- 2 -
Inhaltsverzeichnis:
I. Einleitung 4
II. Die Geschichte der DDR Geschichtswissenschaft 7
II.1. Auswirkung der DDR-Politik auf die Geschichtswissenschaft -
Die marxistisch-leninistische Geschichtsschreibung
7
bis zu den 70er Jahre
II.1.1. 1945 - 1948: Entwicklung des fortschrittlichen Humanismus 7
II.1.2. 1948 - 1952: Der „Sturm auf die Festung Wissenschaft“ 8
II.1.3. 1952 - 1956: Die Wendung zum „Nationalen“ 9
II.1.4. 1956 - 1961: Die Erziehung zum sozialistischen Patriotismus 11
II.1.5. 1961 - 1966: Umfassender Aufbau des Sozialismus 12
II.1.6. 1967 - 1971: Das „entwickelte gesellschaftliche System des Sozialismus“
(ESS) und die Bedeutung des Geschichtsbewusstseins 13
II.1.7. Ab 1971: „Revolutionärer Weltprozess“, Internationalismus,
Integration in das sozialistische Staatsgefüge 14
II.2 Zusammenfassung 15
II.3. Die DDR-Geschichtswissenschaft vom Ende der 70er Jahre bis 1989/90 17
II.4. Zusammenfassung 19
III. Aufgabe und Funktion der marxistisch-
leninistischen DDR-Geschichtswissenschaft 21
III.1. Aufgaben der DDR-Geschichtswissenschaft 22
III.2. Funktionen der DDR-Geschichtswissenschaft 22
IV. Herausbildung von Forschungsschwerpunkten
in der DDR-Geschichtswissenschaft 24
IV.1. Inhaltliche Schwerpunkte im Geschichtsbild der DDR-Geschichts-
wissenschaft bis zum Beginn der 70er Jahre 24
- 3 - IV.2.Periodisierung der Geschichte des 19. Jahrhunderts in der DDR-Geschichtswissenschaft seit Ende der 70er Jahre 26
IV.3. Tendenzen und Probleme der Forschung unter thematischem Aspekt 27
IV.3.1. Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts im Überblick 27
IV.3.2. Parteiengeschichte und Geschichte der Arbeiterbewegung 28 IV.3.3. Agrargeschichte 30 IV.3.4. Regionalgeschichte 31
IV.3.5. Wirtschafts- und Sozialgeschichte 33
V. Schlussbetrachtung 39
Literaturverzeichnis 44
- 4 - I.Einleitung
Ausgangspunkt dieser Arbeit bildet das Seminar: „Kulturgeschichte in Deutschland: Von J. Burckhardt bis E. Friedell (1860 - 1933)“, dessen Schwerpunktthema die Entwicklung der Kulturgeschichtsschreibung in Deutschland bis zur Gründung des Dritten Reiches war. Unter dem Begriff „Kulturgeschichte“ finden sich in der Brockhaus Enzyklopädie folgende Definitionen:
„Kulturgeschichte, zusammenfassende Bez.: 1) für die Wandlungen des geistig kulturellen Lebens, 2) für deren Erforschung und Darstellung.[…]“ 1
Der Begriff „Kulturgeschichte“ unterlag in seiner Bedeutung einer steten Wandlung. Geprägt wurde er zunächst im 18. Jahrhundert und zwar als Abgrenzung zur politischen Geschichte der Staatsaktionen. Später wurde er zur umfassenden Bezeichnung für die Gesamtheit menschlichen Schaffens und Wirkens in der Geschichte. Dabei umfasste er gleichzeitig die politische, wirtschaftlich-sozialen Lebens- und Denkformen, Sitten, Bräuche, Religion und Kunst, wie auch geistige und technische Leistungen.
Die Anfänge der Beschäftigung mit der Kulturgeschichte liegen im Aufklärungsglauben und damit bei Voltaire und J. C. Adelung. Unter J. G. Herder sah dann die deutsche Romantik in der Kulturgeschichte das unbewusste Schaffen und den Ausdruck des „Volksgeistes“. J. Burckhardt ließ in seine Kulturgeschichtsschreibung, neben seiner Beschreibungen zur Entstehung von Staatsformen, auch die Entwicklung der Familie, Brauchtum, Sprache, Religion, Kunst und Wissenschaft mit einfließen.
Bedeutsamkeit gewann die Kultur- und Sittengeschichtsschreibung mit J. Scherr und L. Friedländer. E. Gothein suchte in j. Burckhardts Nachfolge, die Aufgaben der Kulturgeschichte abzugrenzen und traf dabei in großer Auseinandersetzung auf D. Schäfer. Die Kulturgeschichte zu einer wissenschaftlichen Methode aller Geschichtsforschung zu erheben 2 , war K. Lamprechts Ziel. Er ging davon aus, dass Kulturgeschichte eine gesetzmäßige Abfolge typischer Seelen- und Geisteshaltungen. 1909 gründete er in Leipzig das „Institut für Kultur- und Universalgeschichte“, das insbesondere dem Vergleich verschiedener Kulturen dienen sollte. K. Breysig stand in der Nachfolge K. Lamprechts und sah in den verschiedenen Kulturen eine Abfolge gleichartiger, voneinander unabhängiger Wachstumsvorgänge. Die Gebiete der Kulturphilosophie sollten sich dann in der vergleichenden Kulturgeschichte bei O. Spengler und A. J.
1 Brockhaus Enzyklopädie in vierundzwanzig Bänden, 19. Auflage, Mannheim 1990, 12. Band, Seite 585
2 mit seinem Werk „Die kulturhistorische Methode“ (1900)
- 5 -Toynbee herausbilden, die sich der Geistesgeschichte zuwandte und unter Einfluss der Soziologie zur Kultursoziologie wurde. Die Kulturgeschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts sollte dann auch wirtschafts- und sozialgeschichtliche Betrachtungen in ihre Untersuchungen einbeziehen. Diese kurz dargestellte geschichtliche Entwicklungen und Veränderungen zeigen bereits die viel-seitige Verwendung des Begriffs „Kulturgeschichte“. Einerseits als Abgrenzung zu anderen Teil-bereichen der Geschichtswissenschaft, entstanden durch eine fortwährende Spezialisierung der Forschungsgebiete, andererseits als universeller Ansatz jeglicher Geschichtsschreibung. Festzuhalten ist, dass für diese Arbeit eindeutig unter dem Begriff der „Kulturgeschichte“ das Teilgebiet der Geschichte gemeint ist, das sich mit dem geistig kulturellen Leben, deren Darstel-lung und Erforschung auseinander setzt.
Auffallend ist, dass Betrachtungen zur Kulturgeschichte und -schreibung Deutschlands sich im Allgemeinen heutzutage auf das Gebiet der ehemaligen Bundesrepublik Deutschland beschränken. Bedeutsam ist jedoch, dass sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zwei deutsche Staaten bildeten. Zwei deutsche Staaten mit gegensätzlichen politischen Gesellschaftssystemen. Ein geschichtlich gemeinsam entwickeltes Kulturgebiet war nun geteilt. Zwei Staaten, zwei Geschichtswissenschaften, die nun um Anspruch miteinander konkurrieren, jeweils die vernünftige Konsequenz aus der deutschen Geschichte zu ziehen und ausgehend von dem daraus resultierenden Legitimationsanspruch der BRD und der DDR die jeweilige Auffassung entspricht, die jeweils richtige Interpretation der deutschen Geschichte vorzunehmen und anzubieten. Die problembeladene „deutsch-deutsche“ Beziehung wurde ebenso auf der Ebene der beiden sich selbständig voneinander entwickelnden deutschen Geschichtswissenschaften widergespiegelt. Nach der Wiedervereinigung im Jahr 1990 und dem „Sieg“ des Kapitalismus bzw. der „Zerschlagung“ des Sozialismus hat sich damit einhergehend auch die „westdeutsche“ Geschichtsforschung durchgesetzt. Der „Historikerstreit“ war entschieden. Die DDR-Geschichtswissenschaft wegen ihrer Methoden und Ergebnissen kritisiert, was zur Folge hat, dass sie hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen Ergebnisse nunmehr unberücksichtigt gelassen werden musste. 3 45 Jahre DDR-Geschichtsforschung sind größtenteils für die neueren Forschungen unbrauchbar geworden. Und dennoch wird das Thema „DDR-Geschichtswissenschaft“ in jüngster Zeit wieder thematisiert und tritt ins Rampenlicht geschichtswissenschaftlicher Forschungen. So bildet sie auch die Grundlage für den Schwerpunkt dieser Arbeit, in der die Existenz einer DDR-Kulturgeschichtsschreibung untersucht werden soll, da sie bekanntlich die wissenschaftliche
3 vgl. Jarausch, Konrad H.; Middell, Matthias; Sabrow, Martin: Störfall DDR-Geschichtswissenschaft - Problemfeld einer kritischen Historisierung in: Iggers, Georg G.; Jarausch, Konrad H.; Middell, Matthias; Sabrow, Martin (Hrsg.): Historische Zeitschrift - Die DDR-Geschichtswissenschaft als Forschungsproblem, Beiheft 27, München 1998
- 6 -Grundlage jeglicher Geschichtsschreibung bildet und damit auch verantwortlich für Themen-schwerpunkte - also beispielsweise kulturgeschichtlicher Forschungen - ist. Interessant ist in erster Linie für diese Arbeit ist zunächst aber, in wie weit es eine Kulturge-schichtsschreibung in der DDR gab. Welche Tendenzen sich in der DDR-Geschichtswissenschaft ausbildeten und welche politischen Einflüsse diese Tendenzen gelenkt haben.
Zunächst soll dabei kurz die Entwicklung der DDR-Geschichtswissenschaft in der Zeit zwischen der Gründung der beiden deutschen Staaten (1949) und dem Mauerfall (1989) dargestellt werden. Veränderungen in Forschung und Lehre aufgezeigt und die Herausbildung von in diesem Zusammenhang entstandener Themenschwerpunkte der DDR-Geschichtsschreibung aufgezeigt werden.
Im speziellen wird dann auf die DDR-Geschichtsschreibung und ihre Teilgebiete eingegangen und tiefgründiger untersucht werden. Gab es Kulturgeschichtsschreibung auch in der DDR? Welche Themenschwerpunkte der DDR-Geschichtswissenschaften aus kulturgeschichtlicher Perspektive standen dabei im Mittelpunkt?
- 7 - II.Geschichte der DDR-Geschichtswissenschaft
II.1. Auswirkung der DDR-Politik auf die Geschichtswissenschaft - Die marxistischleninistische Geschichtsschreibung bis zu den 70er Jahren
Nach Günther Heydemann 4 lassen sich sieben Phasen der Geschichte der Geschichtswissenschaft in der DDR unterscheiden:
1. 1945 - 1948: Entwicklung des fortschrittlichen Humanismus 2. 1948 - 1952: Der „Sturm auf die Festung Wissenschaft“ 5 3. 1952 - 1956: Die Wendung zum „Nationalen“ 4. 1956 - 1961: Die Erziehung zum sozialistischen Patriotismus 5. 1961 - 1966: Umfassender Aufbau des Sozialismus 6. 1967 . 1971: Das „ESS“ und die Bedeutung des Geschichtsbewusstseins
7. seit 1971: „Revolutionärer Weltprozess“, Internationalismus, Integration in das sozialistische Staatsgefüge. 6
II.1.1. 1945 - 1948: Entwicklung des fortschrittlichen Humanismus
In der 1. Periode von 1945 - 1948 war es im Bereich der Wissenschaft im Forschungs- und Lehrbetrieb sowohl im sowjetisch besetzten Teil als auch in den übrigen Teilen Deutschlands zum erliegen gekommen. Das politisch-propagandistische Vorgehen wurde zunächst geschickt neutral gehalten, so dass es von der Mehrheit der Bevölkerung durchaus angenommen werden konnte. So galt auch für den wissenschaftlichen Bereich:
„Die Bestimmung der Erziehungs- und Bildungsziele war bis 1947 so gehalten, dass ihnen auch jeder Nichtkommunist zustimmen konnte. Die tragenden Begriffe waren Antifaschismus, Antimilitarismus, Frieden, Freiheit, Demokratie und Humanismus, wobei die beiden letzteren jedoch nicht näher definiert wurden.“ 7
Allerdings wurde bereits jetzt schon deutlich, dass den Geschichtswissenschaften wie auch der Philosophie besondere Bedeutung beigemessen wurde und zwar mit dem Ziel sie auf die Grundlage der Ideologie des Marxismus-Leninismus zu stellen. Erkennbar war dies daran, dass die Vor-
4 Heydemann,Günther: (Erlanger Historische Studien, Bd. 6) Geschichtswissenschaft im geteilten Deutschland -Entwicklungsgeschichte, Organisationsstruktur, Funktionen, Theorie- und Methodenprobleme in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR, Frankfurt am Main 1980, S. 139 ff.
5 Zitat Stalins, vgl.: Müller, Marianne; Müller, Egon Erwin: „…stürmt die Festung Wissenschaft!“ Die Sowjetisierung der mitteldeutschen Universitäten seit 1945, Berlin-Dahlem 1953
6 Zur Periodeneinteilung vgl. Heydemann, Günther, a. a. O.
7 Dokumente zur Bildungspolitik in der Sowjetischen Besatzungszone. Ausgewählt und erläutert von Siegfried Baske und Martha Engelbert, Bonn/Berlin 1966, S. XV.
- 8 -lesungstätigkeiten an den Universitäten bereits zu Beginn des Jahres 1946 einsetzten, wogegen der Lehrbetrieb für Geschichte und Philosophie erst zum Wintersemester 1946/47 - also einein-halb Jahre später - aufgenommen wurde. 8 Frühzeitig wurden schon die Bestrebungen einer zu-künftigen Hochschul- und Bildungspolitik im Sinne einer ideologischen Fixierung der Wissen-schaft auf den Marxismus erkennbar, was natürlich auch tief greifende Veränderungen in perso-neller und organisatorischer Hinsicht bedeuten müssen.
Es muss jedoch festgestellt werden, dass bis etwa 1948 noch von einem Universitätsbetrieb „[…] im Sinne der deutschen Universitätstradition.“ gesprochen werden kann. „Bemerkenswerte Unterschiede zwischen dem Osten und dem Westen Deutschlands zeichneten sich dabei zunächst kaum ab.“ 9
II.1.2. 1948 - 1952: Der „Sturm auf die Festung Wissenschaft“
Die mit dem Einigungsparteitag bereits 1946 gegründete SED 10 begann nun in Anlehnung an das sowjetische Vorbild KPdSU ihren Anspruch auf die ausschließliche Führungsrolle, verbunden mit dem Monopolanspruch der marxistisch-leninistischen Ideologie in Staat und Gesellschaft durchzusetzen. Damit einhergehend erfolgte auch die Zentralisierung jeglicher Planung, Leitung und Lenkung aller gesellschaftlichen Teilbereiche, somit auch auf dem bildungs- und hochschulpolitischen Sektor. Neben Maßnahmen der marxistisch-leninistischen Schulung wissenschaftlichen Personals im Universitätsbetrieb, erfolgte auch eine Änderung der Zulassungsbestimmungen für den Erhalt eines Studienplatzes. So wurden Studenten bürgerlicher Herkunft bzw. jene, die einer Familie mit Hochschulabschluss entstammten, gegenüber „Arbeiter- und Bauernstudenten“ in hohem Maße benachteiligt. 11
Die letzte hochschulische Autonomie ging schließlich mit den auf der 1. Parteikonferenz am 23. Mai 1949 gefassten Entschlüssen, zusammengefasst in „Vorläufige Arbeitsordnung der Universitäten und wissenschaftlichen Hochschulen der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands“ verloren. Diese von der SED vorangetriebenen hochschulpolitischen Maßnahmen wirkten zweifellos ebenso auf die Geschichtswissenschaft zurück.
Mit der fortlaufenden Abwanderung von Historikern ging die gleichzeitige Eingliederung marxistisch-leninistischer Kräfte im Bereich Geschichtswissenschaft einher. Zu nennen wären dabei: Alfred Meusel, Hermann Duncker und Leo Stern.
8 Rexin, Manfred: Die Entwicklung der Wissenschaftspolitik in der DDR, in: Wissenschaft und Gesellschaft in der DDR. Eingeleitet von Peter Christian Ludz, München 2/1971, S. 85
9 Timm, Albrecht: Das Fach Geschichte in Forschung und Lehre in der Sowjetischen Besatzungszone seit 1945, Bonn 1958, S. 10
10 Sozialistische Einheitspartei Deutschlands
11 Müller, Marianne; Müller, Egon Erwin: „…stürmt die Festung Wissenschaft!“ Die Sowjetisierung der mitteldeut- schen Universitäten seit 1945, Berlin-Dahlem 1953
- 9 -Für die Historiker bestand Reiseverbot, Ausschluss von jeglicher internationaler Fachliteratur und durch die Verweigerung von Druckerlaubnis auch keine Publikationsmöglichkeiten. Zudem fand eine Schließung der Fachrichtung Geschichtswissenschaft an etlichen Universitäten statt und an den noch bestehenden eine unangemessene Aufblähung des wissenschaftlichen Per-sonals durch marxistisch-leninistische Kader.
II.1.3. 1952 - 1956: Die Wendung zum „Nationalen“
Auf der Grundlage der durch die 1951 durchgeführte Studienreform geschaffenen strukturellen Voraussetzungen konnte sich nun eine geschichtswissenschaftliche Forschung und Lehre ausschließlich auf der Basis marxistisch-leninistischer Ideologie entwickeln, auch wenn es noch in den Anfangsjahren an in dieser Hinsicht ausgebildetem Personal mangelte. Eine Präzisierung der Funktion marxistisch-leninistischer Geschichtswissenschaft in wissenschaftlicher und politischer Hinsicht präzisierten zum einen Leo Stern mit seinem Aufsatz zu den „Gegenwartsaufgaben der deutschen Geschichtsforschung“ 12 sowie Walter Ulbricht 13 in einer Rede vom 9. Juli 1952 zu den Aufgaben der Geschichtswissenschaft. Zentrale Punkte darin waren:
- die radikale Ablehnung bürgerlicher Geschichtsschreibung
- ausschließliche Geltung und Anwendung des dialektischen und historischen Materialismus für die DDR-Geschichtswissenschaften,
Ziel war die Realisierung eines neuen, marxistisch-leninistischen Geschichtsbildes. Aufgaben eines solchen neuen Geschichtsbildes waren:
- Lossagung der DDR-Geschichtswissenschaft von den Positionen des traditionellen akademischen deutschen Historismus und Weiterentwicklung der Theorie des Marxismus und der Geschichtsforschung als Grundlage der Geschichtswissenschaft der DDR, - Herausstellung der bis ins Hochmittelalter zurückreichenden Freiheits- und Kampftraditionen des deutschen Volkes,
- Verbindung des klassischen deutschen Kulturerbes in Kunst und Wissenschaft mit dem sozialistischen Realismus,
- Wendung der DDR-Geschichtswissenschaft zum Nationalen durch Herausstellung von Mut, Heldentum, Patriotismus und Hingabe an die große Sache des deutschen Volkes,
12 Stern, Leo: Gegenwartsaufgaben der deutschen Geschichtsforschung, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe Nr. 1, Jg.1, Heft 3, s. 1 - 17
13 Hehn, J.: Die Sowjetisierung des Geschichtsbildes in Mitteldeutschland, in: Europa-Archiv 19, S. 6.938 (Rede auf der II. Parteikonferenz der SED)
- 10 -- Widersetzung gegen ideologische Einflüsse des anglo-amerikanischen Imperialismus und Entlarvung aller reaktionären und pseudowissenschaftlicher Theorien, - Befreiung der Lehre an Schulen und Universitäten von reaktionärem Ballast „und alles zu tun, um die Kenntnisse der geschichtliche Vergangenheit des deutschen Volkes zur mobi-lisierenden Kraft zu machen für den Kampf um Frieden, Demokratie, Fortschritt und Aufbau des geeinten Deutschlands.“ 14
Die Verstärkung der ideologischen Ausrichtung der Geschichtswissenschaft schlug sich vor allem nieder, in der zunehmenden Einflussnahme auch institutionell auf die universitäre Geschichtswissenschaft mit Hilfe der Gründung spezieller wissenschaftlicher Institute an den Universitäten Berlin, Leipzig und Halle, an denen marxistisch-leninistische Nachwuchs-Kader für Forschung und Lehre ausgebildet wurden.
1952 wurde das „Museum für Deutsche Geschichte“ im Berliner Zeughaus eröffnet. Das Berliner Institut für Geschichte des Deutschen Volkes erhielt dazu die Aufgabe, ein Lehrbuch der deutschen Geschichte für die Hochschulen der DDR zu erstellen. 1953 wurde die wichtigste und maßgebendste geschichtswissenschaftliche Zeitschrift der DDR „Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“ gegründet.
Augenscheinliches Ziel all dieser Maßnahmen war unverkennbar die Durchsetzung der marxistisch-leninistischen Geschichtsauffassung und des nationalen Geschichtsbewusstseins, das das Engagement des Einzelnen wie der Gesamtheit beim Aufbau des Sozialismus erhöhen und verstärken sollte.
Allerdings standen dem Aufbau des Sozialismus im Sinne der „Errungenschaften der Sowjetwissenschaft auf allen Gebieten“ zu übernehmen 15 Schwierigkeiten entgegen. Vor allem die Abwanderung qualifizierter Wissenschaftler konnte auch nicht durch Privilegien oder finanzielle Vergütungen aufgehalten werden. Das rigide Vorgehen der Partei in allen gesellschaftlichen Bereichen löste einen unlösbaren Konflikt aus, der durch den nachfolgenden Tod Stalins schließlich die Parteiführung zwang, mit ihren repressiven Maßnahmen vorsichtiger umzugehen und schließlich sogar den Umschwung zu einem „Neuen Kurs“ zwang.
Die Auswirkungen dieses Umschwunges wirkte sich auf die Geschichtswissenschaft dergestalt aus, dass nun die bisher vernachlässigte Auseinandersetzung mit der westdeutschen Geschichts-forschung durch eine differenziertere, aber eben auch kritische Auseinandersetzung ersetzt und intensiviert wurde. So nahmen erstmals 1953 marxistisch-leninistische Historiker am Deutschen
14 vgl. Stern, Leo, a. a. O.
15 Referat des 1. Sekretärs der SED, Walter Ulbricht, auf der 2. Parteikonferenz der SED, Juli 1952 in: Neue Welt, H.
15, August 1952, zit. nach Rexin, Manfred: Die Entwicklung der Wissenschaftspolitik in der DDR, in: Wissenschaft und Gesellschaft der DDR, München 1971,S. 93
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Katja Wesolowski, 2006, Politische Einflüsse auf die Entwicklung der DDR-Geschichtswissenschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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