Gliederung
1. Einleitung 3
2. Das Schtetl der „Luftmenschen“ 6
3. Das Schtetl der Assimilierten? 9
4. Das Schtetl der „Wunderrabbis“ 11
5. Das Schtetl der Frauen 13
6. Das Schtetl der Sozialisten? 15
7. Schluss 18
8. Quellen- und Literaturverzeichnis 20
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1. Einleitung
Die Geschichte des jüdischen Volkes in Osteuropa ist mehr als eintausend Jahre alt. Bereits im Gefolge der Römer sind vor allem jüdische Kaufleute ins heutige Böhmen und Ungarn gelangt 1 . Ausgehend von der Krim, als bedeutender Ort der jüdischen Diaspora, breiteten sich Juden etwa ab der ersten, nachchristlichen Jahrtausendwende in weite Teile der Kiewer Rus´ aus 2 . Nach dem Mongolensturm, mitte des 13. Jahrhunderts, befanden sich Angehörige des jüdischen Volkes im Königreich Polen, im Großherzogtum Litauen, wie auch im Russischen Reich, was teils unter mongolischer, teils unter russisch-christlicher Herrschaft stand 3 . Eine Masseneinwanderung von Juden, vor allem nach Polen, hat jedoch erst im 16. Jahrhundert stattgefunden, nachdem ihnen ein Privileg aus den Jahren 1364/67, ausgestellt vom damaligen König Polens, Kasimir des Großen, einen Rechtsschutz verlieh 4 . In dieser Region Europas sollten die Juden, anders als ihre Stammesgenossen in Spanien oder Deutschland, nicht als Sephardim, oder nur als gewöhnliche Aschkenasim bezeichnet werden, sondern man sollte, bei Betonung ihrer ganz eigenen Genese, von einem besonderen Typus ausgehen 5 . So trifft die Feststellung Heiko Haumanns sicherlich zu wenn er schreibt:
„In dieser religiösen Sinnsuche zwischen messianischer Endzeiterwartung und frommer, lebensbejahender Einrichtung in der nun einmal so gegebenen Welt, in dieser Gratwanderung zwischen Bewahrung der Lebenswelt bei gleichzeitiger Befreiung von sinnlos gewordenen Normen und einer oftmals dumpfen Flucht in die Mystik, beherrscht von mächtigen Wunderrabbis, formte sich im 18. Jahrhundert der Typus des ,Ostjuden’ als in sich abgeschlossene Kulturpersönlichkeit.’“ 6
1 Riff, Das osteuropäische Judentum, S. 115.
2 Vgl. Franz, Jilge, Die ersten Juden in Osteuropa und die Ostslaven, S. 168.
3 Halpern, Israel, The Jews In Eastern Europe, S. 367.
Der Strom der im 12. und 13. Jh. aus Westen eingewanderten Juden wurde wohlwollend aufgenommen, weil sie nach den großen Verheerungen, die die Mongolenstürme verursachten, für den Wiederaufbau der Städte und des Handels einen enorm wichtigen Beitrag leisteten. Sh. Ydit, Max, Schaden, Schul und Schammes, S. 61.
4 Fuks, Polnische Juden, S. 10.
„Bis 1648 galt Polen als ein ,Paradies’ der Juden […]. Relativierend betrachtet, war jedoch die Situation der Juden in Polen mit Litauen und Rus´ im Vergleich zu Westeuropa gut und stabil. Es konnte sogar die Volkssage entstehen, dass das zunächst in Palästina vertriebene […] Judentum von Gott die Anweisung bekam, sich in Polen niederzulassen“. Kłaska, Aus dem Schtetl in die Welt, S. 40.
5 Freilich gehör(t)en auch die Juden östlich der Elbe zu den Aschkenasen, jedoch nicht ohne sich gleichzeitig primär als Ostjuden von den Aschkenasim v. a. Mitteleuropas zu unterscheiden. Sh. ebd., S. 17.
6 Haumann, Geschichte der Ostjuden, S. 55f. Dabei soll natürlich betont werden, dass die „Ostjuden“ keinen Typus außerhalb der aschkenasischen Familie darstellten, da sie zum einen vornehmlich Abkömmlinge mittelhochdeutsch sprechender Juden aus dem Heiligen Römischen Reich waren und das Jiddische als Lingua
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Im Gegensatz zum Großteil der jüdischen Bevölkerung im Rest Europas, genossen die Juden im Zarenreich keinerlei Bewegungsfreiheit und es blieb ihnen nur der Ansiedlungsrayon als Siedlungsgebiet 7 . Wirtschaftlich schwierig wurde die Lage vieler Juden durch, oft stattfindende, Vertreibungen aus den Städten und Dörfern, weshalb vielen als Fluchtort nur noch das Schtetl blieb 8 . Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann die alte Kohäsionskraft des Schtetllebens zu bröckeln, nicht nur wegen der Migrationen in wohlhabendere Gegenden, sondern auch aufgrund der zunehmenden Säkularisierung in der jüdischen Gemeinde, was sich vornehmlich im Aufstieg politischer Parteien äußerte, besonders der sozialistischen und zionistischen, eben auch in den kleinsten Schtetlech 9 . Es drängt sich, bei der Betrachtung der jüdischen Geschichte Osteuropas und der eminent wichtigen Rolle des Jüdischen Sozialismus, vor allem seit der Gründung des Bundes 1897, die Frage auf, inwiefern das Schtetl, als extrem stabiles soziales System, zwar „alles von außen Kommende zunächst auf seine Koheränzfähigkeit geprüft und dann erst aufgenommen“ 10 hat, aber zugleich als das Sinnbild des unberührt Jüdischen gilt. Im folgenden sollen die Wesenhaftigkeit des Schtetl dargestellt werden, die geistige Nähe oder Distanz der jüdischen Arbeitsethik zur Idee des Sozialismus und schließlich soll die Frage beantwortet werden, inwieweit der jüdische Ethos im Schtetl, dem Sozialismus einfach nur ähnlich war, diesen anzog, oder vielleicht sogar in geistiger Opposition zu jenem stand.
Franca der Juden Osteuropas, von diesem einschlägigen Verwandtschaftsverhältnis zeugt. Sh. auch: Kłaska, Aus dem Schtetl, S. 34.
7 Bereits 1786 wurde durch einen Erlass der Zarin Katharina II. landesweit festgelegt, dass Juden nur innerhalb des Ansiedlungsrayons leben und arbeiten durften. 1815 wurde ein Teil „Kongress-Polens“ dem Ansiedlungsrayon angegliedert, welcher bis zur Oktoberrevolution 1917 bestand. Zborowski, Shtetl, S. 524.
8 Beuys, Heimat und Hölle, S. 640. Unter dem Begriff „Schtetl“ versteht sich in dieser Arbeit die, nur in Osteuropa vorgekommene, Form der jüdischen Kleinstadt oder Dorfs, obschon manch einer darunter auch Stadtteile mit jüdischer Bevölkerungsmehrheit versteht; (sh. dazu: Bartal, Israel: Schtetl und Städte, S. 48). Orthographisch halte ich, trotz der Übereinstimmung des jiddischen Begriffs „Shtetl“ ( ) nach dem YIVO (Yidisher visnshaftlekher institut)-System, welcher auch in der englischsprachigen Literatur durchgehend Verwendung findet, an dieser Schreibweise fest. Das Wort „Schtetl“, mit dem Plural „Schtetlech“, ist ein jiddisches Diminutiv des Worts „Schtot“ und könnte somit als „Städtchen“ übersetzt werden. Sh. u. a.: Prokopówna, The image of the shtetl in Polish Literature, S. 318.
9 1939 lebten etwa 40% der polnischen Juden in Schtetlech. Webber, Rediscovering Traces, S. 142.
10 Ernst, Goethe und Schiller im Schtetl., S. 131.
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2. Das Schtetl der „Luftmenschen“
Es ist wohl schwer in der historischen Betrachtung von dem Schtetl auszugehen, ohne dabei die Vielfalt und Einzigartigkeit der verschiedenen jüdischen Gemeinden herauszustellen. Von den Hunderten von Shtetlech 12 in den heutigen Ländern Russland, Ukraine, Polen, Ungarn, Rumänien, Moldawien, Litauen, Lettland und Weissrussland, kann man doch von einer deutlichen Parallele zwischen den jüdischen Siedlungen ausgehen, der faktisch überall anzutreffenden Armut 13 . Die Shtetlech des 19. und 20. Jahrhunderts waren von, in der Regel, ungepflasterten Straßen und Wegen durchzogen und dienten selten als Bauplatz für massive, steinerne Gebäude 14 . Abgesehen von wohlhabenderen jüdischen Kaufleuten und Industriellen der größeren Städte, wie bspw. Krakau, Warschau oder Minsk, zeichnete sich der Großteil der ostjüdischen Bevölkerung, durch einfachste Lebensweise und teils große Armut aus 15 . Von den Juden, die in den größeren Städten im Ansiedlungsrayon oft in der Kleidungs- und Textilindustrie tätig waren, waren in den rein jüdischen Schtetlech, aufgrund der fehlenden Industrie, natürlich keine zu finden 16 . Die Schtetlgesellschaft bestand aus einer bunten Pallette aus Bauern, Handwerkern, Schumachern, armen Händlern und reicheren Kaufleuten, welche von zerlumpten Wasserträgern bis prächtig gekleideten Rabbis reichte 17 . Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bestand ein beachtlicher Anteil der jüdischen Bevölkerung in vielen Gemeinden, aus sogennanten „Luftmenschen“ 18 . Diese Leute
11 Zborowski, Herzog, Das Schtetl, S. 44.
12 Katz, The Shtetl. New Evaluatons, S. 1.
13 Ebd. S. 290.
14 So galt das zumindest für die Shtetlech der ländlichen Regionen, welche ich, aufgrund ihrer einzigatigen Stellung in der europäischen Kulturgeschichte, in dieser Arbeit behandele.
15 So waren die ostjüdischen Gemeinden bereits im 18. Jahrhundert von deutlicher Armut geprägt. Ebd.
16 Ebd. S. 151. Doch muss man davon ausgehen, dass aufgrund der Pauperisierung, v. a. der langsam einsetzenden Industrialisierung aber auch der Agrarkrise, neue soziale Bevölkerungsschichten auch in die Schtetlech der ländlichen Regionen abwanderten.
17 Sh. auch: Kassow, The World of the Shtetl, in: The Shtetl. New Evaluations, S. 8 f. Dabei stellten wohl die heruntergekommene Gestalt und die hygienisch hochproblematischen Bedingungen der Schtetlech die Armut und den Zustand der Ostjuden besonders heraus.
18 Schwara, „Luftmenschen“ - Leittragende des Verarmungsprozess in Osteuropa im 19. Jahrhundert, S. 150.
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Arbeit zitieren:
Dominik Esegovic, 2010, Vom Schtetl zum Sozialismus, München, GRIN Verlag GmbH
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Sehr gutes Literaturverzeichnis!
am Monday, May 17, 2010-