Inhaltsverzeichnis
1 Vorbemerkung 3
2 Ein theoretischer Überblick 4
2.1 Einführung 4
2.1.1 Begriffsabgrenzung 4
2.1.2. Die methodologische Einbettung der Gruppendiskussion 5
2.1.3 Das Pro und Contra einer Gruppendiskussion 6
2.2 Die Anwendung des Verfahrens 7
2.2.1 Die Planung einer Gruppendiskussion 7
2.2.1.1 Die Gruppenwahl 8
2.2.1.2 Die Auswahl der Diskussionsteilnehmer 9
2.2.1.3 Ort und Zeit einer Gruppendiskussion 10
2.2.1.4 Die Einladung der Teilnehmer 10
2.2.2 Die Durchführung einer Gruppendiskussion 11
2.2.2.1 Verlauf und Dauer 11
2.2.2.2 Die Rollen des Moderators 14
2.2.2.2.1 Qualifikationen des Moderators 14
2.2.2.2.2 Die Vorstellungsrunde 15
2.2.2.2.3 Der Grundreiz 15
2.2.2.2.4 Die Diskussionsrunde selbst 15
2.2.2.3 Funktionen des Assistenten 16
2.2.2.4 Die Bedeutung des Diskussionsthemas 16
2.2.2.5 Die Rollen von Teilnehmern 16
2.2.2.5.1 Ausfälle 17
2.2.2.5.2 Schweiger 17
2.2.2.5.3 Vielredner 18
2.2.3 Die Erfassung von Gruppendiskussionen 18
2.2.3.1 Die Datenaufzeichnung 18
2.2.3.2 Die Transkription 19
2.2.4 Die Videoanalyse 19
1
3 Die Auswertung einer Gruppendiskussion 21 3.1 Einleitung 21 3.2 Erklärung der Transkriptionssymbolik 21 3.3 Transkript 22 3.4 Formulierende Interpretation 29 3.4.1 Deskription des Diskussionsumfeldes 29 3.4.2 Thematische Gliederung 29 3.4.3 Detaillierte formulierende Interpretation 30 3.5 Reflektierende Interpretation 32
4 Zusammenfassende Bemerkungen 36
5 Quellenverzeichnis 37
Aus Gründen der Lesbarkeit wird im Folgenden auf das Hinzufügen der weiblichen Form verzichtet.
2
1 Vorbemerkung
Das Verfahren der Gruppendiskussion wurde bereits seit Ende der 40er Jahre in Großbritannien und den USA als Erhebungsinstrument genutzt. In Deutschland wurde es erstmals Mitte der 50 er Jahre im Kontext der Frankfurter Schule eingesetzt. In den 70er und 80er Jahren wurde es dann im Sinne des Symbolischen Interaktionismus und Ethnomethodologie geprägten Ansicht, dass sich Meinungen und Einstellungen der Diskussionsteilnehmer erst situativ während des Diskussionskontextes herausbilden, angewandt. Heute werden Gruppendiskussionen - als Standarderhebungsinstrument der Qualitativen Forschung eingesetzt - als Kommunikations- und Interaktionsprozesse begriffen, die in ihrem regelhaften Ablauf auf gemeinsame Erfahrungsaufschichtungen der Gruppenmitglieder verweisen. 1 Durch die Pluralität von Meinungen, Erzählungen und Reflektionen der Interaktanten erhält der Forscher Einblick in die gruppeninternen Sozialisationsprozesse, aber auch in die mit ihr verwurzelten Probleme. Der vorliegende Aufsatz dient dazu, einen Einblick in das Verfahren der Gruppendiskussion zu geben: Im ersten Abschnitt wird die Anwendung der Methode von der Planung über die Durchführung bis hin zur Auswertung praxisnah mit all ihren Vorzügen und Nachteilen erläutert werden. Im zweiten Teil wird anhand eines vorliegenden Transkripts, die im theoretischen Teil angesprochene Analyse praktisch umgesetzt werden.
1 Schäffer, B.: Gruppendiskussion, in: Bohnsack, R., W. Marotzki und M. Meuser (Hrsg.): Hauptbegriffe
Qualitativer Sozialforschung, Verlag Barbara Budrich, UTB, 2. Auflage, 2006, S. 75f.
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2 Ein theoretischer Überblick
2.1 Einführung
2.1.1 Begriffsabgrenzung
Morgan umschrieb den Begriff Gruppendiskussion wie folgt: Die Gruppendiskussion ist eine Erhebungsmethode, die Daten durch die Interaktionen der Gruppenmitglieder gewinnt, wobei die Thematik durch das Interesse des Forschers bestimmt wird. 2 Im deutschen Sprachgebrauch wird der Begriff der Gruppendiskussion noch weiter gefasst. Hier findet eine Unterscheidung zwischen drei Forschungsmethoden statt: der Gruppenbefragung, dem Gruppengespräch und der eigentlichen Gruppendiskussion, die es im Folgenden zu definieren gilt.
Die Gruppenbefragung, auch Gruppeninterview genannt, ist auf Merton und Kendall zurückzuführen, die mehrere Personen gleichzeitig befragten, um damit Zeit zu sparen. Dem Probanden werden entweder standardisierte Fragebögen oder ein Leitfragebogen mit offenen Fragen vorgelegt (z.B. bei Wahlumfragen). Die Gruppe als solches steht weder methodisch noch methodologisch im Vordergrund. Daher sind ausführliche Diskussionen unter den Befragten nicht zielführend.
Das Gruppengespräch findet primär Anwendung bei der ethnografischen Forschung. Untersucht werden Gespräche, die sich von allein ergeben (z.B. Tischgespräche von Familien, Gesprächsabläufe bei Notrufen). Mittelpunkt dieser sehr subtilen Untersuchung ist der Inhalt der Gespräche. Die Art der Interaktion der Gruppenmitglieder sowie der Gesprächsablauf stehen nicht im Vordergrund und werden deshalb auch nicht im Transkript mit aufgenommen. Die Gruppendiskussion im Besonderen besteht aus künstlich erzeugten, oder sogenannten Realgruppen. Das sind solche Gruppen, die auch außerhalb der Diskussionssituation existieren (z.B. Cliquen und Berufsgruppen). Thema der hiesigen Untersuchung sind nicht Einzelmeinungen, sondern die der Gruppe, die zu einem vorgegebenen Thema, möglichst ohne Intervenieren des Forschers diskutieren soll. Neben der Auswertung der Diskussion, werden auch Erinnerungen, Erzählungen und sonstige Bemerkungen der einzelnen Teilnehmenden aufgenommen, um eine möglichst detaillierte Aussage über das Interagieren in der Gruppe zu erhalten.
2 Morgan, D. L. (1988): Focus groups as qualitative research, Newbury Park, London, New Delhi, 2. Auflage,
1997; in: Lamnek, S.: Gruppendiskussion, Beltz, Psychologie Verlags Union, Weinheim, 1998, S. 27.
4
2.1.2 Die methodologische Einbettung der Gruppendiskussion
In der Soziologie lässt sich eine Dichotomie der Methoden erkennen: zum ersten das quantitativ-normative Paradigma und zum zweiten das qualitativ-interpretative Paradigma, dem das Verfahren der Gruppendiskussion zuzuordnen ist. Der wesentliche Unterschied beider Paradigmen zeigt sich in der Bearbeitung des Forschungsthemas. Die quantitativ orientierten Forscher formulieren bereits vor der Feldphase die Hypothesen mittels der Operationalisierung. Qualitative Sozialforscher hingegen arbeiten induktiv. Dies bedeutet, dass die Formulierung der Hypothesen erst im Anschluss an die Feldphase erfolgt. Diese Methode bietet dem Forscher im Sinne der Grounded Theory die vorteilhafte Möglichkeit, von ihm nicht erkannte Variablen und Aspekte, die erst während der Arbeit mit den Probanden auftreten, noch in seine Untersuchung einfließen zu lassen. Diese Möglichkeit bietet sich dem quantitativen Forscher aufgrund des standardisierten Fragebogens nicht. Ein zweiter Vorteil, der sich aus der Anwendung qualitativen Forschungsverfahren ergibt, ist die Verfahrensauswahl: Dem Forscher ist es aufgrund situativ veränderter Bedingungen möglich, sein Verfahren den vorläufigen Befunden anzupassen (z.B. können im Anschluss an eine Gruppendiskussion noch zusätzlich Einzelinterviews durchgeführt werden, wenn sich der Forscher dadurch tiefergehende Einblicke in die Gruppendynamik zu gewinnen erhofft).
Wie bereits angedeutet, ist die kommunikative Interaktion Grundlage der Gruppendiskussion. Dies impliziert eine relativ natürliche Gesprächssituation auf Basis einer mehr oder weniger geringen Standardisierung des Gesprächsablaufes.
Aber wie erhält der Forscher sein Ergebnis? Der quantitativ orientierte Forscher falsifiziert seine von ihm aufgestellten Hypothesen, in dem dieser seinen Fragebogen mittels statistischer Verfahren auswertet. Der qualitative Forscher, insbesondere der, der die Gruppendiskussion als Methode nutzt, muss hingegen sowohl die verbalen als auch die nonverbalen Äußerungen, aber auch die Argumentationsstrukturen, welche sich im Gruppengespräch ergeben, interpretieren. Diese nur im Kontext verstehbaren Sinnzusammenhänge zielen auf eine gemeinsame - Untersuchte und Forscher gleichermaßen - Sinnkonstitution und Sinnerfassung (durch Nachfragen u.a.) mit dem Ziel hin, in tiefere Sinnschichten einzudringen. (Eine Reziprozität der Perspektiven, das heißt eine gleiche Interpretation von Symbolen aufgrund einer ähnlichen Bewusstseinslage des Forschers und der Diskussionsteilnehmer sei an dieser Stelle vorausgesetzt.)
5
Als letzten Punkt an dieser Stelle sei die „Validität“ und „Reliabilität“ Gegenstand der Betrachtung: Die intersubjektive Nachprüfbarkeit der Befunde qualitativer Forschung, auf Grundlage der aufgezeichneten Video- und Tonbanddaten kann zwar nicht garantiert werden, sollte aber als Indikator dafür sprechen. Wenn der Forscher bei der Auswertung alle Auswertungsschritte dokumentiert, stellt er sicher, dass ein zweiter Forscher - wenn dieser ebenfalls mit einer ebenso geformten Gruppe et ceteris paribus eine Diskussion führt, und anschließend den Auswertungsschritten folgt - zum „gleichen“ Ergebnis kommt. „Je mehr eine solche - auf die Reproduzierbarkeit des Erkenntnisprozesses zielende - Formalisierung, und damit eine „formale Genauigkeit“, erreicht wird, desto mehr entsprechen die Erhebungsmethoden dem Kriterium der „Zuverlässigkeit“ (oder „Reliabilität“).“ 3 Im Bereich quantitativer Forschung werden hoch standardisierte Fragebogen genutzt, die für einen hohen Grad von Reliabilität stehen. Ob aber die Validität der Daten gegeben ist, lässt sich nur anhand der Überprüfung der Operationalisierung, dem Kernstück quantitativer Forschung, nachvollziehen - dies ist explizit nicht möglich! Der qualitativ arbeitende Forscher hat für sich festzulegen, in welchen Grenzen die Gruppendiskussion inhaltlich, aber auch vom zeitlichen Rahmen her, läuft. Je enger die Einflussparameter gefasst werden, desto mehr wird infrage gestellt, ob die angewandte Verfahrensweise noch dazu geeignet ist, die soziale Interaktion der Diskussionsteilnehmer adäquat zu erfassen. Und damit wird jenes infrage gestellt, was als „Gültigkeit“ oder „Validität“ einer Erhebungsmethode bezeichnet wird.
2.1.3 Das Pro und Contra einer Gruppendiskussion
Die Gruppendiskussion ist eine von vielen Methoden Gesellschaft zu begreifen. Daher ist es an dieser Stelle wenig nützlich, die Gruppendiskussion auf ihre Vor- und Nachteile im direkten Vergleich zu anderen Methoden zu untersuchen. Wie bereits im letzten Abschnitt angesprochen, ist es dem Forscher überlassen, welche Methoden dieser wählt, um sein spezifisches Untersuchungsobjekt zu analysieren.
Es scheint an dieser Stelle jedoch angebracht zumindest die Vor-und Nachteile dieses Verfahrens grob aufzuzeigen, um eine erste Einschätzung über die Einsatzmöglichkeiten zuzulassen: „Die Gruppendiskussion zeichnet sich vor allem durch ihre Offenheit, Flexibilität und Alltagsnähe, […] positiv aus. Andererseits ist die Gruppendiskussion […] in besonderer Weise geeignet, gruppendynamische Prozesse zu studieren. Die Erkenntnisse zur Gruppendiskussion sind verhaltensrelevanter, also realitätsgerechter, weil die Einstellungen,
3 Bohnsack, Ralf: Rekonstruktive Sozialforschung, Verlag Barbara Budrich, UTB, 6. Auflage, 2007, S. 17.
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Meinungen etc. in natürlicheren Situationen (Gruppe) erhoben werden (als dies etwa beim bilateralen Interview der Fall ist). Durch den kommunikativ-diskursiven Charakter ergeben sich auch Hinweise auf Handlungsstrategien für die Modifikationen von Einstellungen und Verhaltensweisen. Durch die Aufzeichnung der Gruppendiskussion können methodeninduzierte Effekte erkannt und intersubjektiv kontrolliert werden. Die in der Literatur als gewichtig genannten Nachteile sind meist den Kriterien des quantitativen Paradigmas geschuldet, die aber in der Methodologie qualitativer Forschung fremd sind […] (Ausfälle, Verweigerer, unvollständige Datenmatrix, Repräsentativität, Generalisierbarkeit etc.).“ 4
2.2 Die Anwendung des Verfahrens
2.2.1 Die Planung einer Gruppendiskussion
Am Anfang eines Forschungsprozesses ist das Erkenntnisziel zu ermitteln. Ist ein Auftraggeber vorhanden, sind zuerst dessen Interessen hinsichtlich des Erkenntniszieles zu ermitteln. Im zweiten Schritt hat der Forscher eine Untersuchungsmethode (ggf. mehrere) zu wählen, welche die Forschungsfrage hinreichend erfassen kann. Als dritten Schritt ist der Untersuchende angehalten, die Fragestellung zu konkretisieren und einen Diskussionsleitfaden zu erstellen. Hierbei hat er zwei Möglichkeiten: (i) Die Nutzung eines ausgearbeiteten differenzierten Leitfadens erhöht das Vertrauen des Auftraggebers aufgrund der höherer Konsistenz und Qualität der Analyse. Allerdings bedarf es einer temporär anspruchsvollen Entwicklung des Leitfadens. (ii) Verwendet der Moderator einer Gruppendiskussion einen grob ausgearbeiteten Leitfaden, ermöglicht ihm dies, auf spontane Interaktionsentwicklungen Einfluss zu nehmen und die Diskussion entsprechend zu lenken. Desweiteren wird sichergestellt, dass alle zentralen Punkte angesprochen wurden, bevor sich die Diskussionsbereitschaft der Teilnehmer unter Umständen erschöpft hat. 5 Diese Methode hat allerdings den Nachteil, dass es zu Inkonsistenzen zwischen den Moderatoren kommen kann, das heißt, dass die Ergebnisse der Gruppendiskussion im direkten Vergleich und damit der Interpretationsmöglichkeiten aufgrund unterschiedlicher Wortwahl der Moderatoren bei der Impulssetzung am Anfang oder während der Diskussion vielfältig sind. Zu dem ist ein Vergleich verschiedener Gruppendiskussionen schwierig, weil bestimmte Aussagen nicht in Beziehung zueinander gesetzt werden können oder unterschiedliche Moderatoren, um ein und
4 Lamnek, S.: Gruppendiskussion, Beltz, Psychologie Verlags Union, Weinheim, 1998, S. 78f.
5 Vgl. Knodel, J. (1993): The design and analysis of focus group studies: A practical approach; in Morgan, D. L.
(Hrsg.) (1993): Successful focus groups, Newbury Park, London, New Delhi, S. 36f.
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Arbeit zitieren:
Sven Paschke, 2002, Das Gruppendiskussionsverfahren, München, GRIN Verlag GmbH
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