I, Einleitung
Im Laufe des Hauptseminars Tempus, Modus und Aspekt im Spanischen kam man nach den ersten Semesterveranstaltungen zu dem Punkt, an dem man sich fragte, was denn nun eigentlich Aspekt, was Tempus oder gar Modus ist? Diese Vagheit der Abgrenzung führte im Seminar zu zahlreichen Diskussionen, die um so mehr verdeutlichten, dass es keine richtige oder falsche Definition geben kann, sondern vielmehr Oppositionen im Sprachsystem, die es ermöglichen Phänomene zu kategorisieren. Mit voranschreitendem Wissen und Verständnis der Materie, wurde es einfacher die Positionen der Wissenschaftler zu verstehen, Unterschiede in ihren Ansätzen zu erkennen und anhand von Beispielen zu erarbeiten, welcher Ansatz, im jeweils vorliegenden Fall, zu bevorzugen ist. Dennoch wurde den Teilnehmern schnell klar, dass diese Verständnisfrage, was denn nun den einzelnen Kategorien des Tempus, Modus und Aspekts zuzuordnen ist und wie vorliegende Phänomene verstanden werden müssen, nicht nur den Studenten ein Problem darstellt, sondern auch den Wissenschaftlern selbst.
Ein Teil des Leistungsnachweises im Seminar war die Präsentation eines eigens erarbeiteten Überblicks und Zuordnung sprachlicher Phänomene zu den Kategorien des Tempus, Modus und Aspekts. Das Thema meiner Präsentation lautete: „ Aspektmarkierung durch verbale Wortbildung”. Auch hier sah ich mich mit verschiedenen Theorien und Definitionen konfrontiert und insbesondere mit der Opposition zwischen Aspekt und Aktionsart. Vor diesem Seminar hatte ich noch keine Kenntnisse über die Kategorie Aktionsart und nur eine oberflächliche Vorstellung unter den Begriff Aspekt, sodass ich zuerst Einführungswerke benutzte, um mehr über diese Kategorien zu erfahren. Viele dieser
caused by these two rather different senses of aktionsart, this term will not be used in the present book.” (Comrie 1976, Seite 7)
Das Ziel dieser Hauptseminararbeit ist es, in Anlehnung an die vorausgegangene Präsentation, die Begriffe der Aktionsart und des Aspekts gegenüberzustellen und soweit möglich von einander zu trennen. Dazu möchte ich die wichtigsten Werke und deren Konzepte der Aktionsart gegenüberstellen und durch die Gegenüberstellung der Oppositionen eine Annäherung an das Konzept der Aktionsart darstellen. Daraufhin werde ich konkret am spanischen Verbalsystem darstellen, wie am spanischen Verb Aktionsart ausgedrückt werden kann. Anfangen werde ich hier mit der synthetischen Wortbildung und dann zur weitaus produktiveren, analytischen Aktionsartbildung mittels Verbalperiphrasen übergehen. Abschließend werde ich an konkreten Beispielen und der vorher erarbeiteten Oppositionen, untersuchen, ob eine Aktionsart vorliegt und versuchen diese zuzuordnen.
II, Das Konzept der Aktionsart
Bevor ich die Aktionsart am konkreten spanischen Verb untersuchen werde, ist es sinnvoll, sich zuerst die Etymologie und die Entwicklung des Begriffs Aktionsart klar zu machen, und herauszufinden, weshalb die Kategorie Aktionsart oftmals unter der Kategorie Aspekt subsumiert wird.
Der Terminus Aspekt hat seine Wurzeln in der Slawistik und beschränkt sich hier auf die, in den slawischen Sprachen sehr strikte Trennung, zwischen perfektiven und imperfektiven Verbalaspekt. Im Jahre 1846 veröffentlichte Georg Curtius, damals Privatdozent an der Universität Berlin und später Professor für klassische Philologie an der Universität Leipzig, sein Buch Die Bildung der Tempora und Modi im Griechischen und
Lateinischen sprachvergleichend dargestellt (Curtius,1846). Dies war der erste Versuch, die Kategorie des Aspekts auf weitere indo-europäische Sprachen auszuweiten und die Initialzündung, das Tempus vom Aspekt und der späteren Aktionsart abzutrennen. Curtius unterschied in seinem Werk zwischen Zeitstufe und Zeitart. Die Zeitstufe bestimmt den zeitlichen Standpunkt einer Handlung, während die Zeitart eher die Art und Weise des Ablaufs der Verbalhandlung bestimmt. Dies war der erste wichtige Schritt zur Differenzierung zwischen Tempus und Aspekt, beziehungsweise Aktionsart. Curtius erkannte, dass das Verb eine weitere semantische Information trägt, die uns - zusätzlich zu der Situierung der Verbalhandlung auf der Zeitachse - etwas darüber sagt, wie sich die Verbalhandlung entfaltet. Brugmann, ein deutscher Neogrammatiker und Student unter Curtius an der Universität Leipzig, forschte zur selben Zeit als Curtius am Verbalsystem der indo-europäischen Sprachen und veröffentlichte 1885 das Buch Grundriß der vergleichenden Grammatiken der indogermanischen Sprachen (Brugmann, 1885). Darin unterstrich Brugmann Curtius Forderung nach einer Unterscheidung zwischen Zeitstufe und Zeitart, war aber der Meinung, dass der Begriff Zeitart zu verwirrend ist und leicht mit Zeitstufe verwechselt werden kann.Brugmann führte den Terminus Aktion ein und definierte in folgendermaßen: „Aktion drückt im Gegensatz zu Zeitstufe, die Art und Weise aus, wie die Handlung eines Verbums vor sich geht (Brugmann in Lázaro Carreter, 1968, Seite 63).” Im Jahre 1908 trennte Agrell Brugmanns Aktion in die Termini Aspekt und Aktionsart auf. Agrell definiert den Terminus Aktionsart in seinem Artikel „Aspektänderung und Aktionsartbildung beim polnischen Zeitworte (1908)” wie folgt: „Unter Aktionsart verstehe ich [...] nicht die beiden Hauptkategorien des slavischen Zeitwortes, die unvollendete und die vollendete Handlungsform (das Imperfektivum und das Perfektivum) — diese nenne ich Aspekte. Mit dem Ausdrucke Aktionsart bezeichne ich
bisher fast gar nicht beachtete — geschweige denn klassifizierte — Bedeutungsfunktionen der Verbalkomposita [...], die genauer ausdrücken wie die Handlung vollbracht wird, die Art und Weise ihrer Ausführung markieren.”(Agrell, 1908, Seite 79) Weitere Linguisten schlossen sich Agrell an und definierten den Terminus Aktionsart ähnlich:
Mainguneau (2000, Seite 47): „Mit dem Aspekt wird ein, in sich geschlossenes System morphologischer Oppositionen bezeichnet, das alle Verben betrifft. So impliziert die Gegenüberstellung von passé simple und imparfait eine Aspektopposition zwischen perfektiven Formen. Die Aktionsart hängt hingegen von der Bedeutung des Verbs ab.” Cartagena/ Gauger (1989, Seite 459): „Der Unterschied liegt zunächst nur darin, dass die Aktionsart - als Element der Bedeutung eines Verbs - zum Lexikalischen, der Aspekt hingegen - als Element der Tempusformen - zur Grammatik gehört.” Duden (1979, Seite 749): „Mit Aktionsart bezeichnet man die Art und Weise, wie ein Geschehen abläuft.”
Die Aktionsart ist somit klar vom Aspekt zu trennen. Der Aspekt ist ein morphologisch - grammatisches Phänomen, während die Aktionsart ein lexikalisch - semantisches ist. Die Aktionsartbildung im Spanischen fällt eher in den Bereich der derivativen Wortbildung, während die grammatikalisierte Opposition der Tempora und die aspektuelle perfektiv, imperfektiv Differenzierung zu den Bereich der flexivischen Morphologie gehört. Unter diesen Gesichtspunkten lassen sich auch die oben erwähnten Termini für die Phänomene Aspekt und Aktionsart erklären. So sind sich die Wissenschaftler einig, dass die Kategorie Aspekt eher etwas grammatikalisch, flexivisches ist, das mit der Morphologie des Verbs zu tun hat; die Kategorie der Aktionsart eher die lexikalisch - semantische Ebene des Verbs beeinflusst. Des Weiteren ist die Aktionsart objektiv, da die Bildung und Bedeutung des
Verbs keine Wertung des Sprechers beinhält. Betrachtet ein Sprecher jedoch eine Handlung als perfektiv oder imperfektiv, das heißt ob die Handlung eine Auswirkung auf die Gegenwart hat oder nicht, ist dies sehr wohl subjektiv, da es für einen Aussenstehenden nicht nachvollziehbar sein mag.
Der semantische Mehrwert des spanischen Verbs, der durch Aktionsart ausgedrückt wird, kann entweder durch eine synthetische Wortbildung mittels Derivation erzielt werden, als auch analytisch durch die Bildung von Verbalperiphrasen. Das folgende Kapitel wird sich mit der, im Spanischen etwas weniger produktiven, synthetischen Markierung von Aktionsart beschäftigen. Im Voraus ist noch zu bemerken, dass jedes Verb einen eigenen semantischen Wert hat, der nicht die Aktionsart darstellt. Die Aktionsart ist, wie oben beschrieben, ein semantischer Mehrwert, der beschreibt, wie sich die Verbalhandlung entfaltet.
Bache (1982, Seite 57ff.): „The number of Aktionsarten is a more controversial matter than the number of aspects. From an isolated lexical point of view, an indefinetely large number of Aktionsarten is present in all languages.This however does not mean that Aktionsart is equivalent to the actual meaning of the verb.”
III, Die Aktionsart nach Coseriu
Coseriu ist zweifelsohne einer der einflussreichsten romanischen Linguisten, weswegen ich es für notwendig halte, auf seine Theorie bezüglich des Phänomens Aktionsart hinzuweisen.
Coseriu befasst sich in Das romanische Verbalsystem (1976) mit der Aussage Agrells (1908) und meint: „ Die Anwendung dieses Systems [Aktionsart als objektive Kategorie, die
Arbeit zitieren:
Sebastian Meindl, 2010, Aspektmarkierung und Aktionsart im Spanischen durch verbale Wortbildung, München, GRIN Verlag GmbH
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Aspektuelle Verbalperiphrasen im Spanischen
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