1. Die Ghettogeschichte und ihre Bedeutung damals und heute 3
1.1 Genre und Vertreter 3
1.2 Karl-Emil Franzos „Juden von Barnow“ im Spiegel der Zeit 4
2. Die fiktive Stadt Barnow als Sinnbild für das Ghetto-Leben in Galizien 6
2.1 Autobiografischer Hintergrund 6
2.2 Hinweise zu Geografie, Geschichte und Gesellschaft 8
2.3 Immanente Charaktere und ihre Eigenschaften 11
2.3.1 Der Wunderrabbi von Sadagòra 11
2.3.2 Moses Freudenthal 13
2.3.3 Jadwiga Bortynska 14
3. Genretypische Motive und ihre Implikationen bei Franzos 16
3.1 Der Sabbat 16
3.2 Die Betschul 17
3.3 Pogrome 19
3.4 Arrangierte Ehen 20
3.5 Deutsche Literatur 21
4. Barnow heute - „Licht“ und „Dunkelheit“ nach der Shoah 22
4.1 Einblick in eine ausgelöschte Kultur 23
4.2 Die Bedeutung deutsch-jüdischer Belletristik für die deutschsprachige
Literatur 24
5. Literatur 24
5.1 Primärliteratur 24
5.2 Sekundärliteratur 25
5.3 Lexika und Nachschlagewerke 26
5.4 Sonstige Quellen 26
Ist heute vom Ghetto in seinem ursprünglichen Sinne die Rede, so wird der Begriffspätestens nach der Shoah - zu Recht als ein historischer gewertet. Im deutschsprachigen Raum hatten sich die so genannten Judengassen schon im 19. Jahrhundert insoweit aufgelöst, als dass Juden dort nun nicht mehr verpflichtet waren, gesonderte Bereiche innerhalb einer Ortschaft zu bewohnen, während auch ihrem Bestreben nach rechtlicher Gleichstellung in immer mehr Gebieten stattgegeben wurde. Preußen zeigte sich in dieser Hinsicht relativ fortschrittlich, und auch Österreich-Ungarn ergriff Maßnahmen zur Gleichstellung seiner jüdischen Bevölkerung, wobei diese nicht flächendeckend durchgesetzt wurden. Insbesondere in den Ostgebieten der K.-.k. Monarchie und ihren Nachbarstaaten blieb die Lebenssituation der Juden, verglichen mit den vorangegangenen Epochen, im Wesentlichen unverändert. Wenngleich der eigentliche Ghettozwang auch hier nicht mehr galt 1 , so sorgten andere Umstände dafür, dass die ‚Gasse‘ in jenem „Rechteck (…), dessen Diagonalen von Moskau bis Prag und von Odessa bis Posen“ 2 reichten, weiter existierte, während die jüdische Emanzipationsbewegung im Westen bereits erste Früchte getragen hatte. Dort wiederum richteten einige Vertreter ihre Forderungen bereits verstärkt an die eigenen Glaubensgenossen und versuchten, ihr - rein religiöses - Verständnis vom Judentum durchzusetzen, das mit der gleichzeitigen Zugehörigkeit zur deutschen Nation nicht mehr im Widerspruch stehen sollte.
Ebenfalls mit Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden erstmals Erzählungen in nennenswerter Zahl, die sich mit explizit jüdischen Themen befassten und dabei in deutscher Sprache und in lateinischer Schrift abgefasst waren. Das Ghetto als literarische Quelle für spezifisch jüdische Alltagsbilder war zu dieser Zeit jedoch längst nicht mehr greifbar 3 . Viele Autoren widmeten sich deshalb in ihren Werken verstärkt der damals aktuellen Situation der Juden in Deutschland. Zu den
,,,tttt&&&&^^^^^ tt'''',KKKKK,,,,' >>:d// ZdE^^^^^ <<<<<<<'Z'Ess^ ',,,,,,'///////^^^^^^
verarbeiteten Themen von beispielsweise Fanny Lewald 4 zählte deshalb insbesondere die Ambiguität aus fortschreitendem wirtschaftlichen Erfolg einerseits und weiter grassierendem gesellschaftlichen Antisemitismus andererseits. Den eigentlichen Anstoß zur Entwicklung des Genres der Ghettoliteratur gaben jedoch Schriftsteller wie Heine oder Auerbach, die ihren Erzählungen den geschichtlichen Aspekt des Ghettos zugrunde legten. Dass sich Titel wie Der Rabbi von Bacherach 5 oder Spinoza 6 bei der Leserschaft - jüdisch wie christlich - großer Beliebtheit erfreuten, dürfte dem allgemeinen Trend der Zeit entsprochen haben, in der historische Romane zu den besonders erfolgreichen Publikationen zählten. 7
Spätestens ab 1850, einer Zeit, in der die wahrheitsgetreue Abbildung innerer und äußerer Lebenswirklichkeiten der Gegenwart längst zum Credo der deutschen Literatur erhoben worden war, entstand schließlich bei einer weiteren Gruppe deutsch-jüdischer Autoren das Bewusstsein, dass man, um glaubhafte Bilder des Lebens im Ghetto entwerfen zu können, im Hier und Jetzt bleiben, den Blick aber gen Osten richten müsse: nach Galizien, Podolien oder in die Bukowina, jenen entlegenen Ecken Europas, die Karl-Emil Franzos seinerzeit als „Halb-Asien“ 8 zu bezeichnen pflegte.
1.2 Karl-Emil Franzos‘ „Juden von Barnow“ im Spiegel der Zeit
Franzos, selbst als Jude in Galizien aufgewachsen, unterstreicht mit dem Begriff „Halb-Asien“ die allgemeine Ferne seiner Heimat vom Rest Europas, deutet jedoch in seinen Culturbildern 9 insbesondere auf die sozialen Unterschiede zwischen West und Ost hin. Einen zentralen Teil bildet dabei der Fortbestand des Ghettos und die dortigen Missstände, teils in Bezug auf das Zusammenleben mit den anderen Bevölkerungsgruppen, vor allem aber in der inneren Konstitution der Gemeinden und dem starken Einfluss des Chassidismus auf ihren Alltag. Jene strenge, von Talmud und Kabbala geprägte Glaubensrichtung herrschte seinerzeit in weiten Teilen des
sssssZZDDDD&&&&&&>>&&&&&&tttt,,E
>>>>>>>>>&&&&,,^^^^^^^^ ,,,,,Z&,,,,,,,,
sssssDDDDEEEtttttt<<<<<,,ZZttttttt<<<<<,,,,,,,ttt DDDDDD,Z>>EEZ >>>>>>>><'^^^^ <<<<<&&&&&&&,,,,,'^Z ^^^ ssssss
Ostjudentums vor und stand unter anderem für eine konsequente Ablehnung der aufklärerischen Prinzipien und ihres religionsunabhängigen Allgemeingeltungsanspruchs. 10 Auch äußerlich grenzten sich fromme Chassidim gegenüber ihren liberaleren Glaubensgenossen ab, sei es durch ihre Tracht oder die Ablehnung des Hochdeutschen als Umgangssprache. 11
In Franzos eigenem familiären Umfeld galten diese Regeln nicht: Er hatte Deutsch von Kindheit an gelernt und verfasste all seine Erzählungen in der Sprache jenes Landes, das er als Heilsstifter für die von äußerer Unterdrückung und innerem Fanatismus gezeichneten Juden Galiziens betrachtete. Diese gedankliche Verknüpfung von jüdischer Emanzipation und deutscher Kultur war ihm insbesondere von seinem Vater vermittelt worden, der ihn - in dem Bewusstsein, Jude zu sein - zu einem „freiheitlichen Deutschen“ 12 , erzogen hatte.
Eine besondere Rolle in Franzos‘ Werk spielt Barnow, jene Stadt im „Land Podolien“ 13 , die den meisten seiner Ghettoerzählungen als Handlungsort dient. In dem Bewusstsein, dass es sich bei Barnow um eine fiktive, wenn auch autobiografisch beeinflusste Konstruktion handelt, untersucht diese Arbeit die semantischen Mittel, derer sich Franzos bedient, um das Ghetto literarisch zu erfassen. Hierzu werden die Geschichten aus dem von ihm selbst als „Mein Erstlingswerk“ 14 bezeichneten Novellenband Die Juden von Barnow 15 herangezogen, für Vergleiche auch Teile seiner späteren Veröffentlichungen. Vorworte und Kommentare des Autors sowie einiger Zeitgenossen sollen außerdem Aufschluss darüber geben, wie Franzos das Leben der Juden im Osten bewertet, und welche Hinweise auf belegte programmatische Forderungen in seinem Werk zu finden sind. Abschließend soll, unter Hinzuziehung neuerer Forschung zur deutschsprachigen Ghettoliteratur, die Frage beantwortet werden, welchen Wert Franzos‘ Schilderungen aus dem Ghetto aus heutiger Sicht für die Literaturwissenschaft bereit halteninsbesondere, wenn man die historische Wirklichkeit des Holocaust, durch den das jüdische Leben in Osteuropa fast vollends ausgelöscht worden ist, in die Betrachtung mit einbezieht.
'': ''''''''''''''::::::ddE^^^^^^ <<<<<&&&&D:',''''/ ^^^^^^ <&:',,tttttZZZZZ^^^ sssss&&&&D'''',,,,,,'///////^^^^^ sssss&&&&&&&:
2. Die fiktive Stadt Barnow als Sinnbild für das Ghetto-Leben in Galizien
„Barnow existirt nicht. Man setze Czortkow dafür und man hat nicht blos den Ort, wo Karl Emil
Franzos - irre ich nicht, als der Sohn eines jüdischen Arztes - geboren wurde, sondern auch das
geographische Terrain, auf dem die Vorbilder der ‚Juden von Barnow‘ leibhaftig ihres Daseins 16 pflegen.“
2.1 Autobiografischer Hintergrund
In seinem Aufsatz Mein Erstlingswerk: Die Juden von Barnow 17 , welchen er zusammen mit ausgewählten Kommentaren anderer Autoren zur
Entstehungsgeschichte ihrer jeweiligen Debüts herausgegeben hat, umreißt Franzos die prägenden Ereignisse seiner frühen Jahre, die ihn später zum Verfassen von Erzählungen über die Menschen und das Leben im galizischen Ghetto bewogen hätten. So sei es die Zurückweisung seitens seiner christlichen Geliebten gewesen, die ihn aufgrund seiner Zugehörigkeit zum Judentum nicht habe heiraten wollen, und in ihm das Bedürfnis geweckt habe, sich „die Brust zu entlasten“ 18 . Durch diese Inspiration sei die Erzählung Das Christusbild entstanden, in der ebenfalls eine Beziehung zwischen einem (zunächst) säkularen, ‚deutschen‘ Juden wie ihm, und einer polnischen Adeligen geschildert wird, die beide aus Barnow kommen. Am Ende scheitert diese Liebe jedoch an den Vorurteilen der Christin gegenüber der fremden Religion. 19
Dass Franzos sich bei der Konstruktion von Schauplätzen und Handlungen häufig auf selbst Erlebtes stützt und seinen Heimatort Czortkow (heute: Tschortkiw, Ukraine 20 als Vorlage für Barnow wählt, liegt insofern nahe, als dass er in Mein Erstlingswerk berichtet, den Alltag im Ghetto lediglich von dort her gekannt zu haben. Gleichzeitig räumt er ein, dass er keinen Bezug zu den chassidischen Traditionen und den religiösen Praktiken des Judentums im Allgemeinen gehabt habe. So sagt Franzos selbst, dass er sich erst mit sechs Jahren über seine Religion bewusst geworden sei 21 und die Ghettobewohner damals noch als „schmutzige Kaftanleute“ 22 wahrgenommen habe. Erst später habe sich seine Faszination für die Judengassen
sssss&&&&D'''',,,,,,'///////^^^^^ ^^^^^^^ sssss&&&&::^^^^^^^ sssssssss sssss&&&&D'''',,,,,,'///////^^^^^ ^^^^^^^
und -städte in Galizien nach und nach herausgebildet, wobei er selbst betont, dass er in seinen Geschichten über Die Juden von Barnow nur dann auf Eindrücke aus der Kindheit zurückgreift, wenn es um die Beschreibung von Stadt und Land geht. In Bezug auf die Charaktere seiner Erzählungen habe er hingegen kaum auf Motive aus Czortkow zurückgegriffen:
„»Barnow« nannte ich den Ort nicht blos deshalb, weil »Czortkow« der deutschen Zunge Mühe
macht, sondern weil mein Heimatstädtchen nur der äußere Schauplatz ist; die Menschen haben 23 zumeist in Sadagóra gelebt.“
Nach Adolph Kohut, der 1887 eine Studie zur Ghettoliteratur publiziert hat, in der auch Franzos’ bis dato veröffentlichte Werke behandelt werden, erfüllt der Erfinder von Barnow durch seine persönlichen Lebensumstände die grundlegenden Voraussetzungen, um „die besten Ghetto-Novellen“ 24 zu schreiben: persönlicher Bezug zu den dortigen Verhältnissen, aber unter Beibehaltung des notwendigen mentalen Abstands, den man benötigt, um diese objektiv darzustellen 25 . Dies sieht auch Franzos selbst so und geht dabei konform mit Kompert, den er wie folgt zitiert:
„Auch ich schrieb meine ersten Ghetto-Geschichten mitten im Alföld, es gab weithin keine Juden! Sollte dies ein Gesetz sein?“
Dass Franzos sich bei der Entscheidung, seine ersten Erzählungen in Barnow spielen zu lassen, darüber bewusst gewesen ist, dass er damit den Grundstein für sein gesamtes literarisches Werk legt, kann bezweifelt werden 27 . Umso deutlicher jedoch zieht sich jenes „arme, verfallene Landstädtchen mit seinen engen, krummen, düsteren Gassen“ 28 wie ein roter Faden durch seine Novellen und Romane, ebenso wie viele andere Stationen und Erlebnisse seiner eigenen Kindheit und Jugend. Die seinem Gesamtwerk immanenten Erzählstoffe und Personen - ungeachtet der eindeutig fiktionalen und stellenweise stereotypen Darstellung selbiger - lassen durch die Regelmäßigkeit, in der sie aufgegriffen werden, darauf schließen, dass es jeweils ein reales Pendant zu ihnen gegeben haben könnte, ob nun in Czortkow oder an einem anderen Ort.
<<<<'''''''ZZ'''',,,,,,'''///^ sssssss^^^^^^^ &&&&&&&DDDDD',,,,,,'///////^^^^^^ ^^^^^^^ &:^
Arbeit zitieren:
Marco De Martino, 2009, "Barnow" - Prototyp eines galizischen Ghettos, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Praktikumsbericht zum ersten Unterrichtspraktikum
Grundschulpädagogik (LB Mathem...
Praktikumsbericht / -arbeit, 48 Seiten
Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Überarbeiten von Texten im Litereraturunterricht der Grundschule
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Seminararbeit, 27 Seiten
Die Darstellung der Schizophrenie in Georg Büchners Erzählung "Le...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 13 Seiten
Marco De Martino hat einen neuen Text hochgeladen
Das 19. Jahrhundert und seine Helden
Literarische Figurationen des ...
Jesko Reiling, Carsten Rohde
Ghetto, Shtetl, or Polis? the Jewish Community in the Writings of Karl...
L. W. Currey, Miriam Roshwald
Auf den Spuren des deutschen Völkermordes in Südwestafrika
Der Herero- / Nama-Aufstand in...
Jörg Wassink
0 Kommentare