1. Einleitung
In der vorliegenden Arbeit möchte ich auf die Begriffe der Seele und der Emotion bei René Descartes und bei Aristoteles eingehen. Dazu möchte ich zunächst die beiden sehr differenten Körper-Geist-Konzeptionen von Descartes und Aristoteles darstellen und auf diese Weise zeigen, welche Vorstellungen von Seele bei beiden Philosophen vorhanden sind. Im Anschluss daran möchte ich auf die Funktionen der Seele in beiden Konzeptionen Bezug nehmen und mich dabei auf den Aspekt der Emotionen beschränken. Diese möchte ich im Verhältnis zum Verstand untersuchen. Abschließend folgt eine Kritik an den beiden Konzeptionen.
Die Beschränkung auf Emotionen im Hinblick auf ihr Verhältnis zum Verstand hat zum einen den Grund darin, dass nach heutigem Verständnis der Begriff der Seele meist mit dem der Psyche übersetzt wird. Psyche bezeichnet das, was uns die Fähigkeit gibt, Emotionen zu empfinden. Zum anderen aber wird in der Beschäftigung mit den Aspekten Emotion und Verstand bei Descartes und Aristoteles deutlich, dass diese Funktionen der Seele bei Beiden sehr ähnlich sind, obwohl ihnen sehr unterschiedliche Vorstellungen vom Körper-Geist-Verhältnis zu Grunde liegen.
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2. Das Leib-Seele-Verhältnis bei Descartes und Aristoteles
Im Folgenden sollen die Konzeptionen des Leib-Seele-Verhältnisses bei Descartes und Aristoteles dargestellt und auf ihre Unterschiedlichkeit eingegangen werden. Die differenten Vorstellungen, die Descartes und Aristoteles im Hinblick auf das Verhältnis von Leib und Seele haben, sind für das weitere Verständnis des Begriffes der Seele bei beiden Philosophen von Bedeutung. Zunächst möchte ich auf das dualistische Modell, welches Rene Descartes zur Klärung des Verhältnisses von Leib und Seele anwendet, eingehen. Im Anschluss daran werden die Überlegungen von Aristoteles angeführt, die sich gravierend von den Ausführungen Descartes unterscheiden.
2.1 Der Dualismus von René Descartes
René Descartes führt in seiner Schrift „ Meditationes de Prima Philosophia“ aus, wie sehr uns unsere Sinneseindrücke täuschen können.
„Alles nämlich, was ich bis heute als ganz wahr gelten ließ, empfing ich von den Sinnen; diese aber habe ich bisweilen auf Täuschungen ertappt, und es ist eine Klugheitsregel, niemals denen volles Vertrauen zu schenken, die uns auch nur ein einziges Mal getäuscht haben “ 1
Auch, wenn unsere Sinne uns nur manchmal täuschen, so ist dieses aber keine Garantie dafür, dass sie uns nicht immer täuschen. Descartes geht soweit zu sagen, dass es gut möglich ist, aufgrund von Sinnestäuschungen ein Erlebnis für wahr zu halten, während man dieses in Wirklichkeit lediglich träumt.
„..Während ich aufmerksamer hierüber nachdenke, wird mir ganz klar, dass nie durch sichere Merkmale der Schlaf vom Wachen unterschieden werden kann…“ 2 Somit kann auf Sinneseindrücke kein Verlass sein. Auch die Vernunft scheidet als sichere Erkenntnisquelle aus. Wir glauben dass 7+5 = 12 ist, dass es regnet oder nicht regnet. Diese Sachverhalte glauben wir, weil wir zu unserer Vernunft, die uns diese Tatsachen sagt, Vertrauen haben. Dieses Vertrauen in die eigene Vernunft ist nach Descartes aber nichts, was begründet oder gerechtfertigt ist. Es sei nicht auszuschließen, dass uns von einem mächtigen Wesen Vernunft mitgegeben wurde, uns in die Irre führt, uns falsche Tatsachen offenbart und darüber hinaus dazu neigt, diese falschen Erkenntnisse als richtig und überzeugend einzustufen.
1 Descartes, René: Meditationen über die Erste Philosophie, Erste Meditation, Absatz 3, Reclam-Ausgabe, Stuttgart 2008, S.65
2 Ebda, S.67
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„ Warum aber soll dieser es nicht etwa so eingerichtet haben, dass es überhaupt gar keine Erde, keinen Himmel, nichts Ausgedehntes, keine Gestalt, keine Größe, keinen Ort gibt und dass trotzdem alles dies mir genauso wie jetzt da zu sein scheint? Wäre es nicht sogar möglich, dass ich mich irre, sooft ich zwei und drei addiere oder die Seiten des Quadrates zähle oder bei irgendetwas anderem, womöglich noch Leichterem; ganz wie meiner Meinung nach die Leute bisweilen in Sachen irren, die sie aufs allergenauste zu kennen meinen?“ 3 Demnach sind Sinneseindrücke und Vernunft keine sichere Basis für Erkenntnisse. Für Descartes leitet sich daraus die Frage ab, ob es etwas gibt, an dem man nicht zweifeln kann. Schließlich kommt er zu der Annahme, dass allein die Tatsache, dass wir als denkende Wesen existieren, dasjenige ist, welches nicht angezweifelt werden kann. „Nachdem ich so alles genug und übergenug erwogen habe, muss ich schließlich festhalten, dass der Satz „ Ich bin, Ich existiere“ sooft ich ihn ausspreche oder im Geist auffasse, notwendig wahr sei.“ 4
Das Auffassen des Satzes „Ich bin“ im Geiste, welches man meiner Meinung nach auch mit dem Begriff „Denken“ oder „Erkennen“ ausdrücken kann, lässt den Schluss„ Ich denke, also bin ich“ 5 zu. Sobald man erkennt, dass man existiert, ist dieses die Garantie dafür, dass man existiert. Denn wenn man nicht existiert, kann man auch an nichts denken, an nichts zweifeln. Der Schluss „Ich denke, also bin ich“ impliziert auch, dass man ein Wesen mit Bewusstsein ist. Auch Urteile über private Bewusstseinszustände sind demnach wahr. „Ich empfinde Kopfschmerzen“ oder „ Ich denke an Ostern“ sind mentale Zustände, denen man sich bewusst ist.
Der Satz „ Ich denke, also bin ich“ ist aber auch ein Beleg dafür, dass Descartes sich seiner Existenz lediglich als „denkendes Subjekt“ gewiss ist. Alles körperliche ist anzweifelbar und muss erst bewiesen werden. Das Denken fasst Descartes als eine Art „Denksubstanz“ auf und umschreibt es mit dem Begriff der Seele. Geist und Seele werden bei ihm auch mit dem Begriff „res cogitans“ betitelt. Denken ist die wesentliche Eigenschaft der „res cogitans“ und ist von allen körperlichen Aspekten, die bei ihm mit „res extensa“ betitelt werden und deren Haupteigenschaft Ausdehnung ist, zu unterscheiden. Das denkende Ich kann unabhängig vom Körper gedacht werden und steht für sich allein. 6
Das bedeutet, dass man um seine Existenz als Bewussteinswesen mit großer Sicherheit wissen, zugleich aber an der Existenz des Körpers, der bei Descartes ein mechanisches
3 Ebda, S. 71
4 Ebda, S. 79
5 cogito ergo sum
6 Jedan, Christoph: Willensfreiheit bei Aristoteles, Göttingen 2000, S.74-75
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System ist, zweifeln kann. Er verfeinert seine Argumentation in der sechsten Meditation. Dort schreibt er:
„Erstens weiß ich, dass alles, was ich klar und deutlich einsehe, von Gott so geschaffen sein könnte, wie es sich mir darstellt; wenn ich daher ein Ding klar und deutlich ohne ein anderes zu erkennen vermag, so genügt dies, um mich zu vergewissern, dass die beiden wirklich verschieden sind, da wenigstens Gott sie getrennt setzen kann…Ich weiß von meiner Existenz und schreibe gar nichts anderes meiner Natur oder meinem Wesen zu, als dass ich ein denkendes Ding sei; daraus schließe ich mit Recht, dass mein Wesen allein darin besteht, ein denkendes Ding zu sein.“ 7
Nun schließt Descartes nicht mehr nur wegen der Zweifelsfreiheit der Denktätigkeit auf die Existenz einer geistigen Substanz, sondern aufgrund der Möglichkeit, dass Gott ein ausdehnungsloses, denkendes Geschöpf ohne Leib geschaffen haben könnte. Die Argumentation, die diesem Gedanke zu Grunde liegt, ist folgende: Wenn ein X ohne ein Y ein X sein kann, dann gehört Y auch nicht zu X. X ist dann ein X auch ohne das Y. Dies gilt auch dann, wenn in unserem Kosmos X immer zusammen mit Y vorkommt. 8 Auch deshalb sind Leib und Seele nach der Vorstellung Descartes von- einander zu trennen. Weil Descartes als Dualist die Seele von dem Leib trennt, steht er vor dem Problem, wie und ob sich Seele und Körper zueinander verhalten. Obwohl er als Dualist davon ausgeht, dass es sich bei Seele und Körper um zwei unterschiedliche Substanzen handelt, stehen diese beiden unterschiedlichen Substanzen in einer Art Wechselwirkung miteinander in Verbindung. Dieses ist befremdlich, weil Descartes so voraussetzen muss, dass Geist (Seele) auf Materie (den Körper) einwirkt. Eine solche Annahme steht eigentlich in einem Widerspruch zu seiner Lehre, weil er davon ausgeht, dass körperliche Veränderungen ausnahmslos nach naturwissenschaftlichen Gesetzen ablaufen und geistige Prozesse ausschließlich auf geistigemotionaler Ebene ablaufen. Demnach kann Geist nicht auf Materie einwirken. Dennoch spricht Descartes davon, dass der Geist mit dem Körper verbunden ist, sich mit dem Körper vermischt und dadurch mentale Eigenschaften (Empfindungen) hervorbringt. Als Wesen mit Empfindungen muss der Geist notwendig mit dem Körper zusammenhängen. 9 Descartes schreibt dazu in seinen „Meditationes“ :
„Weiter lehrt mich die Natur durch die Empfindungen des Schmerzes, des Hungers, Durstes usw. , ich sei meinem Leibe nicht nur zugesellt wie ein Schiffer dem Schiff, sondern ich bin aufs innigste mit ihm vereint, durchdringe ihn gleichsam und bilde mit ihm ein einheitliches
7 Descartes, René´: a.a.O. S. 189
8 Engelen, Eva-Maria: Descartes, Leipzig 2005, S.46
9 Nielsen, Cathrin: Das Leib-Seele-Problem in der Phänomenologie, Würzburg 2007, S. 37
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Ganzes. Wie könnte sonst Ich, ein lediglich denkendes Ding, bei einer Verletzung des Körpers Schmerz empfinden? Ich würde jede Verletzung rein geistig wahrnehmen, wie das Auge des Schiffers es wahrnimmt, wenn am Schiff etwas zerbricht; und wenn mein Körper Speis und Trank braucht, so würde ich dies ausdrücklich erkennen und hätte nicht das verworrene Hunger- und Durstgefühl. Denn jene Gefühle von Hunger, Durst, Schmerz usw. sind sicherlich nur verworrene Bewusstseinszustände von besonderer Art, die nur aus der Vereinigung und gleichsam Verquickung der Seele mit dem Körper hervorgehen.“ 10 Weil der Mensch Empfindungen hat, muss die Seele also notwendigerweise mit dem Körper zusammenhängen, ansonsten ließen sich Empfindungen, wie Schmerzen, Hunger und Durst, die auf den Körper bezogen sind, nicht erklären. Es stellt sich allerdings noch immer die Frage, wie sich dieser Zusammenhang und die damit verbundene Einwirkung des Geistes auf den Körper genau vollzieht, wenn doch - wie von Descartes postuliert- der Geist nicht auf die Materie einwirken kann.
Descartes geht davon aus, dass der Geist an einer ganz bestimmten Stelle im menschlichen Körper auf diesen einwirkt und umgekehrt.
„Weiterhin bemerke ich, dass der Geist nicht von allen Teilen des Körpers unmittelbar Eindrücke empfängt, sondern nur vom Gehirn, vielleicht sogar nur von einem ganz kleinen Teil desselben, nämlich von dem, welcher Sitz des Gemeinsinns sein soll…" 11 Dieser kleine Teil ist nach Descartes die Zirbeldrüse, in ihr findet die Wechselwirkung zwischen Körper und Seele statt. In ihr werden alle Hirnzustände koordiniert und diese Koordination bewirkt, dass der Geist auf körperliche Zustände reagieren kann. 12 Nervenreizungen, die vom Körper an die Zirbeldrüse geschickt werden, verursachen Ideen im Geist und umgekehrt wirken Ideen auf die Zirbeldrüse ein und bewirken, dass bestimmte körperliche Zustände hervorgerufen werden. 13 Wichtig ist anzumerken, dass die Zirbeldrüse nicht Sitz der Seele ist, sondern lediglich Schnittstelle zwischen Körper und Seele. Zu einer genauen Verortung des Geistes im menschlichen Körper sagt Descartes, dass er „als ganzer und in jedem beliebigen Teil des Körpers ist “ 14 . Deshalb darf nicht gefolgert werden, die Zirbeldrüse sei Sitz der Seele, sie ist lediglich die Stelle, an der eine Einwirkung der beiden Substanzen aufeinander erfolgt. Um dies zu verstehen, ist es wichtig nachzuvollziehen, dass Descartes sich den menschlichen Körper als eine Art Maschine vorstellte, in dessen Adern und Venen Flüssigkeit (Blut) zirkuliert. Es gibt Teile im Blut, die sehr unruhig sind und
10 Descartes, René´: a.a.O. S. 195
11 Ebda, S. 207
12 Perler, Dominik: René´Descartes, München 2006, S.182
13 Perler, Dominik: Repräsentation bei Descartes, Göttingen 1995, S.123
14 Perler, Dominik: Descartes, München 2006, S. 182
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Arbeit zitieren:
Anne-Kathrin Mische, 2009, Seele und Emotion bei Descartes und Aristoteles, München, GRIN Verlag GmbH
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