Gliederung
I Einleitung 5
I 1 F a l l b e i s p i e l 7
I. 2 Definitionsansätze/ Begriffserklärung 9
I. 2.1 Was ist Aufmerksamkeit? 10
I. 2.2 Was ist bei Aufmerksamkeitsdefizit gestört? 10
I. 2.3 Nomenklatur 10
I. 3 Klassifikation 12
I. 4 Epidemiologie 17
I 5 V e r l a u f 1 8
I 6 U r s a c h e n 2 0
I. 6.1 Neurobiologische Faktoren 20
I. 6.2 Genetische Faktoren 21
I. 6.3 Strukturelle Schädigungen des Gehirns 21
I. 6.4 Allergische Reaktionen 22
I. 6.5 Neurophysiologische Aspekte 22
I. 6.6 Neuropsychologische Aspekt 22
I. 6.7 Psychosoziale Aspekte 23
I. 6.8 ADHS und Trauma 23
I. 6.9 die Jäger-Hypothese (nach Hartmann) 23
I 7 K o m o r b i d i t ä t 2 5
I. 7.1 ADHS und Tic-Störungen 25
I. 7.2 ADHS und Störung des Sozialverhaltens 26
I. 7.3 Affektive und / oder Angsterkrankungen 26
I. 7.4 ADHS und Zwang 27
I. 7.5 ADHS und umschriebene Entwicklungsstörungen -
insbesondere Lese - Rechtschreib - Schwäche 28
I. 7.6 ADHS und Trotzverhalten 28
I. 8 Was kann allgemein helfen? 29
I. 9 Die multimodale Therapie von Kindern und
Jugendlichen mit hyperkinetischen Störungen 30
I. 9.1 Pharmakotherapie 31
I. 9.2 Psychotherapie 32
I. 10 Andere Therapieformen 33
I. 10.1 Therapeutisches Reiten 33
I 1 0 2 T r o m m e l n 3 4
I. 10 3 Schwimmen bei ADHS - Kindern 34
II Standortbestimmung des Sozialarbeiters/ Sozialpädagogen
II. 2 Elterntraining - ein pädagogisch bedeutsames
II. 3 Tipps für Eltern 56
oppositionellem Problemverhalten: (Thop) 57 II. 4.2 Abgrenzung zwischen Beratung und Psychotherapie 58
III Interventionen in der Schule hinsichtlich der
III. 4 Weitere vertiefende Aspekte 74
III. 5 Integrationsklassen 77
IV Neue Behandlungsansätze 78
V Schlussfolgerungen 79
G l o s s a r 8 0 L i t e r a t u r 8 2 A n h a n g 8 9
Abbildungs- und Tabellenverzeichnis
Kinder- u. Jugendpsychiatrie 37
Tab. 1 Symptomkriterien der hyperkinetischen Störung nach ICD - 10 und der Aufmerksamkeitsdefizit-/
Prävalenz von ADHS 95
I Einleitung
Wir leben heute in einer Gesellschaft mit einem großen Überfluss an Konsumgütern. Es ist schnell möglich, dass unsere Bedürfnisse befriedigt werden. Das langwierige Zubereiten von Malzeiten ist durch fließendes Wasser, elektrischen Strom zunehmend einfacher und weniger zeitaufwändig geworden. Es braucht niemand erst auf das Feld gehen und ernten. Somit werden Potentiale gehemmt und gestaut. Kinder konditionieren die schnelle Befriedigung ihrer Bedürfnisse und können dadurch nicht mehr abwarten. Sie werden ungeduldiger, was sich negativ auf das Verhalten auswirkt. (vgl. Bolvansky; 1997) Die Verhaltensauffälligkeiten unserer Kinder und Jugendlichen nehmen zu, wie aktuelle Vorfälle in der Rütli - Hauptschule in Berlin exemplarisch verdeutlichen. Die Beratungsstellen sind ausgebucht. Neben den Kindern und Jugendlichen beschimpfen jetzt auch überforderte Eltern die Lehrer. (vgl. Witzel; 2003) Die Diskussion, ob allein der Staat für Bildung und Eltern für die Erziehung zuständig ist, (vgl. Greese; 2005) ist nach der Pisastudie und den aktuellen Vorkommnissen (siehe Rütli -Hauptschule) voll entbrannt. Diese Frage beantworte ich im Kapitel: Weitere Aspekte. Mein Interesse für die Entstehung von Verhaltensauffälligkeiten und den Faktoren, die diese aufrechterhalten, wurde ganz besonders in meinem zweiten Hochschulpraktikum in der Kinder- und Jugendpsychiatrie geweckt. Dort hatte ich meinen ersten bewussten Kontakt mit hyperaktiven Kindern. In meiner Diplomarbeit beziehe ich eine Methode der Sozialen Arbeit, nämlich die Beratung, auf zwei Lebensbereiche: Elternhaus und Schule. Anteilig habe ich Elemente aus der empirischen Sozialforschung verwendet, die mir einen Einblick in bestehende Verhältnisse und vorhandenes Wissen ermöglichten. Eine Lehrerbefragung gab Aufschluss über die vorhandenen ADHS - Kenntnisse an drei Cottbusser Schulen. Ein Fallbeispiel spiegelt die „ADHS - Karriere“ eines Jungen und seiner Mutter wieder und das Interview mit Frau Dr. S. Lohr fundamentiert die ambivalente Rolle des Schulpädagogen.
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„Jugendliche spiegeln letztlich nur eine Gesellschaft wider, die es zunehmend versäumt, klare Grenzen zu ziehen, die wichtige Normen nicht entschieden vorlebt und durchsetzt." (Bundesinnenminister W. Schäuble; 2006).
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I. 1 Fallbeispiel
„Hallo ich bin Marcel ein Hypie, wie ich nun weiß. Ich lebe jetzt in einem therapeutischen Kinder- und Jugendheim mit anderen meiner Sorte. Ich muss sagen, ich habe schon ziemlich viel durch, in den 15 Jahren und ein paar Monaten in denen ich schon hier auf der Welt herumspaziere. Ich war mit Robert immer lange draußen. Den Tag (ich war vielleicht 11Jahre alt) sind wir nach langem Planen (und da sage noch mal einer, wir Hypies sind zu keiner Organisation fähig) mit extra dunkler Kleidung in das Warenlager einer großen Autoversicherungsfirma eingebrochen. Beim Rumstromern Tage vorher haben wir ein Tor entdeckt, welches hinter Büschen versteckt, nicht ganz geschlossen war. Da ich nicht der dickste bin, passte ich da locker durch und betätigte den elektrischen Türöffner. Ich begrüßte meinen Kumpel mit den Worten ‚bitte hereinspaziert’. Wir verwüsteten die halbe Nacht die Büros, tranken eine gefundene Flasche Sekt aus und fotografierten uns mit ebenso dort entdeckten Digitalkameras. 1.00 Uhr gingen wir nach Hause. Was mir meine Mutter sagte, war mir egal. Peinlich war mir nur, dass Robert und ich nächsten Tag von einem Bekannten unserer Familie, der bei der Polizei arbeitet, aus der Schule abgeholt wurden: Hausdurchsuchung!
Schon früher brauchte ich immer Aktion. Als ich fünf Jahre alt war, so berichtete meine Mutter sprühte ich mit Haarspray meinen Namen auf den Teppich meines Kinderzimmers und zündete ihn an. Das zieht sich so durch meine Vergangenheit, ich konnte nie einen Märchenfilm zu Ende gucken, weil der so langweilig war, genau so wie die Schule. Zeitiges Aufstehen, ewiges Sitzen und dann auch noch die Hausaufgaben! Ab der vierten Klasse ging ich dann irgendwann nicht mehr hin, weil sie mich unendlich nervte. Nach Hause kam ich, wann ich wollte. Robert und ich bettelten oder klauten, sodass wir auch immer Zigaretten hatten.“
Die Mutter berichtet: „Marcel konnte vor seinem ersten Geburtstag allein laufen, er war ein Schrei- und Weinkind. Er war mit 1 ½ Jahren übern Tag und mit 2 Jahren über Nacht sauber. Marcel ließ sich nicht drücken, war nicht
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anhänglich. Er versuchte immer allein einen Weg zu gehen. Er hatte wenige Freunde, keiner wollte mit ihm spielen. Wenn ein Spiel mal nicht nach seinem Willen verlief, zerstörte er es sofort.
1996 wurde Marcel das erste Mal bei Kinderärztin Frau Dr. G. vorgestellt. Wir wurden zur Frühförderberatungsstelle geschickt und dort wurde Marcel einmal in der Woche eine Stunde behandelt. Das war ein halbes Jahr bevor Marcel regelgerecht mit sechs Jahren eingeschult wurde. Marcel konnte in der Schule nicht still sitzen, provozierte Mitschüler und Lehrer - es war unmöglich ihn zu führen. Im Schulhalbjahr der 2. Klasse wechselte Marcel an die Förderschule mit Erziehungshilfe. Ferner wurde ihm das Medikament Ritalin verschrieben. Einmal in der Woche ging er in das Sozialpädiatrische Zentrum (SPZ), wegen seiner Lese - Rechtschreib - Schwäche. Marcel hat zwei Fußballvereine, einen Box- und einen Ringverein probiert - alles war ihm zu „langweilig“. Mitte 2000 wurde endlich ein sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt. Marcel und ich waren immer wieder im Jugendamt vorstellig. Mit 9 Jahren fing Marcel an zu rauchen. 2001 wurde eine Rehabilitationsmaßnahme abgebrochen, weil er die Zimmereinrichtung zerstörte. Warum die Maßnahme für Verhaltensauffällige Kinder ausgeschrieben war, war mir unklar, sie sagten: ‚Holen Sie sofort ihr Kind hier wieder ab!’ ?
Der Antrag auf Umschulung in eine Schule mit Integrationsklassen war eine Tortur. Erst als SPZ, Erziehungsberatungsstelle, der Kinderarzt und das Jugendamt dies befürworteten und ich selbst mit meiner Schwägerin, die selber Grundschullehrerin ist, beim Schulamt vorsprachen, wurde nach Widerspruch, einer Umschulung zugestimmt. Klinikaufenthalte und delinquentes Verhalten wechselten sich ab. Nun ist Marcel in einem Therapeutischen Kinder- und Jugendzentrum. Er fühlt sich dort wohl. Sein Verhalten hat sich während einer Multimodalen Therapie sehr verbessert. Er möchte einmal etwas technisches, vielleicht mit Autos oder Computern machen, sagt er heute.“
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I. 2 Definitionsansätze/ Begriffserklärung
ADHS liegt vor, wenn unaufmerksames und impulsives Verhalten mit oder ohne deutliche Hyperaktivität ausgeprägt sind, nicht dem Alter und Entwicklungsstand entsprechen und zu Störungen in den sozialen Bezugssystemen, der Wahrnehmung und im Leistungsbereich von Schule und Beruf führen. (vgl. Leitlinie AG ADHS e. V; 2006)
Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) bezeichnet einen nicht nur bei Kindern auftretenden Symptomkomplex. ADHS ist gekennzeichnet durch erhebliche Beeinträchtigungen der Konzentrations- und Daueraufmerksamkeitsfähigkeit, Störungen der Impulskontrolle sowie Hyperaktivität oder innere Unruhe. (http://www.pi-wien.at/eakademie/eakademie.htm)
Die WHO (World Health Organisation) definiert ADHS allgemein als „eine Verhaltens- und emotionale Störung, die in der frühen Kindheit (erste fünf Jahre) beginnt und länger als 6 Monate eine Kombination von überaktivem Verhalten, Aufmerksamkeitsschwäche und Mangel an Ausdauer zeigt“. (von Loh; 2003, S. 354)
Eine genaue Begriffsbestimmung findet in der von der WHO entwickelten ICD - 10 (International Classification of Diseases and Related Health Problems) bzw. in dem von der American Psychiatric Association entwickelten DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) statt. Da das DSM und die ICD - 10 die Krankheit genau beschreiben und diese in der Praxis am häufigsten verwendet werden (vgl. Zaudig, Wittchen, Saß, 2000), basiert die hier vorliegende Diplomarbeit auf den beiden Klassifikationssystemen. Die Einordnung von ADHS bzw. dem Hyperkinetischen Syndrom und deren Klassifikation lesen Sie im Kapitel: I. 3 (Klassifikation).
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I. 2.1 Was ist Aufmerksamkeit?
Es wurden schon viele Theorien aufgestellt, um diese Frage zu beantworten. Gottfried Wilhelm Leibniz (1704) und Wilhelm Wundt (1873) vermuteten, dass Aufmerksamkeit ein „innerer Willensprozess“ sei, der der selektiven Ausgliederung von Bewusstseinsinhalten und der Apperzeption (bewussten Wahrnehmung) von Vorstellungen diene.
Müller, Rohrbacher und Henning nahmen in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts bestimmte physiologische Mechanismen im Zentralhirn an, die spezielle Erregbarkeiten in bestimmten Bereichen des Gehirns bewirken. Moderne Modelle gehen von defizitären Filtersystemen des Wahrnehmungssystems aus, die an verschiedenen Stellen des Wahrnehmungsprozesses eingreifen sollen, um Informationen zu selektieren. (www.wikipedia.org /wiki/Aufmerksamkeit)
I. 2.2 Was ist bei Aufmerksamkeitsdefizit gestört?
Man könnte annehmen das gesamte Gehirn sei überaktiviert und nimmt alle eingehenden Reize gleich stark wahr. Andererseits könnte es auch unterstimuliert sein, so dass bestimmte Selektionsmechanismen nicht einmal aktiviert werden. (vgl. von Loh; 2003)
I. 2.3 Nomenklatur
Mit unterschiedlichen Begriffen wurde seit Heinrich Hoffmann, der es Zappelphillipsyndrom nannte, versucht, diese Störung zu beschreiben. Aus Abbildung 1 können bisherige Namensgebungen des hier vorgestellten Syndroms entnommen werden. Diese unterschiedlichen Begriffe zeugen nicht von einer Sprachverwirrung, sondern dokumentieren, dass frühere Konzepte weiterentwickelt und andere verworfen wurden bis zum heutigen Begriff mit seinen Subtypen. (vgl. Knölker; 2001)
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I. 3 Klassifikation
Die beiden am meisten gebräuchlichen Klassifikationssysteme, das DSM -IV (die römische Ziffer IV kennzeichnet die Auflage des Manuals) und die ICD - 10 unterscheiden sich sowohl in der Definition als auch in der Benennung der Störung. Das DSM - IV wählt den Begriff der Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung.
In der ICD - 10 wird Hyperkinetische Störung bzw. einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung verwendet. Bei den Symptomkriterien gibt es hinsichtlich der Formulierung geringe Unterschiede. Der Inhalt ist bis auf kleine Abweichungen identisch. Die Symptomkriterien der beiden Klassifikationssysteme sind in der Tabelle 1: Symptomkriterien mit unterschiedlichen Klammerzeichen gekennzeichnet: { } = nur DSM - IV; ( ) = nur ICD - 10. Nach dem ICD - 10 müssen sechs von neun Symptomkriterien der Unaufmerksamkeit sowie drei von fünf der Hyperaktivität und eines von vier der Impulsivität erfüllt sein, um eine Diagnose einer ADHS gestellt zu bekommen.
Beim DSM - IV sind es ebenfalls sechs von neun Symptomkriterien bei der Unaufmerksamkeit, bei der Hyperaktivität und der Impulsivität, die zusammen betrachtet werden, müssen sechs von neun Symptomen ausgeprägt sein. Diese Symptome müssen mindestens sechs Monate in einem nicht entwicklungsgemäßen Ausmaß bestehen. (vgl. Döpfner/ Schürmann/ Frölich; 2002)
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Tab. 1: Symptomkriterien der hyperkinetischen Störung nach ICD - 10 und der Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung nach DSM - IV
(modifiziert Döpfner/ Schürmann/ Frölich; 2002)
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Sowohl im ICD - 10 als auch im DSM - IV kommen vier Kriterien dazu, die bei beiden Klassifikationssystemen annähernd analog sind.
Tab. 2: weitere Symptomkriterien gültig für DSM - IV und ICD - 10
(modifiziert nach Zaudig/ Wittchen/ Saß; 2000)
Um die Unterschiedlichkeit beider Systeme noch einmal zu verdeutlichen, wird hier auf die drei Subtypen, die nur das DSM - IV unterscheidet hingewiesen. Subtypen des DSM - IV
Ein ADHS, Mischtypus liegt vor, wenn die Symptomkriterien der Unaufmerksamkeit, der Hyperaktivität (und der Impulsivität; das DSM unterscheidet zwar die beiden Kardinalsymptome Hyperaktivität und Impulsivität, jedoch werden sie zusammen in einer Gruppe betrachtet, so dass unter der Gruppe Hyperaktivität auch die Symptome der Impulsivität aufgelistet sind) während der letzten sechs Monate aufgetreten sind. Ein ADHS, Vorwiegend Unaufmerksamer Typus liegt vor, wenn nur die Kriterien der Unaufmerksamkeit während der letzten sechs Monate beobachtbar waren.
Ein ADHS, Vorwiegend Hyperaktiver - Impulsiver Typus liegt vor, wenn die Symptomkriterien der Hyperaktivität (und Impulsivität) erfüllt worden sind. (vgl. Zaudig, Wittchen, Saß; 2000)
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Zu einer vollständigen, individuellen Diagnose nach DSM - IV gehört die Darstellung des Problemfalles (hier die an ADHS erkrankte Person) auf fünf Dimensionen (Achsen). (vgl. Zimbardo; 1996)
Tab. 3 Die fünf Achsen des DSM - IV
(modifiziert nach Zimbardo; 1996)
Da es sich hier um eine Arbeit aus der Sicht des Sozialarbeiters/ Sozialpädagogen handelt und nicht um eine medizinische Diplomarbeit, findet, bis auf einen tabellarischen Überblick (Tabelle 3), das multiachsiale System in der hier vorliegenden Arbeit keine nähere Beschreibung. Zusammenfassend sind in Abbildung 2 die Kriterien für eine Diagnose nach ICD - 10 und nach DSM - IV dargestellt. Trotz der nur gering divergierenden Klassifikationssysteme ist die Diskussion zur Schaffung eines einheitlichen Manuals sinnvoll.
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Abb. 2 Kriterien einer Diagnose nach ICD - 10
Abb. 2a Kriterien einer Diagnose nach DSM - IV
(modifiziert nach Döpfner/ Schürmann/ Frölich; 2002)
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I. 4 Epidemiologie
Hyperkinetische Störungen stellen zusammen mit den aggressiven Verhaltensstörungen die häufigsten psychischen Auffälligkeiten im Kindesalter dar. (vgl. Döpfner/ Schürmann/ Frölich; 2002) Es tritt bei konservativen Schätzungen ADHS bei 3,0 bis 7,5% der Schulkinder auf. Wenn die Kriterien weiter gefasst werden steigt der Prozentsatz auf bis zu 17%. (vgl. Konrad/ Hebebrand/ Dahlmann; 2005) Im Altersbereich von 4 bis 18 Jahren werden Jungen, bezüglich der Ausprägung ihrer Symptome gegenüber Mädchen, bedeutend auffälliger eingeschätzt. (vgl. Döpfner/ Schürmann/ Frölich; 2002) In Deutschland finden sich unterschiedliche Angaben über die Prävalenz: So beschreiben Lauth, Gerhard und Lamberti (1997), dass 7,2% aller
Grundschulkinder im Alter von 7 bis 11 Jahren an einer hyperkinetischen Störung leiden (vgl. Lauth/ Lamberti 1997). Hingegen hat Baumgärtel (1997) nach den DSM - IV Kriterien eine Zahl von 17,8% aller Grundschulkinder erhoben.
Für die Bereiche des Erwachsenenalters sind die Zahlen noch ungenauer. Konrad, Hebebrand und Dahlmann (2003) beschreiben in Deutschland eine Häufigkeit von 9,6% betroffenen Vorschulkindern. Im Erwachsenenalter fehlen bisher noch systematisch durchgeführte Studien. Es ist aber davon auszugehen, dass ca. 20% der Fälle vom Kindesalter bis in das Erwachsenenalter persistiert. (Konrad/ Hebebrand/ Dahlmann; 2005) (siehe Anhang Tab. 5)
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I. 5 Verlauf
Säuglings- und Kleinkindalter: Ab dem Alter von drei Jahren ist es schwierig Abgrenzungen zum Normverhalten festzustellen aber prinzipiell möglich. Die Anamnese wird bis zurück in das Säuglingsalter durchgeführt, da es hier schon typische Anzeichen für eine Verhaltensauffälligkeit geben kann, z.B. Schreibaybies.
Die Kinder fallen durch Ess- und Schlafprobleme ebenso wie durch unausgeglichenes Verhalten auf. Ferner zeigen sie hier schon ein erhöhtes, instabiles psychophysiologisches Aktivitätsniveau. Wenn hierzu noch psychische Probleme der Eltern und feindselige Einstellungen gegenüber dem Kind vorherrschen, steigt das Risiko einer hyperkinetischen Problematik drastisch.
Im Kindergarten- und Vorschulalter: Die hervorstechende Hyperaktivität zieht eine mangelnde Integrierbarkeit, z.B. im Kindergarten, nach sich. Es sind oppositionelle Verhaltensweisen gegenüber den Eltern sowie aggressive Übergriffe auf Gleichaltrige zu beobachten. Die Störung ist im Alter von drei bis sechs Jahren zur Hälfte stabil. Sie persisiert häufiger bei Kindern, die sowohl zu Hause als auch im Kindergarten hyperkinetisch auffällig werden und bei denen, wo die Eltern - Kind - Beziehung gestört ist. Es wurden Entwicklungsrückstände in der Sprache sowie in der Motorik erfasst.
Mit der Einschulung fokussiert sich die Problematik auf den Schul-, Leistungs-und Lernbereich. Die Stabilität der Krankheit liegt hier schon zwischen 60 und 70%. Die Aufmerksamkeitsschwäche lässt bei länger andauernden Aufgaben impulsive Ausbrüche zum Vorschein kommen. Schulabbrüche,
Klassenwiederholungen, Ausschluss vom Unterricht und Schulverweise sind charakteristisch für ADHS - Kinder. Trotz in der Regel normaler Intelligenz ist die Schullaufbahn bei ADHS - Kindern weniger erfolgreich als bei lerngestörten Kindern. Die Langzeitprognose ist, umso schlechter, je stärker das Aufmerksamkeitsdefizit ausgeprägt ist.
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Ferner treten im Grundschulalter häufig Konflikte mit Gleichaltrigen auf, was diese Kinder oft zu Außenseitern, die wenige Freunde haben. Je früher die Symptome einer ADHS einsetzen, desto stärker werden sie dann auch ausgebildet. Sehr früh aggressiv auftretende Kinder stellen eine Risikogruppe für die Entwicklung einer späteren Delinquenz bzw. einer antisozialen Persönlichkeit dar.
Im Jugendalter ist die Störung 30 bis 70% stabil. Die Symptome der Hyperaktivität lassen im Gegensatz zur denen der Aufmerksamkeit und Impulsivität zu einem gewissen Grad nach. Nun stehen Störungen des Sozialverhaltens und delinquente Verhaltensweisen im Vordergrund. Sie betreffen ca. 25 bis 50% der Erkrankten. Der Drogenmissbrauch stellt in diesem Alter ein großes Problem dar. Das Risiko, das diese Teilgruppe eine weitere psychische Störung entwickelt, ist erhöht. Affektive Störungen und Beziehungsstörungen sind hier insbesondere zu nennen. Fast ein Drittel der Betroffenen weisen im Erwachsenenalter noch das Vollbild dieser Störung auf. Einzelne Symptome persisieren sogar bis zu 80%. Die Störung bleibt im Erwachsenenalter oft unerkannt, da sich die Symptome nicht so charakteristisch ausbilden wie im Kindesalter. (vgl. Döpfner/ Schürmann/ Frölich; 2002)
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I. 6 Ursachen
Die Ursachen und Entstehungsbedingungen von ADHS sind derzeit noch nicht geklärt. (Bundesärztekammer; 2005) Es gibt nicht DIE Ursache für ADHS. Nach dem heutigen Stand der Forschung müssen neurobiologische und psychosoziale Faktoren zusammenwirken, damit es zur Erkrankung kommt (BzgA; 2005). Die Darstellung der neurobiologischen Ursachen dient nicht nur zur medizinischen Aufklärung. Um ein Verständnis bei Eltern und Lehrern zu erzielen, ist es von Bedeutung, die Zusammenhänge auch der neurophysiologischen Bedingungen zu erfahren.
I. 6.1 Neurobiologische Faktoren
Bei der Aufmerksamkeitsstörung und Impulsivität liegt sehr wahrscheinlich eine dysfunktionale Konstellation zwischen Stirnhirn und Basalganglien vor. In den Basalganglien werden die unbewussten Bewegungen unseres Körpers gesteuert. Der Botenstoff Dopamin dient zur Weiterleitung der Informationen zwischen diesen beiden Hirnarealen.
Botenstoffe, auch Neurotransmitter, sind erforderlich, weil die einzelnen Nervenzellen nicht direkt miteinander verbunden sind, die Information zu übertragen. Zwischen ihnen liegt der synaptische Spalt, der von den Neurotransmittern überbrückt wird.
Bei Menschen mit ADS/ ADHS ist die Aktivität der Nervenzellen, in dem für die Handlungsplanung zuständigen Stirnhirn und den Basalganglien, deutlich herabgesetzt. Diese Unteraktivität basiert möglicherweise auf einem Ungleichgewicht bestimmter Neurotransmitter. Besonders sind hier das Dopamin und das daraus gebildete Noradrenalin zu nennen. Bei den betroffenen Menschen existieren zu viele Transporteiweiße im synaptischen Spalt, welche wie kleine Staubsauger funktionieren. Gerade, wenn die Zelle das Dopamin freisetzt, holt es sich der kleine Staubsauger wieder zurück. Das Dopamin hat somit nicht ausreichend Zeit, genügend Informationen zur nächsten Zelle fortzuleiten. Einströmende Reize
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Arbeit zitieren:
Hagen Gomille, 2006, Hilfe das Kind dreht durch - Interventionen bei ADHS, München, GRIN Verlag GmbH
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