- 2 -Ferner stellte Marx in seiner Gesellschaftstheorie eine Unterscheidung zwischen der Klasse an sich (äußere Klassifizierung) und der Klasse für sich (innere Klassifizierung) auf. Die äußere Klassifizierung tritt durch die strukturelle Ähnlichkeit der Stellung im Produktionsprozess auf, die innere Klassifizierung stellt das Klassenmitglied als kollektiven Akteur sozialen Wandels 1 durch die Bewusstwerdung der Klassenlage dar. Aus der gleichen Interessen- und sozialen Lage entsteht also eine Klasse.
Auf Grundlage dieser Definitionen, stelle ich im Folgenden das Für und Wider der These Geigers auf. Außerdem werde ich mich dabei auf Studien und Aufsätze von Popitz und Bahrdt (1961), Adorno (1969) sowie Kern und Schumann (1970) stützen. Überdies auch auf Häußermann und Siebel (1995), um kurz auf die gegenwärtige Situation einzugehen 2 . Dass die Industrie Ende der 1940er-, Anfang der 1950er-Jahre als zentrales Bewegungsmoment der Gesellschaft zu betrachten war und, dass Veränderungen in ihr Rückschlüsse auf gesamtgesellschaftliche Umwälzungen zuließen, war zu dieser Zeit eine verbreitete soziologische Annahme. Nach Ende des 2. Weltkrieges fanden insgesamt viele Erneuerungen und Umgestaltungen in der damaligen Gesellschaft statt. Neben der Neuordnung der Wirtschaft, erzielte man auch die Stabilisierung der Demokratie. Der daraus resultierende Strukturwandel der industriellen Arbeit und somit die Rekrutierung und Integration der Arbeiter, brachte einen Auftrieb im sekundären Sektor mit sich. Infolgedessen erlangten die Arbeiter der Schwerindustrie mehr Mitbestimmungen und Gewerkschaften eine größere Bedeutung. Mittels des Industrialisierungsprozesses war die industrielle Arbeiterschaft also eine stark wachsende und durchsetzungsfähigere Gruppe geworden. Doch entstand dadurch auch mehr Kollektivbewusstsein? Die parallel zum
Industrialisierungsprozess ablaufende Technisierung der Gesellschaft bedingte beim Arbeiter einen Requalifizierungsprozess. Das führte dann vermehrt zum Aufstieg der Arbeiter in die Mittelschicht. Statt also dem Marx’schen Bild der Klasse mit kollektivem Bewusstsein zu folgen, stellte man insgesamt eine jeweils individuelle Neigung hin zur Mittelschicht fest. Das brachte die Schließung der Kluft in der Mitte mit sich. Der Abbau der Klassengegensätze war demnach also nur noch eine Frage der Zeit.
1 Ein sozialer Wandel der Klassen kann nach Marx nur durch einen Klassenkonflikt (Revolution) erfolgen.
2 Alle genauen Literaturangaben im Anhang.
- 3 -Dieses Phänomen versuchte Schelsky 1965 mit dem Begriff der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ zu beschreiben 3 . Auch wenn die prognostizierte gesamtgesellschaftliche Bewegung in die Mitte realiter nicht eintrat, erkannte Schelsky zumindest, dass eine Auflösung der Klassengesellschaft hin zu einem neuen Gesellschaftsmodell erfolgte.
Popitz und Bahrdt überprüften bereits 1961 die von Schelsky erkannten Veränderungen der Gesellschaft. Für ihre Studie blickten sie auf den Arbeitsmarkt der Hüttenindustrie. An dieser galt es empirisch zu überprüfen, ob sich das Gesellschaftsbild des Arbeiters durch die gesellschaftlichen Veränderungen umgeformt hatte. Für Popitz und Bahrdt (1961) stellte sich heraus, dass die gesellschaftlichen Wirkungskräfte oft außerhalb der persönlichen Erfahrungswelt standen und das Gesellschaftsbild des Arbeiters dadurch einer Diskrepanz zur Realität unterlag. Weiterhin stellen sie fest, dass „die Sicht, aus der die Industriearbeiter gesellschaftliche Zusammenhänge betrachten, (…) im Einzelfall von Ressentiments bestimmt sein [mag], häufiger noch von einem übergeschichtlichen Paria-Bewusstsein, - sie steht aber in der Regel nicht unter dem Bann einer individuellen Isoliertheit und sozialen Verlorenheit“ (Popitz/Bahrdt 1961: 7). Die Marx’sche Klassenideologie bestand also in der Gruppe der Arbeiter in modifizierter Form weiter. Durch die wachsende Macht der Industriearbeiter in der sich fortentwickelnden industriellen Gesellschaft, entstand nach Popitz und Bahrdt (1961) bei ihm ein dichotomisches Gesellschaftsbild (Oben - Unten) 4 , das bei einigen Arbeitertypen ein starkes Klassenbewusstsein hervorrief. Der Arbeiter entwarf - ganz im Sinne der Klassentheorie - ein Gesellschaftsbild als Interpretationsmodus der Wirklichkeit und zur Abgrenzung von anderen Gruppen. Vor allem im von Popitz und Bahrdt (1961) beschriebenen Arbeitertypus 2 war ein solch ausgeprägtes Klassenbewusstsein zur eigenen Einordnung in die Gesellschaft zu finden, auch wenn marxistische Tendenzen nur in Typus 6 und 7 auftraten. Somit ist festzustellen, dass Popitz und Bahrdt zwar nicht für die Marx’sche Klassentheorie plädierten, aber auch nicht voll und ganz Geigers These zustimmten. Dagegen sprach sich Theodor Adorno in seiner Rede zum 16. deutschen Soziologentag 1969 in Frankfurt am Main eher für einen Niedergang der Klassengesellschaft aus - wenn auch mit Einschränkungen. Die gesellschaftlichen und politischen Umschläge der 1950er-/1960er-Jahre (rasches wirtschaftliches Wachstum, immense Steigerung des technischen Potentials, neue Gestaltungsmöglichkeiten durch/mit der Technik, Massenproduktion und -konsum, Neo-
3 Vgl.Schelsky, H.: Die Bedeutung des Schichtbegriffs für die Analyse der gegenwärtigen deutschen
Gesellschaft. In: Ebd.: Auf der Suche nach Wirklichkeit. Düsseldorf 1965.
4 Vgl. Marx’ Dichotomie: Kapitalist - Arbeiter
Arbeit zitieren:
Julia Krüger, 2008, Theodor Geigers These - "Die Klassengesellschaft im Schmelztiegel", München, GRIN Verlag GmbH
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