I. Einleitung
Moderne europäische Gesellschaften, wie sie seit den politischen Revolutionen des späten 18. Jahrhunderts und der Industriellen Revolution gewachsen sind, unterscheiden sich von vormodernen organischen Sozialsystemen durch funktionale Ausdifferenzierung in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft. In einer als modern bezeichenbaren bürgerlichen Gesellschaft gekennzeichnet durch Demokratisierung, marktabhängiges Wirtschaften und kulturelle Pluralität sind politische, ökonomische und kulturelle Entscheidungsträger nicht mehr identisch. Von diesem Modernisierungsverständnis ausgehend, lässt sich die Sozialstruktur der DDR als modernisierungshemmend, ja als Modernisierungsrückschritt kennzeichnen und die sozialstrukturellen Wandlungen im Gefolge der Wiedervereinigung als nachholende Modernisierung deuten. Aufgabe dieser Arbeit ist es, in kurzer Form, dies in den einzelnen gesellschaftlichen Teilbereichen nachzuvollziehen. Da die oben gegebene Definition von Modernisierung umstritten und problematisch ist, weil ihr ein lineares Geschichtsverständnis zugrunde liegt 1 , soll zunächst im ersten Teil näher auf den Modernisierungsbegriff eingegangen werden. Ausgehend von einer modifizierten Version des Modernisierungsbegriffs kann dann die Sozialstruktur der DDR auf Modernisierungsfortschritte und Modernisierungsdefizite untersucht werden. Anschließend werden die Auswirkungen der Zäsur der Wiedervereinigung und des folgenden Transformationsprozesses (in Richtung des Gesellschaftsmodells der BRD) auf die ostdeutsche Sozialstruktur thematisiert.
II. Zum Begriff “Modernisierung”
Zur Analyse sozialen Wandels wird in der Soziologie häufig der Begriff Modernisierung verwendet. Als systematisches Modell zur Beschreibung und Bewertung von Nachkriegsgesellschaften erscheint dieser Begriff zum ersten Mal im Rahmen von Parsons Arbeiten zum Strukturfunktionalismus in den 1950er Jahren. Parsons stellt das Gesellschaftsmodell der westlichen Industrienationen, insbesondere der USA, als Leitbild dar und geht von einer evolutionären Entwicklung der “unterentwickelten Staaten” in Richtung dieses Leitbildes aus. (Parsons 1972.) Kritiker haben bemängelt, dass diese De-
1 Zumindestbehaupten das “postmoderne” und neohistoristische Kritiker.
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finition des Modernisierungsbegriffs einer Idealisierung der westlichen Gesellschaften nahe kommt und außerdem Brüche und Kosten im Modernisierungsprozess vernachlässigt. Die Schwächen einer “linear” gedachten Modernisierung von Gesellschaften in Richtung eines Idealbildes hat auch die vieldiskutierte These des Historikers Francis Fukuyama aufgedeckt, der nach dem Zusammenbruch der “bipolaren Weltordnung” von einer Vollendung der globalen Modernisierung im Sinne des westlich- liberalen Gesellschaftsmodells und damit vom “Ende der Geschichte” ausgeht. (Fukuyama 1992.) Neuere Modernisierungskonzepte gehen nicht mehr von einer linearen Entwicklung aus. Modernisierung wird jetzt als “ein variantenreicher und keineswegs linearer Vorgang, gekennzeichnet von ungleichzeitigen Abläufen, Rückschritten und widersprüchlichen Teilentwicklungen”, beschrieben. (Rucht 1994, S. 60.) Die Kriterien, an denen die Modernität einer Gesellschaft und ihrer Struktur gemessen werden kann, sollen Rationalität und Leistungsfähigkeit sein, und zwar im Hinblick darauf, ob “eine möglichst hohe Befriedigung der Wünsche und Bedürfnisse möglichst vieler Menschen” durch sie gewährleistet werden kann. (Geißler(A) 1992, S. 305.) Das heißt, dass eine Gesellschaft, um als modern zu gelten, einer immer größeren Mehrheit ihrer Mitglieder eine positive Bilanz von Befriedigungen und Versagungen ermöglichen muss. (Geißler 1996, S. 360.) Diese Maßstäbe sollen im Folgenden der Untersuchung und Beurteilung der Sozialstruktur der (ehemaligen) DDR zugrunde liegen und es ermöglichen, Modernisierungsfortschritte und -defizite ausfindig zu machen.
III. Zur Sozialstruktur der (ehemaligen) DDR
Ausgehend von dem skizzierten Modernisierungsbegriff lassen sich in der Sozialstruktur der DDR sowohl Modernisierungsvorsprünge, als auch Modernisierungsdefizite im Vergleich mit der Sozialstruktur der BRD feststellen. Elemente, die für die Modernisierung in der BRD als charakteristisch bezeichnet werden können (Wohlstandssteigerung, Höherqualifizierung, Umschichtung nach oben, Verschiebungen innerhalb der drei Produktionssektoren, Lockerung des Schichtgefüges, Verringerung geschlechtsspezifischer Ungleichheiten, Lockerung der Familienbindungen, Differenzierung der privaten Lebensformen, Alterung und Geburtenrückgang) sind auch in der Sozialstruktur
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der DDR wiederzufinden, allerdings nicht in gleicher Ausprägung. Es bestanden und bestehen z.T. weiterhin sowohl Modernisierungsfortschritte, als auch Modernisierungsdefizite in der ostdeutschen Sozialstruktur, wobei die Modernisierungsdefizite eindeutig überwiegen und z.T. systemsprengende Wirkungen entfachten. (Geißler(A) 1992, S. 305ff./ Ebd. 1996, S. 363ff.)
a) Modernisierungsfortschritte
Es lassen sich in der Sozialstruktur der DDR drei markante Modernisierungsvorsprünge ausmachen. Der erste “Vorsprung” bezieht sich auf den Gleichstellungsvorsprung der Frauen in der DDR, der durch die ideologisch gesteuerte “Emanzipation von oben” ermöglicht und durch die Abwanderungsbewegungen vor dem Bau der Mauer erzwungen wurde. Im Vergleich zur BRD besaßen die Frauen in der DDR einen allgemein höheren Bildungsstand, waren in der Mitte der Berufshierarchie stärker vertreten und zudem politisch engagierter. Verstärkte Bildung und Berufstätigkeit von Frauen trug auch zur Auflockerung geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung in den Familien bei, nicht aber zur Infragestellung des Modells der “bürgerlichen” Familie zugunsten alternativer Formen des Zusammenlebens, wie dies in der BRD seit den 1960/70er Jahren zunehmend der Fall wurde. (Geißler(B) 1992, S. 15f.)
Der zweite “Vorsprung” ist im Bereich der Versorgung mit beruflicher Qualifikation anzusiedeln. Kurz vor der Wende waren in der BRD noch 23% aller Erwerbstätigen Ungelernte, aber nur 10% in der DDR. (Geißler(B) 1992, S. 16f.) Man muss diesen Vorsprung insofern relativieren, als auch Teilfacharbeiter in den statistischen Angaben der DDR berücksichtigt sind. Umstritten ist, ob auch die Verhinderung sozialer Randlagen durch eine Politik der “Angleichung aller Schichten und Klassen” als Modernisierungsfortschritt gewertet werden kann. In der DDR wurde stets darauf geachtet, möglicht viele Menschen in den Arbeitsprozess zu integrieren und eine Versorgung mit Grundbedürfnissen (Nahrungsmittel, Miete etc.) durch Subventionen und Zuteilungen zu sichern, um die Entstehung sozialer Risikogruppen zu verhindern. Im Hinblick auf die Einebnung von Leistungsanreizen und die Exklusion nicht im Arbeitsprozess befindlicher Personengruppen (z.B. “Vernachlässigung der Rentner”) werden an dieser Stelle bereits modernisierungshemmende Faktoren deutlich. (Geißler 1996, S. 371f.)
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b) Modernisierungsdefizite
Daneben bestanden aber auch erhebliche Modernisierungsdefizite, die den Menschen in der DDR bei einem Vergleich ihrer Lebensbedingungen mit denen in der BRD stets deutlich wurden und im Rahmen des “Wettbewerbs der Systeme” der DDR zum Nachteil gereichten. Ein zentrales Modernisierungsdefizit stellt das Wohlstandsgefälle im Vergleich zum Westen dar. Der niedrige Lebensstandard und die schlechtere Versorgung mit Konsumgütern und Dienstleistungen konnte auch durch ein hohes Maß an sozialer Sicherheit nicht ausgeglichen werden. Als einen wichtigen Grund für Produktivitätsrückstände der Wirtschaft und die Defizite im Lebensstandard lässt sich die ideologisch gewollte Entsubjektivierung von Wirtschaft und Gesellschaft anführen. Statt der Befriedigung von Einzel- und Gruppeninteressen stand das “Klasseninteresse” (von Arbeitern und Bauern) im Vordergrund der DDR- Politik. Ökonomische und politische Macht wurde zentralisiert, indem die Wirtschaft von Marktabhängigkeit entkoppelt wurde und kaum Freiräume für individuelle politische Rechte und Teilhabe außerhalb des institutionell und ideologisch vorgegebenen Rahmens zugelassen wurden. (Adler 1991, S. 157ff.) Die egalitäre Gesellschaftspolitik der DDR sah eine “Annäherung aller Klassen und Schichten” vor, was in Form einer übermäßigen Nivellierung vertikaler Ungleichheiten verwirklicht wurde. Die Einkommen von Selbständigen, Wissenschaftlern, Angestellten, Arbeitern und Landwirten waren in der DDR wesentlich stärker nivelliert als in der BRD. Die mangelnde Ausdifferenzierung der Einkommen wirkte sich leistungs- und innovationshemmend im ökonomischen Bereich aus und wird oft als “causa finalis” für gravierende Produktivitäts- und Innovationsrückstände der “sozialistischen” Planwirtschaft und damit für das letztliche Scheitern des Sozialismus bezeichnet. (Lötsch 1991.)
Demgegenüber existierte aber noch ein Modernisierungsdefizit, dessen systemsprengende Kraft gegenüber den ökonomischen Triebkräften nicht unterschätzt werden darf, nämlich die übermäßige Konzentration von Macht in den Händen einer kleinen, überalterten Parteielite mit zunehmenden Rekrutierungsschwierigkeiten. Während in bezug auf die starke Nivellierung sozialer Ungleichheiten gesagt werden kann: “Fast alle hatten wenig, aber keiner hatte nichts.”, muss bezüglich der
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Arbeit zitieren:
Thomas Gräfe, 2000, Die Sozialstruktur der ehemaligen DDR und ihre Modernisierung, München, GRIN Verlag GmbH
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