Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 3
2 Armut und Leiden im Mittelalter. 5
2.1 Leersein und Armut der Seele - Das Armutsideal des Meister Eckhart 6
2.2 Das Armutsideal Eckharts und der Buddhismus - Gemeinsamkeiten 9
3 Die mystische Bewegung - Was ist Mystik? 10
3.1 Ein kurzer Einblick in die Frauenmystik des 13. bis 16. Jahrhunderts. 11
4 Ausblick 13
5 Quellenangabe 14
2
1 Einleitung
„Armut ist […] eine ‚zeitlose‘ Tatsache, [sie] gehört zur Menschheitsgeschichte und hat selber eine Geschichte. Armut […] hat in allen philosophischen und religiösen Traditionen, Theorien und deren Geschichte einen wesentlichen Stellenwert […].“ 1
„Wer wenig besitzt ist von wenig abhängig“ lautet ein auch heutzutage noch gängiges und gern gebrauchtes Sprichwort. Es spielt darauf an, dass ein Mensch, der wenig besitzt, auch nur wenig verlieren kann, und dadurch innerlich - seelisch - unabhängiger ist als ein Mensch, der Gegenstände, Häuser oder Geld hortet und danach strebt, diese zu vermehren. Nur wer etwas besitzt, hat auch etwas zu verlieren, und fürchtet, dieser Fall könne eintreten, oder strebt danach, seinen Besitz noch zu vergröern. Das Sprichwort scheint damit völlig unserem modernen Ideal zu widersprechen, denn die Armut in unserer Gesellschaft in der heutigen Zeit gilt es zu überwinden. Nicht nur strebt der moderne Mensch danach, möglichst viel zu besitzen und seine Güter im Laufe seines Lebens zu vermehren, die Armut war und ist auch schon immer mit sozialer Ausgrenzung verbunden und bringt unvermeidlich Leiden mit sich. Das Sprichwort zeigt allerdings, dass der Gedanke der Besitzlosigkeit und damit der Armut eine lange Tradition in der Geschichte der Menschheit besitzt, und dass der Begriff der Armut nicht immer rein negativ besetzt war.
Allein schon die fragwürdige Praxis der Selbstgeielungen als Höhepunkt des selbstzugefügten Leidens zeigt, dass auch das Leiden als Tugend in der Geschichte der Menschheit seit dem Mittelalter immer präsent gewesen ist, wobei seine Bewertung sich im Laufe der Jahrhunderte drastisch verschoben und verändert hat. Da die moderne westliche Welt auf die grötmögliche Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und ein hohes Ma an Genuss ausgerichtet ist, gilt das Leiden heutzutage nicht mehr als Tugend, sondern als lästige Erscheinung von Krankheit und Alter, der es möglichst auszuweichen gilt. Möglich gemacht wird dies vor allem durch Erkenntnisse in der modernen Medizin und die Errungenschaften der industriellen Revolution, wodurch die Kirche und der Adel an Einfluss verloren, sodass nun Reichtum und Wohlstand gröeren Teilen der Bevölkerung zur Verfügung stehen. Gegen Kopf- oder Bauchweh nimmt der moderne Mensch sofort eine Schmerztablette ein, denn ein
1 Huster, Ernst-Ulrich; Boeckh, Jürgen; Mogge-Grotjahn, Hildegard: Handbuch Armut und soziale Ausgrenzung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008. S. 13.
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nicht einwandfrei funktionierender Körper verhindert die persönliche Entfaltung und ein erfülltes Leben im Hier und Jetzt. Der moderne Mensch tendiert dazu, an der Existenz des Jenseits und an der Möglichkeit eines Lebens nach dem Tod zu zweifeln. Daher versucht er, möglichst aus dem diesseitigen Leben das Meiste herauszuholen - dies funktioniert nur mit einem intakten Körper. ‚Carpe Diem‘ - nutze bzw. geniee den Tag, auch dieses alte Sprichwort hat heutzutage eine neue Bedeutung gewonnen. Im Barock mahnte es den gottesfürchtigen Menschen noch, im diesseitigen Leben gut zu sein um - einfach ausgedrückt
- in den ‚Himmel’ zu kommen und von Gott nicht bestraft zu werden, denn die Kehrseite der Medaille des ‚Carpe Diem‘ ist ‚Memento Mori‘ - bedenke dass du sterben musst. Heutzutage erinnert es den Menschen nur daran, dass er nie sicher wisse, ob nach dem Leben auf der Erde überhaupt noch etwas komme, daher versucht er - manchmal fast verzweifelt und krampfhaft
- das diesseitige Leben zu genieen. Im Mittelalter jedoch bestand ein fester Glaube an ein Leben nach dem Tode, an einen Himmel oder eine Hölle, und an einen Gott, eine höhere Kraft. Daher war das Hauptziel vieler Menschen nicht, das diesseitige Leben möglichst zu genieen, sondern möglichst ‚gut‘ zu sein und Gott zu gefallen, oder im Einklang mit ihm und seiner Schöpfung - der Natur - zu leben. Aus diesem Grund gingen sicherlich viele Männer und Frauen in Klöster, wo sie Mönche und Nonnen wurden und ein Leben nur für Gott lebten. Wer sich dessen bewusst ist kann vielleicht nachvollziehen, warum die Armut und das Leiden damals als Tugend galten und anzustreben waren. Armut und Leiden sind eng miteinander verbunden. Armut bringt unvermeidlich Leiden mit sich - der Mangel an Essen, der Mangel an Medizin, ja sogar schlicht und einfach der Mangel an einem warmen Schlafplatz verursachen Leiden. Die Besonderheit des Leidens als Tugend ist jedoch, dass die Mönche und Nonnen sich willentlich für ein Leben voller Leid und in Armut entschieden. Es sind also nicht das zufällige Leid und die zufällige Armut gemeint, die uns im Leben vielleicht einmal ereilen, sondern selbst erwähltes Leid und selbst erwählte Armut. Betont werden muss jedoch, dass sich das Ideal des Leidens im Laufe des Mittelalters jedoch schlielich wandelte, wodurch nun das Leid als tugendhaft galt, welches „den Menschen christusförmig“ machte, nämlich das „von Gott auferlegte Leid“ 2 , also in diesem Falle doch wieder das Leid, welches uns unfreiwillig ereilt. Schon an dieser Stelle wird deutlich, dass das Armutsideal und die Tugend des Leidens im Mittelalter stark umstritten waren, und immer wieder mit unterschiedlichen Vertretern ihre Form änderten. Ein Mann der das Armutsideal wohl an
2 Langer, Otto: Christliche Mystik im Mittelalter. Mystik und Rationalisierungsprozesse - Stationen eines
Konflikts. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2004. S. 373.
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seinen Höhepunkt trieb war Meister Eckhart, welcher sich schlielich für seine Lehre vor Gericht verantworten musste.
In dieser Arbeit soll die mystische Bewegung des Mittelalters, insbesondere die Tradition des Leidens und der Armut als Tugend in der Geschichte der Menschheit thematisiert werden. Besonders soll dabei auf das Armutsideal des Meister Eckhart und im folgenden auf die mystische Bewegung im Mittelalter eingegangen werden, im Verlaufe dessen der Buddhismus kurz mit Eckharts Armutsideal verglichen wird. Auerdem soll die Frage behandelt werden, wie sich die Bewertung des Leidens und der Armut im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat, und was dem modernen Menschen von der Mystik erhalten geblieben ist.
2 Armut und Leiden im Mittelalter
Im Mittelalter galten die Armut und das Leiden in den Klöstern und Orden als erstrebenswerte Tugend. Da jedoch die Kirche im Laufe der Jahrhunderte bis zum heutigen Tag an Einfluss verloren hat, haben auch Klöster und ihre Bewohner an Bedeutung eingebüt, da sich immer weniger Menschen dazu entschlieen, ein Leben mit und für Gott im Kloster zu leben. Ein Mensch der freiwillig in Armut lebt strebt nicht nach weltlichem, irdischem Glück, sondern nach Erfüllung im Jenseits, nach dem Tode, oder auch nach innerem Reichtum. Wer in seinem Leben möglichst freiwillig viel leidet oder sein unfreiwilliges Leiden schlichtweg akzeptiert, ähnelt dadurch Jesus und lebt ein Leben nach christlichem Ideal. Aber das Leiden und die Armut gelten nicht nur im Christentum als erstrebenswertes Ideal, auch im Hinduismus und Buddhismus existieren Bettelorden und eine lange Tradition des Bettelmönchtums. Ein Bettelorden definiert sich als eine Ordensgemeinschaft, deren Mitglieder den Regeln zufolge kein Eigentum besitzen sollen, sondern der Armut verschrieben sind. Gewöhnliche Klöster zuvor durften sehr wohl über Reichtum verfügen, nun aber sollte nicht nur auf persönlichen Besitz des einzelnen Mönchs verzichtet werden, sondern auch gemeinschaftlicher Besitz wurde abgelehnt. Dadurch wurde „das Betteln der Mönche zu einem wichtigen Bestandteil des Klosterlebens um das Überleben der Mönche zu sichern.“ 3 Mitglieder der Bettelorden lebten nun nicht mehr in Abgeschiedenheit, sondern lieen sich vor allem in städtischen Gebieten nieder, wo sie beträchtlichen Einfluss auf das religiöse Leben der aufstrebenden mittelalterlichen Städte gewannen. Im Folgenden soll nun jedoch genauer auf das Armutsideal und die seelische „Leere“ eingegangen werden, beziehungsweise was er von ihr lernen kann.
3 www.histohria.de
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Arbeit zitieren:
Viktoria Groepper, 2009, Armut und Leiden als Tugend?, München, GRIN Verlag GmbH
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