I. Einleitung
„Sobald ein Volk unterdrückt ist, wird seine Sache die gute.“ 1 Dieser Satz stammt von Augustin Thierry und findet oft erstaunliche Zustimmung. Zustimmung in dem Sinne, dass einem unterdrückten Volk unerlaubte Mittel zur Befreiung gestattet werden, ohne dass diese sittlich sanktioniert werden. Ist ein Aufstand trotz zahlreicher Toter und Verletzter gerechtfertigt, nur weil er einer guten Sache wie der Gleichberechtigung dient? In dieser Hausarbeit beschäftige ich mich mit der Frage, ob asymmetrische Gruppenbeziehungen als Ursache für Konflikte dienen, oder doch deren Resultat sind. Diese Frage ist wie die Frage nach Henne und Ei: Was existierte zuerst? Der Konflikt oder die Unterschiede, die Asymmetrie? Nutzen soziale Gruppen eventuell Konflikte, um sich voneinander abzugrenzen?
Aus diesem Grund bedarf es eines anschaulichen Beispiels. Ich habe mich speziell mit Rassenunterschieden im Bezug auf unterschiedliche Hautfarbe, und zwar <
Anschließend werde ich die Theorie Herbert Blumers zu sogenannten <
II. Der Fall Rodney King
Um der Frage nachzugehen, ob asymmetrische Gruppenbeziehungen als Konfliktursache dienen können, möchte ich ein anschauliches Untersuchungsbeispiel anführen. Sie sind einer der haarsträubendsten Konflikte auf nordamerikanischem Boden, die sogenannten <
1
Thierry (1830): Geschichte der Eroberung England's durch die Normannen. Band I. Berlin: Rücker
2
Gibbs (1996): Race and justice: Rodney King and O. J. Simpson in a house divided. San Francisco: Jossey-Bass
Publ., vgl. S. 59
1
II.1 Übertriebene Polizeigewalt?
„The unusual aspect of what happened to Rodney King was that it was videotaped…“
3
. Die extreme Polizeigewalt gegenüber diesem Mann ist in den USA nichts Ungewöhnliches, wenn das Opfer schwarz ist, jedoch gab es für diesen speziellen Vorfall Beweise. Eine Videoaufnahme von einem besorgten Mitbürger zeigte vier L.A.P.D. (Los Angeles Police Department) Beamte, Sergeant Stacey Koon und die Officers Laurence Powell, Timothy Wind und Theodore Briseno, wie sie auf den am Boden liegenden Rodney King mit ihren Schlagstöcken einschlugen. Am Platz des Geschehens befanden sich 19 weitere tatenlose <
Der Vorfall ereignete sich am Sonntag, den 3. März 1991, kurz nach Mitternacht. Rodney King fuhr ungewöhnlich schnell und übertrat die Geschwindigkeitsbegrenzung. Dies lenkte die Aufmerksamkeit der Polizei auf ihn. Nachdem er der Aufforderung zu stoppen nicht nachkam, gab es eine rasante Verfolgungsjagd auf den Highways von Los Angeles. Diese Verfolgungsjagd sorgte für ein nicht unerhebliches Verkehrschaos und mehrere Autounfälle. Nachdem Rodney King schließlich von mehreren Polizeiwagen gestoppt wurde, zögerten die Beamten nicht, den Mann zuerst mit Elektrostößen niederzustrecken und dann mit ihren Schlagstöcken am Boden zu misshandeln. Sergeant Stacey Koon veröffentlichte 1992 ein Buch, um die Schwierigkeiten seitens der Polizei an diesem Abend darzustellen. In dem Buch heißt es, Rodney King hätte unter dem Einfluss von PCP 4 gestanden, und solche Leute entwickeln übermenschliche Kräfte. Als Rodney nach zwei Stromschlägen immer noch nicht außer Gefecht war, sah sich der Sergeant gezwungen, physische Gewalt anzuordnen. 5
II.2 Das Videoband und das Urteil der Jury
Nachdem die Polizei weder auf die Beschwerden von Rodneys Bruder Paul, noch auf einen Anruf von George Hollander reagierten, sah sich dieser gezwungen, mit dem Band an die Öffentlichkeit zu gehen. Das 82 Sekunden lange Video sorgte auf der ganzen Welt für
3
Ogletree (1995): Beyond the Rodney King story: an investigation of police conduct in minority communities. Criminal
Justice Institute at Harvard Law School for the National Association for the Advancement of Colored People (NAACP). Boston:
Northeastern Univ. Pr., S. 6
4 Phencyclidin (Abkürzung von Phenylcyclohexylpiperidin, kurz PCP) ist eine Bewusstseinsverändernde Droge und fällt
unter das Betäubungsmittelgesetz. Gebräuchlicher Name auch Angel Dust.
5
Koon / Deitz (1992): Presumed guilty: the tragedy of the Rodney King affair. Washington, DC: Regnery Gateway, vgl.
S. 91
2
Empörung und Zorn, vor allem bei der schwarzen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten. 6 Viele Afroamerikaner glaubten schon lange an eine rassistische Vorgehensweise bei der Polizei und institutionellen Rassismus gegen das schwarze Volk. Endlich gab es dafür einen Beweis. Die Polizei von Los Angeles geriet ins Kreuzfeuer der Kritik und die vier Beamten mussten sich vor Gericht verantworten. Dieses Gerichtsverfahren wies jedoch zahlreiche Kuriositäten auf.
Keine der 19 herumstehenden Personen wurde bzw. konnte belangt werden. Die vier Angeklagten erklärten sich für nicht schuldig. Der schwarze Richter Kamins wurde durch einen weißen Richter ersetzt und das Gerichtsverfahren in die Nachbarstadt Ventura County verlegt. Der Unterschied zwischen Ventura County und Los Angeles ist, dass in L.A. 63 Prozent der Bevölkerung nicht <
II.3 Rassenunruhen und Straßenkämpfe
Das Urteil der Simi Valley Jury in Ventura County wurde ein Jahr später, am 29. April 1992, gesprochen und schon ein paar Stunden später gab es den ersten Toten der Rassenunruhen in Los Angeles. 8 Es ist klar ersichtlich, dass die Morde, die physischen Angriffe, die Kämpfe und die Brände im Stadtteil South Central eine direkte Reaktion auf den Freispruch waren. Es war der amerikanische Alptraum auf eigenem Boden. Eine Stadt außer Kontrolle. Das Urteil veranlasste zahlreiche U.S.-Bürger aus den, vorwiegend von Schwarzen bewohnten, Stadtteilen im Süden die Justiz in die eigene Hand zu nehmen. „For black Angelenos, those four days of rage were a transforming experience, a revelation, a time for judgment.” 9 Sie versammelten sich auf den Straßen, voller Wut und Ärger über die Ungerechtigkeit der Justiz, und schworen Rache und Vergeltung. Unzählige Gebäude standen in Flammen, Geschäfte wurden ausgeraubt und überall wurde scharf geschossen. Sogar Feuerwehrmänner wurden beim Löschen der Brände von Dächern benachbarter Gebäude beschossen. Die Polizei sah sich überrumpelt und reagierte dementsprechend nicht rechtzeitig.
6 Koon (1992): vgl. S. 192 f.
7 Gibbs (1996): vgl. S. 38 ff.
8 Koon (1992): vgl. S. 190
9 Gibbs (1996): S. 54
3
Ordnung kehrte erst nach vier Tagen wieder ein, als sie am Abend des 3. Mai durch die Nationalgarde des Heeres der Vereinigten Staaten mit Gewalt wiederhergestellt wurde.
10
Bei den Unruhen kamen über 50 Personen ums Leben, Tausende wurden verletzt und Los Angeles erlitt materielle Schäden von nahezu 1 Milliarde US-Dollar.
11
Die Menschen, die starben und verletzt wurden, und die Verkäufer, deren Geschäfte verbrannt und deren Arbeitsplätze somit vernichtet wurden, waren die Leidtragenden des Aufstandes.
12
Doch der Konflikt diente ja der <
II.4 Die verschiedenen Parteien. Ein bipolarer Konflikt?
Dem Fall von Reginald Denny wurde auch eine hohe Aufmerksamkeit geschenkt, da sich dieser Mann nur unglücklicherweise zur falschen Zeit am falschen Ort aufgehalten hatte. Reginald war ein weißer Truckfahrer, der vor einer roten Ampel von einer Gruppe von schwarzen Männern von seinem Gefährt heruntergezogen und schwer misshandelt wurde.
13
Warum taten diese Männer das? Weil er ihrer Meinung nach der anderen <
Im multikulturellen Amerika gibt es natürlich noch andere ethnische Gruppen, die mehr oder minder freiwillig am Konflikt beteiligt waren, jedoch gab es hier auch Affinitäten, sodass sich der Konflikt wieder auf zwei rivalisierende Fronten reduzieren lässt. Es gab beispielsweise eine hohe Anzahl von Mitgliedern der lateinamerikanischen Minderheit, welche sich den Brandstiftungen und Raubzügen des schwarzen Mobs anschlossen, und zahlreiche asiatische Einwohner (besonders die Inhaber der meisten <
II.5 Can we all get along?
Rodney King, der Mann, der während der Unruhen zum Symbol der Ungerechtigkeit erklärt wurde, war jedoch bei weitem nicht der einzige Grund, der zu den Aufständen führte. 15 Die Meinung, welche von Experten vertreten wird, erinnert stark an die bewusste Kontrolle durch Delinquenzproduktion einer Regierung in Michel Foucaults Werk <<Überwachen und
10 Gibbs (1996): vgl. S. 56 ff.
11 Koon (1992): vgl. S. 205
12 Ebd., vgl. S. 196
13 Gibbs (1996): vgl. S. 57 f.
14 Gooding-Williams (1993): Reading Rodney King: reading urban uprising. New York/London: Routledge, vgl. S. 197
ff.
15 Ebd., vgl. S. 55 f.
4
Arbeit zitieren:
Fabian Bruckschen, 2009, Rassenkonflikte - Die Rodney King Riots, München, GRIN Verlag GmbH
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