Inhaltsverzeichnis
1 Vorbemerkung 1
2 Voraussetzungen 3
2.1 Zur Lutherischen Orthodoxie 3
2.2 Gerhards Passionsfr ommigkeit 4
2.2.1 Gerhards Leichenpredigten 4
2.2.2 Erkl ahrung der Historien. (1611) 6
2.3 Evangelisch predigen 7
2.4 Klajs Theologie in der Germanistik 8
3 Johann Klajs Trauerrede 13
3.1 Zwei Prooemien der Trauerrede? 13
3.1.1 Erster Eingang 13
3.1.2 Zweiter Eingang 19
3.2 Epilog der Trauerrede 26
3.3 Fazit 31
1 Vorbemerkung
Einen heute - zu Recht oder Unrecht - vergessenen barocken Dichter theologischer Werke, der bestenfalls in Fußnoten 1 noch auftaucht in den Mittelpunkt einer theologischen Arbeit zu stellen, kann als Liebhaberei des Autors entschuldigt oder alternativ unter Ausweis einer Forschungsl¨ ucke gerechtfertigt werden. Die Liebhaberei nicht bestreitend, skizziere ich kurz die Forschungsl¨ ucke, um daraus zielf¨ uhrende Fragen der Untersuchung zu entwickeln.
W¨ ahrend das literarische Barock von der Germanistik bereits umfangreich untersucht worden ist, muß die Theologie auch f¨ ur diesen Zeitraum konstatieren, daß zwar
. . . die Passionsliteratur des Mittelalters seit Jahrzehnten sehr intensiv erforscht wurde,
. . . [w¨ ahrend] ihre Fortsetzung in der Neuzeit - zumal bei Theologen - weitgehend in Vergessenheit geraten [ist]. ([22] S. 740. Z. 15-17)
Ich stelle Johann Klaj darum nicht unter literaturwissenschaftlichen, sondern theologischen Pr¨ amissen in den Mittelpunkt der Arbeit, um mit einem kleineren Text Klajs am Ende seiner zweiten Schaffensperiode exemplarisch darzustellen, wie die Forschungsl¨ ucke geschlossen werden kann. F¨ ur die Wahl der Trauerrede ¨ uber das Leiden seines Erl¨ osers
von 1650 2 spricht erstens das Fehlen eingehender Untersuchungen der
. . . predigt¨ ahnliche[n] Trauerrede ¨ uber das Leiden seines Erl¨ osers, die zu den Spitzenwerken
barocker Kunstprosa z¨ ahlt und bei der Erforschung der deutschsprachigen Erbauungslite-
ratur . . . eine achtbare Rolle spielen d¨ urfte. ([37] S. 4 ∗ )
wider diese pronouncierte Wertsch¨ atzung. Zweitens stellt die Untersuchung einen Beitrag zur kritischen W¨ urdigung der Trauerrede in der deutschsprachigen Erbauungsliteratur dar.
Dazu belege ich erstens mit Skizzen der lutherischen Orthodoxie und zweitens dem Werk des gelehrtesten und bekanntesten Vertreters der lutherischen Orthodoxie - Johann Gerhard - die Passionsfr¨ ommigkeit als zentralen Topos auch der Literatur der protestantischen Orthodoxie. Als dritte Voraussetzung skizziere ich einen an Luther orientierten Predigtbegriff, um die Trauerrede explizit als reformatorische Predigt auszuweisen. Die
1 Daran ¨ anderte leider auch der photomechanische Nachdruck der Werke des Autors in den Sechzigern und die vom Herausgeber Conrad Wiedemann geleistete interpretatorische Arbeit einer Monographie nichts: Johann Klaj und seine Redeoratorien. Untersuchungen zur Dichtung eines deutschen Barockmanieristen, N¨ urnberg: Verlag Hans Carl, 1966.
2 Johann Klaj/ der hochheiligen Gotteslehre Ergebenens und gekr¨ onten Poetens/ Trauerrede ¨ uber
das Leiden seines Erl¨ osers. N¨ urnberg/ in Verlegung Wolffgang Endter/ Im Jahre M. DC. L. Zitate nach dem photomechanischen Reprint [37] S. 291-345.
1
vierte einf¨ uhrende Skizze stellt ¨ uberblicksartig den Stand der germanistischen Forschung zu Klaj und allf¨ allige Forschungsl¨ ucken aus theologischer Sicht dar.
Vor dem Hintergrund dieser Skizzen untersuche ich im dritten Kapitel zwei repr¨ asentative Teile - den Anfang und das Ende - auf einschl¨ agige Motive, um Klajs Trauerrede als kunstvoll gestaltete Passionspredigt in der Tradition lutherischer Passionbetrachtung auszuweisen. Dabei st¨ utze ich mich f¨ unftens auch auf den daf¨ ur inhaltlich wie formal einschl¨ agigen Sermon Luthers Ein Sermon von der Betrachtung des heyligen leydens Christi ([24]).
Der Rekurs auf Gerhard bietet sich umso mehr an, als in der Reihe Doctrina et pietas: zwischen Reformation und Aufkl¨ arung; Texte und Untersuchungen in der Herausgeberschaft Johann Anselm Steigers die Erkl¨ ahrung der Historien des Leidens vnnd Sterbens vnsers Herrn Christi Jesu nach den vier Evangelisten 3 und Gerhards Leichenpredigten 4 erstmals kritisch ediert greifbar sind. 5
Auch die Germanistik profitiert von der theologischen Untersuchung eines geistlichen Werkes Klajs, weil mit der inhaltlichen Bestimmung der geistlichen Werke Klajs auch die von der germanistischen Forschung nie zufriedenstellend und abschließend beantwortete Frage nach der besonderen Form der Redeoratorien und der kleineren Arbeiten als zweitrangig vor der beabsichtigten Wirkung aufgezeigt werden kann.
3 Johann Gerhard, Erkl¨ ahrung der Historien des Leidens vnnd Sterbens vnsers Herrn Christi Jesu nach den vier Evangelisten (1611) (= Doctrina et Pietas Abt. I. Bd. 6), Kritisch hrsg., kommentiert und mit einem Nachw. vers. von Johann Anselm Steiger. Stuttgart-Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog, 2002.
4 Johann Gerhard, S¨ amtliche Leichenpredigten (= Doctrina et Pietas Abt. I. Bd. 10), Kritisch hrsg., kommentiert und mit einem Nachw. vers. von Johann Anselm Steiger. Stuttgart-Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog, 2000.
5 Der Titel des Forschungsprojekts . . . lautet: Johann Gerhard (1582-1637). Ein Beitrag zur edi-torischen, historischen und theologischen Aufarbeitung der vergessenen Epoche der altprotestantischen Orthodoxie . Johann Anselm Steiger, Der protestantische Kirchenvater Johann Gerhard in: Kurzberichte junger Forscher, 1996 [32].
2
2 Voraussetzungen
Der Beginn der lutherischen Orthodoxie datiert erstens mit dem Augsburger Religionsfrieden vom 25.09.1555, mit dem die konfessionelle Spaltung Deutschlands besiegelt wurde. Der Streit zwischen Luthers Erben wurde zweitens mit der Formula Concordiae 1577 entschieden, die als abschließendes Bekenntnis des Luthertums auch Grundlage der lutherischen Orthodoxie wurde. 1 Mit dem Begriff der Orthodoxie reklamiert ein Teil der Lutheraner insbesondere ihre Kontinuit¨ at mit der altkirchlichen Tradition. Die Bedeutung der lutherischen Orthodoxie bestand in der wissenschaftlichen Reflexion auf die und Weiterbildung der reformatorischen Theologie. Dabei entwickelte die lutherische Orthodoxie eine eigene Theologie, die weder auf die mittelalterliche Scholastik noch Luther r¨ uckf¨ uhrbar ist. 2
In der ersten Phase der Fr¨ uhorthodoxie bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts und Johann Gerhards Loci Theologici (1610 - 1622) zeichnete sie sich durch eine methodisch geordnete Schriftauslegung aus, nach der gelehrt wurde, wie der Sinn eines Textes zu gewinnen, auf seine Schl¨ ussigkeit zu analysieren und schließlich zu vermitteln sei. Die Schrift wurde als verbalinspiriertes Wort Gottes vorausgesetzt, als habe Gott selbst bis hin zu den diakritischen Zeichen den Autoren des Urtextes die Worte der Schrift in die Feder diktiert ([13] § 95 b). Als Wort Gottes im eigentlichen Sinn verteidigten die Lutheraner ein Schriftprinzip gegen das Tridentinum und die katholische Theologie, die es unter Verweis auf die angebliche Unzul¨ anglichkeit, Dunkelheit und Mehrdeutigkeit angegriffen hatten ([31] S. 476.50 - 477.5). Aus der Verbalinspiration der Schrift erg¨ aben sich vielmehr deren konstitutive Eigenschaften: Autorit¨ at (auctoritas), Suffizienz (suffi- cientia), Klarheit(claritas), Macht (efficacitas) und Irrtumslosigkeit (inerrantia). ([31] S. 477. Z. 12 - 15).
Die mit Johann Gerhard anzusetzende Systematisierung der Theologie am Anfang des 17. Jahrhunderts f¨ uhrte zur Emanzipation der Hochorthodoxie von einer rein philolo-gisch-rhetorischen Schriftauslegung, die in der Fr¨ uhorthodoxie dominiert hatte.
J. Gerhard ist der erste strenglutherische Theologe, der in Distanzierung zu Melanchthon und im Zuge der vornehmlich durch den Heidelberger Theologen Bartholom¨ aus Keckermann vermittelten Rezeption der Wissenschaftstheorie des Neuaristotelikers J. Zabarella
1 Karl Heussi, Kompendium der Kirchengeschichte, T¨ ubingen (J. C. B. Mohr) 10 1949, §§ 80 k; 92 l.
2 Markus Matthias, I. Lutherische Orthodoxie, in: TRE 25, Berlin / New York (de Gruyter) 1995, S. 474.
3
(1533 - 1589) in der Neubearbeitung des ersten Bandes seiner Loci Theologici 1625, das Wesen der Theologie als Wissenschaft neu bestimmt. . . ([31] S. 475. Z. 25 - 31)
Den Zeitraum zwischen 1600 - 1675 bezeichnet man als Hochorthodoxie ; ihm ist Klajs Wirken zuzurechnen.
F¨ ur die Aufkl¨ arung im 18. Jahrhundert war die Verbalinspiration auf wissenschaftlicher Ebene keine ¨ uberzeugende Antwort auf die rationalistische und aufkl¨ arerische Frage nach den historischen Entstehungsbedingungen der Bibel. Wie der Bibel aufkl¨ arerisch ihre apriorische Autorit¨ at bestritten wurde, ¨ uberzeugte auch die Betonung der Verbalinspiration nicht mehr. Theologisch wurde die Autorit¨ at der Bibel als vorrangige Erkenntnisquelle des Wortes Gottes angegriffen, als der Pietismus ihr als zweites Erkenntnisprinzip die praxis pietas an die Seite stellte ([31] S. 466. Z. 8 - 18).
2.2 Gerhards Passionsfr¨ ommigkeit
2.2.1 Gerhards Leichenpredigten
JohGerhard gilt als der gelehrteste und bekannteste Vertreter der lutherischen Orthodoxie. J. B. Bossuet meinte 1688, Gerhard sei der dritte Mann der Reformation nach Luther und Chemnitz gewesen . . . Gerhard ist der Klassiker der Orthodoxie und repr¨ asentiert als solcher ohne ¨ Uberspitzungen deren dogmatische Grundaussagen ([14] S. 448 und 452).
Gerhards Passionsfr¨ ommigkeit stelle ich anhand seiner Leichenpredigten und seiner Erkl¨ ahrung der Historien des Leidens vnnd Sterbens vnsers Herrn Christi Jesu nach den vier Evangelisten (1611) dar.
Insbesondere in den Exordien der Leichenpredigten exegesiert Gerhard wie . . . viele andere lutherisch-orthodoxe Prediger gerne typologisch und bringt . . . den modus Catecheticus vnnd mysticus (zur Anwendung). ([8] S. 326).
F¨ ur Gerhard gilt, daß
1. die Heilige Schrift . . . sui ipsius interpres. . . ([26] S. 97. Z. 23), woraus eine intertextuelle Lesart der Bibel begr¨ undbar ist ([34] S. 124). Pr¨ azisierend betont Gerhard in der Vorrede seiner Hohelied-Exegese, daß ein Vers immer im Umfeld des Textes zu lesen sei ([34] S. 124).
2. Der Text sei grunds¨ atzlich nach dem sensus historicus seu literalis zu lesen, bis auf dieser basalen Interpretationsebene auftauchende Verst¨ andnisschwierigkeiten anzeigen, den biblischen Text allegorisch oder typologisch zu verstehen ([34] S. 125).
3. Das zweite Kriterium, um bei der Lekt¨ ure dunkler Stellen der Schrift nicht in bloßes Allegorisieren zu verfallen, ist f¨ ur Gerhard R¨ om12,7. 3 Diese Lehre Paulus’ ist f¨ ur Gerhard wie Luther mit den Formeln solus Christus und sola fides faßbar; i.e.
3 Hat jemand Weissagung, so sei sie dem Glauben gem¨ aß . . . Lehrt jemand, so warte er der Lehre.
4
daß in Christus Gott selbst die S¨ undenstrafen aller Menschen am Kreuz verb¨ ußt hat und diese Rechtfertigung allen Menschen allein aus Glauben daran zuteil werden l¨ aßt. Negativ gefaßt: Nihil nisi Christus praedicandus .
Zum ersten Punkt ist anzumerken, daß die vielfachen Bez¨ uge des Neuen Testaments auf das Alte Testament ausreichenden Beleg f¨ ur die untrennbare Verbindung beider Teile darstellen. Wie die Autoren der neutestamentlichen B¨ ucher selbst explizit und implizit auf alttestamentliche Schriften verwiesen, ist eine intertextuelle Lesart - die ¨ uber den
bloßen sensus historicus seu literalis der aktuell auszulegenden Stelle hinausgeht - beider B¨ ucher f¨ ur Gerhard unumg¨ anglich.
Daß der Mensch das rechte Verst¨ andnis f¨ ur Christi Passion aufbringe und die Passionspredigt tats¨ achlich Glauben stifte, begr¨ undet sich f¨ ur Gerhard mit R¨ om10,17. 4
Gerade an Gerhards Leichenpredigten ist die Funktion und Funktionalisierung allegorischer und typologischer Exegese gut aufzuzeigen. In den Exordien seiner Leichenpredigten realisiert Gerhard den klassisch geforderten Verfremdungseffekt am Eingang einer Rede ([23] § 43,1), indem er statt der Predigtperikope zun¨ achst einen scheinbar vollkommen anderen, abseitigen biblischen Text traktiert ([8] S. 326). Dadurch gelingt es ihm nicht nur, die staunende Aufmerksamkeit seiner Zuh¨ orer f¨ ur seine Rede zu gewinnen; neben der rhetorischen Funktion erf¨ ullt der Eingang auch die homiletische Aufgabe, zwei biblische Texte einander auslegen und n¨ aher erl¨ autern zu lassen.
Zweitens spricht Gerhard aber nicht nur aus hermeneutischen, sondern auch homiletischen Gr¨ unden uneigentlich. Allegorie und Typologie sind ihm auch wesentlich Werkzeuge, um die biblischen Aussagen ihrerseits wiederum zu illustrieren und deren Aussagen zu verst¨ arken, damit . . . das wir Gottes wort, so wir geh¨ oret, in unser hertz fassen und uns also damit besprengen, das es uns krafft und frucht m¨ oge bringen. . . ([30] S. 599. Z. 21), denn es gilt f¨ ur den großten Teil der christlichen Lehre, was Luther vom Artikel Ich gleube an Jhesum Christum, geboren von der Jungfrawen Maria schreibt, daß die Lehre . . . bald gelernet und gesagt [ist], aber daß das Hertz solchs gleube, das wil nicht hernach. ([28] S. 22f.) 5
Praktisch erfolgt die biblische Allegorese bei Gerhard beispielsweise durch die st¨ andige Referenz alttestamentlicher Stellen innerhalb seiner Apokalypse-Exegese, um die biblischen Aussagen der Apokalypse m¨ oglichst plastisch vor Augen zu f¨ uhren und so, im Vorgang des F¨ ur- und Einbildens den Rezipienten zur Einsicht ins pro me zu bringen; i.e. daß Christus gestorben ist, um gerade ihn von seinen S¨ unden zu befreien ([34] S. 126 - 128).
F¨ ur Gerhards Typologie sind zwei Aspekte wesentlich, die exemplarisch an seinen Leichenpredigten darstellbar sind:
1. der Aspekt der ¨ Uberbietung des Typos vor dem Hintergrund seines Antitypos, mit dem der Typos aber keineswegs bereits endg¨ ultig erledigt und eingel¨ ost sei und
4 So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber aus dem Wort Gottes. (R¨ om10,17)
5 Vgl. dazu auch Steigers Fußnote 228 in [34] S. 126.
5
2. die Verwendung halbbiblischer Typologien, mit denen sich Gerhard dezidiert an den Rezipienten wendet, um diesem zu zeigen, daß und wie sich der biblische Text gerade an ihn in seiner konkreten Situation der Trauer und des Verlusts wende.
Dabei sei das Verh¨ altnis von Typos und Antitypos nicht auf das simple Muster von Verheißung und Erf¨ ullung reduzierbar, weil die endg¨ ultige Einl¨ osung der Verheißung eschatologisch noch ausstehe. Die Funktion der halbbiblischen Typologie ist identisch mit der Funktion der Allegorie, dem Rezipienten das F¨ ur- und Einbilden der Heilsbotschaft, des pro me , wo nicht erst zu erm¨ oglichen, so doch wenigstens zu erleichtern. So soll der Rezipient den biblischen Text als f¨ ur sich in seiner Situation relevant erkennen.
2.2.2 Erkl¨ ahrung der Historien. . . (1611)
Die Relevanz Gerhards Erkl¨ ahrung f¨ ur den Klajschen Text ergibt sich
• aus der inhaltlichen Identit¨ at;
• der breiten Rezeption Gerhards Passionserkl¨ arung 6 und
• Gerhards Bedeutung f¨ ur die gesamte lutherische Orthodoxie.
Gerhard unterteilt die Passion in f¨ unf actus und interpretiert sie so als Trag¨ odie. Gerhards wichtigste Quellen sind die Heilige Schrift, Bugenhagens Harmonie der Passionserz¨ ahlungen (1524/26), Martin Chemnitz’ und Luthers Schriften; insbesondere der Sermon von der Betrachtung des heiligen Leidens Christi (1519) und Luthers Hauspostille.
1. Qualitativ kommt Luther f¨ ur Gerhard große Bedeutung zu, weil auch Gerhard wiederholt einen f¨ ur die luthersche Christologie zentralen Punkt fokussiert; daß Gott selbst in Christus gelitten und am Kreuz gestorben sei. So bezeichnet auch Gerhard Christus als den allergr¨ oßten S¨ under ([9] fol. c 3r, Z. 354; S. 57. Z. 320) 7 , der das g¨ ottliche Strafgericht f¨ ur die Menschen erlitten habe. Das zentrale Motiv variiert Gerhard in der oben beschriebenen Form unter Hinzuziehung verschiedenster biblischer Texte, um es dem Leser m¨ oglichst lebhaft ein- und f¨ urzubilden ([34] S. 126).
2. Neben Luthers Theologoumenon von Christus als dem allergr¨ oßten S¨ under setzt sich Gerhard in einem weiteren Punkt von der patristischen Tradition ab, wenn er die kosmischen Zeichen w¨ ahrend Christi Kreuzigung nicht zuerst als Ausdruck des Zornes Gottes ¨ uber die Juden interpretiert, sondern als
Zeichen des Mitleidens der Sch¨ opfung mit dem Sch¨ opfungsmittler, und wichtiger, Visualisierung des Gerichtshandelns eines zornigen Gottes an seinem Sohn pro nobis , also f¨ ur Juden und Heiden gleichermaßen. Mit Luther versteht Gerhard die Juden prim¨ ar als Werkzeuge des Heilsplanes Gottes und nicht dezidiert als
6 Zur Breitenwirkung Gerhards Passionserkl¨ arung vgl. [9] S. 489f., aus dessen Nachwort ich nachfolgend partiell referiere.
7 Vgl. e. g. Christus als peccator peccatores bei Luther ([29] S. 435. Z. 1)
6
Arbeit zitieren:
Magister Artium Michael Dahnke, 2005, Zu Johannes Klajs "Trauerrede über das Leiden seines Erlösers" (1650), München, GRIN Verlag GmbH
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