahren. Geschildert
wird auch der Ablauf des von starken Klimaschwankungen ge-
prägten Eiszeitalters in Deutschland. Das kleine Taschenbuch
,,Der Mosbacher Löwe" ist ein Auszug aus dem großen Taschen-
buch ,,Höhlenlöwen. Raubkatzen im Eiszeitalter" von Ernst
Probst.
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Dörfer Mosbach und Biebrich auf einem Plan von 1819. Die
Bilder auf den Seiten 10, 12 und 14 (unten) stammen vom
Verschönerungs- und Verkehrsverein Biebrich am Rhein e. V. /
Heimatmuseum Biebrich.
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Der Mosbacher Löwe
Panthera leo fossilis
Als der geologische älteste europäische Löwe gilt der Mos-
bacher Löwe der Unterart Panthera leo fossilis. Die meisten
Fossilien dieser Großkatze kennt man aus den Mosbach-Sanden
im Stadtkreis von Wiesbaden in Hessen. In älterer Literatur ist
noch der Begriff Mosbacher Sande zu lesen, der nach Empfeh-
lungen der Stratigraphischen Kommission von 1977 durch den
Ausdruck Mosbach-Sande ersetzt wird.
Bei den Mosbach-Sanden handelt es sich um Flussablagerungen
des eiszeitlichen Mains, der damals weiter nördlich als heute in
den Rhein mündete, des Rheins und von Taunusbächen. Der
Name Mosbach-Sande erinnert an das einst zwischen Wiesba-
den und Biebrich liegende Dorf Mosbach, wo man schon 1845
in etwa zehn Meter Tiefe erste eiszeitliche Großsäugerreste ent-
deckte.
1882 schlossen sich die Dörfer Mosbach und Biebrich zur Stadt
Biebrich-Mosbach zusammen. In der Folgezeit gewann Biebrich
durch Schloss, Rheinverkehr, Industrie und Kaserne eine sol-
che Dominanz, dass man 1892 den Begriff Mosbach aus dem
Stadtnamen strich. Am 1. Okober 1926 wurde Biebrich in Wies-
baden eingemeindet.
In Mosbach befanden sich von der Mitte des 19. Jahrhunderts
bis etwa um 1910 zu beiden Seiten der Biebricher Allee un-
gefähr beim heutigen Landesdenkmal zahlreiche Gruben, in
denen man Sande und Kiese abgebaut hat. Der dort vorhande-
ne feine Sand diente nicht nur für Bauvorhaben, sondern wur-
de auch gerne von Hausfrauen zum Scheuern von Holzfußböden
verwendet.
Später wurden die Abbauflächen erweitert und nach Südosten
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Das Dorf Mosbach bei Wiesbaden auf einem Bild von 1815
Wasserturm und Sandgrube auf der Adolfshöhe in Biebrich um
1900. Der Wasserturm diente bis zum Ersten Weltkrieg auch
als Aussichtsturm. In der Sandgrube davor wurde 1906/1907
der Bahnhof Landesdenkmal gebaut. Er lag an der neuen Stre-
cke vom Wiesbadener Hauptbahnhof nach Limburg.
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verlagert. Dort hat die Firma Dyckerhoff die stellenweise fossil-
reichen Schichten der Mosbach-Sande bis Ende 2005 großflä-
chig abgebaut. Dies geschah, um an die darunter liegenden et-
liche Millionen Jahre alten tertiärzeitlichen Kalksteine zu ge-
langen, die man zur Zementherstellung benötigte. Heute wer-
den nur noch die Mosbach-Sande als Rohstoff benötigt.
Beim Abbau der Mosbach-Sande kommen immer wieder Über-
reste von Wirbeltieren zum Vorschein, die wohl zum größten
Teil aus dem nach einem englischen Fundort bezeichneten
Cromer-Komplex (etwa 800.000 bis 480.000 Jahre) stammen.
Die charakteristische Cromer-Forest-Bed-Abfolge in Norfolk
(England) wurde 1882 von dem englischen Geologen Clement
Reid (18551916) beschrieben. Als so genannte Typuslokalität
gilt West Runton bei Cromer mit einem Alter von höchstens
700.000 Jahren. Das Klima im Cromer war nicht einheitlich.
Einerseits gab es sehr milde, andererseits aber auch kühle Ab-
schnitte. In Mitteleuropa wird das Cromer in vier Warmzeiten
und vier Kaltzeiten gegliedert.
Nur die früheste Cromer-Warmzeit I (auch Cromer-Interglazi-
al I genannt) wird dem Altpleistozän (etwa 1,9 Millionen bis
780.000 Jahre) zuordnet. In diese Zeit fällt die fossilarme
Mosbach 1-Fauna vor etwa einer Million Jahren, die ähnlich
alt wie die Fossilien aus dem Leichenfeld bei Untermaßfeld
nahe Meiningen in Thüringen ist.
Den größten Teil des Cromer-Komplexes rechnet man dem
Mittelpleistozän (etwa 780.000 bis 127.000 Jahre) zu. Dazu zäh-
len die Cromer-Warmzeiten II, III, IV und die dazwischen lie-
genden Kaltzeiten.
Die fossilreiche mittelpleistozäne Mosbach 2-Fauna und die
gleichaltrigen Sande von Mauer bei Heidelberg gehören ent-
weder in die ältere Cromer-Warmzeit III (auch älteres Cromer-
Interglazial III genannt) oder in die jüngere Cromer-Warmzeit
IV (Cromer-Interglazial IV).
In der Literatur heißt es oft, in der schätzungweise etwa 600.000
Jahre alten Hauptfundschicht (Graues Mosbach) lägen die Re-
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Paläontologe Thomas Keller neben einem in Fundlage bereits
eingegipsten Fossil in den Mosbach-Sanden von Wiesbaden
Blick von der Elisabethenhöhe zur evangelischen Hauptkirche
in Mosbach um 1882, links unten liegt eine Lehmgrube
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ste zweier Lebensgemeinschaften vor, die einer ausgehenden
Warmzeit und einer heraufziehenden Kaltzeit innerhalb des
Cromer entsprächen. Während der Warmzeit sollen beispiels-
weise Waldelefant und Flusspferd gelebt haben, in der Kaltzeit
dagegen der riesige Steppenelefant, der Steppenbison, der Viel-
faß und das Rentier.
Nach Forschungen des Wiesbadener Paläontologen Thomas
Keller, die er seit 1991 in den Mosbach-Sanden unternimmt,
gibt es aber keine Hauptfundschicht. Denn fast alle Schichten
enthalten nach seinen Beobachtungen Fossilien. Außerdem ver-
mutet er eher einen Wechsel von einer ausgehenden Kaltzeit zu
einer beginnenden Warmzeit.
In den wärmeren Abschnitten des Cromer behaupteten sich
Eichenmischwälder mit Eiben und Erlen. Merklich spärlicher
gab es Hasel und Hainbuche. Während der kühlen Phasen dehn-
ten sich Nadelmischwälder aus, in denen Kiefern überwogen.
Birken wuchsen zu Beginn und gegen Ende des Cromer häu-
fig.
In Deutschland lebten im Cromer bei zeitweise warmem, mit-
unter aber auch kühlem Klima zwar keine Mastodonten (Rüssel-
tiere mit drei Backenzähnen in jeder Kieferhälfte) und Tapire
mehr, jedoch weiterhin wärmeorientierte Elefanten, Nashörner
und das Flusspferd Hippopotamus antiquus. Neu waren in
Deutschland die Steppenhirsche (Praemegaceros verticornis),
deren breitschaufeliges Geweih dem von Damhirschen ähnelt,
sowie der Mosbacher Bär Ursus deningeri als Vorfahre des jung-
pleistozänen Höhlenbären Ursus spelaeus.
Zu den bekanntesten Fundorten mit fossilen Faunen aus dem
Cromer in Deutschland zählen die erwähnten Mosbach-Sande
im Stadtkreis von Wiesbaden, die aber auch ältere und jüngere
Ablagerungen aus dem Eiszeitalter enthalten, die Mauerer Sande
von Mauer bei Heidelberg und das Mittelmain-Cromer mit den
Fundstellen Marktheidenfeld, Karlstadt, Erlabrunn, Würzburg-
Schalksberg, Randersacker, Volkach und Goßmannsdorf,
Voigtstedt im Harzvorland und Weimar-Süßenborn. Umstrit-
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Aufschluss und Abbau der Mosbach-Sande 2008
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ten ist die Zuordnung der Faunenreste aus den Tonen von
Jockgrimm in der Pfalz ins Cromer.
Das Naturhistorische Museum Mainz besitzt mit mehr als
25.000 Funden aus den Mosbach-Sanden die größte Sammlung
von Tieren aus dem Eiszeitalter des Rhein-Main-Gebietes. Im
Museum Wiesbaden wird ebenfalls eine umfangreiche Samm-
lung von Fossilien aus diesem Fundgebiet aufbewahrt. Die bis-
her wissenschaftlich bearbeiteten Vogelreste aus den Mosbach-
Sanden weisen auf ein Wasser-Sumpf-Gebiet hin, in dem außer
Schwänen und Enten auch Geier (Gyps melitensis) lebten.
Der frühere Direktor des Naturhistorischen Museums Mainz,
Herbert Brüning (19111983), hat Tausende der in den Mos-
bach-Sanden geborgenen Fossilien aufgelistet, die in den palä-
ontologischen Sammlungen des Mainzer Museums aufbewahrt
sind. ,,Insgesamt wurden bisher mehr als 65 Säugetierarten aus
den Mosbach-Sanden bestimmt", heißt es in dem Buch
,,Deutschland in der Urzeit" (1986) von Ernst Probst.
Zum Fundgut aus den Mosbach-Sanden gehören unter ande-
rem Reste vom herdenweise vorkommenden Mosbach-Pferd
(Equus mosbachensis), Steppen- bzw. Alt-Riesenhirsch (Prae-
megaceros verticornis
), Alt-Damhirsch (Praedama sp.), Breit-
stirnelch (Alces latifrons), Wisent (Bison schoetensacki) und
Mosbacher Bären (Ursus deningeri). Als eine der größten Ra-
ritäten aus den Mosbach-Sanden gilt der Fund einer Unterkiefer-
leiste eines Makaken (Macaca), die im Frankfurter Sencken-
berg-Museum aufbewahrt wird. Dieser Fund belegt, dass vor
ungefähr 600.000 Jahren im Rhein-Main-Gebiet noch Affen leb-
ten.
Im Fundgut der Archäologischen Denkmalpflege Hessen aus
den Mosbach-Sanden sind Mosbacher Bären (Ursus deningeri)
nach den Beobachtungen von Thomas Keller die am häu-
figsten vertretenen Raubtiere. Der Artname dieses 1904 nach
einem Fund aus Mosbach beschriebenen Bären erinnert an den
in Mainz geborenen Geologen Karl Julius Deninger (1878
1917).
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Wilhelm von Reichenau (18471925) beschrieb 1906 den Mos-
bacher Löwen (Panthera leo fossilis). Ihm hatten Funde aus
Museen in Mainz (linker Unterkieferast und eine Elle aus Mos-
bach), Wiesbaden (eine Elle aus Mosbach), Darmstadt (linker
Unterkieferast aus Mosbach) und Frankfurt am Main (rechter
Unterkieferast aus Mosbach) sowie aus der Universität Hei-
delberg (linker Unterkieferast und ein rechter Oberkiefer-Reiß-
zahn aus Mauer bei Heidelberg) vorgelegen. Diese Funde ver-
glich er mit Resten von Höhlenlöwen aus Steeden an der Lahn
sowie von heutigen Löwen und Tigern.
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Unter den im Naturhistorischen Museum Mainz aufbewahrten
Fossilien aus den Mosbach-Sanden überwiegen bei den Raub-
tieren dagegen die Wölfe. Man kennt etliche Formen: den klei-
nen Mosbacher Wolf (Canis lupus mosbachensis), die dort sel-
tene Großform Xenocyon lycaenoides, die Art Cuon priscus,
die ein Vorfahre des heutigen Alpenwolfes sein dürfte, sowie
eine kleine primitivere Vorform (Cuon cf. priscus). Zu den grö-
ßeren Raubtieren zählen außerdem die Streifenhyäne (Hyaena
perrieri
), die Tüpfelhyäne (Crocuta crocuta praespelaea), der
Luchs (Lynx issiodorensis), der Mosbacher Löwe (Panthera leo
fossilis
), der Europäische Jaguar (Panthera onca gombaszoe-
gensis
), der Gepard (Acinonyx pardinensis) und die Säbelzahn-
katze (Homotherium crenatidens).
Vom Mosbacher Löwen liegen Schädelreste, Unterkiefer oder
Teile davon sowie einige Skelettknochen und wenige isolierte
Zähne vor. Ganze Skelette oder komplette Schädel dieser Groß-
katze hat man bisher in den eiszeitlichen Ablagerungen von
Rhein und Main noch nicht entdeckt.
Die erste Beschreibung des Mosbacher Löwen (Panthera leo
fossilis
) aus dem Jahre 1906 stammt von Wilhelm von Reichenau
(18471925). Er hatte Funde aus Mosbach bei Wiesbaden und
Mauer bei Heidelberg untersucht und sie einer fossilen Unter-
art des Löwen namens ,,Felis leo fossilis" zugeordnet. Die heu-
tige gültige Bezeichnung für diese Unterart lautet Panthera leo
fossilis
.
Wilhelm von Reichenau war Offizier, gab diesen Beruf aber
wegen einer Kriegsverletzung auf. 1879 wurde er Präparator
der Rheinischen Naturforschenden Gesellschaft in Mainz, 1888
Konservator an deren naturkundlichem Museum, 1907 Ehren-
doktor der Philosophie der Universität Gießen. Von 1910 bis
1915 fungierte er als Direktor des neuen Naturhistorischen Mu-
seum Mainz und ab 1910 als Professor. Er hat sich um die Er-
forschung der Mosbach-Sande verdient gemacht.
Der Mosbacher Löwe (Panthera leo fossilis) wurde oft von
Wissenschaftlern untersucht und teilweise auch unter anderen
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Lebensbilder des riesigen
Mosbacher Löwen
(Panthera leo fossilis)
von Fritz Wendler
(19411995)
aus Obergotzing bei Weyarn
in Bayern (oben)
und von Shuhei Tamura
aus Kanagawa in Japan
(unten)
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Rund 600.0000 Jahre alte Funde vom Mosbacher Löwen aus
den Mosbach-Sanden im Naturhistorischen Museum Mainz /
Landessammlung für Naturkunde Rheinland-Pfalz: 20 Zenti-
meter langer Unterkiefer (oben) und 11,5 Zentimeter langer
Eckzahn (unten)
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Etwa 43 Zentimeter langer Oberschädel eines Mosbacher Lö-
wen aus den Mauerer Sanden von Mauer bei Heidelberg, Ori-
ginal im Urgeschichtlichen Museum der Gemeinde Mauer.
Südafrikanischer Paläontologe Robert Broom (18661951)
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Namen beschrieben. Einer dieser Experten nämlich der Ber-
liner Paläontologe Wilhelm Otto Dietrich (18811964) nann-
te ihn 1968 Panthera leo mosbachensis, was sich aber nicht
durchsetzte. Auch den Namen ,,Alt-Panther" für den Mosbacher
Löwen liest man nicht oft.
Ein fast kompletter, etwa 43 Zentimeter langer Oberschädel
eines Mosbacher Löwen wurde um 1885 in den Mauerer Sanden
von Mauer bei Heidelberg entdeckt. Diesen Löwen-Oberschädel
hat 1912 der Paläontologe Adolf Wurm (18861968) beschrie-
ben. Bei dem Fundort handelte es sich um die Sandgrube
Grafenrain, wo am 21. Oktober 1907 der Unterkiefer des Hei-
delberg-Menschen (Homo erectus heidelbergensis bzw. Homo
heidelbergensis
) zum Vorschein kam. Dieser Frühmensch gilt
mit einem geologischen Alter von etwa 630.000 Jahren als der
älteste bekannte Mitteleuropäer. Der Unterkiefer des Heidel-
berg-Menschen wird im Geologisch-Paläontologischen Insti-
tut der Universität Heidelberg aufbewahrt. Dort lag früher auch
der Löwen-Oberschädel aus Mauer, bevor er 1982 anlässlich
der 75. Wiederkehr der Entdeckung des Heidelberg-Menschen
dem Urgeschichtlichen Museum der Gemeinde Mauer als
Dauerleihgabe überlassen wurde.
Dass eine diesen ersten europäischen Löwen sehr nahe stehen-
de Form schon viel früher existierte, zeigt die frappierende
Formähnlichkeit eines Löwenunterkiefers aus den Mosbach-
Sanden in Deutschland mit dem rund 1,75 Millionen Jahre al-
ten Unterkiefer eines Löwen aus der Olduvai-Schlucht in Tan-
sania (Afrika). Dieser frühe Löwe aus dem ,,Schwarzen Erd-
teil" wird zur Unterart Panthera leo shawi gerechnet, die 1948
der südafrikanische Arzt und Paläontologe Robert Broom
(18661951) beschrieben hat.
Noch mehr als die Mosbacher Teilfunde lässt der Löwenschädel
aus Mauer bei Heidelberg erkennen, dass diese Tiere eine
ursprünglichere Stufe der Hirnentwicklung als die meisten heu-
tigen Löwen aufwiesen. Das Hirn des Mosbacher Löwen dürf-
te etwa dem des in freier Wildbahn und in unvermischter Form
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auch in Gefangenschaft ausgestorbenen Berberlöwen oder Atlas-
löwen (Panthera leo leo) und dem des Indischen Löwen
(Panthera leo goojratensis) oder Asiatischen Löwen (Panthera
leo persica
) entsprechen. Letztere beiden Löwen besitzen we-
niger Hirnmasse als Afrikanische Löwen (Panthera leo). Es
scheint, als ob Löwen mit der geringeren Hirnentwicklung auch
in ihrem Sozialverhalten noch weniger entwickelt waren als
gegenwärtige Afrikanischen Löwen. Sie werden deshalb paar-
weise oder als Einzelgänger gelebt und gejagt haben. Sicher-
lich mussten sich die Großkatzen von Mosbach und Mauer wie
die noch vor einigen Jahrzehnten im Atlasgebirge heimischen
Berberlöwen auch bei Schnee, Frost und Eis behaupten.
Die Löwen aus den Mosbach-Sanden erreichten nach Berech-
nungen von Wissenschaftlern anhand von Skelettresten eine
Kopfrumpflänge bis zu 2,40 Metern. Dazu muss noch ein min-
destens 1,20 Meter langer Schwanz gerechnet werden. Die
Großkatzen von Mosbach waren demnach bis zu 3,60 Meter
lang. Das ist etwa ein halber Meter mehr als bei durchschnittli-
chen heutigen Löwen. Sie entsprachen damit dem Sibirischen
Tiger (Panthera tigris altaica), der größten Katze, die gegen-
wärtig auf Erden lebt, oder einem ,,Liger", der Kreuzung eines
männlichen Löwen mit einem weiblichen Tiger.
Noch größer als die Mosbacher Löwen waren die Amerikani-
schen Höhlenlöwen (Panthera leo atrox), die im Eiszeitalter
vor etwa 100.000 bis 10.000 Jahren in Nord- und Südamerika
lebten. Diese erreichten eine Kopfrumpflänge bis zu etwa 2,50
Metern und mit Schwanz eine Gesamtlänge von bis zu 3,70
Metern.
Die Urheimat der Löwen lag offenbar in Afrika. Dort sind die
geologisch ältesten Löwen in den berühmten Fossilfundstellen
um den Turkanasee früher Rudolfsee genannt in Kenia und
in der Olduvai-Schlucht in Tansania entdeckt worden. Diese
Löwenfunde auf dem ,,Schwarzen Erdteil" sind bis zu zwei Mil-
lionen Jahre alt.
Nicht durchsetzen konnte sich die Vermutung einiger Wissen-
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