Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 1
2. Unterschiede in der Grammatik des geschriebenen
und gesprochenen Italienisch. 2
3. Das gesprochene Italienisch in der Gesprächsanalyse. 6
3.1. Der Sprechakt. 6
3.2. Hörer- und Sprecherrolle und ihre Aktivitäten. 7
3.3. Gesprächswörter, Abtönungspartikel und Interjektionen
im gesprochenen Italienisch. 8
4. Zusammenfassung. 12
5. Literaturverzeichnis. 13
II
1. Einleitung
In der Forschung wird sich mit Erscheinungsformen des gesprochenen Italienisch noch nicht so lange beschäftigt. Das hängt damit zusammen, dass in Italien lange Zeit die Frage der eindeutigen schriftsprachlichen Fixierung im Vordergrund stand. Vor der politischen Einigung 1861 in Italien war Italienisch nicht die obligatorische Ausdrucksform und wurde nicht von der Sprachgemeinschaft verwendet. Erst nach 1861 festigte sich der Stellenwert des gesprochenen Italienisch und es wurde zum Forschungsgegenstand.
Den ersten großen Beitrag leistete 1922 der Sprachwissenschaftler Leo Spitzer. Er beschrieb erstmals das gesprochene Italienisch, wobei er sich bei seinen Quellen hauptsächlich auf Theaterstücke bezog. Er beschrieb das parlato nello scritto und brachte Kategorien wie Eröffnungsformen des Gesprächs, Sprecher und Situation und Grußformeln in die Darstellung ein. Das wird in den 1970er Jahren in der Pragmalinguistik wieder aufgegriffen. In den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts rückte das Regionalitätskriterium in der Beschreibung des Gegenwartsitalienisch in den Vordergrund. Der mündliche Sprachgebrauch wurde erfasst. Das Augenmerk wurde dabei auf raum- und schichtenspezifische Züge im Gesprochenem und Geschriebenem gelegt. Weiterhin wurden die
sprachgeschichtliche Komponente und die morphosyntaktischen Unterschiede zwischen dem mündlichem und schriftlichem Italienisch herausgestellt. Der Wortschatz wurde und wird untersucht. Von der Sprachwissenschaft wird der Wortschatz des Gesprochenem und Geschriebenem als weitgehend identisch aufgefasst. Die Differenzierungen werden anhand diatopischer und diastratischer Kriterien beschrieben. Des weiteren wird die Umgangssprache und Neologismen mehr und mehr betrachtet und auch der Einfluss der Regionalsprachigkeit des parlato italiano sowie das lexikographische Erfassen von phraseologischen Wendungen sind weitere Forschungsgegenstände des gesprochenen Italienisch. Man wendet sich ab von der Ansicht sprechsprachliches Vokabular sei eine feste, unauflösbare Einheit.
Die Gesprächsanalyse und die Grammatik sind ebenfalls Betrachtungsgegenstände der jungen Forschung des gesprochenen Italienisch. Im Folgenden soll nun das Augenmerk auf diese beiden gerichtet werden und aufgewiesen werden, welche sprachlichen und grammatischen Unterschiede im Mündlichen zum Schriftlichen
1
vorliegen. Weiterhin wird dabei auf den Sprechakt, die Hörer- und Sprecherfunktion sowie deren Interjektionen und Gesprächswörter während eines Dialogs eingegangen. Wenn im Folgenden die Rede vom gesprochenen Italienisch ist, bezieht sich das auf die rein konzeptionelle und medial phonische Mündlichkeit. Spontane sprachliche Äußerungen und mündliche Dialoge werden betrachtet. In dieser Arbeit steht die Veranschaulichung der mündlich realisierten Sprache im Vordergrund und unter „gesprochener Sprache [ist] in erster Linie nicht im Voraus geplante Sprache mit mündlicher Realisierung“ 1 zu verstehen. Dabei wird die Rolle des Hörers und des Sprechers genauer betrachtet.
2. Unterschiede in der Grammatik des geschriebenen und
gesprochenen Italienisch
Anfang der 1980er Jahre waren die Sprachforscher der Meinung, dass es Unterschiede in der Grammatik der gesprochenen und der geschriebenen Sprache gibt. Die Frage, ob das Italienische über zwei distinktive grammatikalische Systeme für das Gesprochene und für das Geschriebene verfügt, stand im Vordergrund der Sprachforschung. Versuche der Erfassung einer vollständigen Grammatik, die die Beschreibung des gesprochenen Italienisch mit aufnimmt, wurden verstärkt unternommen, denn in den historischen Grammatiken wurde das präskriptive Italienisch nicht mit einbezogen. Man will insbesondere die Eigenschaften des Gesprochenen gegenüber dem Geschriebenen herausarbeiten. Es wird verstärkt auf die syntaktischen Muster des Gesprochenen eingegangen und die Sprachforscher wie Sabatini haben dabei die Bedeutung des italiano parlato als eigene grammatikalische Domäne in den Vordergrund der Betrachtung gestellt: „Ogni discorso parlato si differenzia secondo l`interlocutore a cui si rivolge. L`interlocutore ci spinse a scegliere un tema invece che un altro, una durata invece che un`altra, una pianificazione invece che un`altra e perfino una grammatica invece che un`altra (...)
I discorsi parlati (esclusi quelli in publico) hanno una grammatica solitamente più povera e più semplice di quella die discorsi scritti“ 2
1 Christl, Joachim: Gliederungssignale oder Sprechersignale? Eine Untersuchung am Beispiel des gesprochenen Spanisch von San Miguel de Tucamàn/ Argentinien. Hamburg: 1992. Dr. Kova«. S. 12
2 zitiert nach: Radtke, Edgar: Gesprochenes Italienisch: Forschungsstand und Perspektiven. In: Günter Holtus, Edgar Radtke (Hrsg.): Gesprochenes Italienisch in Geschichte und Gegenwart. Tübingen: Gunter Narr Verlag 1985. S. XX
2
Der Linguist Holtus ist jedoch anderer Meinung. Seiner Auffassung nach sind die Eigenheiten des gesprochenen Italienisch übereinzelsprachlich und regional bedingt. Die Varietäten sind, nach seiner Auffassung, durch die Dialekte hervorgerufen, und somit hat das Gesprochene auch keine eigenständige Grammatik: „Non esiste in italiano nella stessa misura che nel francese una grammatica della lingua parlata indipendente, pienamente formata, che si distingua dalla lingua scritta solo per il tratto „parlato“. Sono riscontrabili piuttosto differenze grammaticali (...) influenzate dalle singole varietà dialettali o regionali, che non possono essere indicate in via primaria come caratteristiche dell`italiano parlato. Questo naturalmente non esclude che l`italiano parlato non presenti una quantità di peculiarità rispetto all`italiano scritto, ma si tratta di proprietà generali della lingua parlata tout court (...)“ 3
Es gibt lediglich einige grammatische Formen, die im Gesprochenen Italienisch kaum verwendet werden. Zu nennen wäre zum Beispiel die selten gebrauchte Tempusform des futuro anteriore. Die Tempusform passato remoto wird regionalbedingt viel oder so gut wie nie verwendet. Im Norden Italiens findet es im Gesprochenen kaum bis gar keine Verwendung, während es im Süden des Landes, vor allem auf Sizilien, häufig gebraucht wird.
Heute wird in der Sprachforschung des gesprochenen Italienisch bei Untersuchungen auf pragmatische Konstanten in der Syntaxanalyse zurückgegriffen. Dabei werden die Text- und Satzstrukturen nicht mehr allein an grammatikalischen Kategorien gemessen. Nicht die Frage nach der anderen Grammatik, sondern die Suche nach der Beschaffenheit des italiano parlato steht bei der Betrachtung im Vordergrund, d.h. man trennt nun in grammatischen Formenaufbau und kommunikationsbedingte Zuschreibung.
In Ergänzungsgrammatiken, die den Schwund und die Ausweitung im Gesprochenem beschreiben, wie der Schwund von codesto, costà, die Ausweitung von sto und Analogformen, der Rückgang von ciò oder die Ausweitung von questo/ lo, werden inzwischen Unterschiede im Gesprochenen und Geschriebenen festgehalten. 4
Auch der Linguist Gaetano Berruto hat in seinem Aufsatz „Per una caratterizzazione del parlato: L`italiano parlato ha un`altra grammatica?“ die Eigenheiten des Gesprochenen im Unterschied zum Geschriebenen versucht aufzulisten, um
3 zitiert nach: Radtke, S. XXII
4 Radtke, S. XXIII
3
Arbeit zitieren:
Milena Gutsch, 2006, Das gesprochene Italienisch, München, GRIN Verlag GmbH
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