Einleitung
Clifford Geertz (1926 - 2006) war einer der wichtigsten, wenn nicht DER wichtigste Vertreter der amerikanischen Cultural Anthropology seit den 1970er Jahren. Er war Mitbegründer und prominentester Vertreter des Interpretativen Ansatzes, welcher zum prägenden Paradigma in der Ethnologie wurde.
Um seinen Ansatz kritisch zu besprechen, werde ich mich vor allem auf folgende programmatischen Essays konzentrieren: ,Deep Play: Notes on the Balinese Cockfight‘ (1972), ,Thick Description: Toward an Interpretive Theory of Culture‘ (1973) und ,“From the Native‘s Point of View“: On the Nature of Anthropological Understanding‘ (1974). Des Weiteren beziehe ich mich hauptsächlich auf Volker Gottowik (1997/2004) und Annette Hornbacher (2005), die sich kritisch mit Geertz‘ Art der Repräsentation Anderer auseinandergesetzt haben.
Geertz` Ziel war nicht eine allgemeine Kulturtheorie. Er wollte „lediglich“ Begriffe bereitstellen, mit denen die Rolle der Kultur im menschlichen Leben ausgedrückt werden kann. „Räumlich begrenzte Wahrheiten“ seien zu sehr an ihre Interpretation ge-bunden, als dass sie sich zu Großtheorien weiterentwickeln ließen. Das qualitative, besondere Material einer akribischen Feldforschung solle jedoch Großbegriffe der Sozialwissenschaft wie Konflikt, Struktur oder Bedeutung anschaulich machen. Geertz forderte eine neue Art des Forschens und der Darstellungsform der Forschungsergebnisse. Mittels Erkenntnissen der Sprachphilosophie und Literaturanalyse strebte Geertz eine symbol- und bedeutungsorientierten Kulturwissenschaft an, er wollte sie als Geisteswissenschaft neu etablieren. Er stellt sich gegen mechanistische Erklärungen für soziales Verhalten und universelle Gesetzmäßigkeiten im Sinne der Naturwissenschaften.
I. Kulturbegriff
Geertz definierte den zentralen Gegenstand des Faches neu - den Kulturbegriff. Er grenzt sich in seiner Definition klar von Vertretern funktionalistischer und strukturalistischer Strömungen ab. Kultur ist für ihn weder individuelle Bedürfnisbefriedigung noch der Versuch, eine soziale Struktur aufrechtzuerhalten und auch nicht die Ansammlung universeller kognitiver Strukturen. Kultur ist mehr als ein Komplex erlernter Verhaltensweisen, mehr als die Summe von Institutionen, mehr als binäre Oppositionspaare.
Kultur, so Geertz in Anlehnung an Max Weber, ist ein historisch überliefertes, lokal unterschiedliches Orientierungssystem, mit dem der Mensch seinen Erfahrungen Bedeutung zuschreiben und sie so fassbar machen kann. Kultur ist der Kontext, innerhalb dessen Ereignisse, Verhaltensweisen, Institutionen und Prozesse Bedeutung erlangen.
“Ich meine mit Max Weber, daß [sic!] der Mensch ein Wesen ist, das in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe verstrickt ist, wobei ich Kultur als dieses Gewebe ansehe. Ihre Untersuchung ist daher keine experimentelle Wissenschaft, die nach Gesetzen sucht, sondern eine interpretierende, die nach Bedeutung sucht.“ Geertz` Ansatz kann so mit der Hermeneutik als Lehre der Auslegung und Deutung verglichen werden.
Ein Ethnologe muss folglich den kulturellen Einzelfall mit seinem spezifischen Bedeutungsnetzwerk untersuchen. Untersuchen heißt, die Sinnzuschreibungen der Einheimischen zu erfassen, welche in „ineinandergreifende[n] Systeme[n] auslegbarer Zeichen“, also in Symbolen und Symbolsystemen, erkennbar sind.
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II. Symbole und Bedeutung
Mit Hilfe von Symbolen können die Menschen ihre Vorstellung vom Leben mitteilen, erhalten und weiterentwickeln. Geertz` Symboldefinition, die sich auf den Ansatz der Philosophin Susanne Langer stützt, gestaltet sich als extrem weit. Ein Symbol ist für ihn eine Bezeichnung für „alle Gegenstände, Handlungen, Ereignisse, Eigenschaften oder Beziehungen, die Ausdrucksmittel einer Vorstellung sind, wobei eben diese Vorstellung die »Bedeutung« des Symbols ist“. Ein Symbol „transportiert“ die Bedeutung, ist eine Verkörperung von Ideen, Empfindungen und Erfahrungen. Das wichtigste Symbolsystem einer Kultur ist die Sprache. Symbolischen Gehalt haben auch formalisierte und nicht-formalisierte Handlungsabläufe des Alltags, wie zB Gesten der Begrüßung, Ausdrucksmittel aus den Bereichen Kunst, Theater, Ritual, etc. Bedeutung definiert Geertz als „schwer faßbare und verworrene Pseudoeinheit“. Die unendlich vielen kulturspezifischen Symbole und ihre Bedeutungen werden zu Symbolsystemen bzw. Vorstellungsstrukturen verknüpft. Ein Symbol erhält seine Bedeutung aus der Stellung in einem der Symbolsysteme der jeweiligen Kultur und trägt gleichzeitig selbst zur Ausgestaltung des Symbolsystems und zu den damit verbundenen Vorstellungsstrukturen bei, da es Teil davon ist. Symbolsysteme sind Modelle von und für eine bestimmte Realität. Da die Mitglieder einer Gesellschaft in ein gemeinsames Bedeutungsnetzwerk verstrickt sind, verkörpern Symbole auch soziale Handlungsanleitungen.
Menschen sind nicht nur an das übergeordnete Bedeutungsnetzwerk gebunden, sondern erschaffen dieses auch ständig. Sie sind gleichzeitig Schöpfer und Geschöpfe der Kultur. Diese Dynamik des Kulturbegriffs hat den Vorteil, im Vergleich zu früheren Ansätzen besser auf Veränderungsprozesse eingehen zu können, da der Mensch Denkgewohnheiten und Handelsweisen zu verändern vermag. Kritik am Symbol- und Bedeutungsbegriff
Zu kritisieren ist, dass Geertz nicht zwischen der unterschiedlichen Gewichtung von Symbolen (Bezahlen mit einem Geldschein vs. Krönung eines Königs) und der verschiedenen Ebenen ihrer Bedeutung unterscheidet. So kann ein Ritual auf der Ebene der Person, der Familie, der Gruppe oder gesamtgesellschaftlich gesehen unterschiedliche Bedeutungen haben. Des Weiteren geht Geertz nicht darauf ein, wie kollektive Symbole und Bedeutung entstehen und erhalten bleiben. Zu fragen wäre: Wer hat die Macht, Symbole und ihre Bedeutung innerhalb einer Gesellschaft zu definieren? Auf wessen Kosten geschieht dies? Wie werden Symbole bzw. ihre Bedeutung kontrolliert, wie werden sie verändert?
III. Dichte Beschreibung
Was Geertz mit „Bedeutung“ genauer meint, versucht er anhand des Vorgangs des Interpretierens klarzumachen, der zentral für seinen Ansatz ist. Er greift hierfür auf das vom sprachanalytisch orientierten Philosophen Gilbert Ryle geprägte Konzept der „dichten Beschreibung“ zurück. Eine dünne Beschreibung umfasst nur Sinneswahrnehmungen, z.B. das Zucken des Augenlids. Bei einer dichten Beschreibung werden laut Geertz die Bedeutungsstrukturen der Einheimischen erfasst. Sobald das absichtliche Zucken in einem kulturellen Kontext ein Symbol für eine geheime Nachricht ist, wird es zum Zwinkern. Die Bedeutung entsteht hier zwischen dem, der mit Absicht das Augenlid zucken lässt, um eine geheime Nachricht zu übermitteln, und dem, der das wahrgenommene Zucken als Zwinkern interpretiert und die heimliche Nachricht versteht. Es bedarf also eines öffentlichen Codes, demzufolge das absicht-
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liche Zucken als Zwinkern aufgefasst wird. Im Unterschied zu Ryle liegt die Bedeutung des Zwinkerns bei Geertz allerdings nicht darin, dass es ein Zwinkern ist, sondern im Inhalt der geheimen Nachricht, den er wiederum interpretieren muss. Geertz‘ Auffassung von dichter Beschreibung ist folglich eine interpretierende Beschreibung, die Bedeutungsebene wird immer mit einbezogen. Er kann keine Tatsachen beobachten, sondern immer nur schon von den Einheimischen interpretierte Handlungen. Beim Beschreiben interpretiert er diese wiederum und kann verschiedene Bedeutungen herausfiltern. Eine dichte Beschreibungen besteht also aus mehreren Schichten von Interpretationen. Laut Geertz ist die dichte Beschreibung eine unendliche Angelegenheit, da immer tiefer in unendlich viele Bedeutungsschichten vorgedrungen werden kann.
Mit Hilfe der dichten Beschreibung soll der für den Ethnographen zunächst fremdartige Interpretationsrahmen der Einheimischen offengelegt werden. Dies ist möglich, da dieser Interpretationsrahmen laut Geertz nicht in den Köpfen der Menschen ist, sondern öffentlich. Bedeutung ist öffentlich zugänglich, weil Menschen allen Ereignissen in ihrem Leben durch Symbole Bedeutung verleihen und diese Symbole öffentlich im sozialen Diskurs ausgetauscht werden. Das Denken und Empfinden der Menschen über einen Sachverhalt kann folglich durch den Ethnographen direkt beobachtet und somit auch beschrieben werden. Geertz grenzt sich hiermit deutlich von mentalistischen Ansätzen der Anthropologie à la Goodenough ab.
Um einheimische Vorstellungsstrukturen zu analysieren, bedarf es laut Geertz folglich keiner direkten Teilhabe am sozialen Diskurs, sondern nur der systematischen Beobachtung davon, welche Symbole öffentlich gebraucht werden und was sie auslösen. Ein Dialog mit den Mitgliedern einer Kultur über Symbole oder ihre Bedeutungen wäre laut Geertz im Übrigen auch nicht aufschlussreich, da die eigenen Vorstellungsstrukturen seiner Meinung nach den Einheimischen selbst nur gering oder gar nicht bewusst sind. Die Aufgabe des Ethnographen ist es also, aus einer gewissen Distanz heraus verborgene, nicht unmittelbar verstehbare Bedeutungsstrukturen aus dem Verlauf des sozialen Diskurses aufzudecken, weshalb er von seinem Ansatz auch als „behavioral hermeneutics“ bzw. „semantics of action“ spricht. Kritik am Konzept der dichten Beschreibung
Die Distanz, die Geertz zwischen sich und den Einheimischen entstehen lässt, ist Quelle für einige Kritikpunkte, die vor allem von Vertretern der Writing-Culture-Bewegung geübt wird. Zunächst ist zu kritisieren, dass Geertz es fremden Gesellschaften abspricht, ihr eigenes Selbstverständnis reflektieren zu können. Selbst aus den Reihen des eigenen interpretativen Ansatzes heraus wird Geertz vorgeworfen, sich in arroganter Manier über lokale Experten, Eingeweihte und Theoretiker hinwegzusetzen.
Des Weiteren verkommt das Individuum bei Geertz zum Träger gesamtgesellschaftlicher Vorstellungen, da er sich nur für das Gemeinsame und Wiederholbare interessiert. Die individuelle Intention der Menschen, mit der sie sich der Symbole bedienen, wird von Geertz missachtet. Subjektive Ziele oder Bedeutungszuschreibungen, die zusammengenommen erst die kulturelle Bedeutung ergeben, werden in seinen Werken nicht anführt. Er lässt die Leser einer Ethnographie im Unklaren, was die Bedeutungszuschreibungen der Einheimischen sind und was seine Interpretationen dieser Zuschreibungen. Geertz reklamiert damit nicht nur exklusiv ÜBER andere sprechen zu können, sondern AN IHRER STATT. Dies kommt einer Entmündigung der Beschriebenen gleich.
Durch seinen Monolog anstatt eines Dialogs läuft Geertz im Prozess des Verstehens Gefahr, fremde Denkweisen lediglich an die eigene anzupassen. Er betont zwar selbst, dass „Verstehen“ im Rahmen einer Geisteswissenschaft immer nur aus dem
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Arbeit zitieren:
Carolin Duss, 2008, Kultur à la Clifford Geertz – der Ethnologe als Autor, München, GRIN Verlag GmbH
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