Ein Platz an der Sonne
Meine Großeltern feierten vor kurzem ihre Goldene Hochzeit. Die Familie schenkte zu diesem speziellen Anlass natürlich auch etwas Besonderes - eine Reise nach Ägypten. Meine Großeltern waren bis dahin noch nie im Urlaub gewesen und haben ihre vertraute Umgebung, ein kleines Dorf in Mecklenburg Vorpommern, nur ganz selten verlassen, um die eigenen Kinder und Enkelkinder, die mittlerweile in anderen deutschen Städten wohnen, zu besuchen.
Sie freuten sich sehr über die Reise und waren gespannt auf das fremde Land. Doch sie kamen eher verwirrt und gestresst aus dem Urlaub zurück, als erholt und entspannt. Sie meinten, dass ihnen die Reise nicht gefallen habe und sie nicht mehr in die Fremde wollen. Die Landschaft, das Klima, die einheimische Küche, das Land und die Leute waren ihnen so fremd. Meine Oma verstand die andersartige Kleidung der Ägypter nicht und als sie ein ägyptisches Dorf mit den für sie merkwürdigen Hütten sah, konnte sie sich das Leben in dem Sand, Dreck und der Hitze nicht vorstellen. Nachdem sie dann eine Kakerlake im Hotelzimmer hatten, waren sie nur noch über die schmutzigen Zustände in dem Land entsetzt.
Sie blieben die letzten Wochen nur noch in der Hotelanlage, aßen deutsche Gerichte und sehnten sich zusammen mit einem anderen deutschen Rentnerpaar, das sie im Hotel kennen lernten, nur noch zurück nach Deutschland nach Hause. Meine Oma bezeichnete im Nachhinein dieses Erlebnis als einen Kulturschock. Sicher, für ein Rentnerpaar im hohen Alter, das zum ersten Mal im Ausland und noch dazu in einem für sie so kulturell verschiedenem Land war, muss das eine wirklich schockierende Erfahrung gewesen sein.
Doch die jüngere Generation, die neue Generation, ist mit Auslandsreisen beinahe aufgewachsen und vertraut. Im Zeitalter der Globalisierung und internationalen Geschäftsbeziehungen scheint die Welt zusammengewachsen zu sein. Nicht nur von Abenteuerlust und Neugier getrieben, sondern auch aus beruflichen Gründen wollen wir neue Welten entdecken, fremde Länder und Kulturen kennen lernen. Bereits in der Schule lernen wir zwei bis drei Fremdsprachen. In unserem sozialen Umfeld haben wir Bekannte
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anderer Nationalitäten. Kurz und knapp, wir sind mit dem Begriff und der Bedeutung von Interkulturalität vertraut und meinen uns in der Welt auszukennen. Und doch begegnet uns der Begriff des Kulturschocks häufig in der Alltagswelt. Es scheint geradezu, als das der Kulturschock unabdingbar mit Interkulturalität in Beziehung steht. Doch wie ist das möglich?
Wir verbinden Interkulturalität mit Bewusstseinserweiterung, weiterführende Kompetenzen für den Beruf, bessere Zusammenarbeit und Toleranz im Miteinander durch Auslandserfahrungen. Der Kulturschock hingegen wird mit negativen Erfahrungen und Erlebnissen, die man in einer fremden Kultur gemacht hat, in Zusammenhang gebracht; ganz der Maxime „Wenn ich im Ausland bin, treffe ich auf eine andere Kultur und das Zusammentreffen sowie meine Erfahrungen mit dieser können einen Schock auslösen“. Der Schock wird mit befremdeten Erfahrungen assoziiert und somit als negativ bewertet. Demnach müsste man sich doch vor einem Kulturschock schützen und Kontakte mit fremden Kulturen vermeiden. Der Kulturschock müsste dann eigentlich Interkulturalität verhindern.
Dem Begriff des Kulturschocks scheint noch eine andere Bedeutung innezuwohnen. Vielleicht scheinen sich Interkulturalität und Kulturschock doch nicht auszuschließen. Ich möchte den Gedanken des Kulturschocks klären und zeigen, dass er weniger Moment als vielmehr Prozess ist. „Kulturschock - Was ist das eigentlich?
1960 wurde erstmals der Begriff „Kulturschock“ von dem amerikanischen Anthropologen Kalvero Oberg geprägt. Nach Oberg (Oberg, 2008) beinhaltet diese Bezeichnung das Erlebnis einer fremden Kultur, welches als unangenehm oder als Schock begriffen wird, da die eigenen Erwartungen nicht mit der Realität übereinstimmen. Doch um sich dem vollen Ausmaß der Bedeutung des Begriffs bewusst zu werden, muss man sich dem Gehalt der beiden innewohnenden Worte „Kultur“ und „Schock“ im Klaren sein.
Der Sinn von Kultur ist so komplex und vielschichtig. Eine eindeutige und allgemein gültige Definition gibt es nicht.
Um das Phänomen des Kulturschocks erklärbar zu machen, kann meines Erachtens die Auslegung der Kultur als Orientierungssystem (Thomas, 2004) aus der Sicht der Interkulturellen Psychologie Klarheit verschaffen.
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Der Mensch ist ein Individuum und jede Person denkt, fühlt und handelt verschieden. Doch eigenartiger Weise sind wir Menschen trotz aller Unterschiedlichkeit in der Lage, uns mit unseren Gesprächspartnern zu unterhalten, diese zu verstehen, uns in unseren Gegenüber einzufühlen und mit den verschiedensten Menschen zu arbeiten. Das ist nur möglich, weil wir bei aller Individualität über ein Repertoire an Gemeinsamkeiten verfügen, das die Vorrausetzungen für diese sozialen Leistungen schafft. Die Sprache - das gesprochene und geschriebene Wort, das nichtsprachliche Zeichen- und Symbolsystem wie Mimik und Gestik - ist das zentrale Instrument dafür. Und in diesem Sinne meint Kultur, dass die Menschen ein für alle gemeinsames und verbindliches System von bedeutungshaltigen Zeichen entwickelt haben, dass ihnen erlaubt, die Welt und sich selbst in einer bestimmten Art und Weise wahrzunehmen, zu interpretieren und in der Art zu handeln, wie es die eigene soziale Gemeinschaft akzeptiert und versteht.
Durch die Sozialisation erlernen wir die sozial und kulturell relevanten Normen, Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen, wodurch die Vorraussetzungen für ein Leben in der je spezifischen Gemeinschaft geschaffen werden. Das fängt bei der verbalen und nonverbalen Sprache an und geht über in Begrüßungsrituale, alltäglichen Abläufen (beispielsweise wann und wie wird gegessen) und sozialen und bürokratischen Verhaltensweisen und Strukturen (Verhalten im Restaurant, auf öffentlichen Ämtern, Schul-, Bildungs-, Gesundheitswesen, politisches System, usw.). Hat man ein hohes Maß an sozialer Kompetenz entwickelt und beherrscht das Zeichen-und Symbolsystem zur interpersonalen Kommunikation, lebt man relativ konfliktfrei in der eigenen Gemeinschaft. So kann man sich beispielsweise Anderen mitteilen, Gefühle und Gedanken dem Gegenüber verständlich machen oder auf Andere überzeugend einwirken. Wiederum aus dem Gesamtkontext heraus kann man die Wünsche, Ziele, Hoffnungen oder die emotionale Befindlichkeitslage seiner Gesprächspartner erahnen, erkennen oder erfüllen. Man ist in der Lage, den Wünschen und Erwartungen seiner Mitmenschen entsprechend zu reagieren.
Doch lassen sich Konflikte in der interpersonalen Kommunikation nicht ausschließen. Probleme können dann entstehen, wenn Personen aufeinander treffen, deren verbindliches Symbolsystem von dem des Anderen so abweicht, dass es gehäuft zu erwartungswidrigen Reaktionen der Partner kommt oder diese das Gefühl haben, missverstanden zu werden. Diesen Problemen lässt sich nicht immer vorbeugen, denn es gibt nie eine hundertprozentige Übereinstimmung der von beiden Gesprächspartnern eingebrachten Bedeutungssystemen. Schließlich sind der mit Worten und Gesten
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verbundene Bedeutungsgehalt und die konnotativen Verknüpfungen individuell unterschiedlich und berufen sich auf persönliche und lebensgeschichtlich verschiedene Erfahrungen und Entwicklungsverläufe.
Die Probleme innerhalb der eigenen Kommunikationsgesellschaft lassen sich jedoch meist schnell durch eine Metadiskussion lösen, indem der Eine explizit auf die Problemlage aufmerksam macht und nun im gemeinsamen Diskurs eine Annäherung und Bereinigung der Missverständnisse und eine konfliktfreie Weiterführung des Dialogs versucht wird. Sie sind leicht lösbar, da Beiden die Symbolsysteme bekannt und vertraut sind. Sie berufen sich bei der Konfliktlösung also automatisch und unbewusst auf die, durch die Sozialisierung erlernten, festgelegten kulturell relevanten Normen, Werte,
Verhaltensweisen und Einstellungen, den so genannten spezifischen Symbolen. Diese spezifischen Symbole geben den Mitgliedern einer Gemeinschaft, einer Gruppe eine Orientierung und zudem Sicherheit. Dadurch kann sich das Individuum in seiner Welt zurechtfinden.
Demnach ist Kultur ein universelles, für eine Gemeinschaft oder eine Gruppe typisches Orientierungssystem. Die spezifischen Symbole bilden das Orientierungssystem und sind in der jeweiligen Gesellschaft tradiert. Sie beeinflussen das Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln aller Mitglieder. Über das Orientierungssystem wird somit die Zugehörigkeit der Mitglieder zur Gemeinschaft definiert und strukturiert ein spezifisches Handlungssystem für die Individuen, da es Vorrausetzungen zur Entwicklung eigenständiger Formen der Umweltbedingungen schafft.
Dass Kultur ein Orientierungssystem ist, das Sicherheit und Verständnis in der eigenen kulturellen sozialen Umwelt schafft, wird einem vor allem dann bewusst, wenn man zum ersten Mal in Kontakt mit Personen aus einer anderen, fremden Gesellschaftsform, Kultur, Gruppe oder Nation trifft oder sich selbst im Ausland befindet. Plötzlich werden völlig andere, einem nicht vertraute Symbole zur gegenseitigen Verständigung verwendet. Oder aber bekannte Symbole werden auf einmal in anderen Kontexten verwendet und anders bewertet.
Das führt dann zwangsläufig zu Fehlwahrnehmungen, Fehlinterpretationen oder Missverständnissen bei der Deutung und Beurteilung des Partnerverhaltens oder der vorzufindenden Strukturen und die Folge ist ein Orientierungsverlust. Ich möchte ein im Prinzip banales Beispiel erzählen, um den Gedanken der Kultur als Orientierungssystem zu verdeutlichen.
Ich war seit circa vier Monaten als Au pair in Italien. Die Sprache beherrschte ich insofern, dass ich einfachen Gesprächen auf Italienisch folgen und mich weitestgehend
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Arbeit zitieren:
Milena Gutsch, 2008, Urlaub, Reisen, Globalisierung – Fremde Welten und der Kulturschock , München, GRIN Verlag GmbH
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