Inhaltsverzeichnis
Inhalt Seite
1. Vorwort 1
2. Forschungsstand 2
3. Gewalt - Allgemeine Aspekte
3 . 1 . 1 Externe Gewalt und Gewalt von Außen 3
3 . 1 . 2 Interne Gewalt und Gewalt gegen sich selber
3
4. Gewalt - Semantische Aspekte 4
5. Die Liebe in Kleists Leben und Dichtung 5
6. Kleists Familienmodell im Findling 6
7. Der Findling
7 . 1 Zentrale Aspekte der Gewalt im Findling 9
7 . 2 Zum Findling allgemein 10
7 . 3 Piachi - Elvire 10
7 . 4 Piachi - Nicolo 12
7 . 5 Elvire - Nicolo 15
7 . 6 Elvire - Colino 17
7 . 7 Nicolo - Xaviera 17
7 . 8 Nicolo - Constanze 18
8. Zusammenfassung 18
9. Literaturliste 20
1. Vorwort
Die vorliegenden Arbeit befaßt sich mit dem Zusammenspiel von Liebe und Gewalt in Heinrich von Kleists Werk der " Findling ". Um die Verknüpfung von Gewalt und Liebe im "Findling" besser erfassen zu können, müssen die Begriffe "Liebe" und "Gewalt" differenziert werden. Gewalt bei Heinrich von Kleist bedeutet nicht ausschließlich physische Gewalt, sondern kann in vielerlei Formen auftreten ( Obwohl nach Gerhard Gönner Kleists Werke beispielhaft für den literarischen Umgang mit "Gewalt" stehen könnten und durchaus den Vorstellungen der herkömmlichen Gewaltansicht entspricht 1 ). Alle Formen von Gewalt entspringen dem Zwang, sich gesellschaftskonform zu verhalten, Gewalt stellt einen Ausbruch aus diesem Konformismus dar. Gewalt bei Kleist, und dies wird im Findling deutlich, kann auch als Produkt einer Identitätsfindung stehen. So sucht Nicolo trotz seiner Aufnahme in die Familie Piachi seine wahre Identität. Ginge es nach dem "Findling", so wäre diese an Elvires Seite. Doch diese Position ist schon durch den alten Piachi besetzt. So muß der Findling ausweichen, zu Xaviera Tartini, doch auch diese kann ihm nur als Ersatzbefriedigung dienen. Im Verlauf der Novelle schaukelt die Gewalt zwischen Nicolo und Piachi hoch, es kommt zu jenem grausamen Ende, daß kein Mitglied der Familie lebend übersteht. Im Laufe der Novelle wandelt sich Gewalt von einer rein psychischen Komponente zur physischen Handlung, die ihr Ende in der Übersprungsreaktion Piachis findet. Die Grausamkeiten, die in dieser Novelle sichtbar werden, sind initiiert durch persönlichen Mangel aller beteiligten Personen, der sich auf andere Personen überträgt, und somit auf diese Gewalt ausübt. Piachi findet keinen Familienersatz, Elvire verlor ihren wahren Liebhaber und Nicolo verlor seiner familiäre Identität und wird in seine neue Familie nur auf "wirtschaftlicher" Basis eingebunden. Die drei Protagonisten leiden an individuellen Mangelerscheinungen, die sie versuchen, auszugleichen. Diese Versuche tangieren einander, Machtbereiche werden überschritten, so daß sich eine Atmosphäre der Gewalt entwickelt.
Eine Differenzierung von "Liebe" gestaltet sich, im Gegensatz zu der Definition von "Gewalt", einfacher. Kleist unterscheidet im "Findling" im Wesentlichen zwei Arten der Liebe, die physische und die psychische Liebe. Der Aspekt der physischen Liebe spielt dabei eine besondere Rolle im Verhältnis zwischen Elvire, Nicolo und Piachi. Situationen von physischer Liebe werden im Text kaum dargestellt, mit keiner Szene wird die Sexualität der Eheleuten Piachi beschrieben. Wo physische Liebe ansatzweise dargestellt wird, zwischen der Zoffe des Bischofs Xaviera Tartini und Nicolo, trägt sie ein deutlich negatives Moment. Psychische Liebe wird dagegen latent in den Vordergrund der Novelle gedrängt. So denkt Nicolo immanent an Elvire, während ihre Gedanken ausschließlich um ihren verstorbenen Rette kreisen. Diese beiden Gedankenkonstrukte bilden den Kern der Novelle, aus ihm entwickelt sich im Zusammenhang mit Piachi am Schluß das größte Gewaltpotential. Einzig die Liebe zwischen Colino und Elvire wird von Kleist positiv dargestellt, doch diese Liebe wird durch Naturgewalten zerrissen. "Liebe" stellt Kleist in diversen Abstufungen im "Findling" dar, sowohl als Negativum, als auch als Positivum . Das Elvires heimliche Liebe zu Colino negative Auswirkungen auf die physische und psychische "Liebe" zu ihrem Ehemann hat, ist eine Begleiterscheinung, die von Kleist negativ bewertet wird, die Liebe, die sie Colino zu seinen Lebzeiten entgegenbrachte, bewertet Kleist hingegen als sehr positiv. So hängen die Kausalverkettungen innerhalb der Bereiche "Liebe" und "Gewalt" des "Findlings" eng zusammen, und bilden ebenso eine interaktive Verknüpfung.
1 Gönner, Gerhard: " Von zerspaltenen Herzen und der gebrechlichen Einrichtung der Welt - Versuch einer Phänomenologie der Gewalt bei Kleist ". Stuttgart, 1989. S. 1.
1
Eine wichtige Rolle zum Thema "Liebe" im "Findling" spielen die Ansichten Kleists zur Familie. Eigene Erfahrungen, Erlebnisse und Ansichten, die Kleist in seiner individuellen Entwicklung geprägt haben, werden im "Findling" integriert. Um Problematik der Liebe im Zusammenhang mit der Person Heinrich von Kleist beurteilen zu können, wird ein Kapitel dem Verhältnis Heinrich von Kleists zur Liebe gewidmet.
Unter Zuhilfenahme dieser Aspekte soll die Interaktion von Liebe und Gewalt im "Findling" dargestellt werden. Dabei ist zu klären, inwiefern sich Gewalt und Liebe in diesem Werk bedingen oder kausal verknüpft sind, und inwieweit diese konträre Gegensätze eigenständig stehen. Um dieses Verhältnis transparent darzustellen, müssen die verschiedenen Formen der Gewalt, ihre Auswirkungen und Ursachen, untersucht und dargestellt werden. Um diese Aufgabe zu erleichtern, gliedert sich die Arbeit im Hauptteil in einzelne Personenkonstellationen, anhand dieser der Bezug zwischen "Liebe" und "Gewalt" näher untersucht werden soll.
2. Forschungsstand
Eine spezifische Untersuchung zum Konnex "Liebe und Gewalt" am Werk "Der Findling" von Heinrich von Kleist ist nach Erkenntnissen des Autors dieser Arbeit nicht verfaßt. Einzig das Werk "Von zerspaltenen Herzen und der gebrechlichen Einrichtung der Welt - Versuch einer Phänomenologie der Gewalt bei Kleist" 2 von Gerhard Gönner behandelt den "Findling" im Kontext der Erzählungen Kleists, dies aber auch nur partiell auf einen Gewaltaspekt bezogen. Desweiteren sind keine bekannten Werke ,die "Liebe" und "Gewalt" im thematischen Zusammenhang behandeln. Die erarbeiteten Interpretationen beruhen aus diesem Grund im wesentlichen auf eigenen Erkenntnissen, die durch Bezüge aus der Fachliteratur zum "Findling" gestützt werden.
3. Gewalt - Allgemeine Aspekte
Äußere Erscheinungsweisen von Gewalt sind Reflexe von Bewegungen, deren Ursprünge, Strukturen und Tendenzen in der Geschichte, der Gesellschaft oder im individuellen Subjekt erst aufgedeckt werden müssen, wenn Gewalt in ihrer Grundverfassung und poetischen Wirkungsweise erfaßt werden soll. Dies gilt insbesondere für Phänomene, deren Auswirkungen oberflächlich nicht als Fälle von Gewalt zu erkennen sind, bei denen einzelne Subjekte unter bestimmten individuellen lebensweltlichen Umständen einem solchen gesellschaftlichem Druck ausgesetzt sind, daß sie sich und ihr Handeln als Opfer einer Gewalteinwirkung verstanden sehen. Traditionelle Gewalttheorien können den Komplex der individuellen Einwirkung von Außen nicht eingehend als Gewalt definieren und dessen Begrifflichkeit subsumieren. Anders J. Galtungs Theorie der "Strukturellen Gewalt", die im literarischen Bereich modifiziert in der Lage ist, gewaltspezifische Aspekte und Strukturen in literarischen Texten zu erfassen. Galtung definiert Gewalt "[ ...] als die Ursache für den Unterschied zwischen dem Potentiellen und dem Aktuellen", zwischen dem, was hätte sein können, und dem was im jetzigen Zustand Realität ist. Gewalt ist dabei als "Einfluß" vorhanden, der real abzuschalten sein muß.
Die Einbeziehung der galtungschen Theorie ist bei der Analyse poetischer Texte der neueren Epochen geeignet, fingierte Schicksale dem Wirken einer bestimmten Gewalt zuzuschreiben,
2 Gönner, Gerhard: "Von zerspaltenen Herzen und der gebrechlichen Einrichtung der Welt - Versuch einer Phänomenologie der Gewalt bei Kleist". Stuttgart, 1989.
2
die an besonderer Lebenskonstellation leidvoll zugrunde geht, ohne daß eine tragische Verkettung unglücklicher Zustände eine angemessene Erklärung bieten könnte. Der Begriff "Zerbrechen" beschreibt zusammenfassend Potenz und Aktus, die Ursache und Wirkung einer schwer greifbaren Gewalt. Das griechische Lexem "diabole" umfaßt alle wichtigen semantischen Bezüge, die in einer systematische Textanalyse unter dem Leitbegriff "Zerbrechen" subsumierbar sind. Similar damit verbunden sind die Begriffe des "Auseinanderbrechens" und "Zerbrechens" im Sinne eines aktiv herbeigeführten Geschehens, eines "Zerbrechens" an seiner eigenen Persönlichkeit. Die Bedeutung dieses Wortes wird an den Stellen kleistscher Texte erhellend, wo mit diesem Begriff die Auflösung einer Identität beschrieben wird. "Zerbrechen" charakterisiert in diesen Fällen eine Entwicklung eines Individuums, daß sich von äußeren oder inneren Mächten an eine individuelle Grenze gedrängt sieht. Für das jeweilige "Ich" realisiert sich diese Erfahrung als permanent aktive Gewalt. Die im Zusammenhang mit Kleists Werken oft benutzten Begriffe "Zerrissenheit" und "Gefühlsverwirrung" leiten sich aus der psychologischen Beschreibung der bezeichneten Bewußstseinslage ab. Die Bedrohung des Subjekts oder der eigenen Identität geschieht stets in einem Umfeld, daß latent vom Terror bestimmt ist.
3. 1 Gewalt als Diabole
Eine Form von diabolischer Gewalt ist das "In - sich - Zerbrechen", das Symbolon 3 . Die poetische Darstellung des Stoffs erhält die Form des symbolischen Ausdrucks, sie zeigt den thematischen Konflikt von zerbrechenden Identitätsbildern in derben Bildern. In diesem Konflikt wird das Geschehene der Diabole entsprechend den konkreten "szenischen" Gegebenheiten an die einzelnen Figuren weitergegeben. Der poetische Modus für ein Spiel mit derartigen Brechungen in Figuren und den damit verbundenen Konstellationen ist der des "Komischen". In diesem kleidet sich die "Diabole" in Masken, in die Sprache der Lüge, der Verdrehung und der Überredung, die sich des Zwangs bedient. Nicht nur in der Lüge, auch in unterschiedlichen Modi des Sprechens oder Verstummens zeigen sich differenzierte Formen von Gewalt, nach Helmut Arntzen sind in den Werken Heinrich von Kleists Gewalt und Sprache durchgängig miteinander verknüpft 4 .
3. 1. 1 Externe Gewalt und der Reflex
An der Stelle, an der das Wort und der Diskurs zurücktreten und zerstörerische Mächte herbeinötigen, beginnt die Macht des "Dämonischen" zu Wirken, eine Gewalt, die erscheint, als komme sie unwiderstehlich über den Menschen und zerstöre sein Leben. "Was unter dem Dämonischen zerbricht, findet auch nicht mehr zur Sprache zurück" 5 . Der Übergang zum "Krieg" und der zugehörigen Form der physischen Destruktion ergibt sich immanent, wenn man sich diese als organisierte Form unter dem Menschengeschlecht vorstellt. Dieser Ansatz führt zur einer Form von Gewalt, der Individuen und Gruppen durch gesellschaftliche Antagonismen und Normen ausgesetzt sind. Walter Müller - Seidel bewertet die Tatsache des Gewaltmotivs in Kleist Textes als eine "Kritik der Gewalt" 6 , die auf eine elementare Gesellschaftskritik zielt.
3 Gönner, Gerhard: Von zerspaltenen Herzen und der gebrechlichen Einrichtung der Welt: Versuch einer Phänomenologie der Gewalt bei Kleist. Stuttgart, 1989. S. 5.
4 Gönner, Gerhard: Von zerspaltenen Herzen und der gebrechlichen Einrichtung der Welt: Versuch einer Phänomenologie der Gewalt bei Kleist. Stuttgart, 1989. S. 5.
5 Gönner, Gerhard: Von zerspaltenen Herzen und der gebrechlichen Einrichtung der Welt: Versuch einer Phänomenologie der Gewalt bei Kleist. Stuttgart, 1989. S. 6.
6 Gönner, Gerhard: Von zerspaltenen Herzen und der gebrechlichen Einrichtung der Welt: Versuch einer
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Arbeit zitieren:
Kristian Seewald, 1995, Liebe und Gewalt im "Findling", München, GRIN Verlag GmbH
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