Inhaltsverzeichnis
3
1. Einleitung
5
2. Historische Entwicklung des französischen
Gewerkschaftssystems
9
3. Frankreichs Gewerkschaften
3.1 Die „repräsentativen“ Gewerkschaften 9
10
3.1.1 Confédération Générale du Travail
11
3.1.2 Confédération Générale du Travail - Force Ouvrière
13
3.1.3 Confédération Francaise Democratique du Travail
14
3.1.4 Confédération Francaise des Travailleurs Chrétiens
15
3.1.5 Confédération Francaise de l’Encadrement - Confédération
G énérale des Cadres
15
3.1.6 Fédération de l’Education National
3.2 Weitere Gewerkschaften 16
17
4. Mitgliederentwicklungen seit 1950 - Französische
Gewerkschaften in der Krise
20
5. Resümee
22
6. Bibliographie
2
1. Einleitung
Die Geschichte, Programmatik und Struktur der Gewerkschaften Frankreichs ist wie auch in anderen Ländern entscheidend durch die Entwicklung der Gesellschaft geprägt. Die Entwickelung der Vorstruktur des bestehenden französischen Gewerkschaftssystems im Vergleich zum Rest Europas setzte allerdings erst sehr spät ein. Die „traditionellen Herrschaftsstrukturen“ 1 stellte man vor Einsetzen der Industrialisierung 1830 noch nicht in Frage. Somit baute sich lange ein französisches Wirtschaftssystem mit unzähligen Kleinbetrieben auf. Außerdem wurde ein früherer Beginn der Gewerkschaftsbewegung durch das 1791 von der Nationalversammlung einstimmig verabschiedete „Loi de Chapelier“ 2 verhindert, nach dem bis auf weiteres alle beruflichen und standesgemäßen Bünde sowie Streiks und Demonstrationen verboten wurden.
Die Konsequenz war eine übermäßig stark zersplitterte französische Arbeiterschaft, die später eine große Vielfalt innerhalb der Gewerkschaftsbewegung mit sich brachte. Obwohl alle heute bestehenden Gewerkschaften ihren Ursprung in einer Gewerkschaft, der Confédération Générale du Travail (CGT) fanden, hielt diese Einigkeit kaum zwanzig Jahre an. Schnell spalteten sich die in ihr unterschiedliche bestehenden Flügel von ihr ab und pluralisierten das Gewerkschaftssystem Frankreichs damit in einem hohen Maße.
Ausgangspunkt dieser Arbeit ist die historische Entwicklung der französischen Gewerkschaftsstruktur mit ihrem spezifischen Charakter dem Anarchosyndikalismus. Diese Entwicklung verhinderte das frühere Einsetzen der Bewegung und die Einheit der Gewerkschaften. Wenngleich Frankreich kein „Hort des Klassenkampfes“ 3 ist, so besteht dennoch eine gewisse Kampftradition, deren Ursprünge gewiss in der Französischen Revolution zu finden sind. Das weit verbreitete Selbstverständnis von Klassen- und Massenorganisationen ist ebenfalls ein Resultat dessen. Welche Rolle spielt dabei die 1906 verabschiedete Charta von Amiens?
In Kapitel 3 gehe ich auf die einzelnen „repräsentativen“ Gewerkschaften näher ein, erläutere ihre jeweilige Entstehung, ihre Grundsätze und Ziele. Während sich die
1 Jansen, Peter/ Kiersch, Gerhard: Frankreich. In: Mielke, Siegfried (Hrsg.): Internationales
Gewerkschaftshandbuch. Leske + Budrich Verlag, Opladen 1983, S. 437.
2 Benannt nach dem französischen Abgeordneten Isaac René Guy Le Chapelier (1754 - 1794).
3 Jansen, Peter et al: Gewerkschaften in Frankreich. Geschichte, Organisation, Programmatik.
Campus Verlag GmbH, Frankfurt a. M./ New York 1986, S. 11.
3
Programminhalte der Confédération Générale du Travail stark an kommunistischen Prinzipien orientieren, fühlt sich die Confédération Générale du Travail - Force Ouvrière den programmatischen Konzepten nach US-amerikanischem Vorbild verbunden. Dagegen sind die Confédération Francaise Democratique du Travail und die Confédération Francaise des Travailleurs Chrétiens mehr oder weniger stark den Traditionen der katholischen Soziallehre verbunden. Und obwohl diese Gewerkschaften so unterschiedliche Schwerpunktsetzungen haben, lassen sich nichtsdestotrotz gewisse inhaltliche, methodische und organisatorische Gemeinsamkeiten erkennen. Außerdem wird die Frage geklärt, was „Repräsentativität“ im französischen Gewerkschaftssystem überhaupt bedeutet. Kapitel 4 behandelt die Mitgliederentwicklungen französischer
Arbeitnehmerverbände seit 1950 und die daran zu erkennende stetig wachsende Krise der Gewerkschaften, die Ende der 1970er-Jahre ihren Höhepunkt fand. Dabei stehen drei Fragen im Vordergrund:
1. Welche politisch-ideologischen Rahmenbedingungen begünstigten die Krise? 2. Welche Gewerkschaften waren von der Krise besonders betroffen und warum?
3. Welche Auswirkungen hatte die Krise auf die weiteren Entwicklungen der Gewerkschaftsbewegung?
4
2. Historische Entwicklung des französischen Gewerkschaftssystems
Die Anfänge des französischen Gewerkschaftssystems lassen sich beim Einsetzen der Industrialisierung in Europa 1830 datieren. Die ersten gewerkschaftlichen Organisationen waren aus diesem Grund auch eher in den Berufsständen wie den Schneidern, Zimmerleuten oder Druckern anzufinden. Schnell entwickelten sich aus diesen ersten berufsständischen Zusammensetzungen die sog. Sociétés mutuelles (Gesellschaften auf Gegenseitigkeit) zur Unterstützung in Not geratener Arbeiter. Innerhalb dieser Sociétés mutuelles entstanden dagegen immer öfter militante Gruppierungen, die radikal-politische und -gewerkschaftliche Forderungen vertraten. Infolgedessen wurden die ersten Formen von Arbeitgeberverbänden von Unternehmen und dem Staat verfolgt, was eine starke Schwächung der gesamten Gewerkschaftsentwicklung Frankreichs zur Folge hatte.
Einen Auftrieb erfuhr die Gewerkschaftsbewegung erst wieder in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es konnten Streik- und später auch das Koalitionsrecht durchgesetzt werden und mit der Liberalisierung im II. Kaiserreich setzte 1863 die Gründung erster Chambre Sydicale Ouvière (Arbeitergewerkschaftskammern) ein. Diese hatten eine ähnliche Funktion wie die Sociétés mutuelles inne und erstreckten sich innerhalb kürzester Zeit über ganz Frankreich. 1881 existierten schon 500 dieser Chambres, die sich schließlich zu Gewerkschaftsverbänden
zusammenschlossen. 1884 wurde auch das Recht zur Bildung von Gewerkschaften gesetzlich anerkannt 4 . Zwei Jahre später gründete Jules Guesde den ersten großen Gewerkschaftsverbund Fédération Nationale des Syndicats (FNS), in dem er die vielen branchenspezifischen Syndikate zusammenfasste und der zentralistisch geführten französischen Arbeiterpartei unterordnete.
1887 etablierte sich die erste Bourse du Travail (BT) in Paris, in der auf lokaler Basis die Ortsgruppen verschiedener Berufsverbände zusammengefasst wurden. Die Initiative dieser Arbeiterbörsen breitete sich so schnell auf andere Städte aus, dass bald 14 von ihnen existierten und man sie zur Fédération Nationale des Bourses du Travail (FNBT) zusammenfügte. Das sehr komplexe Verbandssystem Frankreichs schien geregelter und einheitlicher zu sein. Parallel entwickelte sich die bis heute
4 Vgl. Schäfer, Werner: Die französische Gewerkschaftsbewegung in der Krise. Historische
Entwicklungen und sozioökonomische Rahmenbedingungen ihrer Bildungsarbeit. Otto Brenner
Stiftung, Frankfurt a. M. 1989, S. 18.
5
charakteristische Doktrin der französischen Gewerkschaftsbewegung: der Anarchosyndikalismus 5 .
1895 schlug auf dem Kongress von Limoges die „Geburtsstunde“ 6 der Confédération Générale du Travail (CGT) und somit auch die der modernen französischen Gewerkschaftsbewegung. Waren zuvor noch alle gewerkschaftlichen Strukturierungsversuche nur bedingt erfolgreich gewesen, ist die in der CGT gebildete Doppelstruktur 7 in kaum veränderter Form noch heute im französischen Gewerkschaftssystem zu erkennen. Der CGT schlossen sich 1902 auch die FNS und die FNBT an.
Zentraler Gedanke der französischen Gewerkschaftsbewegung war und ist die Aufhebung der Unterdrückung aller Arbeiter und somit vor allem der Kampf gegen die autoritären Strukturen von Gesellschaft, Staat und Gesetzgebung. Das „Misstrauen gegenüber jeglicher Art von Hierarchie, Politikern, Parteien, dem bürgerlichen Parlamentarismus und Intellektuellen“ 8 wuchs zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Forderungen nach Unabhängigkeit von politischen Parteien und größeren Einwirkungsmöglichkeiten in die Unternehmensführungen wurden lauter. Man wollte diese Ziele zwar nach Kräften gewaltfrei erreichen, gewalttätige Aktionen wurden gleichwohl nicht grundsätzlich abgelehnt. Wenn nötig war man bereit Generalstreiks, Boykotte und Sabotagen, sog. „actions directes“ einzusetzen. Der Begriff des „revolutionären Syndikalismus“ wurde geprägt, der das Erstreben der Abschaffung der bisherigen bürgerlichen Ordnung, einer sozialen Revolution der Arbeiter mittels der o. g. „action directe“ und den permanenten Kampf gegen die Macht der gesellschaftlichen Oberschicht beschreibt 9 . Der große Wunsch der Arbeiter nach Unabhängigkeit und Gleichberechtigung fand schließlich in der Charta von Amiens seinen Ausdruck. Sie wurde 1906 von der CGT angenommen und gilt bis heute als theoretische Grundlage der französischen Gewerkschaftsbewegung. In ihr ist niedergeschrieben, dass sich die CGT für die Rechte aller Arbeiter stark macht und zwei wesentliche Ziele anstrebt: Zum einen
5 Auf der Grundlage von Solidarität, Selbstbestimmung und Selbstorganisation soll die
Unternehmensführung in der Hand der Arbeiter liegen.
6 Jansen/ Kiersch 1983, S. 439.
7 Doppelte Struktur des Gewerkschaftssystems mit einer vertikalen Achse der Industriezweige und
einer horizontalen Achse bestehend aus lokalen Arbeiterbörsen.
8 Schäfer 1989, S. 19.
9 Vgl. Kempf, Udo: Von De Gaulle bis Chirac. Das politische System Frankreichs. 3., neubearbeitete
und erweiterte Auflage. Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1997, S. 251.
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Arbeit zitieren:
Julia Krüger, 2008, Die Gewerkschaftsbewegung in Frankreich, München, GRIN Verlag GmbH
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