Bewegungsfreiheit (bei gleichzeitiger ideeller Gefangenschaft) ermöglicht hatten“ 3 , nicht eindeutig in Opposition zum bestehenden System der parlamentarischen Demokratie.
Dieses Arrangement mit der bestehenden Ordnung bedeutete für die „nationale Jugend“ Unheilvolles: die Inflation verstärkte die materielle Not dieser vorwiegend aus dem Mittelstand entstammenden Mitglieder der Bewegung, die von dem militärischen Leben der Kriegs- und Bürgerkriegsjahre geprägt waren. Während die älteren Offiziere aufgrund ihres höheren Dienstgrades eine entsprechend gute Rente vom Staat erhielten sowie darüber hinaus oftmals in der Wirtschaft Einstellung fanden, standen die jungen Offizieren und freiwilligen Kämpfer nach ihren Kampfeinsätzen (1914-1923) vor dem finanziellen Ruin. Diese existentielle Not entlud sich in der verständlichen Abneigung gegenüber dem parlamentarischen System von Weimar. Aus diesem historischen Kontext heraus verwandelte „die Jugend der Kampfverbände (…) jetzt ihre zu bestimmten Bürgerkriegszwecken gegründeten Organisationen in ‚Bünde’, das bedeutet Wert-, Gesinnungs-, Lebensgemeinschafen“ 4 . Nun, nach diesem „Erwachen“, erfolgte die Ausbildung eigener Ideen über Volk und Staat und letztlich die Entstehung der Ideologie des neuen Nationalismus.
Der neue Nationalismus erschuf den Mythus vom „Dritten Reich“, - wobei hier inhaltliche Unterschiede zu dessen historischer Verwirklichung nach 1933 zu konstatieren sind - der als beherrschendes Element in den neuen bzw. jungen nationalen Organisationen auftrat. An Moeller van den Brucks Buch „Das Dritte Reich“ (1923) verdeutlichte sich dieses im deutschen Nationalismus vorherrschende Leitmotiv. Über das Aussehen des angestrebten neuen Reiches schrieb Moeller van den Bruck: „Wir setzen an die Stelle der Parteibevormundung den Gedanken des dritten Reiches. Er ist ein alter und großer deutscher Gedanke. Er kam auf mit dem Verfalle unseres ersten Reiches. Er wurde früh mit der Erwartung eines tausendjährigen Reiches verquickt. Aber immer lebte in ihm noch ein politischer Gedanke, der sich wohl auf die Zukunft, doch nicht so sehr auf das Ende der Zeiten, als auf den Anbruch eines deutschen Zeitalters bezog, in dem das deutsche Volk erst seine Bestimmung auf der Erde erfüllen werde“ 5 . Des weiteren sah das Ideal ein
3 Ernst H. Posse: Die politischen Kampfbünde Deutschlands. Nachdruck der 2., erw. Aufl. Berlin 1931.
Toppenstedt 2004 (=Quellentexte zur Konservativen Revolution. Reihe: Die Nationalrevolutionäre, Bd.
3). S. 72.
4 Ebd. S. 73.
5 Moeller van den Bruck zitiert nach: ebd. S. 74-75.
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starkes, von einer Elite geführtes Reich aller Deutschen vor, das eine völkische Gemeinschaft auf Grundlage von gleicher Sprache und Rasse einigen sollte. Dieses Reich sollte eine Werte-, Kultur- und Gesinnungsgemeinschaft aus allen deutsch Empfinden und Seienden darstellen, die voraussetzt, „daß eigene kulturelle und politische Werte aus der deutschen Vergangenheit und Gegenwart gewonnen werden, daß demnach nicht der Anschluß an die Weltzivilisation vollzogen wird, sondern allen anderen Völkern gegenüber das deutsche Volk seine spezifische Form und seine spezifischen Inhalte herausbildet“ 6 . Moeller van den Bruck betonte die dem Kaiserreich inhärenten positiven Entwicklungsansätze, die jedoch aufgrund eines schwachen Patriotismus’ vernachlässigt und mit der Revolution von 1918 endgültig zerstört wurden. Er schreibt hierüber folgende aufschlußreiche Sätze: „Der Patriotismus, zu dem wir (…) erzogen wurden, glaubte die Nationalität schon mit dem Lande erklären zu können, in dem ein Mensch geboren wird, und mit der Sprache, die er spricht. Aber es war unzureichend. Deutscher ist nicht nur, wer deutsch spricht, wer aus Deutschland stammt oder gar, wer dessen Staatsbürgerschaft besitzt. Land und Sprache sind die natürlichen Grundlagen einer Nation, aber ihre geschichtliche Eigentümlichkeit empfängt sie von der Art, wie ihr das Leben von Menschen ihres Blutes im Geiste vorgewertet wird. Leben im Bewußtsein seiner Nation heißt Leben im Bewußtsein ihrer Werte. Der Konservativismus einer Nation sucht diese Werte zu erhalten: durch Bewahrung der überlieferten Werte, soweit sie Wachstumskraft in der Nation behielten - und durch Einbeziehung aller neuen Werte, soweit die die Lebenskraft der Nation vermehren. Eine Nation ist eine Wertungsgemeinschaft“ 7 . Der Umbruch 1918 stellte für Moeller van den Bruck den Triumph des westlichen Demokratie- und Parteiensystems, welches mit deutschem Geist absolut unverbindbar wäre, dar. Deutsch bedeutet für ihn eine Geschichte von Widersprüchen und Gegensätzlichkeiten, die aber nicht negiert werden sollen, sondern einer Verknüpfung bedürfen. Moeller van den Brucks Denken basierte auf einem aktivistischen Traditionalismus bzw. einem revolutionären Konservatismus, wobei dessen primäre Zielsetzung die Schaffung einer Wertungsgemeinschaft - im Gegensatz zu einer an äußeren Eigenschaften festgemachten Staatsgemeinschaftwar. In dieser Wertungsgemeinschaft erführen, dem Elitedenken verpflichtet, nur die
6 Moeller van den Bruck zitiert nach: ebd. S. 75.
7 Moeller van den Bruck zitiert nach: ebd. S. 76-77.
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Wertvollsten Aufnahme, was den Ausschluß bestimmter ethnischer und kultureller Gruppen bedeute.
Neben diesem Pfeiler des neuen Nationalismus’ existierte in Form der skeptischen bzw. realistischen Einstellung ein weiteres Grundelement in den Ideen der „nationalen Jugend“. Dieser unter dem Namen „heroischer Realismus“ bekannte Gedanke „bedeutet die [aus den Erfahrungen des 1. Weltkrieges gewonnene; Anm. d. Verf.] Erkenntnis, daß man nicht spielend, gewinnend, sich mühelos bereichernd die Weltmeere befahren kann, ohne daß einem das Festland gehört“ 8 , was in der Forderung nach einem auf den eigenen Raum ausgerichteten Handeln deutlich wurde.
Darüber hinaus trat das soziale Element als weitere Grundlage des neuen Nationalismus’ auf. Aufgrund wirtschaftlichen Niederganges des Bürgertums in den 1920er Jahren, aus dessen Mitte die Träger des neuen Nationalismus vornehmlich stammten, entstand eine ideologische Revolutionierung gegen das Besitzbürgertum. Die herrschende Schicht sollte entmachtet und an deren Stelle ein wahrer Volksstaat bzw. eine Nation mit einer völkischen Elite errichtet werden. Der neue Nationalismus existierte nicht bloß als rein theoretisches Konstrukt einiger Intellektueller, sondern als eine innere und geistige Haltung (ohne tagespolitische Programmatiken), die unter anderem in den frühen Werken Ernst Jüngers sichtbar wird. Jünger sah in diesem Nationalismus keine rückwärtsgewandte Ideologie: obwohl dieser auf einer natürlichen Volksgemeinschaft sowie auf den dieser eigenen traditionellen Inhalten und Formen, die charakteristisch für das Deutschtum sind, basiere, kennzeichne ihn gleichsam ein modernes Element. Dazu schrieb Jünger in seinem Aufsatz „‚Nationalismus’ und Nationalismus“ (1929 erschienen in: Das Tagebuch, Heft 38): ‚Wichtige Linien der Geschichte und der Geistesgeschichte münden in ihn (den Nationalismus) ein, und ebenso sehr, wie er bereit ist, sich im Kriege der Mittel einer modernsten Technik, der letzten stählernen Ausprägungen des Bewußtseins zu bedienen, ebensowenig legt er Wert darauf, sich durch die abgestandenen Formulierungen einer patriotischen Phraseologie zertreten zu sehen’“ 9 . In der Betrachtung Jüngers war der neue Nationalismus „weder mit dem Monarchismus, noch mit dem Konservativismus, noch mit der bürgerlichen Reaktion, noch mit dem Patriotismus der wilhelminischen Ära“ 10 vereinbar, sondern vielmehr
8 Ernst H. Posse (Anm. 3). S. 76.
9 Ernst Jünger zitiert nach: ebd. S. 77.
10 Ernst Jünger zitiert nach: ebd.
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ein eigenständiger Faktor: „Der Nationalismus, soweit er eine politische Erscheinung ist, strebt den nationalen, sozialen, wehrhaften und autoritativ gegliederten Staat aller Deutschen an“ 11 . Dieser müsse darüber hinaus falsche Gegensätze - beispielhaft nannte er den unnötigen Streit zwischen schwarzweißroten und schwarzrotgoldenen Befürwortern - überwinden, um die Stärke der heroischen „nationalen Jugend“ hervorzubringen. Jünger führte hierzu aus: „Aber ich weiß, daß doch irgendwo, überall unter euch verstreut, unter der krustigen, schmutzigen Decke, die gesprengt werden muß, wenn es Luft geben soll, eine stolzere, kühnere und noblere Jugend steckt, eine Aristokratie von morgen und übermorgen, der allein Blut und Geist verbunden sind“ 12 .
Zum besseren Verständnis dieser kurzen Ausführungen sei noch einmal an die historische Situation der bürgerkriegsähnlichen Jahre von 1918 bis 1923 erinnert. Die sich selbst als „nationale Jugend“ titulierende Bewegung kämpfte in diesem Zeitraum für die Wiederherstellung der Weimarer Ordnung gegen kommunistische Aufstandsversuche und stellte erst im Anschluß hieran Überlegungen zur Sinnhaftigkeit dieses Engagements auf. Jünger schrieb im Jahre 1929 über den die bündische Jugend erfüllenden Geist: „Die Ordnung ist der gemeinsame Feind (…) Zerstörung ist das Mittel, das dem Nationalismus dem augenblicklichen Zustande gegenüber allein angemessen erscheint“ 13 . Dieses Zitat verdeutlicht die anfangs beschriebene, grotesk anmutende Situation, in der die „nationale Jugend“ eine ihr eigentlich verhaßte Ordnung mit gewaltsamen Mitteln verteidigte, um zumindest das Schreckgespenst des Kommunismus abzuwenden. Die erst im folgenden Verlauf entwickelte Ideologie des neuen Nationalismus brach schließlich radikal mit dem bestehenden System von Weimar und versuchte dieses auf unterschiedlichen Wegen sowie in verschiedenartigen Organisationen zu überwinden. Neben diesem revolutionären Aspekt - Bekämpfung der existenten Ordnung auf Grundlage einer antizivilisatorischen Gesinnung und eben jenem neuen Nationalismus - waren diese Gruppen auch traditionell in Bezug auf deutsches Volkstum und Bewahrung des Erhaltenswerten, so daß in diesem Kontext die Prägung des Begriffes „Konservative Revolution“ verständlich wird.
Die nun herausgebildeten Ideen des neuen Nationalismus beruhten auf verschiedenen geistesgeschichtlichen Strömungen und Traditionen, die das
11 Ernst Jünger zitiert nach: ebd. S. 77.
12 Ernst Jünger zitiert nach: ebd. S. 78.
13 Ernst Jünger zitiert nach: ebd. S. 79.
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Arbeit zitieren:
M.A. Sebastian Pella, 2009, Der neue Nationalismus in der Weimarer Republik, München, GRIN Verlag GmbH
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