1. Einleitung
Der Komiker Gerhard Polt ist dafür bekannt, dass er in die Seele des deutschen Volkes hineinblicken kann und die Gedanken der Deutschen in seinen Sketchen zusammenfasst. In einem seiner Sketche erzählt Polts Figur von einer Fünf seines Sohnes im Fach Geschichte:
„…Warum hat der an Fünfer? Weil er an Kaiser Nero nicht gekannt hat. Des muaß ma sich vorstellen, der geht auf ein Gymnasium und kennt den Kaiser Nero nicht. Er kennt ihn nicht! Ja weil er’n verwechselt hat mit diesem Schwarzenegger. Tschuldigung, wo heute jedes Kind das weiß, in Deutschland, in ganz Europa weiß man das, daß der Kaiser Nero der Peter Ustinov ist. …“ 1
Der Film Quo Vadis, u.a. mit Sir Peter Ustinov als Nero, wird heute noch in vielen Lateinkursen gezeigt, um den Schülern ein Bild von Rom, der Architektur, der Mode, den Transportmitteln im ersten Jahrhundert nach Christus zu geben. Der Charakter, den Ustinov Nero gibt, prägt auch heute noch das Bild des letzten Herrschers des julisch-claudischen Kaiserhauses. Ziel dieser Arbeit ist es, Ustinovs Darstellung des Nero zu analysieren und die antiken Quellen zu analysieren, auf denen die Figur des Films basiert. Es werden die drei bekanntesten Quellen, die zu Nero existieren, untersucht: Sueton, Cassius Dio und Tacitus. Außerdem sind noch die, Forschermeinungen mit einzubeziehen, die versuchen, das Bild des Nero gerade zu rücken.
Unstimmigkeiten der Darstellung des Film und den Fakten der Geschichte sollen in dieser Arbeit nicht herausgearbeitet werden. Interessanter ist es, die Quellen zu finden, von denen Gebrauch gemacht wurde, um aus dem historischen Nero eine Figur zu machen, die filmtauglich ist.
1 Polt, Gerhard: Kaiser Nero, auf: Gerhard Polt (DVD) 2003.
1
2. Hauptteil
2.1 Der Film Quo Vadis und der Erfolg in den USA
Der Film Quo Vadis aus dem Jahre 1951 wurde unter der Regie von Mervyn Le Roy gedreht. Le Roy inszeniert den gleichnamigen Roman des Autors Henryk Sienkewicz als bunten Monumentalfilm mit aufwendigen Kulissen, spannenden Wagenrennen, blutigen Kampfszenen und viel Kitsch. In den USA der fünfziger Jahre war die Kombination aus einer verschwenderischen Liebe zum Detail, bis dahin ungesehenen Massenszenen und patriotischem Pathos ein Kassenknüller. Die Geschichte eines verrückten Tyrannen, der das Volk für seine eigenen Pläne opfert und doch am Ende am Heldenmut einiger weniger Widersacher scheitert, paßte gut in die amerikanische Vorstellungswelt der Mittelklassegesellschaft in Amerika nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Diktatoren in Italien und Deutschland waren besiegt und der nächste Gegner, Stalin, schon auserkoren. Man kann im grausamen Tyrannen Nero sowohl einen Repräsentanten des besiegten Faschismus (die Parallelen zu Hitler und Mussolini sind unübersehbar) wie auch einen Anführer des zu bekämpfenden Kommunismus sehen. Der Sieg des Christentums zum Schluß des Filmes gibt dem christlichen Zuschauer das angenehme Gefühl, zur richtigen Seite zu gehören. 2
2.2 Nero, der Künstler
Die Darstellung des Tyrannen Nero war die Aufgabe des Schauspielers Sir Peter Ustinov, dem mit diesem Streifen der Durchbruch gelang. Für seine Rolle bekam er 1952 einen Golden Globe und wurde für den Oskar als bester Nebendarsteller nominiert. Der Nero der Quo Vadis-Verfilmung ist ein degenerierter Kleinkünstler, dessen unerschütterliches Vertrauen in das eigene Genie ihn blind macht für seine Umgebung, die von seinem Gesang zu Tode gelangweilt ist. Sogar den Zynismus seines Berater Petronius erkennt er nicht und lobt diesen Mann als den einzigen, der die Kunst versteht. In Rom herrscht Unzucht, Mord und Intrige. Nero hat seine Mutter und seine erste Ehefrau umbringen lassen, um Poppaea heiraten zu können.
Sir Peter Ustinov bietet uns eine geniale Interpretation des Nero. Es macht Spaß, dabei zuzuschauen, wie der Kaiser mit einer lächerlichen Überheblichkeit sein angebliches Genie mal feiert, mal verflucht, weil es in Ausnahmekünstler doch so einsam hat. Das künstlerische Talent des Kaisers ist begrenzt und das treibt sowohl das Eigenlob wie auch die Begeisterung der Umgebung auf die Spitze der Lächerlichkeit. Dass der historische Nero sich mit seinen
2 Wyke, Maria: Projecting the Past. Ancient Rome, Cinema and History, New York 1997, S. 138ff.
2
Auftritten nicht lächerlich gemacht hat, beweißt Jürgen Malitz in einem Aufsatz. "Einer der ersten falschen Neros bewies seine Identität durch eine gewisse Ähnlichkeit und, sehr bezeichnend durch einen ziemlich guten Umgang mit seinem Instrument." 3 Die Feigheit des Kaisers drückt sich besonders gut in der Palastszene während des Brandes aus. Erschreckt von dem Ansturm des Volkes auf seinen Palast gerät er in Panik und versucht, die Schuld an dem Brand zunächst auf seine nähere Umgebung, dann auf die Christen zu schieben.
Die allseits bekannte Theatralität des Kaisers drückt sich am besten in der absurd übertriebenen Mimik aus, die Ustinov perfektioniert. Denken wir an das Gesicht Neros, kommt uns unweigerlich der um Vergebung flehende Blick, von unten in die Kamera schauend, und die leicht gespitzte nach vorne geschobene Oberlippe Ustinovs in den Sinn. Die Darstellung eines verweichlichten, feigen und weibischen Kaiser ist bei den drei antiken Autoren zu finden. Homosexualität war in Rom keine gesellschaftliche Schande; die Rolle, die man in der Beziehung spielte, war jedoch von großer Bedeutung. Ein Kaiser durfte in allen Situationen nur die Rolle des stärkeren, männlichen Parts übernehmen. In der Hochzeit mit Pythagoras jedoch, einer im Film nicht gezeigten historischen Begebenheit, übernimmt Nero die Rolle der Braut. „Dem Kaiser wurde Brauschleier angelegt, die Vogelschauer ins Haus geschickt“ 4 .Cassius Dio gibt die Rede einer Britin aus königlichem Geschlecht wieder, in der diese Nero angreift: „… und jetzt Nero, der zwar dem Namen nach ein Mann, tatsächlich aber ein Weib ist, wie er durch seinen Gesang, sein Leierspiel und seinen Putz bestätigt hat.“ 5
Die Darstellung eines weibischen Kaisers ist auch auf die Ablehnung gegenüber Schauspielern, zu denen Nero sich selbst zählte, zurückzuführen. Die Schauspielerei repräsentierte in Rom ein Antibild zu den römischen Werten. Wo in Rom Männlichkeit, militärische Stärke und Wahrheit verlangt wurden, zeigten Schauspieler sich fähig, Weiber zu spielen und für Geld zu lügen. Ob die Weiblichkeit wirklich in seinem Charakter festgelegt war oder ob Nero zuerst als Künstler und dann als weibisch angesehen wurde, ist nicht zu klären. Dass ein Kaiser sich mit einer so würdelosen Gruppe identifizierte, die aller römischen Tugend widersprach, war ein bis dahin ungesehener Skandal und dessen musste sich auch Nero bewusst gewesen sein. Doch Nero war die Annerkennung als Künstler wichtiger als der Respekt, den er als Kaiser von der Aristokratie brauchte. Denn um endgültig mit allen römischen Werten zu
Malitz, Jürgen: Nero. Der Herrscher als Künstler, in: Hartmann, Andreas/Neumann, Michael (Hrsg.), My- 3
then Europas. Schlüsselfiguren der Imagination. Antike, Regensburg 2004, S. 145 ff.
4 Tacitus: Annalen 15. 37
5 Cassius Dio: Epitome der Bücher 61-80 (Bd. 5), Düsseldorf 1998, Buch 62.6.3
3
Arbeit zitieren:
Verena von Waldow, 2007, Sir Peter Ustinov als Kaiser Nero - Darstellung und Wirklichkeit, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Kaiser Nero und der Brand Roms
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Seminararbeit, 20 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Verena von Waldow hat einen neuen Text hochgeladen
Karl Jaspers: Geschichtliche Wirklichkeit /Karl Jaspers: Historic Actu...
mit Blick auf die Grundfragen ...
Andreas Cesana, Gregory J. Walters
Die Wirklichkeit der Kunst und das Abenteuer der Interpretation
Festschrift für Horst-Jürgen G...
Klaus Manger
0 Kommentare