Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung 3
1. Quellenlage. 4
2. Zur Problematik der Definition von Randgruppen 6
3. Studenten im Mittelalter: ihre Definition als homogene soziale "Gruppe" bzw. "Einheit" 8
3.1 Zum Begriff der Gruppe. 8
3.2 Typisierung mittelalterlicher Studenten 9
4. Studenten als Randgruppe und Minderheit im Mittelalter. 13
4.1 Die Zahl der mittelalterlichen Studenten als Definitionsmerkmal einer Randgruppe 13
4.2 Die soziale Situation der Studenten des Mittelalters aus Perspektive der Gesellschaft 16
4.2.1 Den Studenten vorgeworfene Vergehen 18
4.3 Die soziale Situation des mittelalterlichen Studierende - Kontaktpunkte zu den 23
4.4 Die Stellung der bologneser Studenten gegenüber der Stadt Bologna im 13. Jahrhundert
als Beispiel einer ausgedehnten Rechtsbefugnis 27
5. Schlußbetrachtung. 31
6. Literaturverzeichnis. 34
6.1 Monographien 34
6.2 Aufsätze. 35
6.3 Handbücher 35
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0. Einleitung
Studenten: Randgruppe oder Minderheit im Mittelalter? Der Titel des Seminars steht bewußt nicht als Aussage sondern Frage formuliert, um die Problematik zu offenbaren die sich mit dieser Thematik verbindet.
Huren, Henker, Juden, Andersgläubige - diese Gruppen und Einzelpersonen wurden im Mittelalter aufgrund ihres Berufes oder ihrer Religion von der Gesellschaft als Außenseiter betrachtet und ausgegrenzt. Dieser Prozeß fand entweder "nur" als Stigmatisierung, oder im weiterreichenden Fall als Marginialisierung statt. Die Frage nach Randständigkeit der aufgezählten Gruppen und Personenkreise der mittelalterlichen Gesellschaft ist wissenschaftlich relativ detailliert erforscht und erschlossen. In diesen Fällen kann aufgrund der wissenschaftlich erarbeiteten Ergebnisse von Randgruppen oder einzelnen randständigen Personen- oder Personenkreisen gesprochen werden.
Anders stellt sich die Situation bei den Studenten dar. Daß die Studenten des Mittelalters nur schwer in das ständische System zu integrieren waren, dafür sind ausreichende literarische Belege vorhanden. Die Aussagekraft dieser Belege reicht jedoch nicht dahingehend, zu klären, ob die Studenten "nur" nicht in die Ständegesellschaft des Mittelalters integriert waren, oder ob sie von der Gesellschaft tatsächlich als eine Randgruppe verstanden wurden.
Neben der gesellschaftlichen Perspektive müssen die jeweils geltenden ständischen Normen zur Klärung dieser Frage ebenso hinzugezogen werden, wie regionale und zeitperiodische Besonderheiten und die spezifische individuelle soziale und wirtschaftliche Situation der mittelalterlichen Studierenden. Folgenden zentrale Fragen müssen daher zunächst geklärt werden, um eine fundierte Bewertung treffen zu können:
1.) Inwieweit lassen sich die Studenten des Mittelalters als eine homogene Gruppe charakterisieren und wie verhält sich diese gegenüber den geltenden Normen? 2.) Aus welcher Perspektive betrachtete und beurteilte die Gesellschaft die Studenten? gab es bei dieser Betrachtung standesbedingte, regionale oder zeitliche Differenzen? 3.) Gab es Unterschiede in der Normengewichtung und nach welchen Normen folgte eine eventuelle Verbannung in die Randständigkeit?
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Eine weiteres Merkmal, an dem eine Integration oder Desintegration in der mittelalterlichen Gesellschaft gemessen werden kann, betrifft die Zuerkennung von spezifischen Rechten. So galten z.B. die Juden zwar als gesellschaftliche Randgruppe, besaßen aber dennoch zu bestimmten Zeiten das Monopol für Geldwechselgeschäfte. Randständigkeit ist demnach nicht zwingend gleichbedeutend mit dem Verlust von Rechten. In diesem Zusammenhang muß auch der Frage nachgegangen werden, inwieweit den Studenten Rechte zugestanden wurden, die ihrem Stand unangemessen waren und wie diese Zuerkennung von Rechten von der Bevölkerung aufgenommen wurde.
1. Quellenlage
Die Quellenlage ist, wie im Vorwort schon angedeutet wurde, nur unzureichend erschlossen. Primärquellen existieren in äußerst geringer Zahl 1 , die Selbstzeugnisse von Studenten oder ihre häufig "formalisierten" 2 Bettelbriefe in Vers oder Prosa geben ebensowenig eine objektive Darstellung der gesellschaftlichen Integration mittelalterlicher Studierender wie die, stellenweise äußerst polemischen, Vorwürfe von Theologen, Professoren und städtischen Bürgern gegenüber dem Studentenleben. 3 Zu der Kritik gesellte sich nicht selten Spott, etwa in der Form, wie ihn der Professor für Kirchenrecht in Basel, Sebastian Brandt im Narrenschiff, der großen Gesellschaftssatire von 1914 darstellte. 4 Die Mehrzahl derartiger Äußerungen, stellt Rainer-Christoph Schwinges in seiner Arbeit fest, ergeben zusammengefaßt eine "histoire scandaleuse" 5 , die jedoch einer historischen Relativierung unterzogen werden muß: "Der lasterhafte wie brave Student waren meist Zerrbilder der sozialen Dialektik der Zeit. Ebensowenig wie es den grundsätzlich fleißigen Studenten gab, existierte der grundsätzlich faule Student." 6
1 So existierten vor dem 16. Jh. kaum Selbstzeugnisse von Studenten, die die "anekdotenhaften und eher zufälligen Überlieferungen" (Schwinges, S. 207) in einem Bezug objektivieren könnten.
2 Schwinges, S. 206. In: Geschichte der Universität in Europa. Hrsg. v. Walter Rüegg. Verleiche auch F. Graus, S. 413.
3 Schwinges. S. 206. In: Geschichte der Universität in Europa. Hrsg. v. Walter Rüegg.
4 Brandt, S. 69-70.
5 Schwinges. S.207. In: Geschichte der Universität in Europa. Hrsg. v. Walter Rüegg.
6 ebenda.
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Als Quellenbasis bleiben, so Schwinges Fazit, nur die universitären Statuten, "die wie alle übrigen dispositiven Sachverhalte mit Vorsicht zu behandeln sind." 7 . Die universitären Aufzeichungen wiesen sehr häufig zeitlich bedingte Lücken auf: Statistiken, Im- und Exmatrikulationsaufzeichnungen kommen verstärkt erst in der Neuzeit auf und waren dem Mittelalter zwar nicht unbekannt, aber in der Verwendung wenig geläufig. Und Ferdinand Graus gibt zur Quellenlage weiter zu bedenken, "daß die meisten Quellenbegriffe zur Bezeichnung von Außenseitern und Randgruppen sehr unscharf konturiert sind, oft noch unschärfer als für andere Gruppen." 8 Auch spielt die Perspektive der Quellen eine entscheidende Rolle bei der Beurteilung ihrer Aussagekraft (was im Vorwort schon angedeutet wurde). Bei den überlieferten Reaktionen der Gesellschaft auf die studentische Existenz handelt es sich zu einem überwiegenden Teil um Aussagen von Angehörigen der Ober- und Mittelschicht 9 . Quellen aus der mittelalterlichen, ständischen Unterschicht sind in uns kaum überliefert, was ursächlich auf die mangelnde Schreibfähigkeit dieser Schicht zurückzuführen ist. Insofern besitzt hier die Aussagekraft der Quellen keinesfalls grundsätzlichen, kanonischen Charakter, sondern nur einen exemplarischen.
Auch die Sekundärliteratur befaßt sich mit der Randständigkeit von Studenten im Mittelalter nicht. 10 Monographien über studentisches Leben im Mittelalter, wie z. B. von Klose oder Sysmank, untersuchen und analysieren die Stellung von Studenten innerhalb der mittelalterlichen Ständegesellschaft nur am Rande. Die Thematik einer Randstellung wird überhaupt nicht behandelt. Auch die Universitätsgeschichten zu einzelnen mittelalterlichen Universitätsstädten wie z.B. Köln widmen sich diesem Thema nicht.
Aufgrund der quellenbedingten Problematik ist daher ein Ansatz zu wählen, der im Zuge dieser Fragestellung auch dem nur unzureichend vorhandenen Quellenmaterial gerecht wird. Im Folgenden soll gewissermaßen ex negativo anhand der theoretischen Überlegungen zu Randständigkeit und Randgruppen überprüft werden, inwieweit die Aussagen über die mittelalterlichen
Universitätsbesucher es zulassen, von einer Stigmatisierung oder Marginalisierung, und damit von einer Randgruppe zu sprechen. Als basistheoretische Grundlage dient die Arbeit von Frantisek Graus 11
7 ebenda.
8 Graus, S. 413.
9 ebenda.
10 Es existiert (nach meinen Recherchen) keine Monographie, die sich mit diesem Thema beschäftigt.
11 Graus, Frantisek: Randgruppen der städtischen Gesellschaft im Spätmittelalter. In: Zeitschrift für historische
Forschung, Bd. 8, 1981. Berlin: Duncker & Humblot. S. 389-438.
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zur ständischen Gesellschaft des Mittelalters. Der Blick ist über diese Arbeit hinaus auch auf die zeitlich bedingten Veränderungen des gesellschaftlichen Bildes und den damit verbundenen Auswirkungen für die Studenten gerichtet.
2. Zur Problematik der Definition von Randgruppen
Nach Graus sind Randgruppen "Personen oder Gruppen, die Normen der Gesellschaft in der sie leben, nicht anerkennen, bzw. nicht einhalten oder nicht einhalten können und aufgrund dieser Ablehnung bzw. Unfähigkeit (infolge sogenannten nichtkonformen Verhaltens) von der gesellschaftlichen Majorität nicht als gleichwertig akzeptiert werden." 12 Die von Frantisek Graus stammende Definition gibt eine "operationelle" 13 Bestimmung von Randgruppen, während das Lexikon des Mittelalters den Begriff als einen innergesellschaftlich geprägten Prozeß beschreibt, der nicht nur definiert ist durch die Verletzung von Normen, sondern der zudem gesellschaftliche Rechte beschneidet und einschränkt. Der Forschungsbegriff "Randgruppe" (marginaux, disvalued persons 14 ) umschreibt einen heterogen zusammengesetzten Personenkreis, der "durch negative kollektive Attribution einen partiellen Verlust seiner Rechte und/oder Ehre erleidet." 15 Der Prozeß der innergesellschaftlichen Ausgrenzung, soweit er durch individuelle, nicht institutionalisierte (z. B. Hexenverfolgung) Maßnahmen verläuft, wird als Stigmatisierung bezeichnet; bei einem längerfristigen Verlauf spricht man von Marginalisierung.
Allzu häufig wird bei der Erfassung von Randständigkeit ein zu statisches Ständemodell im Mittelalter zugrunde gelegt, daß insbesondere bei der Differenzierung der Unterschicht als einem möglichen Zentrum und Entstehungsherd wirtschaftlicher und sozialer Randständigkeit nach Graus nicht ausreichend differenziert wird. So ist die von den Schichtenvorstellung ausgehende Bezeichnung "untere Mittelschicht" nach seiner Ansicht eine "rein verbale Verlegenheitslösung" 16 . In dieser Schicht der Marginalisierten existierten nicht nur sozial und wirtschaftlich stigmatisierte oder marginalisierte Personen in niederen Berufen und mit niederem sozialem Ansehen - sondern eben auch begüterte, aber aus anderen Gründe stigmatisierte Randgruppen, wie z. B. die schon genannten Juden. Jedoch sieht auch Ferdinand Graus trotz dieser Kritik an einer starren Aufgliederung die einzige Möglichkeit
12 Graus, S. 396.
13 ebenda.
14 Lexikon des Mittelalters, S. 434.
15 ebenda.
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einer Statusanalyse von Randständigkeit und Randgruppen in der Schaffung systematisierender Oberbegriffe.
In ihrem prozeßhaften Charakter und ihren Auswirkungen ist die
Stigmatisierung/Marginalisierung unterschiedlich stark ausgeprägt, "je nach der Prägnanz der Ablehnung, nach der Gewichtigkeit der infragegestellten Normen und der Intensität der Stigmatisierung durch die Gesellschaft." 17 Zwei Elementen konstituieren diese Marginalisierung grundsätzlich: das Anderssein bestimmter Personen und Gruppen und die Reaktion der Bevölkerung auf das Anderssein. Weil Anderssein und die Reaktion auf dieses Anderssein bestimmter gesellschaftlicher Gruppen sich wechselseitig bedinge, darf die Stigmatisierung/Marginalisierung auch nur im Bezug auf ein konkretes soziales Bezugssystem, sprich die Normen der zu untersuchenden Gesellschaft, gesehen werden.
Die Ausgrenzung nichtkonformer Personen oder Personengruppen aus der mittelalterlichen Gesellschaft konnte unterschiedlich erfolgen:
1.) Ausgrenzung durch bestimmbare Tatbestände (z. B. unehrenhafter Beruf) 2.) Stigmatisierung durch einen formalen Akt - z. B. durch amtliche Beschau von Aussätzigen oder per Gerichtsbeschluß.
2.) Ausschluß durch die eigene Initiative von Gruppen oder Personen (z. B. Juden und Zigeunern), die aufgrund ihrer Lebensweise oder Herkunft eine "Gegenkultur" 18 zur Gesellschaft schaffen. Stigmatisierung/Marginalisierung bedeutet in diesem Fall: Reaktion der Gesellschaft auf die Nonkonformität diese Gegenkultur.
Das Lexikon des Mittelalters unterscheidet vier mittelalterliche Randgruppen, wobei aber auch Grenzfälle existierten :
• Unehrliche Berufe
• Körperliche Stigmatisierung
• Ethisch-religiöse Gruppen
• Dämonisierte Verfolgungsopfer
16 Graus, S. 392.
17 Graus, S. 396.
18 Graus, S. 398.
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Arbeit zitieren:
Kristian Seewald, 1997, Studenten: Eine Randgruppe des Mittelalters?, München, GRIN Verlag GmbH
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