Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Wirtschaftsjournalismus in deutschen Printmedien 3
2.1. Was ist Wirtschaftsjournalismus? 4
2.1.1 Inhalte des Wirtschaftsjournalismus 5
2.1.2 Funktion und Aufgaben von Wirtschaftsjournalismus 6
2.2 Entwicklung des Wirtschaftsjournalismus in den Tageszeitungen 7
2.2.1 Die Anfänge: vom Mittelalter bis zur Industriellen Revolution 7
2.2.2 Von der Industriellen Revolution bis zu den beiden Weltkriegen 8
2.2.3 Die Entwicklung bis in die Gegenwart: Neue Medien fordern heraus 9
2.3 Kritik am Wirtschaftsjournalismus S.10
2.3.1 Vorwurf der mangelnden Fachkompetenz S.11
2.3.2 Wirtschaftsjournalismus: unverständlich? S.12
2.4 Diskussion und Ausblick S.16
3. Die Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2007 S.18
3.1 Entstehung und Verlauf S.18
3.1.1 Niedrige Zinssätze und die Immobilienblase in den USA S.18
3.1.2 Die Immobilienkrise erfasst die Finanzwelt S.20
3.1.3 Die Krise greift auf die Produktion über S.21
3.2 Bedeutung der Finanz- und Wirtschaftskrise S.22
3.2.1 Auswirkungen auf die Finanzbranche selber S.22
3.2.2 Auswirkungen auf die Realwirtschaft und die Bevölkerung S.23
3.3 Berichterstattung über die Finanz- und Wirtschaftskrise S.24
3.3.1 Kritik I: Zu spät und zu blind - aber auch „sachgerecht und informativ“ S.25
3.3.2 Kritik II: sprachliche Verständlichkeit S.26
4. Verständlichkeit S.27
4.1. Verständlichkeitsforschung und ihre Teilbereiche S.27
4.2 Ansätze zur Messung der Textverständlichkeit S.29
4.2.1 Lesbarkeitsforschung S.29
4.2.2 Hamburger Verständlichkeitsmodell S.31
4.2.3 Groebens Verständlichkeitskonzept S.33
4.3 Die Formeln der Lesbarkeitsforschung S.34
4.3.1 De Variabeln der Lesbarkeitsformeln S.34
4.3.2 Die bekanntesten Lesbarkeitsformeln S.37
4.3.3 Wie können Lesbarkeitsformeln überprüft werden? S.39
4.3.4 Zusammenfassung und Diskussion S.40
5. Vorgehen bei der Analyse der Artikel S.41
5.1 Warum Lesbarkeitsformeln? S.41
5.1.1 Formeln, Vergleichswerte und zusätzliche Faktoren S.42
5.1.2 Arbeit mit der Analyse-Software TextLab S.42
5.2 Auswahl der Medien S.43
5.3 Auswahl der Untersuchungszeiträume S.46
5.4 Auswahl und Vorbereitung der Artikel S.46
II
6. Auswertung der quantitativen Artikelanalyse S.49
6.1 Ist die Sprache der Wirtschaftsberichterstattung über die Krise verständlich? S.49
6.2 Ist die Sprache mit längerer Dauer der Krise verständlicher geworden? S.53
6.3 Sind einzelne Ressorts in ihrer Berichterstattung verständlicher als andere? S.54
6.4 Sind einzelne journalistische Stilformen verständlicher geschrieben als andere? S.55
6.5 Verbesserungsvorschläge für exemplarisch ausgewählte Artikel S.56
6.6 Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse S.59
7. Interviews mit den Ressort(mit)verantwortlichen S.61
7.1 Interview mit der FAZ S.61
7.2 Interview mit der Stuttgarter Zeitung S.62
7.3 Interview mit der Eßlinger Zeitung S.64
7.4 Zusammenfassung und Diskussion S.65
8. Schlussbetrachtung S.66
8.1 Kritik am verwendeten Verfahren der Lesbarkeitsforschung S.66
8.2 Kritik an der Operationalisierung S.67
8.3 Fazit und Ausblick S.69
Literaturverzeichnis V
Anhang X
Im Anhang fehlen aus urheberrechtlichen Gründen einige Artikel sowie Beispiele für Stil-
formen und deren Einteilung. Die Quellen werden aber im Literaturverzeichnis aufgeführt.
III
Abbildungs- und Tabellenverzeichnis
Abb. 1: Case-Shiller-Home Price Indices (1968-2009) S.19
Quelle: Standard & Poor’s, www.standardandpoors.com/indices/sp-case-shiller-home-priceindices/en/us/?indexId=spusa-cashpidff--p-us----Abb. 2: Bruttoinlandsprodukt (2002-2009) S.21
Quelle: Statistisches Bundesamt,
http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/Zeitr eihen/WirtschaftAktuell/Schluesselindikatoren/Bruttoinlandsprodukt/liste__bip.psml Abb. 3: Eigenschaftspaare des Hamburger Modells S.31
Quelle: Langer, Inghard/Schulz von Thun, Friedemann/Tausch, Reinhard (1981): Sich verständlich ausdrücken
Abb. 4: Angenommener Zusammenhang zwischen Textverständlichkeit und Lernerfolg S.33
Abb. 5: Zeitungen im Vergleich (Hohenheimer Index) S.50
Abb. 6: Wortfaktoren im Vergleich (Punktwert) S.52
Abb. 7: Wortfaktoren im Vergleich (Punktwert) S.52
Abb. 8: Ressortvergleich Eßlinger Zeitung (Hohenheimer Index) S.54
Abb. 9: Stilformenvergleich Eßlinger Zeitung (Hohenheimer Index) S.55
Tabelle 1: Jahresvergleich (Oktober 2008/November 2009) für auffällige Faktoren S.53
Tabelle 2.1: Die 5 verständlichsten Artikel (Hohenheimer Index) S.55
Tabelle 2.2: Die 5 unverständlichsten Artikel (Hohenheimer Index) S.56
IV
1. Einleitung
„Journalisten informieren und unterhalten, sie vermitteln und agieren als „Anwälte“ ihrer Leser, Hörer und Zuschauer. Mit ihrer täglichen Arbeit erbringen sie eine unverzichtbare Informationsleistung, auf die nahezu alle Bereiche der modernen Industriegesellschaft angewiesen sind.“ 1
Doch tun sie das wirklich? Berichten Journalisten tatsächlich so, dass sie ihre Leser in einer Art und Weise informieren, dass diese sie verstehen - gerade in Bereichen, die für Menschen von großer Bedeutung sind, deren komplexe Zusammenhänge sie aber nur schwer begreifen können? Einer dieser großen Bereiche ist das weite Feld dessen, was als „Wirtschaft“ umschrieben wird. Sie scheint gerade in jüngster Zeit immer komplexer geworden zu sein. Denn welcher Bürger, der nicht in den Tiefen des Finanzwesens heimisch ist, hatte vor der Zeit der Finanz- und Wirtschaftskrise schon einmal Abkürzungen und Begriffe wie CDS oder Subprime-Kredit gehört? Geschweige denn, dass er damit auch etwas anfangen konnte und wusste, welche Auswirkungen das für ihn persönlich und sein Lebensumfeld haben könnte und würde?
Gerade in diesen Zeiten sind deshalb Journalisten als Vermittler und Orientierungsgeber gefragt, insbesondere die der klassischen Medien - trotz Internet und Co 2 . Doch wurden sie dieser Rolle auch gerecht? An kaum einem anderen Teil von Zeitungen übten in der Vergangenheit mehr Autoren Kritik als am Wirtschaftsressort. Peter Glotz und Wolfgang Langenbucher rieten 1969 in einem Rundumschlag manchen Lokal- und Regionalzeitungen gar, ganz auf diesen Teil zu verzichten. Denn neben zahlreichen weiteren Kritikpunkten monierten sie, dass ihn sowieso keiner verstünde: „Die Journalisten der Wirtschaftsteile sprechen eine Fachsprache. Sie bemühen sich nur selten um eine „Übersetzung“ des Wirtschaftschinesisch.“ 3 Auch Jahre später noch kritisierten Autoren anlässlich des Börsencrashs zu Beginn dieses Jahrtausends die „insiderische“ Sprache im Wirtschaftsjournalismus. 4 Doch hat sich seitdem etwas geändert, ist die Sprache heute verständlich, beziehungsweise verständlicher? Wissenschaftliche Untersuchungen darüber gibt es kaum. Ein weiterer Grund, dieser Frage mit der vorliegenden Diplomarbeit nachzugehen.
Basis des empirischen Teils ist die Lesbarkeitsforschung. Sie ermittelt Werte für Sätze und/oder Wörter und gibt anhand vorher festgelegter Kriterien Auskunft darüber, wie gut oder schlecht verständlich ein Text ist. Mithilfe einer speziellen Software sollen Artikel der FAZ, der Stuttgarter und der Esslinger Zeitung untersucht und so herausgefunden werden, ob die Wirtschaftsberichterstattung heute auch für die Bürger verständlich ist, die nicht 13 Jahre oder länger eine Schul- oder Universitätsbank gedrückt haben. Dabei sollen - da „Wirtschaft“ ein Querschnittsthema ist - andere Ressorts ebenso mit einbezogen werden wie unterschiedliche journalistische Stilformen.
1 Mast (2000: 39)
2 vgl. Spachmann (2009a: 3)
3 Glotz/Langenbucher (1970: 68)
4 Viehöver (2003: 8)
1
Zusammengefasst soll die Arbeit folgende Fragen klären: 1. Ist die Sprache der Wirtschaftsberichterstattung über die Krise verständlich? 2. Ist sie mit längerer Dauer der Krise verständlicher geworden?
3. Sind einzelne Ressorts in ihrer Berichterstattung über die Krise verständlicher als andere? 4. Sind einzelne journalistische Stilformen verständlicher geschrieben als andere? 5. Wie sehr ist in den Redaktionen sprachliche Verständlichkeit ein Thema?
Aufbau der Arbeit
Einführend soll zunächst der Wirtschaftsjournalismus in Deutschland beschrieben werden, mit dessen Definition sich Wissenschaftler offenbar ebenso schwer tun wie viele Praktiker mit einer verständlichen Sprache, wie die anschließende Darstellung der Kritik zeigt. Diese bezieht sich unter anderem auf eine mangelnde Sachkompetenz der Journalisten und sprachliche Unverständlichkeit der Texte. Inwieweit das Eine das Andere bedingt, oder ob unverständliche Texte lediglich aus der Bequemlichkeit oder der Hektik des Arbeitsalltags resultieren, wäre eine spannende Forschungsfrage, die aber in dieser Arbeit leider nicht berücksichtigt werden kann. Ein weiteres Kapitel stellt zusammenfassend die Entwicklung, Hintergründe und Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise dar, die seit dem Jahr 2007 die Medien und Menschen zunächst in den USA und später dann in Europa und dem Rest der Welt beschäftigt. Dabei soll der Blick auch auf die Berichterstattung über diesen Zeitraum und die Kritik daran gerichtet werden. Das dritte Kapitel führt in die Verständlichkeitsforschung ein. Schwerpunkt ist dabei der Teilbereich der Lesbarkeitsforschung mit ihren Formeln und den gemessenen Variablen, aber auch der Kritik an diesem Verfahren.
Im empirischen Teil werden Artikel dreier ausgewählter Zeitungen unter Berücksichtigung der genannten Fragen untersucht. Exemplarisch werden einige Texte herausgegriffen und aufgezeigt, wie diese mit Blick auf die Lesbarkeitsforschung verständlicher gemacht werden können. Gespräche mit den jeweiligen Verantwortlichen sollen zudem Auskunft darüber geben, inwieweit „Verständlichkeit“ ein Thema in den Wirtschaftsredaktionen ist, wie versucht wird, sie umzusetzen und welche Möglichkeiten zur Verbesserung die „Textproduzenten“ selber sehen.
Es wäre zwar interessant gewesen herauszufinden, ob und wie die von der Software als besonders „gut“ oder „schlecht“ verständlich gemessenen Texte auch bei den Lesern mit ihrer unterschiedlichen Vorbildung und verschiedenen Interessen ankommen, doch war dies im recht begrenzten Rahmen dieser Abschlussarbeit nicht möglich. Aus diesem Grund sollte auch keine inhaltliche Bewertung der Wirtschaftsberichterstattung (der Richtigkeit und der Reaktionen der Medien) vorgenommen werden - zumal es im Nachhinein mit einem aktuellen Wissensstand immer leichter ist, zu kritisieren und zu sagen, was die Journalisten zu welchen Zeitpunkten alles hätten wissen können und sollen, um angemessen über die Krise berichten zu können. Dies möge denen vorbehalten sein, die sich selbst nie im Glashaus wähnen.
2
2. Wirtschaftsjournalismus in deutschen Printmedien
Rund 48.000 hauptberufliche Journalisten zählte eine Studie im Jahr 2005 quer über alle Medien in Deutschland. Die meisten (rund ein Drittel) arbeiten für die überregionalen, regionalen und lokalen Zeitungen (vgl. Weischenberg/Malik/Scholl 2006: 36 ff.). 5 Doch wie viele davon genau als „Wirtschaftsjournalisten“ bezeichnet werden können, bleibt unbeantwortet. 6 Zwar gaben rund zwölf Prozent an, sich zumindest mit dem Thema Wirtschaft zu befassen. Doch gerade einmal fünf Prozent arbeiten auch tatsächlich für das entsprechende Ressort.
Diese Zahlen zeigen, dass „Wirtschaft“ ein „Querschnittsthema“ ist und auch in anderen Ressorts eine Rolle spielt. So haben beispielsweise Redakteure des Politikteils ebenso mit Wirtschaftsthemen zu tun wie Sportjournalisten, die sich mit den Bilanzen von Fußballbundesligaklubs auseinandersetzen müssen oder Feuilletonisten mit den städtischen Kulturhaushalten. Doch können deshalb nur die Mitarbeiter der auf Wirtschaft spezialisierten Printtitel als „Wirtschaftsjournalisten“ bezeichnet werden? Redakteure bei Wirtschaftszeitungen wie der börsentäglich erscheinenden Financial Times Deutschland, dem Handelsblatt oder der Börsen-Zeitung, der Wochenzeitung Wirtschaftswoche oder Fachmagazinen und -zeitschriften wie brand eins, Capital oder Der Handel? Dann wären sicher die in der bereits erwähnten Journalisten-Studie erhobenen Zahlen noch zu hoch.
Doch obwohl Wirtschaft zweifelsohne unser Leben in vielen Bereichen (und Ressorts) dominiert 7 , scheint der darauf spezialisierte Journalismus nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Und auch wenn es eigens auf Wirtschaftsthemen spezialisierte Printtitel gibt: Das börsentäglich und bundesweit erscheinende Handelsblatt erreicht mit 160 000 Exemplaren gerade einmal die Auflage eines Regionalblattes. Weil Wirtschaft als trocken und leserfern gilt? Moss stimmt dem indirekt zu: „Eine Wirtschaftszeitung mag relevant sein, auch sie mag Wirtschaft und Sprache klug miteinander in Einklang bringen, aber die Kunden konsumieren lieber andere Medien.“ (2009: 9, vgl. auch Eckhardt 2002: 21)
Warum ist das so, was sind mögliche Gründe dafür, dass nur vergleichsweise wenige Menschen Wirtschaftstitel oder -teile ihrer Tageszeitungen lesen? Und was ist überhaupt Wirtschaftsjournalismus, gibt es ihn als solchen überhaupt? Dieses Kapitel versucht, darauf Antworten zu geben.
5 Das gilt auch für die meisten Wirtschaftsjournalisten, vgl. Wolff 2005: 482
6 vgl. dazu auch Will 1993: 67 und Hilgert/Stuckmann 1991: 14, sie wenden sich auf der Suche nach einer Zahl an Krolls Taschenbuch für die Wirtschaftspresse - dort sind aber auch Pressesprecher u.ä. von Unternehmen aufgeführt
7 vgl. Spachmann 2005: 15
3
2.1 Was ist Wirtschaftsjournalismus?
Genauso wenig, wie es Zahlen zu den Wirtschaftsjournalisten gibt, die aus mehreren belastbaren Quellen bestätigt werden können, gibt es - in einer der Bedeutung des Themas angemessenen Anzahl - wissenschaftliche Definitionen, was Wirtschaftsjournalismus eigentlich ist. „Es fehlt uns aber die Definition des Wirtschaftsjournalismus bzw. der Wirtschaftsnachricht.“ (Klaue 1991: 47; vgl. auch Knödler 2005: 31; Spachmann 2005: 17 und 29 ff.). So sucht man vergeblich nach einer solchen zum Beispiel bei Mast (2003), im Fischer-Lexikon Publizistik/Kommunikationswissenschaft (2003) oder bei den auch in Praxisbüchern zum Thema viel zitierten Peter Glotz und Wolfgang Langenbucher aus dem Jahr 1970 und den - allerdings eher als Ratgeber und weniger wissenschaftlich angelegten - Büchern von Frühbrodt (2007) und Viehöver (2003). Gründe für diese Schwierigkeiten sehen viele Autoren schon darin, den Begriff Wirtschaft eindeutig abzugrenzen (vgl. Klaue 1991: 47). Auch die Definition des Brockhaus muss kritisch hinterfragt werden. Für die Autoren des Universallexikons ist Wirtschaftsjournalismus die „Gesamtheit der Berichterstattung und Kommentierung von Wirtschaftsfragen in Printmedien (Wirtschaftspresse) u.a. Massenmedien“ (1994: S. 265). Weiter ausdifferenziert sehen sie die Berichterstattung in den Wirtschaftszeitschriften als Wirtschaftsjournalismus im engeren Sinne im Gegensatz zu den Artikeln in der Wirtschaftsrubrik in Tageszeitungen. Die Tatsache, dass „Wirtschaft“ auch in anderen Ressorts vorkommt, lässt das Lexikon mit dieser Definition allerdings unter den Tisch fallen. Wissenschaftliche Versuche einer Definition stammen von Wolfgang Schöhl und Jürgen Heinrich. Ersterer behilft sich allerdings damit, dass er anhand von Themenfeldern unterscheidet. Für ihn ist Wirtschaftsjournalismus im engeren Sinne das, was etwa typischerweise in Tageszeitungen wie beispielsweise der FAZ steht. Denn die wirtschaftsnahen Themen werden dort allesamt auch in einem eigenen Wirtschaftsressort behandelt. Die Kollegen beispielsweise beim Handelsblatt oder bei der Wirtschaftswoche hingegen betreiben nach Schöhls Ansicht mit ihren Themen Wirtschaftsjournalismus im weiteren Sinne, weil ihre Themen die Breite einer Tageszeitung umfassen (vgl. Schöhl 1987: 12 ff.). Drei Jahre später fasst er seine Definition allerdings weiter und unterteilt nicht mehr (vgl. Schöhl 1990: 232). Wolff kritisiert dieses Vorgehen zu Recht, da „mit dieser Ausrichtung an einem auch von Zufälligkeiten, Ressorteitelkeiten, ökonomischen Verlagsinteressen und Konjunkturen bestimmten Themenspektrum keine wissenschaftliche Umschreibung zu leisten ist.“ (2005: 482).
Besser erscheint dagegen die Definition von Heinrich, die er aber selbst als „sehr weit gefasst“ bezeichnet. Für ihn definiert sich Wirtschaftsjournalismus als „Aussagenproduktion in aktuell berichtenden Massenmedien, deren Gegenstand das System Wirtschaft und Wirtschaftspolitik […], Ökonomik - also die individuelle und/oder gesellschaftliche Kosten-Nutzen-Analyse - […oder (Anm. d. Verf.)] die ökonomischen, also auf den Maßstab des Geldes reduzierbaren Wirkungen von Ereignissen und Maßnahmen“ ist (1989: 284, zitiert nach Spachmann 2005: 31).
4
17 Jahre später behilft Heinrich sich in seinem gemeinsam mit Christoph Moss verfassten Buch zur Wirtschaftspublizistik mit einer Beschreibung dessen, was dieses Themenfeld, bzw. dessen praktische Ausrichtung umfasst, nämlich
„die aktuelle Berichterstattung über Menschen, Unternehmen, Institutionen und Organisationen der Wirtschaft, über Märkte und Bereiche der Wirtschaft, über Branchen, Sektoren und Industrien, […] Volkswirtschaften und Probleme der Weltwirtschaft sowie […] über ökonomische Funktionen und Rollen der Menschen etwa als Arbeiter, Unternehmer, Sparer, Konsument oder Steuerzahler.“ (2006: 9)
Gerade der letzte Teil dieser Beschreibung zeigt auf, warum es den aufgeführten Autoren so schwer gefallen sein mag, ihr Themenfeld zu definieren. Denn Wirtschaft an sich lässt sich nur schwer abgrenzen, beispielsweise vom politischen oder kulturellen System (vgl. ebd.: 9 f. und Wolff 2005: 481).
Folglich ist auch die Wirtschaftsberichterstattung nicht immer nur auf ein klassisches Ressort beschränkt. So stehen im Politikteil und auf den Nachrichtenseiten die neuesten Arbeitslosenzahlen, im Feuilleton Berichte über die Folgen der Wirtschaftskrise für die Kultur oder im Sport Artikel über die Kosten der Fußball-WM. Am deutlichsten zeigt sich dies wohl beim täglichen Blick in das Lokale einer Zeitung, wo nicht nur kleinere Unternehmen porträtiert, sondern beispielsweise auch die Folgen einer Fusion für Mitarbeiter, Kunden, Partner usw. vor Ort aufgezeigt werden.
2.1.1 Inhalte Wirtschaftsjournalismus
Die eingangs erwähnte Schwierigkeit bei der Abgrenzung, was Wirtschaft und die Berichterstattung darüber ist, setzt sich auch in der Beschreibung der Inhalte fort. Schwerpunkte lassen sich nicht einheitlich bestimmen, zumal die Aufbereitung der Themen je nach Medium - von der Tageszeitung bis hin zum Magazin - stark differiere (vgl. Mast 2003: 82). Dazu merken auch Gabriele Goderbauer-Marchner und Christian Blümlein kritisch an: „Nicht alles, was die Wirtschaftsmagazine und -seiten sowie -sendungen bieten, ist reine Berichterstattung“ (2002: 12). Eine Studie über die inhaltlichen Schwerpunkte bei überregionalen Tageszeitungen aus dem Jahr 1991 stellte fest, dass rund die Hälfte der Artikel Unternehmensberichterstattung zum Inhalt haben, gefolgt von der deutschen Wirtschaftspolitik mit einem Anteil zwischen einem Viertel und gut einem Drittel. Texte über die Weltwirtschaft hingegen, wie sie gerade in Zeiten der Globalisierung und großer Krisen wie der derzeitigen ebenfalls wichtig wären, fanden damals mit maximal 10 Prozent Anteil „demgegenüber relativ geringe Beachtung“ (Hilgert/Struckmann 1991: 18). Ähnlich geringe Anteile fanden die Autoren nur noch für die Verbraucherberichterstattung, konstatierten aber schon damals eine Zunahme ihrer Bedeutung (ebd.: 21). Auch Vollbracht, der fünf Jahre später sechs Wochenblätter und Nachrichtenmagazine analysierte, stellte einen mit rund zwei Dritteln aller Themen deutlichen Schwerpunkt bei der Berichterstattung über Unternehmen fest. 8
8 vgl. Haller/Rettich (1996) „Wochenmedium Jahrbuch 1996“, S.161-197; zitiert nach Mast 2003: 82
5
2.1.2 Funktion und Aufgabe von Wirtschaftsjournalismus
Zu der Funktion und den Aufgaben speziell des Wirtschaftsjournalismus gibt es dagegen in der Wissenschaft weitgehend Einigkeit. In Anlehnung an die Aufgaben des „einfachen“ Journalismus soll der Wirtschaftsjournalismus informieren (Themen aus der sozialen Umwelt sammeln, auswählen und bearbeiten), Orientierung bieten, politisches und soziales Handeln kontrollieren sowie Sprachrohr sein (Artikulationsfunktion) (vgl. Heinrich/Moss 2006: 10 und 16). Zudem sei es fast schon zwingende Aufgabe, „dem Publikum einen individuell zurechenbaren Informations- und/oder Animationsnutzen zu bieten“ (Heinrich/Moss 2006: 16). Denn nur, wenn man ihnen einen Nutzen oder Unterhaltung biete, könne man Leser oder Zuschauer/-hörer überhaupt erst dazu bringen, die Informationen zu rezipieren. Die Nutzwertorientierung der Wirtschaftsberichterstattung sei damit notwendig, um die öffentliche Aufgabe herzustellen, da nur so eine kontrollierende Öffentlichkeit entstehe. Heinrich und Moss begründen dies auch mit der „Denktradition der Ökonomie, dass Menschen im Durchschnitt ihres Handelns durch Anreize gesteuert werden, dass sie ihrem Handeln eine, meist implizite, Kosten-Nutzen-Analyse zu Grunde legen“. Die „Orientierung am Kunden“ - das Autoren-Duo bleibt in der passenden Fachsprache - sei auch deshalb so bedeutend, weil einerseits die wirtschaftliche Vorbildung in der Gesellschaft recht gering sei, „das Verständnis für ökonomische Zusammenhänge […aber…(Anm. d. Verf.)] von zentraler Bedeutung für die Funktionsweise der Gesellschaft“ sei. Wirtschaftsjournalisten müssten sich demnach also mehr anstrengen, um ihrer öffentlichen Funktion gerecht zu werden.
Der Volkswirt Werner Zohlnhöfer sieht es angesichts einer - bereits zum Zeitpunkt seiner 1989 getroffenen Aussage - „immer größeren Flut von Einzelinformationen und Detailwissen“ als eine der zentralen Aufgaben, dem Rezipienten „beobachtbare Entwicklungen in verständlicher Weise nahezubringen und ihm auf diese Weise eine verläßliche Orientierungshilfe zu bieten“. Er soll dadurch zum einen gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge erkennen und entsprechend seinen eigenen Rechten und Pflichten handeln (vgl. Zohlnhöfer 1989: 28 f.).
Frühere Autoren nennen als weitere Aufgaben Erläuterung, Öffentlichkeitsarbeit, Forum für Aussprachen, Konjunkturbeobachtung und Verkündung amtlicher Mitteilungen 9 , Meinungsbildung und -beeinflussung 10 sowie in geringerem Maße Bereitstellung von Informationen für die wirtschaftswissenschaftliche Forschung 11 und für die Handelnden staatlicher Wirtschaftspolitik. 12
9 vgl. Röper 1977, nach Heinrich 1991: 58
10 vgl. Röper 1954: 7, nach Spachmann 2005: 34
11 vgl. Fürst 1979 und Schneider 1921/22 nach Heinrich 1991: 59
12 vgl. Kraft 1978 nach Heinrich 1991: 59
6
2.2 Entwicklung des Wirtschaftsjournalismus in den Tageszeitungen
2.2.1 Die Anfänge: vom Mittelalter bis zur industriellen Revolution
Als Urform der Wirtschaftsberichterstattung sieht Hörnberg die Kaufmannsbriefe der Kaufmannschaften im Mittelalter, die sich damit über Wechselgeschäfte oder Marktchancen austauschten (vgl. Hömberg 1991: 231 f. und Spachmann 2005: 45). Rund 100 bis 150 Jahre später enthielten die Fugger-Zeitungen geschäftliche Mitteilungen, die von der Augsburger Handelsgesellschaft an ausgewählte Partner per Brief weitergereicht wurden. Diese waren aber nicht nur Leser, sondern hatten gleich noch eine weitere Funktion als Informationslieferanten inne (vgl. Spachmann 2005: 47) 13 . Kraft und Dreyer bezeichnen diese Zeit als „Frühkapitalismus des 15. und 16. Jahrhunderts“, in der die „Nachricht ein wesentliches Element im kapitalistischen Wettbewerb“ wurde (1997: 39). Allerdings ist die Rolle der Kaufmannsbriefe oder Fugger-Zeitungen als Vorläufer des Wirtschaftsjournalismus auch kritisch zu sehen. Nach Wolff werde sie „gelegentlich überwertet“, da die beiden „Medien“ nicht periodisch erschienen und ihnen damit „wesentliche Elemente der Massenmedien und damit auch des Journalismus“ fehlen (2005: 482). Zudem waren sie oft nur einem exklusiven Kreis zugänglich, was sich auch in den folgenden Jahren noch zeigte, als die Kaufleute „teilweise erbitterten Widerstand“ gegen eine Öffnung des Leserkreises leisteten. Sie fürchteten wirtschaftliche Nachteile und sahen ihr Nachrichtenmonopol gefährdet (vgl. Spachmann 2005: 46 und Stöber 2000: 34).
Aus dieser noch eher privaten Form der Nachrichtenübermittlung entwickelten sich im Lauf der Zeit die so genannten Kurszettel, die vor allem Markt- und Kursberichte von Korrespondenten erhielten. Speziell zu den Frühjahrs- und Herbstmessen in Köln, Frankfurt und Leipzig gab es seit ungefähr 1600 mit den Meßrelationen „chronikartige Zusammenstellungen“ von überwiegend politischen Ereignissen. Auch das erste bekannte Wochenblatt Relation aus Straßburg sowie der Aviso aus Wolffenbüttel berichteten bereits 1605, bzw. 1609 über wirtschaftliche Ereignisse wie einen Steuerstreit und Details zu Warenladungen ein- und auslaufender Schiffe. Allerdings nahm die Wirtschaft nur einen kleinen Raum in den damaligen Zeitungen ein, da zum einen die Politik dominierte und zum anderen Handel größtenteils lokal und damit direkt ablief (vgl. Hömberg 2002: 15; Wolff 2005: 482 und Spachmann 2005: 47 ff.). Kraft und Dreyer nennen als weitere Gründe die starke Zensur - weshalb auch überwiegend nur außenpolitische Ereignisse vermeldet wurden - und die geringen Umfänge und verfügbaren Mitarbeiter sowie nur kaum vorhandene Nachrichtenquellen der damaligen Zeitungen. „Wirtschaftliches Leben drang in die Spalten der Presse fast ausschließlich von privater Seite über Verkaufs- und Ankaufsanzeigen ein“, schreiben sie (1997: 40). An Bedeutung gewann die Wirtschaftsberichterstattung mit der Schaffung überregionaler Märkte und einer Zunahme von Ge- und Verboten der Fürstenhöfe im Zeitalter des Absolutismus, das bis ins 18. Jahrhundert hinein reichte. Zudem mussten bestimmte Berufsgruppen wie zum Beispiel Ärzte, Anwälte oder Gastwirte staatlich gelenkte Intelligenzblätter beziehen. Darin fanden sich
13 vgl. auch Groth nach Ratzke 1990: 221
7
nicht nur Nachrichten über den Handel oder das Gewerbe, sondern zwangsweise auch amtliche Bekanntmachungen oder Inserate (vgl. Hömberg 2002: 15).
Eine kritische Auseinandersetzung in den Zeitungen gab es laut Kraft und Dreyer allerdings kaum. Denn obwohl Anfang des 19. Jahrhunderts viele deutsche Regierungen die Pressefreiheit versprochen hatten, wurde sie wegen der strengen Zensurbestimmungen in den Karlsbader Beschlüssen von 1819 wieder eingeschränkt. Das traf unter anderem den Westfälischen Anzeiger, der sich mit einem Bericht gegen die Gutsherren und die Agrarverhältnisse wandte. „Die Behörden waren noch nicht bereit, solche Diskussionen über die Wirtschaftspolitik des Staates zu tolerieren.“ Wirtschaftspolitische Berichte über andere Länder waren hingegen erlaubt. Kraft und Dreyer schränken allerdings auch ein, dass damals häufig das Wissen über ökonomische Zusammenhänge fehlte. Als Beispiel führen sie die Kölnische Zeitung an, die bei der Einführung der Dampfmaschine nur über die negative Folge Arbeitslosigkeit berichtete, als Gegenargument allerdings verkannt habe, dass sie notwendig sei, um im Wettbewerb zu bestehen (vgl. Kraft/Dreyer 1997: 40).
2.2.2 Von der Industriellen Revolution bis zu den Weltkriegen
Anfang 1800 enthielten einige Blätter wie das Frankfurter Journal oder die Vossische Zeitung aus Berlin bereits Ressort-ähnliche Sparten für „Handlungsnachrichten“ oder „Wechsel- und Geld-Cours“. Immer mehr Zeitungen folgten diesen Beispielen, die oft vom Text- zum Anzeigenteil überleiteten. Denn aktuelle Wirtschaftsinformationen wurden für die veränderten Produktionsbedingungen - Großunternehmen anstelle von kleinen Handwerkern - und die Zunahme des Handels immer wichtiger. Zudem interessierten sich auch die neuen Kapitalanleger für aktuelle Informationen über Börsen und Unternehmen. Börsenblätter entstanden ebenso wie Nachrichtenagenturen. Ab 1835 verbreitete Charles-Louis Havas als Begründer der ersten Nachrichtenagentur in Europa Börsennachrichten an Banken, Handelsunternehmen, Zeitungen und Zeitschriften (vgl. Hömberg 2002: 17 und Kraft/Dreyer 1997: 41). Mitte des 19. Jahrhunderts startete dann der aus Kassel stammende Paul Julius Reuter, einstmals Schüler bei Havas, seinen telegraphischen Nachrichtendienst. Er bediente sich dabei des damals modernsten technischen Übertragungsmittels und nutzte ein neues Seekabel zwischen Calais und Dover, um Börsenkurse nach Paris zu telegraphieren. Reuters ist noch heute auf Wirtschaftsnachrichten spezialisiert, bietet aber auch wie die anderen Agenturen Meldungen zu Politik und anderen Ressorts an. Im Jahre 1870 fusionierte dann auch die erste deutsche Nachrichtenagentur, die 1849 in Berlin gegründete Wolffsche Telegraphenbüro, mit der Reuters Telegram Company, in der zuvor schon die Agence Havas aufgegangen war 14 . Mit dem Aufstieg der Nachrichtenagenturen gewann auch die Presse allgemein an Bedeutung. Möglich wurde dies wegen technischer Neuerungen wie der Erfindung der Rotationsmaschine, der Setzmaschine und der drahtlosen Telegraphie sowie der Beseitigung der Presseschranken mit der Proklamation der Pressefreiheit vieler deutscher Verfassungen 1848. Die Wirtschaftsteile der Zeitungen profitierten dann speziell vom Aufschwung und dem „Spekulationsfieber der Gründerjahre“
14 vgl. Bauer/Wilke 1993: 17
8
nach 1871. 15 Sie erschienen oft als Beilagen mit Titeln wie „Handelsteil“, „Wirtschaftsteil“ oder „Börsenteil“. Der Wirtschaftsjournalismus dieser Zeit bezeichnet Wolff als „etabliert“ (2005: 482). Mit dem Sozialistengesetz von 1878 wurde die Pressefreiheit erneut eingeschränkt, was bis nach dem Ende des 1. Weltkrieges und dem Beginn der Weimarer Republik 1919 andauerte. Der Krieg hatte zu einem Rückgang der Wirtschaftsberichterstattung geführt und die neuen amerikanischen Nachrichtenagenturen begünstigt. Mit dem Wiederaufbau nahm die Bedeutung der Wirtschaftsberichterstattung aber erneut zu - und sie entwickelte sich zudem inhaltlich weiter: „Die zunehmende Verflechtung des Wirtschaftslebens mit allen anderen Gebieten der Öffentlichkeit spiegelte sich auch in der Zeitung wieder. Die Verbreitung wirtschaftlicher Nachrichten beschränkte sich in Anlehnung an die in der Realität bestehenden Zusammenhänge nicht nur auf den speziellen Handels- oder Wirtschaftsteil, sondern durchdrang den gesamten Zeitungsinhalt, insbesondere den politischen Teil.“
Allerdings waren die Auswahl der Nachrichten sowie deren Kommentierung von einer „bestimmten staatstreuen Grundeinstellung“ geprägt (Kraft und Dreyer 1997: 42 f.).
2.2.3 Die Entwicklung bis in die Gegenwart: Neue Medien fordern heraus
Die meisten Zeitungen haben heutzutage eigene Wirtschaftsseiten, die überregionalen oft noch einen Schwerpunkt in der Börsenberichterstattung. Allerdings wirkte sich laut Hömberg die historisch begründete Orientierung am Fachpublikum noch lange aus (vgl. 2002: 18). Als stärker verbraucherorientiert sieht er heute dagegen die Straßenverkaufszeitungen sowie die Funkmedien - zumindest nach erheblichen Anlaufschwierigkeiten. Denn das Radio galt zunächst als unterhaltendes und belehrendes Medium, aktuelle politische und wirtschaftliche Informationen kamen erst später dazu. Auch beim Fernsehen dauerte es bis 1963, bis die ARD mit dem Wochenmagazin „Der Markt - Wirtschaft für jedermann“ ein eigenständiges Wirtschaftsmagazin ausstrahlte. Drei Jahre später folgte dann das ZDF mit der Sendung „Bilanz“, dem Vorläufer des Magazins „WISO“, das teils Einschaltquoten von bis zu 28 Prozent erreichte (vgl. Ratzke 1990: 227). Gerade Radio und Fernsehen waren laut Ratzke „entscheidend“ am Wandel der Wirtschaftsteile der Tageszeitungen beteiligt, die bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts hinein vor allem reine Börsenteile waren: „Während die Gazetten zunächst hochnäsig auf die heranwachsende elektronische Konkurrenz herabsahen (‚Bilder anstatt Argumente’), zwangen die elektronischen Medien und ihre das Informationsverhalten der Bürger tiefgreifende Prägung die Zeitungen geradezu, sich dieses Gebietes verstärkt anzunehmen.“ In der Folge berichteten auch Zeitungen mehr über allgemeine Wirtschaftsthemen und wandelten sich von „Wirtschaftsbeilagen für Spezialisten“ hin zu „allgemein interessierenden Wirtschaftsteilen“ (ebd.: 226). Zudem haben seitdem die Umfänge der Wirtschaftsteile zugenommen, nicht zuletzt wegen des Börsenbooms, der Ende der Neunziger viele Privatanleger erfasste. 16 Doch damit hat auch die schon zu früheren Zeiten geäußerte Kritik zugenommen.
15 vgl. Böse 1931: 19 nach Kraft 1997: 41f.
16 vgl. auch Wilke 2009: 450
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2.3 Kritik am Wirtschaftsjournalismus
Gibt es in der Literatur kaum eine Definition dessen, was Wirtschaftsjournalismus ist, so findet sich dagegen umso mehr Kritik an der Art und Weise der Berichterstattung. An dieser Stelle sollen die Hauptpunkte angerissen werden. Die für die vorliegende Arbeit besonders relevante Kritik an der sprachlichen Verständlichkeit beleuchtet ein eigenes Unterkapitel näher. Wohl am deutlichsten sind die 1969 erstmals erhobenen und einleitend bereits erwähnten Thesen von Peter Glotz und Wolfgang R. Langenbucher, die sich auf Zeitungen beziehen. Sie kritisieren, dass die meisten Blätter nicht ausreichend Platz zur Verfügung stellten, ihre Berichterstattung fast ausschließlich auf Börsianer und Aktienbesitzer zugeschnitten sei, Verbraucherfragen zu wenig Raum gegeben werde und dass die Seiten einfallslos gestaltet und die Texte unverständlich seien. Die beiden Autoren raten den Lokal- und Regionalzeitungen gar, ganz auf ihre Wirtschaftsteile zu verzichten. Denn sie würden ihre Aufgabe vollständig verfehlen, da sie meist nicht mehr als gekürzte Fassungen der überregionalen Titel seien, die sich allerdings an ein Fachpublikum richteten (vgl 1970: 66 ff.; auch Ruß-Mohl 1991: 11).
Auch noch mehrere Jahrzehnte später belegten Autoren diese doch recht harsche Kritik vor allem an den regionalen und lokalen Zeitungen durch verschiedene Studien. So lesen rund drei Viertel den Lokalteil, aber nur ein gutes Viertel das Wirtschaftsbuch 17 (vgl. auch Schneider 1990: 196. Kraft/Dreyer 197: 90 ff.; Viehöver 2003: 45, Mast 2003: 75).
Das „Aschenputtel-Dasein“ der Wirtschaftsberichterstattung zeigt sich der Literatur zufolge auch in anderen Beispielen: So sieht beispielsweise Nusch viele Wirtschaftsteile schlecht platziert (vgl. 1990: 117). Und in mehreren Jahren habe es nicht genügend qualifizierte Einreichungen für den Ernst-Schneider-Preis für Wirtschaftsjournalismus gegeben (ebd.: 139).
Kritik bietet auch die Abhängigkeit gerade der Wirtschaftsberichterstattung von den Anzeigenkunden, also meist den Unternehmen, über die die Journalisten schreiben. Es drohe Gefälligkeitsjournalismus oder versteckte Firmen- oder Produktwerbung, schreibt Zeller (vgl. 1990: 175, auch Will 1993: 74). Allerdings schränken dabei viele Autoren auch ein, dass es sich viele Unternehmen gar nicht leisten könnten, Printmedien wegen unliebsamer Berichterstattung keine Anzeigenaufträge mehr zu erteilen. Denn die Unternehmen sind ja andererseits darauf angewiesen, Leser für ihre Werbung zu bekommen (vgl. Will 1993: 74 und Afheldt 1990: 186).
Der Vorwurf mangelnder Verbraucherorientierung ebbte mit dem Börsenboom in den 90er Jahren zwar deutlich ab, doch förderte diese Phase neue Kritik zu Tage, die sich vor allem an Finanzjournalisten und deren ethischen Grundsätze richtete. Bei ihnen sehen Wissenschaftler die Gefahr von Insidergeschäften, wenn diese täglich mit Unternehmen zu tun haben und dadurch Details erfahren, die sie gewinnbringend einsetzen können, denn, „der Wunsch nach Reichtum lauert seit Urzeiten im Menschen und ist durch die journalistische Abbildung großer Finanz- und Wirtschaftskarrieren ständig existent“ (Goderbauer-Marchner/Blümlein 2002: 10 und 24 f.). Nach dem Platzen
17 Allensbacher Archiv, IfD-Umfragen
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der Börsenblase wurde vielen Journalisten vorgeworfen, sich zu Handlangern der Banken gemacht und sich „kollektiv distanzlos“ gezeigt zu haben. 18
Die fehlende Distanz zeigt sich der Literatur zufolge auch mit dem Erstarken der Öffentlichkeitsarbeit. Studien zeigten, dass sich die Berichterstattung im Normalfall sehr häufig von den von PR-Abteilungen gesetzten Themen leiten lasse. Nur im Krisenfall zeige sich der Wirtschaftsjournalismus unabhängiger und damit auch kritischer. Gründe für die recht häufige Übernahme von PR-Themen seien zum einen die durch Sparmaßnahmen immer knapper werdenden verfügbaren Personalressourcen bei den Medien und der dadurch entstehende Zwang, auf Agenturmaterial zurückgreifen zu müssen. Für die elektronischen Medien kommt hinzu, dass viele Pressestellen, erleichtert durch die zunehmende Digitalisierung, bereits sendefertiges Material anbieten. Und es gibt immer mehr freie Journalisten, die nicht nur journalistisch arbeiten, sondern auch PR machen. Selbst wenn sie sich dann an die strikte Trennung halten, wie im Pressekodex vorgeschlagen, schreitet damit die Professionalisierung der Öffentlichkeitsarbeit weiter voran. Problematisch sei diese Zunahme des PR-Einflusses vor allem für die andererseits gerade geforderte Orientierung am Verbraucher und den Ratgeberthemen (vgl. Wolff 2005: 484 f.).
2.3.1 Vorwurf der mangelnden Fachkompetenz
Der Vorwurf der mangelnden Fachkompetenz ist in der Literatur vor allem von ausgebildeten Wirtschaftsfachleuten selbst zu finden. Das Wissen um notwendige Grundlagen und ökonomische Wirkungszusammenhänge fehle vielen, kritisieren etwa der Volkswirt Werner Zohlnhöfer (vgl. 1989: 27) und der frühere Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff (1991: 53; vgl. auch Mast 2003: 79 ff.). Zohlnhöfer schränkt später aber ein, dass die Kritik vor allem für das Fernsehen gelte. Dort seien entsprechende Kenntnisse - zum Zeitpunkt seiner Aussage - nicht selbstverständlich, führt er weiter aus und bezieht sich auf Stellenanzeigen, in denen im Anforderungsprofil für einen neuen Mitarbeiter in der Wirtschaftsredaktion eines Fernsehsenders ökonomische Kenntnisse nur „erwünscht“ seien. (vgl. 1989: 31) Hierbei ist allerdings anzumerken, dass zumindest heute, rund 20 Jahre später, in Stellenanzeigen das Wort „erwünscht“ zwar fast überall auftaucht; die gesuchte Qualifikation aber intern von der Personalabteilung und den Verantwortlichen doch sehr häufig gefordert wird.
In seine Kritik bezieht Zohlnhöfer Journalisten anderer Ressorts ebenfalls mit ein, da Wirtschaftsberichterstattung nicht mehr nur in engen Ressortgrenzen stattfinde. 19 Einen Mangel an fundiertem Wissen kritisiert indirekt auch Ruß-Mohl. Er beklagt, dass es nur selten einen Transfer zwischen Wissenschaft und Praxis gebe. Ebenso wenig würden wirtschaftliche Erkenntnisse in andere Res-sorts als dem klassischen der Wirtschaft vordringen (vgl. 1991: 215). Hauptaufgabe in der Ausbildung von Wirtschaftsjournalisten müsse es vor dem Hintergrund der genannten Kritik deshalb laut Simoneit sein, Nachwuchs auszubilden, der „kompetent in der Sa- 18 Schuster2001: 204 nach Wolff 2005: 483
19 vgl. dazu auch Schneider 1990: 197 und 200 sowie Jeske 2000: 16
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che“ sei und darüber verständlich schreiben könne (1989: 11). Um letzteres zu erreichen, ist es nach Christians notwendig, dass der Journalist selber versteht, worum es geht, um es dann „übersetzen“ zu können. Das sei aber angesichts der komplexen Zusammenhänge, gerade für den Generalisten, nicht selbstverständlich (vgl. 1991: 47).
Diesen Zusammenhang zwischen (fachlichem) Verstehen und einer verständlichen Wiedergabe des eigenen Wissens sehen auch viele in der Praxis tätige Journalisten. Doch nur wenige räumen offen ein, nicht immer genau zu verstehen, was ihnen da auf Bilanzpressekonferenzen o.ä. erzählt wird. „Gerade nach einer Pressekonferenz, auf der mit ökonomischen Fachbegriffen umgegangen wird, fällt es den Kollegen oft schwer, ihre Sprache allgemeinverständlich umzustellen. Manchmal bleibt den Redakteuren gar keine andere Wahl, weil sie den Inhalt der Informationen selbst nicht richtig verstehen.“ 20 Eine Aussage, die auch von mehreren Journalisten bestätigt wurde, vor allem, wenn sie nicht permanent mit Wirtschaftsthemen zu tun haben. 21
2.3.2 Wirtschaftsjournalismus: unverständlich!?
Starke Kritik an der Sprache gibt es auch noch Jahrzehnte nach der verheerenden Kritik von Glotz und Langenbucher. Laut Simoneit werde „noch zu sehr am Leser vorbeigeschrieben“ (1989: 5). Als Beispiele nennt er Überschriften wie „Tote Börse tendiert etwas leichter“ und „Insider-Trading beunruhigt die City“. Sein Fazit: „Hundert Jahre alt ist die Wirtschaftsberichterstattung in Deutsch-land, und der kleine Mann, unser Leser, versteht immer nur Bahnhof“ (ebd.: 11 f.). Dem stimmt ein Jahr später auch „Sprachpapst“ Wolf Schneider zu: „Es ist offensichtlich, dass die Wirtschaftsteile der meisten großen Zeitungen des deutschen Sprachraums für Experten geschrieben werden, und zwar für solche, die Arbeitgeber, Produzenten, Eigentümer oder Aktionäre sind“ (1990: 195). „Die Menschen verstehen uns oft schlicht nicht mehr“, pflichtet dem Viehöver bei, dann schon im neuen Jahrtausend (2003: 46; vgl. auch Rönnebeck 1990: 209 und Mast 2003: 79). Allerdings scheint es im Lauf der Zeit doch eine Verbesserung hin zu einer etwas verständlicheren Sprache gegeben zu haben. So sagten etwa bei einer Straßenumfrage der Berliner Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege (FHVR) im Jahr 1997 mehr als 42 Prozent der knapp 400 Befragten, dass sie die Wirtschaftsteile von Tageszeitungen als sehr gut, beziehungsweise gut verständlich empfinden. Die Autoren schränken allerdings ein, dass viele der Befragten dies auf entsprechende Vorkenntnisse zurückgeführt hätten. Von denjenigen, die die Wirtschaftsteile als weniger verständlich bezeichneten, kritisierten die meisten, dass zuviel Wissen vorausgesetzt werde und es zu viele Fachbegriffe gebe (vgl. Kraft/Dreyer 1997: 103 f.).
20 Aussage eines Wirtschaftsredakteurs der Berliner Zeitung, der für eine Studie befragt wurde; vgl. Kraft 1997: 78
21 Gespräche mit Kollegen
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Worte: Die fachspezifischen, die „fremdsprachlichen“ - und die falschen Denkt man an die Sprache im Wirtschaftsteil, so stehen dabei sicher die zahlreichen Fachbegriffe an erster Stelle. Als Beispiele führt Schneider „Buchungsschnitte“ und „Zinsnegativsaldo“ an. Denn nur mit wenigen Ausnahmen würden diese Begriffe den Lesern erklärt, beispielsweise in einem eigenen Kasten. Von diesen müsste es seiner Ansicht nach täglich eigentlich zwei bis drei geben, um auch für Laien verständlich zu sein. Besser wäre es laut Schneider allerdings, wenn die Journalisten ganz auf Fachtermini verzichten, vor allem auf die, die lediglich „Imponiervokabeln“ seien, um den Vorstandsetagen zu zeigen, dass man zum „Klub“ gehöre (vgl. Schneider 1990: 195; auch Böhmer 1991: 121 und Ruß-Mohl 1991: 62).
Allerdings entgegnen einige Journalisten der Forderung nach einem solchen Verzicht mit dem geringen Platzangebot. So sagt beispielsweise der für die schon eingangs erwähnte Studie der FHVR befragte verantwortliche Ressortleiter des Tagesspiegel: „Manche Redakteure bevorzugen ,Fachchinesisch’, weil man mit ökonomischen Fremdwörtern Sachverhalte platzsparender ausdrücken kann als mit deutschen Umschreibungen.“ Andere würden dagegen lieber Nebeninformationen weglassen und Begriffe erläutern. Er gibt aber gleichzeitig zu, dass noch ein anderer als der Platzfaktor entscheidend für die Verständlichkeit sei: „Teilweise versucht der Redakteur aber auch absichtlich, mit einfacher und klarer Sprache und möglichst wenig Fremdwörtern zu operieren, und zwar wenn es darum geht, die Bevölkerung zu beeinflussen.“ (vgl. Kraft/Dreyer 1997: 77 f.). Auch Jeske schränkt ein, dass man nicht jedes Fachwort vermeiden müsse, um bei gebotener Kürze Klarheit herzustellen (vgl 2000: 16). Er räumt dabei aber ein, dass das Bemühen um Verständlichkeit für Wirtschaftsjournalisten schwieriger sei als für die Kollegen anderer Ressorts (ebd.:18; vgl. auch Böhmer 1991: 113).
Kritik üben zahlreiche Autoren auch an Anglizismen und vor allem den englisch-deutschen Wortkombinationen wie „Swap-Geschäfte“ und „Treasury-Rentabilität“ (vgl. Schneider 1990: 195). Viehöver bezeichnet dieses „üppig ins Kraut schießende „Denglisch“ als „Pseudo-Fachsprache“ der PR- und Werbeagenturen, „Eliteanstalten für Manager“, „Beraterzirkeln“, Hochschulen und anderen. Sie sei der - bewusste oder unbewusste - Versuch, „Sprache legal als Waffe einzusetzen“ mit dem Ziel, sich Geltung zu verschaffen (2003: 321). Er anerkennt zwar, dass im Wirtschaftsleben die Zeit nie still stehe und mit neuen Dingen auch viele meist englische Begriffe einhergehen. 22 Dies sei aber beileibe kein Argument für den Einsatz unverständlicher Wörter. Denn viele der rein englischen Begriffe wie sie vor allem im Finanzjournalismus vorkommen - wie „Add“, „Substantial Outperform“ oder „Recommended Purchase List“ - machten es dem Leser kaum deutlich, ob ein Wertpapier empfehlenswert ist oder nicht: „Das klingt mehr nach Tarnen und Täuschen, als nach der Fähigkeit, sichere Anlagetipps geben zu können.“ Dazu gehöre auch der Begriff „Investmentbank“, da diese im eigentlichen Sinne eben keine Bank sei, dies aber seriöser klinge (Viehöver 2003: 46; vgl. auch Heinrich/Moss 2006: 50).
22 Böhmer weist zudem darauf hin, dass zahlreiche führende Wirtschaftswissenschaftler aus dem angelsächsischen Sprachraum stammen. Er stellt aber ebenfalls klar, dass dies kein Grund sei, zahlreiche Anglizismen wie Investment oder Performance zu verwenden (1991: 122).
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Heinrich und Moss bringen noch eine weitere Unart ins Spiel, die allerdings nicht direkt etwas mit einem Fachwort zu tun hat, für viele Leser dennoch unverständlich sei: die bloße Nennung von Unternehmensnamen. Denn diese müssten eingeordnet werden, indem man zum Beispiel schreibt: Der Autozulieferer Mann+Hummel. Gleiches gelte für Abkürzungen (Heinrich/Moss 2006: 50). Als Beispiel kann hier das BIP, das Bruttoinlandsprodukt, genannt werden, das sicher auch ausgeschrieben erklärungsbedürftig ist.
Schneider kritisiert überdies die Wortwahl bei eigentlich als Fachbegriff eher unverdächtigen Wörtern. Er nennt als Beispiele „Personalabbau“ statt „Arbeitslosigkeit“ beziehungsweise „Entlassung“ oder „Preisverfall“ an Stelle von „Verbilligung“. Dies sieht er aber nicht als Schludrigkeit der Journalisten, sondern als klare Parteilichkeit - für die Aktionäre und Arbeitgeber und gegen den Laien, sprich Arbeitnehmer (vgl. Schneider 1990: 195 f.). Nicht ganz so klassenkämpferisch gibt sich Viehöver, für den Wortschöpfungen wie zum Beispiel „Kostenanpassung“ statt „Preiserhöhung“ oder „Nettokreditaufnahme“ für noch mehr Staatsschulden eher der Versuch sind, zu verniedlichen (2003: 325).
Viehöver erweitert die Liste der Unworte um Begriffe aus Kriegen und Extremsituationen sowie „Blähungen und Modeworte“. So würde etwa ein Programm zur Programmatik oder ein Thema zur Thematik erhöht. Aber auch das Modewort „Trend“ werde häufig falsch angewandt, nämlich für nur kurzfristige Ereignisse. Richtiger sei da die Tendenz, welche aber vom seriöser klingenden Trend verdrängt worden sei. Zudem seien es oft kleine Worte, die überflüssig oder gar falsch seien: „Un“kosten etwa oder „in“ bei Jahreszahlen, angelehnt aus dem Englischen (ebd.: 324 f.). Heinrich und Moss pflichten dem bei und nennen als Beispiel „ansteigen“ statt „steigen“ und raten ebenfalls davon ab, Worte wie „Angriff“ zu benutzen (vgl. 2006: 51). Des Weiteren fordert Viehöver eindeutige Begriffe. Als Beispiel führt er das „Konjunkturklima“ an, da „Klima“ vieldeutig interpretierbar sei. Fühle der eine sich bei Hitze wohl, leidet der andere unter hohen Temperaturen (vgl. 2003: 322). Speziell auf die Verben geht Ruß-Mohl ein. Sie sollen dem Leser das Geschehen veranschaulichen (1991: 119 f.). Damit könne der Journalist einer oft vorherrschenden - und auch durch die im Ressort häufig vorkommenden Zahlen - Anonymisierung entgegenwirken. Zudem weisen Heinrich und Moss darauf hin, dass die stattdessen häufig verwendeten Substantivierungen („A äußert Kritik an B“, anstatt „A kritisiert B“) leicht den Eindruck einer bürokratischen Sprache vermitteln (vgl. 2006: 50).
Sätze: zu bürokratisch und komplex
Doch nicht nur einzelne Worte können Texte bürokratisch erscheinen lassen. Auch der Passivstil bewirkt dies. Fast unisono empfehlen deshalb Fachautoren den aktiven Stil, also nicht „xy ist geplant“, sondern „z plant xy“. Dies führe zudem zu einer stärkeren Personalisierung (vgl. Heinrich/Moss 2006: 50 und 66; auch Mast 2003: 81).
Heinrich und Moss fordern Journalisten - auch wenn es banal klingen mag - überdies dazu auf, Sätze kurz und nach dem eigentlich üblichen Muster Subjekt-Prädikat-Objekt aufzubauen (ebd.:
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Julia Schweizer, 2009, Subprime, Hypotheken und faule Kredite – Alles klar?! , München, GRIN Verlag GmbH
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