GLIEDERUNG
A. Einleitung 1
B. Die Reden. 2
I. Actor: Präsident Lyndon B. Johnson. 2
1. Scene 2
2. Act 3
3. Agency 3
4. Purpose 8
II. Actor: Präsident Richard M. Nixon 9
1. Scene 9
2. Act 9
3. Agency 11
4. Purpose 16
III. Vergleich 17
C Schluß 19
-1- A.Einleitung
Der Krieg im Vietnam zog sich über 30 Jahre hin und beschäftigte insgesamt vier Präsidenten. Die Präsidenten Eisenhower und Kennedy schickten Unterstützung in Form von Militärberatern in das Krisengebiet, vermieden aber den Eintritt in den Krieg. Erst in der Amtszeit des Präsidenten Lyndon B. Johnson trat Amerika in den bewaffneten Konflikt ein. Präsident Johnson schickte nach dem sogenannten Tonkin-Zwischenfall amerikanische Truppen nach Vietnam, um die nordvietnamesische Regierung davon abzuhalten, den Süden des Landes einzunehmen. Vier Jahre später kam Richard Nixon an die Macht. Sein Versprechen, die Truppen sobald wie möglich nach Hause zu holen und einen Ausweg aus dem Krieg zu finden, ließen ihn mit knapper Mehrheit gewinnen. Der Krieg in Vietnam versetzte die amerikanische Bevölkerung in einen Schock-zustand und löste eine Welle von Demonstrationen aus. Die Details der Kriegsführung wurden der Öffentlichkeit zum großen Teil von der Regierung vorenthalten, doch die Medien hatten mit ihren „embedded journalists“ die Möglichkeit, mit den Truppen zu ziehen und vom Krieg aus ungewohnter Nähe zu berichten. Dadurch konnte die amerikanische Bevölkerung zum ersten Mal von Zuhause aus direkt am Kriegsgeschehen teilhaben. Durch diese Einblicke wurde die ganze Grausamkeit bewaffneter Kämpfe deutlich, der Krieg wurde entmystifiziert. Der Wider-stand in der Bevölkerung wurde im Verlaufe des Krieges immer größer, es formierte sich eine neue politische Jugendbewegung und es kam zu Massendemonstrationen. In dieser Arbeit wird jeweils eine Rede von Lyndon B. Johnson und eine von Richard M. Nixon analysiert. Daraufhin sollen die Reden miteinander verglichen und auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten hin untersucht werden. Ziel dieser Arbeit wird es sein, auf der sprachlichen Ebene Besonderheiten der jeweiligen Redner herauszuarbeiten und Reden als geplante Inszenierungen der eigenen Persönlichkeit zu deuten. Wie ein Präsident gesehen wird, hängt zum großen Teil von seiner Wortwahl ab, und deshalb müssen Worte analysiert werden, um Ziele zu verstehen.
Ich möchte in meiner Analyse nach dem Rhetorikmodell von Kenneth Burke vorgehen. In seinen Werken A Grammar of Motives und A Rhetoric of Motives stellt Burke fest, dass der Redner sich auf das Wissen, die Motive und die Interessen seines Publikums beziehen muss. Die Betonung gemeinsamer Werte und Vorstellungen von sich selbst und der Welt stellen ein Identifikationsmoment her, daß für jede Rede unerläßlich ist, da es Vertrauen und Gemeinschaft konstruiert. 1
Burkes Terminologie der Handlungslehre ist ebenso gut auf die politische Rhetorik anzuwenden. So ist nach Burke eine Handlung nur mit dem Fragenkomplex der Strategie richtig zu interpretieren. Dies beinhaltet die Fragen nach dem actor, act, agency, purpose und scene, nach dem
1 Burke, Kenneth: A Grammar of Motives, New York 1945; ders.: A Rhetoric of Motives, New York 1950.
-2- Wer,Was, Wie, Warum und Wo. 2 Diese Fragen sollen als Analyseschema dienen, um die verschie-denen Aspekte der Reden von Johnson und Nixon zu verstehen.
B. Die Reden
I. Actor: Präsident Lyndon B. Johnson
1. Scene
Am 4. August 1964 um 23.30 Uhr unterbricht eine Sondersendung das amerikanische Fernsehsehprogramm. Präsident Johnson erscheint auf dem Bildschirm und verkündet, daß er die Bombardierung Nordvietnams angeordnet hat. Die an die Nation gerichtete Rede ist nur im Fernsehen denkbar, da eine ganze Nation auf der auditiven und visuellen Ebene nicht anders erreicht werden kann. Das Medium Fernsehen hat also die Möglichkeit, ein besonders breites Publikum mit einzubeziehen. Die ersten Meldungen über den dem Angriff auf ein US-Militärschiff erreichten laut dem Journalisten Anthony Austin um acht Uhr morgens das Büro des Präsidenten. 3 Dennoch wurde die Rede erst am späten Abend ausgestrahlt. Dies hat wahrscheinlich zwei strategische Gründe. Zum einen hat die Unterbrechung des Fernsehprogramms zu dieser späten Stunde einen sehr dramatischen Effekt. Der Zuschauer erkennt sofort, daß etwas geschehen sein muß, das nicht bis zum nächsten Morgen oder gar bis zur nächsten Nachrichtensendung warten konnte. Dadurch entsteht ein Gefühl der Dringlichkeit und das Publikum ist in interessierte Spannung versetzt. Zum anderen konnte man davon ausgehen, daß die meisten Zuschauer schon schlafen gegangen waren. Die Massenwirksamkeit des Mediums Fernsehen wurde also durch die Sendezeit eingeschränkt und das Publikum verkleinert. Somit suggeriert der Rahmen der Rede zwar die größtmögliche Informationszugänglichkeit, schließt aber das Massenpublikum durch den Faktor Zeit aus. Diese Einschränkung ist wohl in den beschränkten rhetorischen Fähigkeiten des Präsidenten begründet, die nach Harts Analyse besonders im Fernsehen zutage kamen: „(T)elevision caused Johnson to appear both unnatural and overly cautious.“ 4 Johnson fürchtete immer den Vergleich mit seinem berühmten Vorgänger, John F. Kennedy, dessen rhetorische Qualitäten entscheidend waren für seine Popularität. „Throughout his first year in office from time to time throughout his entire administration Johnson labored under the semantic (and psychological) burden of being John Fitzgerald Kennedy’s successor in office. (…) Lyndon Johnson speaking was not a pretty sight.“ 5 Kennedy wäre mit dieser Nachricht wahrscheinlich zur Prime Time auf Sendung gegangen. Johnson konnte sich zu dieser späten Stunde sicher sein, daß der
2 Burke: Grammar, 1945, S. 15ff.
3 Austin, Anthony: The Presidents War, New York 1971, S. 27.
4 Hart, Roderick P.: Verbal Style and the Presidency. A Computer-Based Analysis, Austin 1984, S. 113.
5 Ebd., S. 109.
-3- Großteilder Bevölkerung die Nachricht aus der Zeitung erfahren würde und vermied somit vor der Masse den Vergleich mit Kennedy.
2. Act
In dieser Rede verkündet Präsident Johnson, daß er eine eingeschränkte Bombardierung Nordvietnams befohlen hat und daß die Angriffe schon ausgeführt werden. Die Ereignisse, die der Rede vorausgingen, sind bis heute nicht vollständig geklärt. Nach Johnsons Angaben wurden zwei Militärschiffe der US Navy, die Maddox und die Turner Joy, auf offener See von nordvietnamesischen Truppen angriffen. Diese Angriffe wurden als unprovozierte, feindliche Angriffe gegen die US Navy und die Vereinigten Staaten interpretiert. Während Johnsons ganzer Amtszeit war die Zurückhaltung von Informationen über den Vietnamkrieg ein Teil der Regierungstaktik. Die Bevölkerung wurde weitestgehend über die Situation in Vietnam im Unklaren gelassen, um die katastrophalen militärischen Fehler der Regierung zu verdecken. Die Minimierung der Informationsweitergabe ist schon bei der Rede zum Tonkin-Vorfall festzustellen. Zusammengefaßt erfahren wir aus dem Text, daß das US-Militärschiff Maddox sowohl am zweiten wie auch am vierten April auf hoher See angegriffen wurde, sich beim zweiten Angriff wehrte und dabei vielleicht zwei feindliche Schiffe versenkte. Außerdem gab es keine Verluste auf Seiten der USA. Dies ist das Maximum an Informationen, die Johnson mitteilen kann, ohne sein Vorhaben zu gefährden, und das Minimum, die der amerikanische Bürger braucht, um zu der Einsicht zu gelangen, daß Gegenangriffe unausweichlich sind.
3. Agency
Johnsons Rede ist vor allem eins: kurz. Der Befehl an seine Redenschreiber hieß: „I want four letter words and I want four sentences to the paragraph. Now that’s what I want and I want you to give it to me.“ 6 Johnsons Hauptziel ist es, mit dieser Rede das amerikanische Volk von der unausweichlichen Notwendigkeit einer US-Intervention zu überzeugen. Cherwitz hat in seiner Analyse der Rede den Fokus auf die Dringlichkeit des Stils gelegt. 7 Er analysiert anhand mehrer sprachlicher Faktoren wie Johnson aus einem Zwischenfall eine Crisis macht und diese dem Volk verkauft. Doch die sprachliche Analyse fällt leider sehr kurz aus und ist wenig differenziert, da sie sich auf alle drei Reden vom 4. und 5. August bezieht.
6 Hart, Roderick P.: Verbal Style and the Presidency, Orlando 1984, S. 109.
7 Cherwitz, Richard A.: Lyndon Johnson and the "Crisis of Tonkin Gulf". A President’s Justification of War, in:
Western Speech Communication, Vol. 42 Nr. 2, Frühling 1978, S. 93ff.
-4- DerStil, der in dieser Rede verwendet wird, wird in der klassischen Rhetorik als niederer Sprach-stil (genus humil) bezeichnet. Die Rede besticht durch ihren einfachen und nüchternden Ton. Dies liegt vor allem am Verzicht auf Stilmittel und den einfach konstruierten Sätzen. Doch auch das genus humil ist keine Abwesenheit von Stil, sondern eine bewußte stilistische Reduktion. Der Ef-fekt dieser Reduktion soll hier untersucht werden.
Die Rede ist nur 545 Wörter lang und bewegt sich sprachlich auf sehr einfachem Niveau. Die Kürze der Rede gibt dem Zuschauer das Gefühl, die Zeit reiche für mehr Worte nicht aus. Der simple Sprachstil erinnert an den des Militärs. Desweiteren suggeriert der Sprachstil Transparenz, denn die Rede verwirrt nicht auf sprachlicher Basis. Somit meint der Zuschauer, alle Aussagen des Präsidenten verstanden und damit seine Intention durchschaut zu haben. Die Durchschaubarkeit der Rede ist allerdings nur vorgetäuscht. Denn inhaltlich ist die Information so stark reduziert, das die Sachlage nicht zur Genüge eingesehen werden kann. Der Text ist oberflächlich nach den Kriterien des docere gestaltet. Dieses Wirkungsprinzip verlangt einen nüchternden und eindeutigen Ton und eine Konzentration auf die Tatsachen. Die Gegebenheiten sollen für sich selbst sprechen, um den Zuschauer ohne den Einfluß subjektiver Gefühlsregungen zu überzeugen. Johnson stellt die Fakten dar und verläßt sich auf die Überzeugungskraft der Sachlage. Doch ist dieser Text ein Musterbeispiel für die Beeinflussung des Publikums durch nur selektive Präsentation von Fakten.
Johnson verweist zu Beginn der Rede auf seine Ämter, Präsident und Commander in Chief. Damit wird ihm vom Publikum direkt ein Grundvertrauen entgegen gebracht, das nicht auf seiner Person aufbaut, sondern auf seinen Funktionen. Als Inhaber der Ämter wird ihm Kompetenz zugetraut, und dies soll der Zuschauer im Hinterkopf haben, wenn die nachfolgenden Entscheidungen bekannt gegeben werden. Er betont auch sein Pflichtbewußtsein und seine Ergebenheit mit der Wendung „my duty to the American people“ 8 . Damit speist er die ideelle Vorstellung, daß der Präsident in der Pflicht des Volkes steht und nicht ein gewählter Herrscher ist. Daraufhin geht er auf die Ereignisse ein, die zu dieser Rede führen: „renewed hostile actions against United States ships on high seas“. Der Hinweis, daß es zu erneuten Angriffen kam, impliziert, daß dies kein Einzelfall ist, und daß der Konflikt eine Vorgeschichte hat. Johnson weist in dieser Rede mehrfach darauf hin, daß der Angriff nicht allein dasteht. Er spricht von „repeated attacks“, ohne dabei auf die vorangegangenen Angriffe auf die Maddox weiter einzugehen. In diesem Teil des Satzes wird auch die Unrechtmäßigkeit des Angriffes angedeutet. Die Angriffe geschahen „on high seas“ also in neutralen Gewässern. Es wurden somit die international garantierten Rechte der Amerikaner verletzt.
8 Alle Zitate aus: Document 59. President Lyndon Johnson’s address to the nation on the Gulf of Tonkin Incident
and U.S. raid against North Vietnam. August 4, 1964, in: Buhite, Russell D.: Calls to Arms. Presidential
Speeches, Messages and Declarations of War, 2003, S. 229ff.
Arbeit zitieren:
Verena von Waldow, 2007, Aus rhetorischen Fehlern lernen - Die Rhetorik von Lyndon B. Johnson und Richard M. Nixon im Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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