Inhaltsverzeichnis.
1. Einleitung. 1
2. Zur Methodologie dieser Arbeit. 4
3. Zum Verständnis des zentralen Begriffs dieser Arbeit:
Migrationshintergrund ’ 5
3.1 Definitorische Abgrenzung. 6
3.2 Einteilung nach dem Migrationsstatus. 8
3.3 Problematik des Begriffes. 11
3.4 Fazit. 12
Exkurs : Die Geschichte der Gastarbeiter’ - Zuwanderung nach Deutschland
gestern und heute. 13
4. Zur sozialen Benachteiligung. 19
4.1 Migrationshintergrund als Stigma. 19
4.1.1 Wenn Stigmatisierte und Normale’ in Interaktion treten. 20
4.1.2 Funktionen von und Umgang mit Stigmatisierung. 21
4.1.3 Fazit. 23
4.2 Institutionelle Diskriminierung. 23
4.3 Perfekte Deutschkenntnisse. 26
4.4 Die Ökologie der menschlichen Entwicklung nach Bronfenbrenner. 28
4.4.1 Einfluss der Umweltsysteme auf den Schulerfolg. 31
4.4.2 Das Mikrosystem Schule. 32
4.5 Fazit. 34
5. Zur Be(nach)teiligung im Bildungssystem. 35
5.1 Terminus Bildungsbeteiligung. 35
5.2 Termini Schulerfolg und Schulversagen. 36
5.3 aktuelle Datenlage. 39
5.4 Der Relative-Risiko-Index als Instrument für die Bestimmung der
Bildungsbeteiligung. 48
5.4.1 Der RRI als Instrument. 48
5.4.2 Analyse des RRI. 50
5.4.3 Bedeutung des RRI. 56
5.4.3.1 Gründe für die hohe Förderschulquote Sachsen-Anhalts und
Ma ßnahmen für eine positive Entwicklung. 56
I
5.4.3.2 Gründe für die erhebliche Überrepräsentation von Schülern mit
Migrationshintergrund an Förderschulen und Maßnahmen für eine
positive Entwicklung. 59
5.4.4 Fazit. 61
6. Schnittstellen im Bildungsweg - schulische Selektion an den
Bildungs übergängen. 63
6.1 Schulische Selektion beim Schuleintritt. 63
6.2 Schulische Selektion beim Übergang in die Sekundarschule. 66
6.3 Schulische Selektion durch Überweisung an die Förderschule. 67
6.4 Fazit. 68
7. Präventions- und Interventionsmaßnahmen - Folgerung für Bildung und
Bildungspolitik. 70
7.1 Einfluss der PISA-Studien. 70
7.2 Forderungen der GEW. 71
7.3 Nationaler Integrationsplan. 72
7.4 Der Index für Inklusion’ 74
7.5 Fazit. 76
8. Resümee. 79
Literaturverzeichnis. 83
II
Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen.
Abbildungen :
Abbildung 1: Migrationshintergrund der Bevölkerung. 7
Abbildung 2: Das Mehrebenenmodell nach BRONFENBRENNER 30
Abbildung 3: Bevölkerung mit Migrationshintergrund. 41
Abbildung 4: Alterstruktur der Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund. 43
Abbildung 5: Regionale Verteilung der ausländischen Bevölkerung in Deutschland
2007. 44
Abbildung 6: Struktur des öffentlichen Gesamthaushalts 2005. 45
Abbildung 7: 18- bis unter 25- Jährige ohne Schulabschluss. 47
Abbildung 8: Von Jugendlichen aus Migrantenfamilien und von Jugendlichen aus
deutschen Familien in der Sekundarstufe erworbene Bildungsabschlüsse. 47
Abbildung 9: Förderschulquote in exemplarisch ausgewählten Bundesländern. 51
Abbildung 10: Entwicklung des Anteils deutscher und ausländischer Schüler. 52
Abbildung 11: Entwicklung der absoluten Schülerzahlen von Schülern mit
Migrationshintergrund an Förderschulen in Sachsen-Anhalt und das relative Risiko,
eine solche Schule zu besuchen. 53
Abbildung 12: Gegenüberstellung des Relativen Risikos für Kinder mit
Migrationshintergrund , eine Sonderschule zu besuchen. 54
Abbildung 13: Besuch von vorschulischen Betreuungseinrichtungen. 65
Abbildung 14: Entwicklung der Bildungsbeteiligungsquote an Hauptschulen. 66
Tabellen :
Tabelle 1: Berechnung des RRI am Beispiel des Repräsentationsverhältnisses
ausl ändischer zu deutschen Schülern im Schuljahr 2005/06 in Sachsen-Anhalt. 49
Tabelle 2: Relativer-Risiko-Index nach Schulformen und Bundesländern im
Schuljahr 2003/04. 55
Tabelle 3: Integrationsquote der Bundesländer. 56
Tabelle 4: Entwicklung des gemeinsamen Unterrichts in Sachsen-Anhalt. 59
III
Verzeichnis der Abkürzungen.
Bundesländer:
BB - Brandenburg
BW - Baden-Württemberg BY - Bayern HE - Hessen HH - Hamburg MV - Mecklenburg-Vorpommern NI - Niedersachsen NW - Nordrhein-Westfalen RP - Rheinland-Pfalz SH - Schleswig-Holstein SL - Saarland SN - Sachsen ST - Sachsen-Anhalt TH - Thüringen
Andere:
BLK - Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung DGfG - Deutsche Gesellschaft für Geographie GEW - Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft KMK - Kultusministerkonferenz der Länder NIP - Nationaler Integrationsplan
OECD - Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung PISA - Program for International Student Assessment RRI - Relativer-Risiko-Index
IV
1. Einleitung.
Obwohl der Anteil der ausländischen Schülerinnen und Schüler 1 an der Gesamtschülerschaft nur etwa 10 Prozent bemisst, variiert ihr Anteil in den jeweiligen Bundesländern erheblich. Zahlen des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2008 weisen ein differentes Bild aus: Während die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen eine bemessen an der Gesamtbevölkerung hohe Ausländerquote (ca. 14%) verzeichnen, wird diese Quote in den ostdeutschen Ländern lediglich auf kleiner als drei Prozent beziffert (STATISTISCHES BUNDESAMT 2008). Unterschiede gibt es ebenfalls innerhalb der einzelnen Flächenländer, vor allem im Vergleich ländlicher Regionen mit urbanen Räumen sowie innerhalb großer Städte bezüglich der jeweiligen Stadtwohngebiete. Zudem variiert die Ausländerquote an den jeweiligen Schularten. Beispielsweise beläuft sich der Ausländeranteil an den Hauptschulen des Bundeslandes Baden-Württemberg im Schuljahr 2007/08 auf knapp 25%, an Gymnasien auf lediglich 4,4%. An Förderschulen mit Förderschwerpunkt Lernen sind es gar 38% (vgl. ebd.)! Dieses unrühmliche Beispiel verdeutlicht die Brisanz der Thematik. Es zeigt exemplarisch, dass ausländische Schüler an Hauptschulen und an Schulen für Lernbehinderte erheblich überrepräsentiert sind.
Ausgehend von der Frage, inwiefern Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund im Bildungssystem der Bundesrepublik Deutschland beteiligt bzw. benachteiligt werden, soll in der Arbeit der Zusammenhang zum Schulerfolg und der Bildungsbeteiligung ebendieser Schüler betrachtet werden. Zu untersuchen ist, ob das weit verbreitete Vorurteil, ‚Kinder mit Migrationshintergrund seien schlecht in der Schule’, statistisch belegt werden kann oder zu widerlegen ist.
Zuvor wird nach obiger Vorstellung der Problematik im dritten Kapitel zur Verständigung über den Betrachtungsrahmen eine Bestimmung des relevanten Begriffs ‚Migrationshintergrund’ vorgenommen. Seine Komplexität soll auf die für
1 Um dem Anspruch einer gleichberechtigten, emanzipatorischen Schreibweise gerecht zu werden,
ohne die Lesbarkeit der Arbeit zu beeinträchtigen, habe ich mich entschieden, Personen und Gruppen,
die einen allgemeinen oder generellen Standpunkt darstellen, der von jedermann eingenommen
werden kann, in der männlichen Form zu bezeichnen, welche aber die jeweils weibliche Form
ausdrücklich mit einschließt (generisches Maskulinum).
1
die Arbeit wesentlichen Aspekte hin geprüft und reduziert werden, so dass der weitere Gebrauch des Terminus möglichst einheitlich erfolgen kann und keine Definitionslücken ausweist. Hierzu soll eine definitorische Abgrenzung und ein Versuch der Kategorisierung erfolgen.
Als Grundlage für die folgenden Überlegungen dient ein Exkurs, der die Historie von Migrationsbewegungen nach Deutschland vorstellt. Er untersucht die Epochen seit der Gründung des deutschen Kaiserreichs bis zur rezenten Gegenwart. Der Exkurs soll Ursachen und Zusammenhänge aufspüren, warum es immer wieder zu Immigration kam, wie diese initiiert wurde und inwiefern Diskriminierungen - früher wie heute - nachzuweisen sind.
Das vierte Kapitel betrachtet soziale Be(nach)teiligung aus unterschiedlichen Perspektiven. Unter Nutzung verschiedener Theorien soll gezeigt werden, dass sich dem Thema auf verschiedene Art und Weise genähert werden kann. Individuumszentrierte Ansätze stehen parallel neben systemisch-institutionellen und finden gegenwärtig in Theorie und Praxis nicht nur Vertreter, sondern auch Anwendung. Im fünften Kapitel soll nach Klärung der Begriffe ‚Bildungsbeteiligung’ und ‚Schulerfolg’ anhand aktueller statistischer Daten ausgewertet werden, inwiefern eine Bildungsbenachteiligung nachgewiesen werden kann. Der Relative-Risiko-Index nach KORNMANN fungiert als zentrales Instrument, um das Repräsentationsverhältnis der Schüler mit Migrationshintergrund wiederzuspiegeln und so deren Bildungsbeteiligungssituation zu bewerten. In dieser Hinsicht wird der Förderschule für Lernbehinderte besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Dies wird differenziert auf Bundes- wie auch exemplarisch auf Landesebene erfolgen. Anschließend werden Schnittstellen im Bildungsweg auf diskriminierende Elemente hin untersucht. Schulische Selektionsmechanismen beim Schuleintritt und beim Übergang auf weiterführende Schulen sollen beleuchtet werden. Das siebte Kapitel zeigt schließlich auf, welche Ansätze Politik und Gesellschaft gegen Diskriminierung im Bildungssystem und für Integration von Migranten verfolgt. Diese unterliegen dem Einfluss vielfältiger Konzepte, Interessengruppen, Studien oder Veröffentlichungen. Einige davon, deren Einfluss allgemein als erheblich und förderlich angesehen werden kann, werden angerissen.
2
In dieser Arbeit soll nicht grundlegend davon ausgegangen werden, dass ausländische Mitmenschen im deutschen Bildungssystem per se benachteiligt oder gar ausgeschlossen würden. Vielmehr soll aufgezeigt werden, in welchen Bildungsbereichen und -orten eine potentielle Gefährdung durch Benachteiligung besteht. Beispiele gelungener Integration existieren. Wünschenswert für jeden einzelnen Betroffenen sowie für die Gesellschaft ist, dass es nicht nur bei wenigen oder vereinzelten Beispielen bliebe.
Im Überblick über die Kapitel wird bereits deutlich, was eine Schwierigkeit dieser Arbeit ausmacht: der Fokus kann sehr weit gespannt werden: Geschichte, Recht, Ethik, Pädagogik, Soziologie, Politik, Demographie - diese und eine Reihe weiterer Wissenschaften befassen sich mit der Thematik. Die Folge dieser breiten Betrachtung ist im Grunde eine unendliche Vergrößerung der Komplexität. Diese Arbeit kann als Anstoß verstanden werden, sich diesem Kontext immer wieder und mehrperspektivisch zu nähern, um den gesellschaftlichen Prozess zu reflektieren und in die öffentliche Debatte einzubringen.
3
2. Zur Methodologie dieser Arbeit.
‚Die aktuelle Bildungsbeteiligungssituation und der Schulerfolg von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem’ ist Thema der vorliegenden Arbeit. Um jene Bildungsbeteiligung der Schüler mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem darzustellen, ist es möglich, sich verschiedener Herangehensweisen zu bedienen. Für diese Arbeit wurde das Auswerten statistischer Daten favorisiert. Da solche bereits in gutem Umfang vorliegen und öffentlich zugänglich sind, ist es nicht notwendig, eine Datenerhebung und -erfassung durchzuführen, sondern lediglich eine Darstellung, Analyse und Interpretation ebensolcher in Bezug zur obigen Fragestellung. Die dominante Methode dieser Arbeit wird also die Sekundäranalyse von demographisch-statistischem Material sein. Dies hat den Vorteil, dass wie genannt zum einen keine aufwändigen Erhebungen durchgeführt werden müssen, zum anderen dadurch ein Vergleich von Daten verschiedener Zeiträume möglich ist, um Aussagen zum sozialen Wandel (bspw. Trendanalysen) vornehmen zu können. Zugleich muss darauf hingewiesen werden, dass durch die genannte Methode der statistischen Auswertung die Hypothesenprüfung von der Qualität des vorgefundenen Materials (also der Qualität der Primäranalyse, v.a. der Methode und der übereinstimmenden Definitionen relevanter Termini) abhängt. Dieses Material ist ein Abbild sozialer Wirklichkeit; auszuschließen sind demnach objektive Ergebnisse. Es werden gesellschaftsbezogene Aussagen zur Bedeutung dieses Datenmaterials getroffen, die im Effekt intersubjektiv überprüfbar sein sollen: „Soziale Wirklichkeiten [...] verweisen nicht auf eine naturhaft-objektive, sondern auf eine gesellschaftlich intersubjektive Welt, die symbolisch vermittelt und kommunikativ bedingt ist und von den Handelnden unter kognitiven, expressiven und normativen Gesichtspunkten aktiv hergestellt wird. Ihr Realitätsgehalt ist dementsprechend nicht subjektunabhängig […]“ (BONß 1982, zitiert in: LAMNEK 2005, S.548), denn neben der Interpretation von Quellen ist schon die Auswahl derselbigen sehr subjektiv und von der eigenen Fragestellung sowie von der eigenen Ideologie abhängig. Unter der Annahme, dass die Wahrheit vom Blickwinkel abhinge und dass sich mit (natur-) wissenschaftlichen Methoden alle sinnvollen Fragen beantworten ließen, soll dieser Arbeit eine wissenschaftlich-realistische Position zugrunde liegen.
4
3. Zum Verständnis des zentralen Begriffs dieser Arbeit:
‚Migrationshintergrund’.
Anliegen dieses Kapitels ist es, einleitend die Komplexität des zentralen Begriffs des Themas ‚Migrationshintergrund’, darzustellen und einen Überblick über dessen Gebrauch im Rahmen dieser Arbeit zu geben.
Wenn die Bildungsbeteiligung und der Schulerfolg von Kindern bzw. Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund betrachtet werden soll, muss zunächst geklärt werden, wie sich die Gruppe dieser Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund in Deutschland zusammensetzt. Die Beschränkung auf ‚ausländische Kinder’, also Kinder nicht-deutscher Staatsbürgerschaft oder einfacher gesagt - Kinder ohne deutschen Pass, wie sie bis weit in die 1990er Jahre hinein üblich war (vgl. GOLZ 1996), ist aus heutiger Perspektive weder fachwissenschaftlich sinnvoll noch zeitgemäß oder politisch korrekt: Die Kinder der Gastarbeiter der 1960er und 70er Jahre haben sich in zweiter oder dritter Generation in Deutschland und der deutschen Kultur ‚eingelebt’. Aussiedler mit deutscher Staatsbürgerschaft aber häufig geringen deutschen Sprach-und Kulturkenntnissen sind nach 1989 zahlreich remigriert und seit dem 01.01.2000 erhalten in Deutschland von ausländischen Eltern Geborene unter bestimmten Voraussetzungen die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Einflüsse anderer (nichtdeutscher) Kulturen auf die individuellen Lebensbedingungen von Kindern sind somit nicht mehr vorrangig an der Nationalität festzumachen. Da eine früher oder später stattgefundene Zuwanderung nach Deutschland als charakteristisches Merkmal für Menschen, deren Leben durch eine weitere Kultur beeinflusst ist, angenommen werden kann, ist inzwischen der Terminus „Personen mit Migrationshintergrund“ (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006) üblich.
Der Gebrauch und das Verständnis ebendieses Terminus in der öffentlich-politischen sowie in fachwissenschaftlicher Diskussion ist jedoch uneinheitlich (vgl. DIEFENBACH 2008, 19). Oft sind nur die ‚Ausländerkinder’ von Zuwanderern, Asylsuchenden und Flüchtlingen damit gemeint (vgl. SEITZ 2006, S.14), andere
5
Autoren bezeichnen auch die Nachkommen der sogenannten Gastarbeiter als Migrantenkinder (vgl. KECK ET AL. 2004, S.309).
Da zur statistischen Beschreibung, beispielsweise der Bildungsbeteiligung oder der Schulleistungen (bspw. PISA), die Gruppe von Personen, die durch Zuwanderung beeinflusst wurde oder wird, eingegrenzt sein muss, ist eine genaue Bestimmung und Abgrenzung der jeweiligen Gruppen voneinander notwendig. In den vielfältigen Quellen, die zum Thema Daten liefern, werden zum Teil erheblich voneinander abweichende Termini benutzt. Zumeist werden Aussagen mittels querschnittlicher Daten gemacht, in denen einzig das Staatsangehörigkeitskriterium berücksichtigt ist. Die folgenden Teilkapitel sollen den Terminus ‚Migrationshintergrund’ für diese Arbeit definieren.
3.1 Definitorische Abgrenzung.
Die amtliche deutsche Statistik befindet sich erst seit 2005 „auf dem Weg zu einer definitorischen Abgrenzung“ (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S.39). Zur statistischen Auswertung von Bevölkerungsdaten werden seitdem als „Menschen mit Migrationshintergrund […] alle seit 1949 Zugewanderten und ihre Nachkommen“, also alle „[…] Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenem Elternteil“ (ebd., S.6) erfasst. Die daraus resultierende Heterogenität der Gruppe zeigt Abbildung 1, ohne den Versuch, die Herkunftsnationen zu benennen.
6
Abbildung 1: Migrationshintergrund der Bevölkerung.
Quelle: STATISTISCHES BUNDESAMT: Statistisches Jahrbuch 2008
Die Anzahl der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund muss folglich die Zahl der ausländischen Schüler weit übersteigen. Entsprechend obiger Definition lebten 2005 in Deutschland etwa acht Millionen Deutsche mit Migrationshintergrund und sieben Millionen Ausländer mit Migrationshintergrund. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung von ca. 19% (linkes Diagram in Abbildung 1) zeigt, dass es sich bei Kindern dieser Bevölkerungsgruppe zunehmend um eine pädagogisch wie schulpolitisch relevante Gruppe handelt (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2008, S.76). Da die amtliche Statistik zumeist nur in deutsche und ausländische Schüler unterscheidet, besteht oft nicht oder nur unzureichend die Möglichkeit, Migranten, die die deutsche Staatsangehörigkeit haben oder Migranten ohne deutsche Staatsangehörigkeit, die ihre gesamte Bildungslaufbahn im deutschen Bildungssystem absolviert haben und gar hier geboren und sozialisiert wurden, zu identifizieren. Trotzdem sei es „korrekt zu sagen, dass die amtlichen Bildungsstatistiken die größtmögliche Annährung an eine Vollerhebung der deutschen und ausländischen Schüler an Schulen des deutschen Bildungssystems darstellen“ (DIEFENBACH 2008, S.23). Die erhobenen Daten der amtlichen Statistiken sind für deskriptive Zwecke gut geeignet, können aber die komplexe Situation von Personen mit Migrationshintergrund nicht widerspiegeln, da sie keine Informationen über dafür notwendige Parameter, wie bspw. den familiären Hintergrund, bereithalten (vgl. ebd.).
7
3.2 Einteilung nach dem Migrationsstatus.
Wie obige Ausführungen zeigen, sind die „Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund“ eine sehr heterogene Gruppe, deren individuelle Erfahrungen und Sozialisationsbedingungen kaum vergleichbar sind.
Ihnen gemeinsam ist eine Migration (lat. Wanderung), die mit einem „permanenten oder temporären Wohnsitzwechsel aus einer administrativen Einheit an einen anderen, oft weit entfernten Wohnort“ (SZÖNYI 2006, S.106), zumeist über Staatsgrenzen hinweg, in diesem Falle einer Zuwanderung aus dem Ausland nach Deutschland, verbunden ist. Es ist davon auszugehen, dass diese Wanderungen im Zusammenhang mit einem Wandel des soziokulturellen Umfeldes stehen (vgl. DIEFENBACH 2008, S.20), so dass diese Kinder multikulturell aufwachsen. Inwiefern dies auf alle Schüler mit Migrationshintergrund zutreffend ist, entscheidet die Frage nach dem Zeitpunkt der Einwanderung der Familie, der die Bedeutung der neuen Sprache und der fremden Kultur beeinflusst. DIEFENBACH erörtert die Verwendung der Begriffe ‚Migrantenkinder 1. und 2. Ordnung’, für Kinder, die selbst nach Deutschland immigrierten (1. Ordnung) und Kinder von ausländischen Eltern, die in Deutschland geboren wurden (2. Ordnung). Da diese Einteilung jedoch unzureichend sei und es „keineswegs triviale“ Definitionslücken gebe, sei eine differenziertere Einteilung notwendig (vgl. DIEFENBACH 2008, S.21). In den Publikationen des Statistischen Bundesamtes wird zudem eine weitere Unterscheidung vorgenommen, die in dieser Arbeit weiter verfolgt werden soll, allerdings wird diese ausschließlich für statistische Zwecke geführt. Bei den Personen mit Migrationshintergrund wird zwischen Personen mit
Migrationshintergrund im engeren Sinne (Zugewanderte und in Deutschland geborene Ausländer/-innen) unterschieden und jenen mit Migrationshintergrund im weiteren Sinne (hier sei der Migrationsstatus nicht durchgehend bestimmbar, da bei bestimmten Deutschen der Migrationshintergrund nur aus Eigenschaften der Eltern erkennbar ist). Diese Unterscheidung sei erforderlich, „da nur für die Personen mit Migrationshintergrund im engeren Sinne für jedes Berichtsjahr Daten vorliegen werden, während bei der anderen Personengruppe ein Nachweis nur im Vierjahresrhythmus möglich ist“ (Statistisches Jahrbuch 2008, S.63).
8
Für die vorliegende Arbeit sollen folgende Gruppen unterschieden werden (nach SCHÖPS 2009, verändert):
Personen mit Migrationshintergrund im engeren Sinne:
a) Personen mit eigenen Migrationserfahrungen.
Hierzu gehören Personen nichtdeutscher Staatsbürgerschaft, die im Ausland geboren und selbst nach Deutschland immigriert sind (Ausländer der ersten Generation, bspw. Gastarbeiter) sowie zugewanderte Deutsche, also Kinder zurückkehrender Aussiedler (z. B. Russlanddeutsche). Während die ausländischen Personen schon in den 60er Jahren statistisch erfasst wurden, war bisher die Berücksichtigung von Spätaussiedlern aufgrund ihrer deutschen Staatbürgerschaft nicht möglich (vgl. SEITZ 2006, S.13).
b) Personen, deren Eltern beide im Ausland geboren sind.
Die Gruppe umfasst in Deutschland geborene Kinder immigrierter Elternpaare, die in der Regel eine deutsche Staatsbürgerschaft haben (also Kinder von Eingebürgerten oder Spätaussiedlern und Kinder, die bei der Geburt die deutsche Staatsbürgerschaft ius soli erhalten haben) oder Ausländer der zweiten und dritten Generation, also Kinder ausländischer Eltern, die vor dem 01.01.2000 in Deutschland geboren sind (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S.76). Gewöhnlich werden sie als ‚zweite Generation’ bezeichnet, obgleich dieser Terminus nicht immer eindeutig und daher diskutabel sei (vgl. DIEFENBACH 2008, 21; AUERNHEIMER 1995, S.23). Personen dieser Kategorie haben selbst keine Migrationserfahrungen gemacht.
Personen mit Migrationshintergrund im weiteren Sinne:
c) Personen mit einem im Ausland geborenen Elternteil.
Bei Migrantenkindern der ‚zweiten Generation’ ist weiterhin zu unterscheiden, ob nur ein Elternteil oder beide Eltern im Ausland geboren sind. Diese getrennte Betrachtung wird in Studien wie beispielsweise PISA vorgenommen und zeigt teilweise deutliche Unterschiede in der Schulsituation auf. Die Kinder, die aus einer binationalen Familie mit nur einem Elternteil ausländischer Herkunft stammen, werden auch als „Kinder mit einseitigem Migrationshintergrund“ oder „Kinder aus
9
Mischehen“ bezeichnet. In Deutschland seien ca. 17% der Ehen binational (DIEFENBACH 2008, S.21).
d) Personen der dritten Generation.
Personen der sogenannten ‚dritten Generation’ sind Personen, deren Migrationsbezug bei den Großeltern oder Urgroßeltern liegt, so dass nur noch von geringen Einflüssen auf ihr Leben auszugehen ist (vgl. REICH 2005, S.126). Bei dieser Gruppe kann von einem Migrationshintergrund im weiteren Sinne (vgl. Statistisches Jahrbuch 2008) ausgegangen werden, deshalb hat sie kaum Relevanz für die anstehenden Betrachtungen.
e) Irreguläre Migranten.
Als irreguläre Migranten werden Personen bezeichnet, die gesetzeswidrig in ein fremdes Land einreisen oder sich dort unerlaubt aufhalten. Statistisch genaue Zahlen liegen für diese Gruppe der Migranten nicht vor, doch gibt es Schätzungen internationaler Organisationen (UNO), die von einer Anzahl von 600.000 bis zu einer Million Menschen ausgehen, die sich in Deutschland illegal aufhalten. Jedoch entsteht diese Illegalität nicht nur durch unerlaubte Zuwanderung von Personen ohne oder mit gefälschten Identitätsdokumenten, also beispielsweise durch Menschenschmuggel, sondern auch durch Einreisende mit Touristenvisum, die jedoch nach dessen Ablauf nicht wieder ausreisen. Die kulturelle oder ethnische Zusammensetzung betreffend, ist von einer ebenso heterogen zusammengesetzten Gruppe auszugehen, wie bei den zuvor beschriebenen. Aussagen zum Migrationsstatus können nur bedingt getroffen werden (vgl. BARINGHORST 2006). Inwiefern diese Gruppe für die vorliegende Arbeit relevant ist, kann aufgrund der Datenlage nicht weiter verfolgt werden und hätte spekulativen Charakter, sodass sie hier nur der Vollständigkeit halber genannt sei.
Aufgrund der beschriebenen Problematik bei der Datenerfassung, weisen die Erhebungen der Kultusministerkonferenz (KMK) 2 und die amtliche Schulstatistik der Bundesländer nur ausländische Schüler ( a) aus (vgl. Statistisches Jahrbuch 2008).
2 Der Titel der regelmäßigen Veröffentlichung lautet: „Bildung in Deutschland“, in den Medien oft
verkürzend ‚Bildungsbericht’ genannt. Herausgeber ist das Bundesministerium für Bildung und
Forschung.
10
Ihr Anteil liegt bei knapp 10% an den allgemeinbildenden Schulen. Die PISA-Ergebnisse belegen aber, dass ca. 20% der jungen Schülerschaft einen Migrationshintergrund aufweisen (PISA-KONSORTIUM DEUTSCHLAND 2006). Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hat ca. jede vierte Familie mit minderjährigen Kindern einen Migrationhintergrund. Im Jahr 2005 wuchsen von den vier Millionen Kindern dieser Familien 1,5 Millionen mit einseitigem Migrationshintergrund auf (vgl. Statistisches Jahrbuch 2006, S. 76). Ist im Folgenden die Rede von Schülern mit Migrationshintergrund in Abgrenzung zu deutschen Schülern, so ist darunter nicht deutsch im Sinne der Staatsangehörigkeit oder der kulturellen Zugehörigkeit, sondern das Fehlen eines
Migrationshintergrundes zu verstehen.
3.3 Problematik des Begriffes.
In der fachwissenschaftlichen Debatte wird im Zuge der Diskussion der Situation von Kindern mit Migrationshintergrund auch die Begriffsverwendung immer wieder problematisiert. Durch Weiterentwicklung der Gesellschaft können Begriffe ihre Gültigkeit verändern oder gar verlieren, Bezeichnungen mit negativen Konnotationen besetzt sein.
So bemängeln DIEHM/RADTKE, dass die (lange verwendete und früher zutreffende) Bezeichnung ‚Ausländer’ (im Sinne aller zuvor kategorisierter Gruppen) ausgrenzend und für Menschen, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben und hier ‚heimisch’ geworden sind, nicht zutreffend sei (vgl. 1999, S. 8). DIEFENBACH kritisiert den Generationenbegriff und bezeichnet Kinder, die selbst zugewandert sind ( a) als Migrantenkinder, Kinder der zweiten Generation ( b) als Kinder mit Migrationshintergrund und andere ( d) als Kinder aus Migrantenfamilien (vgl. 2008, S. 21). Terminologische Schwierigkeiten sieht auch AUERNHEIMER. Er favorisiert in seinem Kapitel ‚Über korrekte Sprache’ die Bezeichnung ‚Immigrantenkinder’, auch sei in Anlehnung an MECHERIL/THEO (1994) „die Zugehörigkeit der Bürger anderer Herkunft mit sprachlichen Neuschöpfungen wie ‚Neu-Deutsche’ oder ‚Andere Deutsche’ […] im öffentlichen Bewusstsein zu verankern“ (AUERNHEIMER 2003, S. 21f, Hervorhebung im Original).
11
POWELL/WAGNER nutzen die Bezeichnung ‚Jugendliche nichtdeutscher Herkunft’ (2002).
Folgend werden die Bezeichnungen Kinder „mit Migrationshintergrund“ oder auch „Migrantenkinder“ für Kinder aus reinen Zuwandererfamilien, also mit Migrationshintergrund im engeren Sinne verwandt. Sie sind Migranten der ‚ersten Generation’ und haben eigene Migrationserfahrungen ( a) gemacht, d.h. sie selbst sind allein oder mit ihrer Familie nach Deutschland eingewandert. Zur zweiten Migrantengeneration zählen Kinder und Jugendliche, die im Einwanderungsland geboren sind ( b).
Da die Datenlage der Statistischen Jahrbücher, auf die sich die Berechnungen im Kapitel 5.4 stützen, sich weitgehend auf die Kategorien a und b beschränkt, können bspw. Kinder aus Mischehen (ein deutsches, ein ausländisches Elternteil, c) nicht weiter in Betracht gezogen werden, auch wenn sie, die Bildungsbeteiligung und den Schulerfolg betreffend, eine relevante Gruppe darstellt und auch renommierte, öffentlichkeitswirksame Studien (PISA) ebendiese Gruppe gesondert analysieren. Wie bereits erwähnt, fallen auch Kinder mit ‚Migrationshintergrund im weiteren Sinne’ aus dem Raster der Datenerhebung und werden hier nicht weiter beleuchtet. In Ermangelung der Datenlagen muss demnach häufig auf die Kategorie ‚ausländisch’ zurückgegriffen werden, da alle Zugewanderten, die aus unterschiedlichsten Gründen die deutsche Staatsbürgerschaft innehaben, in den entsprechenden Statistiken ‚unsichtbar’ werden.
3.4 Fazit.
Im diesem Kapitel wurde gezeigt, dass bei der Gruppe ‚Kinder mit Migrationshintergrund’ nicht von gleichen oder nur annähernd ähnlichen Lebenssituationen ausgegangen werden kann. Beide Begriffe vereinen im gängigen Verständnis so unterschiedliche Personengruppen, dass eine nähere Analyse der Bildungssituation und der Einflüsse sprachlicher Sozialisationsbedingungen einer differenzierteren Abgrenzung bedarf.
12
Exkurs: Die Geschichte der ‚Gastarbeiter’ - Zuwanderung nach
Deutschland gestern und heute.
Die Geschichte Deutschlands ist seit Jahrzehnten von Wanderungsbewegungen geprägt. Deutsche gingen als Zwangs-, Wohlstands-, Heirats- oder auch Kulturwanderer, vor allem aber als Arbeitswanderer 3 ins Ausland, ebenso wie Ausländer nach Deutschland kamen. Staatliche Migrationssteuerung und -verwaltung hat neben sozioökonomischen Gründen im gesamten europäischen Raum erheblichen Einfluss auf Migrationsformen und -prozesse. Während die Emigrationsströmungen in dieser Arbeit weitgehend unbeachtet bleiben sollen, liegt das Hauptaugenmerk auf Immigrationsprozessen. Es soll gezeigt werden, wo hierfür die historischen Wurzeln zu suchen sind und welche Bedeutung diese in der Gegenwart innehaben.
Von der deutschen Reichsgründung bis zur Besatzungszeit.
Schon zu Zeiten des deutschen Kaiserreichs, ab 1871, wuchs der Bedarf an Arbeitskräften in Deutschland immens. Der Übergang von einem vorwiegend agrarisch geprägten Land zu einem modernen Industrieland brachte in seinen Phasen, vor allem der Hochindustrialisierung, sich verändernde ökonomische und soziale Strukturen mit sich. Die expandierende Industrie, besonders die Schwerindustrie aber auch der Bergbau, benötigte bedeutend mehr Arbeitskräfte als durch Binnenwanderung und natürlichem Bevölkerungszuwachs geboten war. Daraus ergab sich ein Mangel an Arbeitskräften und in dessen Folge Verschiebungen auf dem Arbeitsmarkt, was zugleich Abwanderung aus der Landwirtschaft und Zuwanderung in die Industrie bedeutete und damit zu fortschreitender Entwicklung der großen städtisch-industriellen Ballungsräume führte. Der relativ hohe Urbanisierungsgrad Deutschlands ermöglichte wiederum das industrielle Wachstum durch gestiegene Nachfrage, zum Beispiel nach Wohnraum oder Konsumgütern. In den angrenzenden Gebieten und Regionen, die eine geringere Wirtschaftsleistung aufwiesen, kam es nun zu Wanderungserscheinungen nach Deutschland, in der Hoffnung, in der florierenden deutschen Wirtschaft eine Arbeitsstelle zu bekommen. Die Konzerne beschäftigten schon in den ersten Jahren des neuen (zwanzigsten) Jahrhunderts geschätzte 1,2 Millionen ‚ausländische Wanderarbeiter’, vor allem polnische. In den Folgejahren, die durch den ersten Weltkrieg und seine Auswirkungen geprägt waren, wurden mehr und mehr
3 An dieser Stelle sei zwischen freiwilliger Wanderung und Zwangsmigration zu unterschieden.
13
Arbeit zitieren:
Vincent Große, 2010, Die aktuelle Bildungsbeteiligungssituation und der Schulerfolg von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem, München, GRIN Verlag GmbH
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